Neuland
~~~
Die Tür öffnete sich und alles, was ich sah, war ein Schild, auf dem stand: "Zugang nur mit spezieller Genehmigung".
Obwohl ich die Genehmigung hatte, war ich mir für einen Moment nicht mehr sicher, ob ich dieses unbekannte Land wirklich betreten wollte. Doch meine Neugier siegte.
Die Grenzformalitäten verlangten einige Anpassungsleistungen. Meinen persönlichen Besitz, sogar meine Kleider mußte ich in ein Schließfach ablegen.
Ich mußte mich umziehen und das knallige Ganzkörpergrün der Eingeborenen anziehen. Sogar meine Haare und meinen Mund mußte ich bedecken. Und am Ende dieser Verkleidung sah ich genauso aus wie all die anderen Einwohner des fremden Landes. Niemand hätte sagen können, ob ich gerade angekommen war oder ob ich schon Jahre hier gelebt hatte.

Ich folgte dem breitesten Weg. Er führte mich direkt zum Marktplatz, in dessen Mitte ich eine Menschentraube entdeckte. Sie schien um eine Art Altar versammelt. Es standen jedenfalls 4 grün gekleidete Priester um ihn herum. Als ich einen Blick auf den Altar werfen konnte, zuckte ich unwillkürlich zusammen.
Da lag eine nackte Frau auf dem Altar, bewegungslos und in einem tiefen Schlaf.
War sie eine Dornröschen-Prinzessin oder eine Sklavin? Ich fragte mich ob ich hier eine blutige Opfer-Zeremonie oder eine Heilungszeremonie sehen würde.

Offensichtlich hatte das Präludium für den stattfindenden Kult bereits begonnen. Die Priester waren mit der nackten Frau beschäftigt. Sie schrubbten sie mit einer braunen Flüssigkeit ab. Es schien sich dabei um ein Ritual zu handeln, denn sie arbeiteten äußerst sorgfältig. Schrittweise bedeckten sie den Körper der Frau mit grünen Tüchern. Durch das Ritual schien die Frau zu einem Klumpen Fleisch zu werden.
Täuschte ich mich oder hörte ich die Priester etwas singen, das klang wie: "Ade Kopf, ade Füße, ade Name." Das schien der Cantus firmus des Vorspiels zu sein.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, Zeuge von einer blutigen Veranstaltung zu werden, aber noch immer konnte ich nicht sagen, ob es mehr den Verlauf einer rituellen Schlachtung oder eines Heilungsrituals nehmen sollte. Gab es etwa doch noch Religionen mit Menschenopfern?
Die zahlreichen Meßdiener hatten bereits einige liturgische Instrumente in die Nähe des Altars gebracht, die mehr auf die Schlachtung hinwiesen: Hämmer, Sägen, Scheren und Messer waren auf einem Seitenaltar der Größe nach sortiert.
Plötzlich hatte ich ein dumpfes Gefühl in der Magengegend. Ich hatte noch nie viel Blut sehen können. Und noch war Zeit, umzukehren.

Doch dann hatte mich bereits die Bewegung des Hohepriesters in ihren Bann gezogen. Er hatte das größte Messer ergriffen und nach einem Moment von Konzentration, der wie das Kollektengebet aussah, fing er an, der Frau von der Seite her den Brustkorb aufzuschneiden.
Offenbar hatte der Gottesdienst begonnen.

Es sah nicht gerade danach aus, als ob es sich um eine brutale Schlachtung handelte, denn der Hohepriester arbeitete gründlich und konzentriert. Das Loch im Brustkorb der Frau wurde größer und größer und nach einer Weile konnte ich die Rippen im Fleisch sehen. Sollte das Ziel der Zeremonie etwa sein, der armen Frau das Herz aus dem lebendigen Leib zu reißen, um es der Gottheit zu opfern?
Plötzlich hörten sie mit ihren Aktivitäten auf. War dies eine Form des stillen Gebets? Die Unterbrechung der liturgischen Handlung schien auf eine Art "Ehrfurcht vor dem Leben" zu beruhen. Und da konnte ich den Grund der Ehrfurcht sehen: das Herz der Frau lag da. Ausgegraben und isoliert. Bummbumm, Bummbumm, Bummbumm machte es. Das war seine Sprache seit Jahrzehnten, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute.
Noch nie hatte es Licht gesehen. Und im Licht meiner eigenen Augen sah ich ein viel kleineres Organ als ich mir vorgestellt hatte: Eine kleine Handvoll Muskeln, das Zentrum des Lebens.

Ich hing diesen Gedanken nach, als ich plötzlich auf dramatische Weise in das kultische Geschehen zurückgeholt wurde: ein dicker Strahl Blut schoß quer durch den Raum. - "Vorsicht !!" schrie einer der Meßdiener in meine Richtung und ich brachte mich schnell hinter den liturgischen Werkzeugen in Sicherheit. Denn das Blut hatte bereits einige der Zelebranten mitten ins Gesicht getroffen.

"Das war's dann wohl." dachte ich. Ich hatte keine Zweifel mehr, daß es sich eben doch um eine Blutopferzeremonie handelte.
Dann sah ich, daß sie eigentlich nur die Aorta mit einem Schläuchlein versehen hatten, das das ganze Blut der Frau in eine Art Eimer leiten würde. Ich wußte, daß der menschliche Körper ungefähr 5 Liter Blut fassen würde. Wollten sie diese Menge etwa nach dem Kult trinken?
