Nein, ich spreche nicht von einer Kathedrale. Ich
spreche von einem Bahnhof: dem Grand Central Terminal in New York. Seine
architektonische Erhabenheit verleiht dem Ankommen und Abfahren göttliche
Würde.
Freilich, an einem ganz gewöhnlichen Werktag,
wenn Tausende von Reisenden wie die arbeitseifrigen Ameisen durch die Halle
hasten, spürt man davon ganz wenig.
Die Grandiosität der Beaux-Arts-Architektur
geht unter in alltäglichen Kleinigkeiten: die Herren überprüfen,
ob ihre Krawatte auch richtig sitzt, während die Damen sich fragen,
ob der Ton des Lippenstiftes auch zur neuen Bluse paßt.
Einmal im Jahr jedoch wird das Ankommen und Abfahren in dieser heiligen Halle prachtvoll zelebriert: zur Abfahrt aus dem alten Jahr und zur Ankunft im neuen Jahr wird die prächtige Haupthalle in der Silvesternacht in den größten Ballsaal der Welt verwandelt. Eine Verwandlung, deren Charme sich Tausende nicht entziehen können, wenn sie die "First Night" in New York feiern.
Champagner wird auf den Balustraden ausgeschenkt und unter dem künstlichen Sternenhimmel tanzen prächtige Paare Wiener Walzer. "An der schönen blauen Donau" erklingt um Mitternacht in Manhattan, etwa in der Mitte zwischen der braunen Brühe des East Rivers und dem Hudson River auf der Westseite der Stadt.
Die Welt schmilzt in diesen Minuten auf einen Walzer zusammen: Wien in New York. Ein Kuß auf jede Wange. Und ein verzauberndes Lächeln nach jedem Schluck Champagner.
Abgefahren aus dem alten Jahr, angekommen im Neuen Jahr. Taumelnde Walzerfreude in erhabener Eleganz. Einen Moment lang im Gefühl baden, daß das Leben aus einer Reihe glücklicher Momente und Begegnungen mit schönen Menschen besteht.
Die Sehnsucht nach dem Paradies ist für einen
Moment gestillt: o ja, das Neue Jahr wird Wünsche erfüllen und
Träume wahrmachen. Das Alte ist gegangen, Neues ist geworden.
Glückliches Umsteigen vom alten Jahr ins
Neue Jahr auf dem schönsten Bahnhof der Welt.
***
Dreißig Minuten später hört dann
das Orchester auf, Walzer zu spielen.
Hastig packen die Musiker ihre Noten zusammen.
Die strahlende Beleuchtung weicht trübem Schummerlicht.
Weit ausgeschnittene Dekolletés werden
eilig in dicken Wintermänteln verpackt. Auf dem Boden tauchen auf
einmal überall leere Plastikbecher und Flaschen auf.
Der Ballsaal wird wieder zum Bahnhof.
Und die Illusion vom Nabel der Welt weicht der
Realität des Fahrplans: keine grandiosen Expreßzüge verlassen
das Grand Central Terminal, noch nicht einmal ganz gewöhnliche Fernzüge.
Nein, der Fahrplan verrät, daß man von hier höchstens mit
Bummelzügen bis nach New Haven, Connecticut oder bis nach Riverdale
am Hudson fahren kann. Die Träume der großen Sprünge weichen
der Realität der kleinen Alltagsetappen.
Das Neue Jahr ist auch nicht anders als das alte.
Nichts wird sich nach der Silvesternacht verändern. Alles bleibt auf
seinen eingefahrenen Gleisen.
Der Einschnitt zwischen alt und neu in der Silvesternacht ist ein künstlicher Einschnitt.
Und doch: er ist eine Variante des unerschöpflichen
religiösen Themas "Alt und Neu".
- Ja, es stimmt: nichts wird sich nach der Silvesternacht
verändern. Das Paradies ist uns auch auf dem schönsten Bahnhof
der Welt nicht mehr direkt zugänglich. Seine Pförtner lassen
höchstens grüßen.
- Ja, es stimmt auch: die Verheißung "Das
Alte ist vergangen, Neues ist geworden" hat ihre Sprengkraft nicht verloren.
Alls kann im Neuen Jahr erneuert werden.
Beim Umsteigen zwischen altem und Neuem Jahr auf
dem schönsten Bahnhof der Welt wird mir beides deutlich.
Wiener Walzer und Champagner lassen mich nur tiefer
und ohne Katzenjammer in den Wechsel von alt und neu eintauchen. Selbst
wenn es im neuen Jahr nur mit Bummelzügen vorwärts gehen sollte...
(Januar 1995, mit Gedanken an John Rempel und Sabine Gries)