Blimpie(TM)/AMERICA'S BEST DRESSED SANDWICH
"Ein ganz normales Sandwich, bitte!"
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Es war an einem heißen Sommertag. Ich hatte den ganzen Tag Termine gehabt und darüber zu essen vergessen. Auf dem Weg zur U-Bahn spürte ich auf einmal das Loch in meinem Magen. Ich entschloß mich, dem - müde und abgehetzt wie ich war - gleich Abhilfe zu schaffen, und eines jener Etablissements aufzusuchen, die unter dem Namen "FAST FOOD" genau jenes versprechen: den Hunger schnell und bequem zu beseitigen.

Ich entschied mich für eine Kette, die mit dem Slogan "the best sandwich in town" um meine Aufmerksamkeit warb.
Ich wollte dort ja nur ein ganz normales Sandwich erstehen.
Wie gesagt, schnell und unkompliziert solltes es gehen. Denn ich war hungrig, eilig und müde.

Doch ich hatte die Rechnung ohne den amerikanischen Fast-Food-Wirt gemacht. Ein ganz normales Sandwich gibt es nicht.
Vorbei sind die rückständigen Tage, in denen es noch ganz einfache Sandwiches gab. Es könnte ja die individuelle Konsumfreiheit einschränken, wenn es nicht die Auswahl zwischen mindestens 104 Variationsmöglichkeiten, ein Sandwich zu komponieren, gäbe.
Statt also einfach ein ganz normales Butterbrot zu erstehen, mußte ich ein inquisitionsähnliches Verfahren über mich ergehen lassen, was denn nun genau meine Wünsche im Supermarkt der Möglichkeiten wären.

Ich mußte auswählen, ob ich lieber Weiß-, Weizen- oder Mehrkornbrot wollte. Ob dasselbe dann nach meiner Wahl getoastet werden sollte oder nicht. Ob ich cholesterinfreien Brotbelag wünsche oder nicht. Ob schließlich auch ein Dressing für die Tomaten und den Salat auf dem größten Sandwich der Stadt verwendet werden dürfe. Kaum hatte ich dies bejaht, mußte ich eine Auswahl zwischen dreißig beliebtesten Salatsoßen treffen. Ob Honey-Mustard, Blue Cheese, Thousand Island oder auch nur ganz einfach Russian oder Italian.
Entscheidungsschwach und müde wie ich war, habe ich dann noch versucht, mir den Unterschied zwischen Russian und Italian erklären zu lassen. Aber in Wirklichkeit wollte ich in diesem Entscheidungsmarathon nur ein paar Sekunden Zeit schinden, um mich dann ohnehin für das zu entscheiden, was mir als erstes im Gedächtnis hängen geblieben ist.
Nachdem ich dann doch den lieblicheren Assoziationen der Tausend Inseln den Vorzug vor den zur Zeit arg erschütternden Eindrücken von Rußland gegeben hatte, merkte ich, daß ich noch erschöpfter geworden war.
In der Hoffnung auf Erlösung von der Qual-der-Wahl-Folter trippelte ich unruhig von einem Fuß auf den anderen. Die Leute in der Schlange hinter mir schienen bereits unruhig zu werden, da mein Tempo, die Hürden auf dem Weg zum Sandwich zu nehmen, deutlich unter dem Durchschnitt lag.
Das muß wohl daran gelegen haben, daß ich durch die Fülle der Auswahl extrem verunsichert war und ich zudem die Ausführungen des bedienenden Sandwichexperten (wegen des starken puertoricanischen Akzentes) immer nur nach zweimaligem Nachfragen in Beziehung zum Brotbelag bringen konnte.
Als ich mich endlich den 5 verschiedenen Käsesorten angenähert hatte, hatte der Anpassungsprozeß bereits solche Erfolge zu verzeichnen, daß ich mich innerhalb von einer Zehntel Sekunde für Schweizer Käse entscheiden konnte.
Glücklicherweise war auch ich lernfähig und mußte dann nur noch die letzte Hürde nehmen: ob ich die ganze klebrige Masse lieber in Umweltschutzpapier oder Alufolie eingewickelt haben wollte.

Auf diese Frage hin mußte ich doch noch einmal tief Luft holen. Denn eigentlich hatte ich ja nur ein ganz normales Sandwich essen wollen, ohne mich dabei mit der Umweltproblematik konfrontieren lassen zu wollen. Doch in Amerika ist der Kunde König und hat auch bei der Beteiligung an der Umweltmisere die demokratische Qual der Wahl.

Nach einem erneuten Entscheidungskampf für die Umwelt hatte ich das langersehnte Gerät dann endlich in der Hand.
Als ich hineinbiß, war ich ziemlich enttäuscht: es schmeckte eigentlich wie eine ganz normales Sandwich: weiß, wabbelig und naß. Das beste Sandwich in der ganzen Stadt war eine ganz normale Enttäuschung.

Nie habe ich mich mehr nach der guten alten Schulzeit gesehnt, in der mir meine Mutter jeden Morgen ein ganz normales Schulbrot machte, ohne mich mit tausend Entscheidungen zu quälen und obendrein noch zu enttäuschen.

(Juni 1995)