Was für eine grausame Weise, jemanden umzubringen. Sollte dieses Opferblut etwa zur liturgischen Erneuerung der anderen dienen? - Vergossen zur Vergebung der Sünden?

Doch ich hatte den anderen Schlauch übersehen, durch den das ganze Blut im Eimer in den Körper der Frau zurückgepumpt wurde. Was sollte jetzt das? Vielleicht war ich ja auch im Unrecht und das ganze Ritual diente der religiösen Erneuerung der Frau, die auf dem Altar lag?

Der Hohepriester hatte mit einer neuen Runde von Aktivitäten begonnen. Ein Meßdiener gab ihm ein weiteres Messer und er schnitt damit in das offenliegende Herz, als ob es sich um ein Stück Brot handelte.
Ein neuerlicher Schock für mich, denn während der Kultbeamte in das Herz schnitt, hörte es auf einmal auf zu schlagen.
"Sie müssen eine genaue Prozedur in ihrer Religion haben, wie man das Herz bei lebendigem Leib aus dem Körper entfernt, um es in Übereinstimmung mit den religiösen Vorschriften zu opfern." dachte ich.
Doch das war falsch. Als der Hohepriester begann, das Herz aufzuschneiden, schien er auf einmal nervös zu werden. Ich entdeckte einen Schweißtropfen seine Backe herunterrinnen. Einer der Meßdiener hatte den Schweiß aufzutupfen und ihm neue Werkzeuge zu reichen, die aussahen wie Nadel und Faden.
Ich konnte es nicht glauben: der Priester machte ein paar Nadelstiche mitten ins Herz hinein. (Ich war, nebenbei gesagt, angenehm überrascht, daß in diesem Land sogar die Hohenpriester Nadel und Faden benutzen konnten...)
Das nächste Werkzeug, das die Meßdiener über den Altar reichten, sah aus, wie ein paar elektrische Löffel. Oder jedenfalls waren diese löffelartigen Geräte durch ein Kabel mit einer Art Generator verbunden.
Man hätte eine Nadel fallen hören können, so ruhig war es auf einmal.
"Das muß der Höhepunkt des liturgischen Dramas sein." dachte ich.

"Los geht's!" schrie der Hohepriester auf einmal durch den Raum. "Weiter, weiter, weiter!" schrie er. Wir waren am dramatischsten Punkt des Rituals angelangt.
Es schien etwas Angst im Gesicht des Hohepriesters erkennbar und alle Gottesdienstbesucher schienen plötzlich den Atem anzuhalten. "Weiter, weiter, weiter!" brüllte der Hohepriester.
Es sah so aus, als ob es ein Problem mit den elektrischen Löffeln gäbe. Sie brachten das Herz nicht wieder zum Schlagen.
Das Herz stand immer noch still und war nicht wieder zum Schlagen zu bringen.
Zehn weitere Versuche - und es gelang doch (noch): das Herz schlug wieder.
Erleichterung überall. Die Gottesdienstbesucher begannen wieder zu atmen, sich zu bewegen, zu reden.
Es wirkte fast wie eine liturgische Bewegung mit einem Choral:
"Hallelujah.
Ein Herz schlägt wieder.
Auferstehung. Neues Leben.
Leben ist blutig und gut.
Leben ist kostbar und wertvoll.
Gott sei Dank. Hallelujah."

Jezt war ich endgültig überzeugt. Ich war Zeuge einer Heilung und nicht eines Opferrituals geworden.

Die Priester starteten die umgekehrte Prozedur. Schneller als ich es wahrnehmen konnte, war das Herz wieder in der Brust versenkt, der Hohepriester verließ den Altar und überließ die Aufräumarbeiten dem Clerus minor. Bevor er die Stätte seines Wirkens verließ, sah er aus, als ob er ein Dankgebet sprechen würde.
Ein paar Minuten später war die Brust der Frau wieder verschlossen.
Die grünen Laken wurden von ihrem Körper genommen. Ein Klumpen Fleisch wurde auf einmal wieder zu einer Person. Geheilt von einem tückischen Defekt.
*

Es war Zeit, den Tempelplatz zu verlassen. Ich hatte nicht gemerkt, daß ich schon länger als 3 Stunden dieser Zeremonie beigewohnt hatte.
Auf einmal fühlte ich, daß mein Hunger zurückkam. Ich war erschöpft und hungrig. Aus dem Tal des Todes war ich ins Reich des Lebens zurückgekehrt. Das Drama von Tod und Auferstehung, von Entmenschlichung und Wiedergeburt hatte mich angestrengt.
Ich wollte in mein eigenes Leben zurückkehren.
Den ersten Bissen, den ich nach dieser Reise ins Neuland zu mir nahm, werde ich nie vergessen. Es war so überwältigend, die einfachen Dinge des Lebens neu wertzuschätzen.
Ich freute mich über den Sonnenschein und war glücklich über meinen Hunger.
Vor allem aber war ich dankbar für mein Herz, das ich in mir schlagen spürte.
Hallelujah, gelobt sei Gott.
 
 

(Mai 1995)

(Am 2. Mai beobachtete ich im New York Hospital eine Operation in Herzchirurgie. Die Patientin war eine 41 Jahre alte Frau mit einem Loch in der Herzscheidewand, das mit einigen Stichen zugenäht wurde.
Während der Operation gab es die Komplikation, daß das stillstehende Herz nicht sofort auf die Stromschläge zur Reanimierung reagierte.)