Ich folgte dem breitesten Weg. Er führte mich
direkt zum Marktplatz, in dessen Mitte ich eine Menschentraube entdeckte.
Sie schien um eine Art Altar versammelt. Es standen jedenfalls 4 grün
gekleidete Priester um ihn herum. Als ich einen Blick auf den Altar werfen
konnte, zuckte ich unwillkürlich zusammen.
Da lag eine nackte Frau auf dem Altar, bewegungslos
und in einem tiefen Schlaf.
War sie eine Dornröschen-Prinzessin oder
eine Sklavin? Ich fragte mich ob ich hier eine blutige Opfer-Zeremonie
oder eine Heilungszeremonie sehen würde.
Offensichtlich hatte das Präludium für
den stattfindenden Kult bereits begonnen. Die Priester waren mit der nackten
Frau beschäftigt. Sie schrubbten sie mit einer braunen Flüssigkeit
ab. Es schien sich dabei um ein Ritual zu handeln, denn sie arbeiteten
äußerst sorgfältig. Schrittweise bedeckten sie den Körper
der Frau mit grünen Tüchern. Durch das Ritual schien die Frau
zu einem Klumpen Fleisch zu werden.
Täuschte ich mich oder hörte ich die
Priester etwas singen, das klang wie: "Ade Kopf, ade Füße, ade
Name." Das schien der Cantus firmus des Vorspiels zu sein.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, Zeuge von
einer blutigen Veranstaltung zu werden, aber noch immer konnte ich nicht
sagen, ob es mehr den Verlauf einer rituellen Schlachtung oder eines Heilungsrituals
nehmen sollte. Gab es etwa doch noch Religionen mit Menschenopfern?
Die zahlreichen Meßdiener hatten bereits
einige liturgische Instrumente in die Nähe des Altars gebracht, die
mehr auf die Schlachtung hinwiesen: Hämmer, Sägen, Scheren und
Messer waren auf einem Seitenaltar der Größe nach sortiert.
Plötzlich hatte ich ein dumpfes Gefühl
in der Magengegend. Ich hatte noch nie viel Blut sehen können. Und
noch war Zeit, umzukehren.
Doch dann hatte mich bereits die Bewegung des Hohepriesters
in ihren Bann gezogen. Er hatte das größte Messer ergriffen
und nach einem Moment von Konzentration, der wie das Kollektengebet aussah,
fing er an, der Frau von der Seite her den Brustkorb aufzuschneiden.
Offenbar hatte der Gottesdienst begonnen.
Es sah nicht gerade danach aus, als ob es sich
um eine brutale Schlachtung handelte, denn der Hohepriester arbeitete gründlich
und konzentriert. Das Loch im Brustkorb der Frau wurde größer
und größer und nach einer Weile konnte ich die Rippen im Fleisch
sehen. Sollte das Ziel der Zeremonie etwa sein, der armen Frau das Herz
aus dem lebendigen Leib zu reißen, um es der Gottheit zu opfern?
Plötzlich hörten sie mit ihren Aktivitäten
auf. War dies eine Form des stillen Gebets? Die Unterbrechung der liturgischen
Handlung schien auf eine Art "Ehrfurcht vor dem Leben" zu beruhen. Und
da konnte ich den Grund der Ehrfurcht sehen: das Herz der Frau lag da.
Ausgegraben und isoliert. Bummbumm, Bummbumm, Bummbumm machte es. Das war
seine Sprache seit Jahrzehnten, Jahr für Jahr, Monat für Monat,
Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute.
Noch nie hatte es Licht gesehen. Und im Licht
meiner eigenen Augen sah ich ein viel kleineres Organ als ich mir vorgestellt
hatte: Eine kleine Handvoll Muskeln, das Zentrum des Lebens.
Ich hing diesen Gedanken nach, als ich plötzlich auf dramatische Weise in das kultische Geschehen zurückgeholt wurde: ein dicker Strahl Blut schoß quer durch den Raum. - "Vorsicht !!" schrie einer der Meßdiener in meine Richtung und ich brachte mich schnell hinter den liturgischen Werkzeugen in Sicherheit. Denn das Blut hatte bereits einige der Zelebranten mitten ins Gesicht getroffen.
"Das war's dann wohl." dachte ich. Ich hatte keine
Zweifel mehr, daß es sich eben doch um eine Blutopferzeremonie handelte.
Dann sah ich, daß sie eigentlich nur die
Aorta mit einem Schläuchlein versehen hatten, das das ganze Blut der
Frau in eine Art Eimer leiten würde. Ich wußte, daß der
menschliche Körper ungefähr 5 Liter Blut fassen würde. Wollten
sie diese Menge etwa nach dem Kult trinken?
Was für eine grausame Weise, jemanden umzubringen.
Sollte dieses Opferblut etwa zur liturgischen Erneuerung der anderen dienen?
- Vergossen zur Vergebung der Sünden?
Doch ich hatte den anderen Schlauch übersehen, durch den das ganze Blut im Eimer in den Körper der Frau zurückgepumpt wurde. Was sollte jetzt das? Vielleicht war ich ja auch im Unrecht und das ganze Ritual diente der religiösen Erneuerung der Frau, die auf dem Altar lag?
