Die Wolke der Zeugen
~~~
Es war Zeit für eine Pause. Ich wollte an seinem Zimmer vorbeischleichen. Ich wollte nicht schon wieder mit Tod und Sterben konfrontiert werden.
Doch die Tür stand offen und er hatte mich schon gesehen. Er winkte und ich konnte einfach nicht vorbeilaufen..
*
Zwei Tage vorher hatte er einen Traum von seinem eigenen Tod gehabt: sein Sterben als ein Gang zum Fluß, begleitet und umgeben von Freunden. Am Ufer erwarteten ihn orangefarbene Rosen und der Übergang ins Wasser brachte angenehme Kühle und Leichtigkeit.
*
Mark ist seit 4 Wochen in der Klinik. Er hat eine kritische Zeit hinter sich, bekommt viele intravenöse Medikamente, intravenöse Ernährung und Antidepressiva.
Er ist 45 Jahre alt, lebt als freischaffender Autor im East Village.
Er ist AIDS-Patient und gilt als 'long-term-survivor': HIV-infiziert seit 1981; 1995 der erste HIV-bedingte Klinikaufenthalt.
*
Ich zögere einen Moment, ob ich mir einen Stuhl nehmen soll. Ich weiß, daß ich so schnell nicht davon komme. Schließlich gebe ich meiner Befürchtung nach, daß ich ihn möglicherweise nicht mehr sehen würde, setze mich und schaue ihm in die Augen.

Sein Gesicht ist eingefallen. Er hat blaue Flecken am Arm, weil er in seinem Todestraum aus dem Bett gefallen ist.
Die Brille, mit der er sonst den kontrollierenden Durchblick eines Intellektuellen behält, hat er heute nicht auf.
Ich frage ihn, wie es ihm heute geht und sofort ist der Traum von seinem Tod wieder da. Bilder und Szenen davon laufen durch das Krankenzimmer wie auf einer Kinoleinwand.

Manchmal hält der Film an, weil Mark weinen muß.
Ich halte dann seine Hand und reiche ihm Papiertaschentücher. Der Schweiß steht ihm auf seiner Stirn. Ich sehe und rieche auf einmal die braun verschmierte Windel unter dem Bettuch hervorkriechen.

Ich ermutige ihn, sich wieder auf die Leinwand zu konzentrieren. Seine Worte, immer wieder durch Tränen unterbrochen, machen mich sprachlos und demütig. Ich komme mir so oberflächlich vor, verglichen mit der poetischen und bildreichen Verarbeitung von Marks Lebensweg und seinen Todesgedanken.

Auf einmal beginne ich zu begreifen, was es für ihn heißt, ein AIDS-Überlebender zu sein: einen Verlust nach dem anderen verkraften zu müssen; ständig für andere positive Freunde da zu sein; nicht mehr zu wissen, wie er die ganze Trauer aushalten sollte; sich schuldig für das eigene Überleben fühlen.
Und dann die Angst, daß niemand mehr für seine eigene Begleitung da sein würde.

Das Erzählen seines Traumes hilft ihm, sich aus der einsamen Trübe des Survivors zu lösen. Er erzählt, daß er auf dem Weg zum Fluß alle seine Freunde wiedergetroffen hat: Jeff und Rick, Dave, Chris und Dan - und all die, von denen er schon so lange Abschied genommen hat.
"Der einzige zu sein, der übrig ist und sich noch an sie erinnert, ist das schlimmste." sagt er und die Tränen laufen ihm die Wangen hinunter.
Und dann fängt er an, mit liebevollen Worten von Jeff und Rick, von Dave, Chris und Dan zu erzählen. Von Picknicks und Pannen, von Talenten und Begabungen. Er erzählt, wie er an ihrer Pflege beteiligt war, und wie sie gestorben sind. Meist fällt ihm dann noch eine Anekdote von ihrer Beerdigung ein.
Er erzählt liebevolle Legenden und sorgt dafür, daß ihr Leben nicht vergessen wird..

Heilsames Erinnern, Erzählen und Weitergeben. Ich fühle mich als der Beschenkte. Beschenkt mit einer Tiefe und Würde, mit der Mark über Leben und Sterben sprechen kann.

Berührt und mit Tränen in den Augen respektiere ich seinen Wunsch, daß es nun genug sei und er sich ausruhen müsse.
Jetzt könne er das aber auch, fügt er lächelnd hinzu, als ich aufstehe.
Ich verabschiede mich und merke, daß über eine Stunde vergangen war.

Beim Weg aus dem Zimmer fällt mir das Bild von der Wolke der Zeugen aus dem Hebräerbrief ein: "Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen alles, was uns bedrückt, und aufsehen auf den Anfänger und Vollender des Glaubens."

(August 1995; mit Dank und Gedanken an
die AIDS-Patienten, die ich auf 8 East im Lenox Hill Hospital kennenlernte)