Plädoyer für Karfreitag
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In einem Land, in dem bei einer Beerdigung der Sarg erst unter die Erde gelassen wird, wenn die Trauernden bereits vom Grab weggegangen sind, kann es keinen Feiertag geben, an dem Tod und Gottesferne im Mittelpunkt stehen.

Karfreitag ist in Amerika kein Feiertag. Karfreitag ist nicht "happy".

Gottesferne und Todestrübe lassen sich nicht vermarkten. Weder für die Arbeits- noch für die Freizeitgesellschaft.
Supermärkte tun sich schwer, für den trüben Tag einen flotten Slogan zu entwerfen. In den Bars gibt es keine pfiffigen Dekorationen. Und selbst das Geschäft der Teleevangelisten tut sich schwer, am Karfreitag etwas von der flotten Geschwätzigkeit zu verlieren.

Nichts ist hier mehr übrig von dem alten Konflikt zwischen Karfreitag und Ostern. Zwischen der Theologie des Kreuzes und der Theologie des Ruhmes.
Der Konflikt zwischen dem "Ehre sei Gott in der Höhe" und der Erfahrung von "Gott in der Tiefe" ist längst eingeebnet im Zeitalter der Konsumreligion.
Klar, denn:
Ihr Credo lautet: "Ich kaufe, also bin ich."
Ihre Tempel sind die Malls.
Ihre Liturgie sind immer lautere Werbespots.

Die Priester und Machtstrategen dieser Anti-Karfreitag-Religion entdecken immer mehr, daß sich alte religiöse Motive marktstimulierend einsetzen lassen. Schließlich dient auch die zeitgenössische Religion einem Gott, dem sich eigentlich niemand entziehen kann: Happiness und Konsum am laufenden Band - wer wird aus diesem Paradies auf Erden davonlaufen wollen?

Die Karfreitagsreligion könnte solche Fluchttendenzen dramatisch begünstigen. Deshalb ist es wohl besser, die Welt ohne Karfreitag und mit umso mehr Konsumreligion zu Grunde zu richten.

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Von New York aus wird klarer: der widerborstige Feiertag Karfreitag hat zumindest in Deutschland einige Stacheln hinterlassen, die ich auf einmal positiv begreife. In Deutschland sind am Karfreitag keine Geschäfte geöffnet. In den Discotheken stehen die Rhythmusmaschinen eine einzige Freitagnacht per Jahr still. Die öffentlich-rechtlichen Sender spielen an diesem Tag getragene Musik.
Theologisches und kulturelles Erbe bleibt bewahrt, zum Ärger mancher, die damit nichts mehr anfangen können.

Kirchliche Feiertage kann es in Amerika qua Verfassung nicht geben. An Karfreitag gehen die Menschen daher zur Arbeit, kaufen ein, und sehen fern, wie an jedem anderen Tag auch.
Die Christen, die etwas auf Tradition halten, besuchen abends die Karfreitagsliturgie. Aber selbst in gut protestantischen Kirchen ist Karfreitag nichts Besonderes. Alles zielt auf den großen "Happy Day", den Ostertag.
Da schlägt das religiöse amerikanische Herz wieder höher:
Karfreitag ist eben nicht "happy"; doch an Ostern kann man dann in den Triumphgesang von "Oh, happy Day" einstimmen. Laut und mit bunten Roben. In vielen Kirchen ist es dann einmal im Jahr endlich mal genau so happy wie im Fernsehen.

(April 1995; mit Dank und Gedanken an John Rempel)