Sein Gesicht ist eingefallen. Er hat blaue Flecken
am Arm, weil er in seinem Todestraum aus dem Bett gefallen ist.
Die Brille, mit der er sonst den kontrollierenden
Durchblick eines Intellektuellen behält, hat er heute nicht auf.
Ich frage ihn, wie es ihm heute geht und sofort
ist der Traum von seinem Tod wieder da. Bilder und Szenen davon laufen
durch das Krankenzimmer wie auf einer Kinoleinwand.
Manchmal hält der Film an, weil Mark weinen
muß.
Ich halte dann seine Hand und reiche ihm Papiertaschentücher.
Der Schweiß steht ihm auf seiner Stirn. Ich sehe und rieche auf einmal
die braun verschmierte Windel unter dem Bettuch hervorkriechen.
Ich ermutige ihn, sich wieder auf die Leinwand zu konzentrieren. Seine Worte, immer wieder durch Tränen unterbrochen, machen mich sprachlos und demütig. Ich komme mir so oberflächlich vor, verglichen mit der poetischen und bildreichen Verarbeitung von Marks Lebensweg und seinen Todesgedanken.
Auf einmal beginne ich zu begreifen, was es für
ihn heißt, ein AIDS-Überlebender zu sein: einen Verlust nach
dem anderen verkraften zu müssen; ständig für andere positive
Freunde da zu sein; nicht mehr zu wissen, wie er die ganze Trauer aushalten
sollte; sich schuldig für das eigene Überleben fühlen.
Und dann die Angst, daß niemand mehr für
seine eigene Begleitung da sein würde.
Das Erzählen seines Traumes hilft ihm, sich
aus der einsamen Trübe des Survivors zu lösen. Er erzählt,
daß er auf dem Weg zum Fluß alle seine Freunde wiedergetroffen
hat: Jeff und Rick, Dave, Chris und Dan - und all die, von denen er schon
so lange Abschied genommen hat.
"Der einzige zu sein, der übrig ist und sich
noch an sie erinnert, ist das schlimmste." sagt er und die Tränen
laufen ihm die Wangen hinunter.
Und dann fängt er an, mit liebevollen Worten
von Jeff und Rick, von Dave, Chris und Dan zu erzählen. Von Picknicks
und Pannen, von Talenten und Begabungen. Er erzählt, wie er an ihrer
Pflege beteiligt war, und wie sie gestorben sind. Meist fällt ihm
dann noch eine Anekdote von ihrer Beerdigung ein.
Er erzählt liebevolle Legenden und sorgt
dafür, daß ihr Leben nicht vergessen wird..
Heilsames Erinnern, Erzählen und Weitergeben. Ich fühle mich als der Beschenkte. Beschenkt mit einer Tiefe und Würde, mit der Mark über Leben und Sterben sprechen kann.
Berührt und mit Tränen in den Augen respektiere
ich seinen Wunsch, daß es nun genug sei und er sich ausruhen müsse.
Jetzt könne er das aber auch, fügt er
lächelnd hinzu, als ich aufstehe.
Ich verabschiede mich und merke, daß über
eine Stunde vergangen war.
Beim Weg aus dem Zimmer fällt mir das Bild von der Wolke der Zeugen aus dem Hebräerbrief ein: "Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen alles, was uns bedrückt, und aufsehen auf den Anfänger und Vollender des Glaubens."
(August 1995; mit Dank und Gedanken an
die AIDS-Patienten, die ich auf 8 East im Lenox
Hill Hospital kennenlernte)