Ich entschied mich für eine Kette, die mit
dem Slogan "the best sandwich in town" um meine Aufmerksamkeit warb.
Ich wollte dort ja nur ein ganz normales Sandwich
erstehen.
Wie gesagt, schnell und unkompliziert solltes
es gehen. Denn ich war hungrig, eilig und müde.
Doch ich hatte die Rechnung ohne den amerikanischen
Fast-Food-Wirt gemacht. Ein ganz normales Sandwich gibt es nicht.
Vorbei sind die rückständigen Tage,
in denen es noch ganz einfache Sandwiches gab. Es könnte ja die individuelle
Konsumfreiheit einschränken, wenn es nicht die Auswahl zwischen mindestens
104 Variationsmöglichkeiten, ein Sandwich zu komponieren, gäbe.
Statt also einfach ein ganz normales Butterbrot
zu erstehen, mußte ich ein inquisitionsähnliches Verfahren über
mich ergehen lassen, was denn nun genau meine Wünsche im Supermarkt
der Möglichkeiten wären.
Ich mußte auswählen, ob ich lieber Weiß-,
Weizen- oder Mehrkornbrot wollte. Ob dasselbe dann nach meiner Wahl getoastet
werden sollte oder nicht. Ob ich cholesterinfreien Brotbelag wünsche
oder nicht. Ob schließlich auch ein Dressing für die Tomaten
und den Salat auf dem größten Sandwich der Stadt verwendet werden
dürfe. Kaum hatte ich dies bejaht, mußte ich eine Auswahl zwischen
dreißig beliebtesten Salatsoßen treffen. Ob Honey-Mustard,
Blue Cheese, Thousand Island oder auch nur ganz einfach Russian oder Italian.
Entscheidungsschwach und müde wie ich war,
habe ich dann noch versucht, mir den Unterschied zwischen Russian und Italian
erklären zu lassen. Aber in Wirklichkeit wollte ich in diesem Entscheidungsmarathon
nur ein paar Sekunden Zeit schinden, um mich dann ohnehin für das
zu entscheiden, was mir als erstes im Gedächtnis hängen geblieben
ist.
Nachdem ich dann doch den lieblicheren Assoziationen
der Tausend Inseln den Vorzug vor den zur Zeit arg erschütternden
Eindrücken von Rußland gegeben hatte, merkte ich, daß
ich noch erschöpfter geworden war.
In der Hoffnung auf Erlösung von der Qual-der-Wahl-Folter
trippelte ich unruhig von einem Fuß auf den anderen. Die Leute in
der Schlange hinter mir schienen bereits unruhig zu werden, da mein Tempo,
die Hürden auf dem Weg zum Sandwich zu nehmen, deutlich unter dem
Durchschnitt lag.
Das muß wohl daran gelegen haben, daß
ich durch die Fülle der Auswahl extrem verunsichert war und ich zudem
die Ausführungen des bedienenden Sandwichexperten (wegen des starken
puertoricanischen Akzentes) immer nur nach zweimaligem Nachfragen in Beziehung
zum Brotbelag bringen konnte.
Als ich mich endlich den 5 verschiedenen Käsesorten
angenähert hatte, hatte der Anpassungsprozeß bereits solche
Erfolge zu verzeichnen, daß ich mich innerhalb von einer Zehntel
Sekunde für Schweizer Käse entscheiden konnte.
Glücklicherweise war auch ich lernfähig
und mußte dann nur noch die letzte Hürde nehmen: ob ich die
ganze klebrige Masse lieber in Umweltschutzpapier oder Alufolie eingewickelt
haben wollte.
Auf diese Frage hin mußte ich doch noch einmal tief Luft holen. Denn eigentlich hatte ich ja nur ein ganz normales Sandwich essen wollen, ohne mich dabei mit der Umweltproblematik konfrontieren lassen zu wollen. Doch in Amerika ist der Kunde König und hat auch bei der Beteiligung an der Umweltmisere die demokratische Qual der Wahl.
Nach einem erneuten Entscheidungskampf für
die Umwelt hatte ich das langersehnte Gerät dann endlich in der Hand.
Als ich hineinbiß, war ich ziemlich enttäuscht:
es schmeckte eigentlich wie eine ganz normales Sandwich: weiß, wabbelig
und naß. Das beste Sandwich in der ganzen Stadt war eine ganz normale
Enttäuschung.
Nie habe ich mich mehr nach der guten alten Schulzeit gesehnt, in der mir meine Mutter jeden Morgen ein ganz normales Schulbrot machte, ohne mich mit tausend Entscheidungen zu quälen und obendrein noch zu enttäuschen.
(Juni 1995)