Daß die Vorstellung ein Gottesdienst ist,
in dem die Predigt den Hauptauftritt darstellt, scheint niemanden außer
mir zu stören. Ich bin der einzige Gottesdienstbesucher, der am Ende
der Predigt nicht aufsteht und klatscht.
Vielleicht bin ich zu deutsch: zu verklemmt und
intellektuell für diese einfache Happiness, die in vielen Kirchen
Amerikas für volle Reihen sorgt.
Man muß nicht einmal in eine charismatische
Baptist Church gehen oder in eine Pentecostal House Church, um in diesem
einfachen religiösen Glück zu baden. Nein, auch gediegene protestantische
Kirchen der reformierten Tradition und sogar römisch-katholische Gemeinden
scheinen dieses Erfolgsrezept aufzugreifen und sorgen dafür, daß
möglichst alle den Gottesdienst mit einem guten, lebensfrohen Gefühl
verlassen.
Das Rezept geht auf. Die Gemeindemitglieder sind
froh, dabeizusein und stolz auf ihre Kirche. Die Kirchen sind deutlich
voller als in Deutschland und der Altersdurchschnitt ist wesentlich niedriger.
Am deutlichsten kommt dies in den Megachurches zum Ausdruck. Tausende fahren
dort sonntäglich mit dem Auto zur Kirche und schwelgen in einem religiösen
Balsam, in dem biblische Traditionen und Kirchenjahr immer weniger beachtet
werden.
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Ich bleibe skeptisch gegeüber dem Erfolgsrezept. Weniger skeptisch gegenüber vollen Kirchen als gegenüber einer Kultur des Entertainments, in der einzig die Happiness der TV-Shows als Paradigma gilt. Die Dominanz dieser Kultur ebnet auch das Profil so manchen Gottesdienstes ein: der Prediger oder die Pfarrerin weden zum Dr. Feelgood, der Bibeltext zur Collage für die Show.
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- "Religion ist gut, Staat ist schlecht."
- "Jede(r) ist auch seines religiösen Glückes
eigener Schmied."
Das sind die beiden fundamentalen Glaubensartikel
der amerikanischen Zivilreligion, die sich in so manche christlich getarnte
Gemeindestruktur eingeschlichen hat.
Dieses Credo zeigt, daß Amerikaner und Amerikanerinnen
im Grunde ihres Herzens einfach religiöser sind als Deutsche.
Und, daß der Prozeß der Säkularisierung
in alter und neuer Welt verschiedene Formen angenommen hat: Religionslosigkeit
und Traditionsabbruch hier, zivilreligiöse Happiness dort.
Der Absturz auf beiden Seiten scheint mir nicht
besonders heilsam zu sein, obwohl amerikanisch-religiöse Happiness
und deutsch-kirchliche Depressivität doch ein Gegenüber sein
könnten, in dem sich die Gegensätze zu einem glücklichen
Paar ergänzen würden...
Doch schon so manche Vernunftehen haben nicht
sehr lange gehalten.
(Mai 1995)