Eine lange, erfolgreiche Operation. Nur, da war etwas, das sie nicht vergessen kann: ihre Gefühle und Gedanken, als sie nach der Operation auf der Intensivstation wieder aufwachte.
Sie spricht jetzt langsamer und ihr Gesicht wirkt eine Spur angespannter.
Es war nachts, sagt sie, in trübem Licht wurde
ihr bewußt, daß sie in der Aufwachstation angekommen ist. Von
einem Schreien und Wimmern, das nicht enden will, wird sie wach gehalten.
Auf der anderen Seite der Station versuchen sie, jemanden von der künstlichen
Beatmung zu nehmen und das will wohl nur unter großen Schmerzen vor
sich gehen.
Sie will wieder einschlafen, nicht auftauchen
in dieser dämmrigen Welt der Schmerzen. In dieser Dämmerung,
in der das Stöhnen der Patienten nicht erkennen läßt, ob
es sich um Heilung oder Folter handelt, ist es schwer, wach bleiben zu
wollen.
Aber sie ist schon zu weit zurück, zu stark,
um sich von dieser dämmrigen Welt zu verabschieden. Langsam kommt
sie zurück und muß aushalten, was sie auf dieser Intensivstation
wahrnimmt: Schreie, Stöhnen, Schmerzen. Für Minuten, Stunden,
Tage.
Sie kommt weiter zu sich in diesem Halbdunkel und merkt, daß sie sich nicht bewegen kann: intubiert, die Hände festgebunden, und die Beine in Manschetten gepreßt, um die Durchblutung zu sichern. Sie kann keine Vertrauen in die Apparate entwickeln. Im Gegenteil, ihre Panik wird durch sie nur noch gesteigert, sie will nur noch weg-rennen, fliehen, sich aus dem Staub machen - und kann es doch nicht, weil sie ans Bett gefesselt ist.
Die Panik steigert sich: nicht weglaufen zu können, gefangen, verraten und verkauft zu sein. Sie findet einen Namen für diese Panik.
Ihr Stimme stockt für einen Moment, bevor sie ihn mir verrät. Leicht heiser sagt sie: " Germany. "
Auf der Intensivstation gefangen zu sein, ist dasselbe
wie in Nazideutschland gefangen zu sein.
Sie sagt Germany - und meint Nazideutschland.
Diese Gleichung tut weh.
Ich schweige und merke, daß mein Mund trocken
wird.
Ich schweige weiter, blicke ihr für einen
Moment in die Augen und bedanke mich dann dafür, daß sie ihr
Zögern überwunden hat. Beklommen verlasse ich das Zimmer. In
meinem Kopf hämmert es: Deutschland als Metapher für Bedrohung
und Vernichtung.
Die Intensivstation als Synonym für Nazideutschland.
"Wegrennen müssen" als Assoziation für
Deutschland zu hören, fällt mir nicht leicht.
"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" von
Nelly Sachs fällt mir ein.
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Bei meinem nächsten Besuch erzählt sie
mehr. Sie, die sie Ende 30 ist, frage sich selbst, warum sie Panik und
Fluchtgedanken mit Deutschland in Verbindung bringen muß. Sie habe
zwar weite Teile ihrer Familie im Holocaust verloren. Aber sie selbst sei
in den USA geboren und kenne den Holocaust "nur" aus Erzählungen der
Dramen ihrer Familie. Daß Krebs und Nazis so deutlich in die selbe
Kategorie fallen, überrasche sie selbst.
Sie wäre wohl noch lange nicht so weit, nach
Deutschland zu reisen, meint sie. Und mit einem Lächeln fügt
sie hinzu: "Aber was nicht ist, kann ja noch werden."
"Oh yes, please come." höre ich mich sagen,
während ich mühsam die Kränkung verberge, daß das
Land, in dem ich zu Hause bin, nur Gedanken zum Weglaufen zu wecken scheint.
(Dezember 1994;
mit Dank und Gedanken an Zahara Davidovitz-Farkas)