Deutschland zum Wegrennen
~~~
Sie atmet tief durch, zögert etwas und fängt dann an, von ihrer Krebsoperation zu erzählen.

Eine lange, erfolgreiche Operation. Nur, da war etwas, das sie nicht vergessen kann: ihre Gefühle und Gedanken, als sie nach der Operation auf der Intensivstation wieder aufwachte.

Sie spricht jetzt langsamer und ihr Gesicht wirkt eine Spur angespannter.

Es war nachts, sagt sie, in trübem Licht wurde ihr bewußt, daß sie in der Aufwachstation angekommen ist. Von einem Schreien und Wimmern, das nicht enden will, wird sie wach gehalten. Auf der anderen Seite der Station versuchen sie, jemanden von der künstlichen Beatmung zu nehmen und das will wohl nur unter großen Schmerzen vor sich gehen.
Sie will wieder einschlafen, nicht auftauchen in dieser dämmrigen Welt der Schmerzen. In dieser Dämmerung, in der das Stöhnen der Patienten nicht erkennen läßt, ob es sich um Heilung oder Folter handelt, ist es schwer, wach bleiben zu wollen.
Aber sie ist schon zu weit zurück, zu stark, um sich von dieser dämmrigen Welt zu verabschieden. Langsam kommt sie zurück und muß aushalten, was sie auf dieser Intensivstation wahrnimmt: Schreie, Stöhnen, Schmerzen. Für Minuten, Stunden, Tage.

Sie kommt weiter zu sich in diesem Halbdunkel und merkt, daß sie sich nicht bewegen kann: intubiert, die Hände festgebunden, und die Beine in Manschetten gepreßt, um die Durchblutung zu sichern.  Sie kann keine Vertrauen in die Apparate entwickeln. Im Gegenteil, ihre Panik wird durch sie nur noch gesteigert, sie will nur noch weg-rennen, fliehen, sich aus dem Staub machen - und kann es doch nicht, weil sie ans Bett gefesselt ist.

Die Panik steigert sich: nicht weglaufen zu können, gefangen, verraten und verkauft zu sein. Sie findet einen Namen für diese Panik.

Ihr Stimme stockt für einen Moment, bevor sie ihn mir verrät. Leicht heiser sagt sie: " Germany. "

Auf der Intensivstation gefangen zu sein, ist dasselbe wie in Nazideutschland gefangen zu sein.
Sie sagt Germany - und meint Nazideutschland.
Diese Gleichung tut weh.

Ich schweige und merke, daß mein Mund trocken wird.
Ich schweige weiter, blicke ihr für einen Moment in die Augen und bedanke mich dann dafür, daß sie ihr Zögern überwunden hat. Beklommen verlasse ich das Zimmer. In meinem Kopf hämmert es: Deutschland als Metapher für Bedrohung und Vernichtung.
Die Intensivstation als Synonym für Nazideutschland.

"Wegrennen müssen" als Assoziation für Deutschland zu hören, fällt mir nicht leicht.
"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" von Nelly Sachs fällt mir ein.

****

Bei meinem nächsten Besuch erzählt sie mehr. Sie, die sie Ende 30 ist, frage sich selbst, warum sie Panik und Fluchtgedanken mit Deutschland in Verbindung bringen muß. Sie habe zwar weite Teile ihrer Familie im Holocaust verloren. Aber sie selbst sei in den USA geboren und kenne den Holocaust "nur" aus Erzählungen der Dramen ihrer Familie. Daß Krebs und Nazis so deutlich in die selbe Kategorie fallen, überrasche sie selbst.
Sie wäre wohl noch lange nicht so weit, nach Deutschland zu reisen, meint sie. Und mit einem Lächeln fügt sie hinzu: "Aber was nicht ist, kann ja noch werden."

"Oh yes, please come." höre ich mich sagen, während ich mühsam die Kränkung verberge, daß das Land, in dem ich zu Hause bin, nur Gedanken zum Weglaufen zu wecken scheint.
 
 

(Dezember 1994;
mit Dank und Gedanken an Zahara Davidovitz-Farkas)