Gottesdienst als Happy Hour
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Die Schweißperlen laufen ihm von der Stirn. Er läuft zwischen den Stuhlreihen herum und ist offensichtlich in seinem Element. Das Publikum reagiert mit begeisterten Zwischenrufen. Manchmal fällt auch ein bestätigendes "Amen! He's right!".
Am Ende der Vorstellung wird geklatscht: Standing Ovation für eine gute Performance

Daß die Vorstellung ein Gottesdienst ist, in dem die Predigt den Hauptauftritt darstellt, scheint niemanden außer mir zu stören. Ich bin der einzige Gottesdienstbesucher, der am Ende der Predigt nicht aufsteht und klatscht.
Vielleicht bin ich zu deutsch: zu verklemmt und intellektuell für diese einfache Happiness, die in vielen Kirchen Amerikas für volle Reihen sorgt.
Man muß nicht einmal in eine charismatische Baptist Church gehen oder in eine Pentecostal House Church, um in diesem einfachen religiösen Glück zu baden. Nein, auch gediegene protestantische Kirchen der reformierten Tradition und sogar römisch-katholische Gemeinden scheinen dieses Erfolgsrezept aufzugreifen und sorgen dafür, daß möglichst alle den Gottesdienst mit einem guten, lebensfrohen Gefühl verlassen.
Das Rezept geht auf. Die Gemeindemitglieder sind froh, dabeizusein und stolz auf ihre Kirche. Die Kirchen sind deutlich voller als in Deutschland und der Altersdurchschnitt ist wesentlich niedriger. Am deutlichsten kommt dies in den Megachurches zum Ausdruck. Tausende fahren dort sonntäglich mit dem Auto zur Kirche und schwelgen in einem religiösen Balsam, in dem biblische Traditionen und Kirchenjahr immer weniger beachtet werden.

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Ich bleibe skeptisch gegeüber dem Erfolgsrezept. Weniger skeptisch gegenüber vollen Kirchen als gegenüber einer Kultur des Entertainments, in der einzig die Happiness der TV-Shows als Paradigma gilt. Die Dominanz dieser Kultur ebnet auch das Profil so manchen Gottesdienstes ein: der Prediger oder die Pfarrerin  weden zum Dr. Feelgood, der Bibeltext zur Collage für die Show.

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- "Religion ist gut, Staat ist schlecht."
- "Jede(r) ist auch seines religiösen Glückes eigener Schmied."

Das sind die beiden fundamentalen Glaubensartikel der amerikanischen Zivilreligion, die sich in so manche christlich getarnte Gemeindestruktur eingeschlichen hat.
Dieses Credo zeigt, daß Amerikaner und Amerikanerinnen im Grunde ihres Herzens einfach religiöser sind als Deutsche.
Und, daß der Prozeß der Säkularisierung in alter und neuer Welt verschiedene Formen angenommen hat: Religionslosigkeit und Traditionsabbruch hier, zivilreligiöse Happiness dort.

Der Absturz auf beiden Seiten scheint mir nicht besonders heilsam zu sein, obwohl amerikanisch-religiöse Happiness und deutsch-kirchliche Depressivität doch ein Gegenüber sein könnten, in dem sich die Gegensätze zu einem glücklichen Paar ergänzen würden...
Doch schon so manche Vernunftehen haben nicht sehr lange gehalten.

(Mai 1995)