Old Glory/USA G/ For U.S. addresses only
God's own country
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Nein, es reicht nicht, daß etwas seine ureigenen Qualitäten hat. Es muß schon etwas besser sein. Oder größer. Oder billiger. Oder am besten gleich den Superlativ nehmen:

The best Burger in town.
Ich weiß nicht, wie oft ich den gegessen habe: den besten Hamburger in New York. Ich habe es nicht gezählt, es gab ihn nämlich an jeder Straßenecke.

Alles braucht hier einen Superlativ:

Der US-amerikanische Lebensstil ist nicht einfach eine Kulturform unter vielen. Viele halten ihn für die beste und einzige Lebensform überhaupt.

St. John the Divine ist nicht einfach eine wunderschöne Kirche, es handelt sich vielmehr um die "größte gotische Kathedrale der Welt".

New York Hospital ist nicht einfach ein Krankenhaus,
es ist eines der "ältesten Kliniken des nordamerikanischen Kontinents", gegründet 1771.

The Hospital Chaplaincy, Inc. ist nicht einfach ein Training Center für Klinische Seelsorgeausbildung,
es handelt sich um das größte und am besten auf multikulturelle Angelegenheiten spezialisierte Zentrum mit den meisten Studenten auf dem ganzen nordamerikanischen Kontinent.
 

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Wen wundert's? - Mich nicht, denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten habe ich auch nichts anderes erwartet als unbegrenzte Superlative. Schon in der Grundschule, später auch von Politikern war mir schließlich eingetrichtert worden, daß Amerika das Beste sei: Befreiung vom Faschismus, Marshallplan, Kaugummi und Coca-Cola hießen die Säulen dieser Lehre.

Das Superlativ-Phänomen hat aber auch etwas mit der hausgemachten amerikanischen Geschichte zu tun.
Es handelt sich bei diesem Phänomen wohl um ein Überbleibsel des Pioniergeistes, mit dem die Einwanderer das Land "nahmen": Cowboystiefel, Lassowerfen und das Bezwingen wilder Pferde gehören zu diesem Geschmack von Freiheit und Abenteuer, in dem alles besser, freier und neuer schmeckte.
Biblische Vergleiche für das neue Leben wurden herangezogen: vom Paradies, vom Gelobten Land, vom Neuen Jerusalem wurde gesprochen. Und weil die neue Lebenswirklichkeit als so nah am biblischen Traum empfunden wurde, hat man dem Land gleich einen Namen gegeben, der nicht mehr steigerungsfähig ist: GOD'S OWN COUNTRY.

Als Bürger der guten alten europäischen Welt kann man sich gegenüber dieser Unmittelbarkeit der Neuen Welt leicht in zwei Extremen verheddern:
Entweder einem Minderwertigkeitskomplex zu huldigen und zuzugeben, daß in Europa alles enger, rückständiger und unfreier ist.
Oder die arrogante Variante zu wählen und den Amerikanern zu bescheinigen, daß sie in einem pubertären Größenwahn steckengeblieben sind und von wahrer geschichtlicher Tiefe und Größe keinen blassen Schimmer haben.

Beide Varianten sind, unterhält man sich mit einem Gesprächspartner in God's own country, äußerst kommunikationsfördernd und tragen mit Sicherheit dazu bei, daß aus dem Gespräch der unbegrenzten Möglichkeiten eine Begegnung der begrenzten Unmöglichkeit wird.

(August 1995)