Neu in New York und ohnehin nicht sehr weihnachtssentimental, entschloß ich mich, den Weihnachtstag anzuvisieren: Arbeit als Vermeidungsstrategie für komplizierte Gefühlslagen hatte für mich schon immer gewirkt. Dazu konnte ich wegen dieser "Opferbereitschaft" sogar noch mein Prestige im Kollegenkreis anheben.
Doch hatte ich die Rechnung ohne die jüdische
Kollegin gemacht. Rabbinerin Mychal, die neben mir saß und sich als
nächste für den vermeintlich unbeliebten Dienst eintragen sollte,
sah meine "Opferbereitschaft" ganz anders. Sie blickte mir mitleidsvoll
in die Augen und bot mir an, den Dienst zu übernehmen.
Für einen Christen, sei es doch sicherlich
keine sehr angenehme Vorstellung, an einem der höchsten Feiertage
zu arbeiten. Für sie als Jüdin, meinte sie, sei dagegen Weihnachten
auch nur ein Tag wie jeder andere und sie bot mir daher an, den Dienst
zu übernehmen.
Mit einem bockigen: "Nein, es macht mir nichts aus, an Weihnachten zu arbeiten." wollte ich die Sache beenden.
Doch sie ließ nicht locker: "Gehört das etwa auch zu Deiner liberalen Tradition, daß Du noch nicht einmal Deine eigenen Feiertage für wichtig hältst?"
Das wollte ich mir nun auch nicht nachsagen lassen.
Es konnte ja sogar der Eindruck entstehen, daß eine Rabbinnerin meine
eigene Tradition für wichtiger nahm als ich selbst.
Ich war sprachlos.
Meine Nachbarin hatte mich ganz schön in
die Bredouille gebracht. Plötzlich ging es an einem Donnerstag im
Oktober aus heiterem Himmel darum, was mir das Feiern von Weihnachten,
von Christi Geburt, bedeutete.
Auf einmal war ich mit der komplizierten Gemengelage
von Weihnachten als Glaubensinhalt, als Gefühlsduselei und als kultureller
Tradition konfrontiert.
Aus dem Weihnachtsdilemma entkommt in Deutschland
eigentlich keiner. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, daß
jemand mir glaubwürdig versichert hätte, jenseits des Weihnachtsdilemmas
zu leben.
Und hier traf ich auf einmal eine solche Exotin.
Jemand, die Weihnachten ohne Geschenkzwang und Familienarrangements verbringen
kann, ganz einfach, weil sie Jüdin ist.
"Um diese Herausforderung, von nichtchristlichen Gruppen auf den Wert der eigenen Tradition hin angesprochen zu werden, kommen wir in Deutschland einfach herum", dachte ich. Und ließ mich prompt nach einer Bedenkzeit auf ihr Angebot ein.
Um Weihnachten feiern zu können, habe ich mich dann am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, zum Bereitschaftsdienst eingetragen.
Und an Weihnachten selbst habe ich beim Essen im
Freundeskreis die vertrauten und altehrwürdigen Worte aus dem Lukasevangelium
vorgelesen, mit denen wir den kindgewordenen Gott feiern.
Nicht ohne einen gewissen Stolz und mit einem
Lächeln auf den Lippen habe ich an jenen Donnerstag im Oktober gedacht,
an dem mir meine jüdische Kollegin dazu verhalf, mit meiner eigenen
Tradition respektvoller umzugehen.
(Januar 1995; mit Dank und Gedanken an Mychal Springer)