Gay Pride Sunday
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"Happy Pride!" sagte die Pfarrerin und umarmte mich zur Begrüßung am Gay Pride Sunday in der Metropolitan Community Church.

Es klang ein bißchen wie "Frohe Weihnachten!". Wie ein Gruß, der an bestimmten Feiertagen einfach gesagt wird, ohne genauer zu überlegen, was es damit auf sich habe.

Das Motto des Happy Day lautete: "From Silence to Celebration". Es ließ keinen Zweifel daran, daß es sich bei dem Feiertag im Jahre 26 nach Stonewall nicht um etwas Besinnliches handeln würde, sonderm eben um einen Feier-Tag. - Und an Feiertagen will man sich ja bekanntlich nicht die Stimmung verderben lassen...

"Happy Pride!" - mit diesem Gruß hatte mich der Feiertag eingeholt. Ich war dabei, hineinzuspringen und mitzumachen in dem bunten Treiben. Ohnehin hatte ich schon früh am Morgen beschlossen, meine distanzschaffende Beobachterrolle für diesen Tag abzulegen.
Also nahm ich zunächst wie Hunderte andere an einem Gottesdienst zum Gay Pride Sunday teil - den Rest des Tages verbrachte ich dann mit Hunderttausenden auf der 5th Avenue zur Parade.
220 000 sollen in diesem Jahr auf der Parade marschiert sein. Teil einer Kirchengruppe zu sein, fühlte sich an wie Kirchentag und Rosenmontagsumzug zusammen.

Begeisternd, bunt und problemlos war der Tag. Schon im Gottesdienst eine freundliche Predigt, dann im Troß mit einfachen Transparenten, auf denen man lesen konnte "God loves gays and lesbians" oder auch etwas kecker: "The Church ladies are here - and queer!".
Kreativ und enthusiastisch setzte sich die Parade in Gang. Als Minderheit in der Tagesmehrheit waren die religiösen Gruppen nicht im ersten Drittel plaziert. Die fotogenen Ledermänner und Drag Queens haben den paar Religious Queers in diesem Sinne absolut die Show gestohlen.
Um so angenehmer die Resonanz des Publikums trotz des letzten Drittels der Parade. Zu den Gospelklängen, die lautstark von dem Kirchenschauwagen schallten, klatschten wir im Gospelrhythmus - und die Menge schien's zu mögen: Evangelisation auf der Gay Pride Parade - wer hätte das gedacht...

Mitten auf der 5th Avenue zu laufen, wo sonst selbst um Mitternacht ununterbrochen der Verkehr rollt, ist ein erhebendes Erlebnis: Vorbei am Rockefeller Center, St. Patrick's Cathedral und der Library. Empire State und Flatiron grüßen die Parade, bevor's ins heimelige Village geht - diese grandiose Kulisse trägt zum Flair von einem hohen Feiertag bei.

Und überall freundlich winkende Menschen in der berauschenden Illusion, daß an diesem Tag die gleichgeschlechtlich Liebenden in der Mehrheit sind und von allen geachtet werden.
Selbst die sonst als nicht sehr liberal bekannten Prominenten üben sich an diesem Tag in Milde. Der republikanische Bürgermeister Giuliani marschiert für einige Blocks in der Parade mit. Und die meisten Kirchen am Wegesrand scheinen die Parade in ihren liturgischen Kalender aufgenommen zu haben. An mehreren Kirchen stehen die Pfarrer im Clergy-Outfit und schenken den Marschierenden Wasser aus. Einzig der pointiert homophobe Kardinal O'Connor hat seine St. Patrick's Cathedral verrammeln und verriegeln lassen. Er hatte Angst, daß wieder einmal Aktivisten eindringen könnten und Kondome verteilen könnten, während er gerade die Messe liest. Vor diesem mit massiver Polizeikraft geschützten Monument der (moralischen) Aufrichtigkeit hatten sich dann auch die einzigen Protestierenden versammelt. In der Mitte des bunten Treibens wirkten sie sehr sauertöpfisch: mit zusammengepreßten Lippen hielten sie dem Lottervolk ein Kruzifix oder eine Bibel entgegen. Protestor Confessor Maximus.
Christen gegen Christen, Bibel gegen Bibel - so haben alle Religionskriege angefangen. Und als wir Kirchenleute vorbeimarschieren frage ich mich, ob mit dem Thema Homosexualität der Religionskrieg der 90er Jahre nicht schon längst eingeläutet ist. Etwa auf dem Niveau, auf dem der Religionskrieg in den 80er Jahren in Deutschland um das Thema Frieden und Nachrüstung ballerte.

Am Gay Pride Sunday ist jedoch von diesem Religionskrieg kaum etwas zu spüren. 220 000 Teilnehmer und bestimmt ebensoviele Zuschauer. Ich staune: das sind 5 mal so viele Menschen wie Kaiserslautern Einwohner hat.
Kein Wunder, daß da Weihnachtsstimmung unter den Feiernden aufkommt. Einmal im Jahr wird die Sehnsucht nach der heilen Familie ausgelebt. Alle Konflikte sind unter den Teppich gekehrt und es scheint für einen Tag Harmonie und Feierstimmung in der Homo-Familie zu geben: ein Familienfest ist manchmal für den langen Atem so wichtig, wo es doch sonst sehr wenig heiles Familienleben in und außerhalb der Homo-Familie gibt.
Sogar ich kann mir das gefallen lassen. Wie ich mir das "Frohe Weihnachten" auch jedes Jahr gefallen lasse.
Warum dann auch nicht: Happy Pride! Frohes Familienfest!
Auf Wiedersehen im nächsten Pride !

(Juni 1995)