Der Hohepriester hatte mit einer neuen Runde von
Aktivitäten begonnen. Ein Meßdiener gab ihm ein weiteres Messer
und er schnitt damit in das offenliegende Herz, als ob es sich um ein Stück
Brot handelte.
Ein neuerlicher Schock für mich, denn während
der Kultbeamte in das Herz schnitt, hörte es auf einmal auf zu schlagen.
"Sie müssen eine genaue Prozedur in ihrer
Religion haben, wie man das Herz bei lebendigem Leib aus dem Körper
entfernt, um es in Übereinstimmung mit den religiösen Vorschriften
zu opfern." dachte ich.
Doch das war falsch. Als der Hohepriester begann,
das Herz aufzuschneiden, schien er auf einmal nervös zu werden. Ich
entdeckte einen Schweißtropfen seine Backe herunterrinnen. Einer
der Meßdiener hatte den Schweiß aufzutupfen und ihm neue Werkzeuge
zu reichen, die aussahen wie Nadel und Faden.
Ich konnte es nicht glauben: der Priester machte
ein paar Nadelstiche mitten ins Herz hinein. (Ich war, nebenbei gesagt,
angenehm überrascht, daß in diesem Land sogar die Hohenpriester
Nadel und Faden benutzen konnten...)
Das nächste Werkzeug, das die Meßdiener
über den Altar reichten, sah aus, wie ein paar elektrische Löffel.
Oder jedenfalls waren diese löffelartigen Geräte durch ein Kabel
mit einer Art Generator verbunden.
Man hätte eine Nadel fallen hören können,
so ruhig war es auf einmal.
"Das muß der Höhepunkt des liturgischen
Dramas sein." dachte ich.
"Los geht's!" schrie der Hohepriester auf einmal
durch den Raum. "Weiter, weiter, weiter!" schrie er. Wir waren am dramatischsten
Punkt des Rituals angelangt.
Es schien etwas Angst im Gesicht des Hohepriesters
erkennbar und alle Gottesdienstbesucher schienen plötzlich den Atem
anzuhalten. "Weiter, weiter, weiter!" brüllte der Hohepriester.
Es sah so aus, als ob es ein Problem mit den elektrischen
Löffeln gäbe. Sie brachten das Herz nicht wieder zum Schlagen.
Das Herz stand immer noch still und war nicht
wieder zum Schlagen zu bringen.
Zehn weitere Versuche - und es gelang doch (noch):
das Herz schlug wieder.
Erleichterung überall. Die Gottesdienstbesucher
begannen wieder zu atmen, sich zu bewegen, zu reden.
Es wirkte fast wie eine liturgische Bewegung mit
einem Choral:
"Hallelujah.
Ein Herz schlägt wieder.
Auferstehung. Neues Leben.
Leben ist blutig und gut.
Leben ist kostbar und wertvoll.
Gott sei Dank. Hallelujah."
Jezt war ich endgültig überzeugt. Ich war Zeuge einer Heilung und nicht eines Opferrituals geworden.
Die Priester starteten die umgekehrte Prozedur.
Schneller als ich es wahrnehmen konnte, war das Herz wieder in der Brust
versenkt, der Hohepriester verließ den Altar und überließ
die Aufräumarbeiten dem Clerus minor. Bevor er die Stätte seines
Wirkens verließ, sah er aus, als ob er ein Dankgebet sprechen würde.
Ein paar Minuten später war die Brust der
Frau wieder verschlossen.
Die grünen Laken wurden von ihrem Körper
genommen. Ein Klumpen Fleisch wurde auf einmal wieder zu einer Person.
Geheilt von einem tückischen Defekt.
*
Es war Zeit, den Tempelplatz zu verlassen. Ich
hatte nicht gemerkt, daß ich schon länger als 3 Stunden dieser
Zeremonie beigewohnt hatte.
Auf einmal fühlte ich, daß mein Hunger
zurückkam. Ich war erschöpft und hungrig. Aus dem Tal des Todes
war ich ins Reich des Lebens zurückgekehrt. Das Drama von Tod und
Auferstehung, von Entmenschlichung und Wiedergeburt hatte mich angestrengt.
Ich wollte in mein eigenes Leben zurückkehren.
Den ersten Bissen, den ich nach dieser Reise ins
Neuland zu mir nahm, werde ich nie vergessen. Es war so überwältigend,
die einfachen Dinge des Lebens neu wertzuschätzen.
Ich freute mich über den Sonnenschein und
war glücklich über meinen Hunger.
Vor allem aber war ich dankbar für mein Herz,
das ich in mir schlagen spürte.
Hallelujah, gelobt sei Gott.
(Mai 1995)
(Am 2. Mai beobachtete ich im New York Hospital
eine Operation in Herzchirurgie. Die Patientin war eine 41 Jahre alte Frau
mit einem Loch in der Herzscheidewand, das mit einigen Stichen zugenäht
wurde.
Während der Operation gab es die Komplikation,
daß das stillstehende Herz nicht sofort auf die Stromschläge
zur Reanimierung reagierte.)