Gordian Troeller (1917-2003)
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Todesanzeige im Hamburger Abendblatt vom 26. März 2003 ~ Gordian Troeller (1917-2003)

Gordian Troeller hat uns verlassen. Noch ein großartiger Mensch, der uns so sehr fehlen wird. Dazu noch ein Luxemburger, einer von jenen, die meinem "kleinen" Land zu Ruhm verhelfen. Er starb Samstag vor einer Woche in Hamburg, wo er lebte, wo auch ich lebe, "im Exil" wie er. Was kann ich sagen? Sein einzigartiges Werk wird für ihn sprechen, viel besser als ich es jemals könnte. Und das Wesen seiner Persönlichkeit läßt sich nicht besser zusammenfassen als mit den Worten, die seine Witwe in der obigen Todesanzeige, die vor einer Woche im Hamburger Abendblatt erschienen ist, als Motto verwandt hat: "Lebenslust, Menschlichkeit und Gerechtigkeitsstreben haben sein Handeln bestimmt."

Ein Parallelismus besteht nicht nur in unserer gemeinsamen Staatsangehörigkeit und in der Tatsache, daß wir uns beide in Hamburg niedergelassen haben. Gordian Troeller war Kosmopolit wie ich, Individualist wie ich, Anarchist wie ich. Er hatte mir die Ehre erwiesen, zusammen mit Frau Dr. Ingrid Becker-Ross, mein Gast zu sein bei einem kleinen Fest, das ich an meinem Geburtstag am 3. September 1996 im trauten Rahmen meiner bescheidenen Wohnung gegeben hatte. Ein unvergeßlicher Abend.

Stellen Sie sich eine kleine Gruppe vor aus lauter Anarchisten (jeden Grades und jeder Schattierung, in der Mehrheit aber "linke"), versammelt in einem kleinen überfüllten Raum, um einen mit gutem Essen und der nötigen Gleitflüssigkeit gedeckten Tisch herum, sich unterhaltend, diskutierend, vor allem aber an den Lippen von Gordian und seiner Gefährtin klebend, die beide so viele interessante und lustige Dinge zu erzählen hatten.

Der Wein (Gordian hatte zwei Flaschen eines sehr großen Bordeaux mitgebracht ~~ kein Vergleich mit dem biologischen Wein von damals, den ich anbot, oder demjenigen, den andere mitgebracht hatten), war nicht ganz unschuldig daran, daß die Stimmung in vollem Gange war, als inmitten der Telefonate mit Glückwünschen aus Berlin, Paris oder Lissabon gegen 21.40 Uhr ein Anruf kam, der mir damals sehr viel Freude bereitet hatte, der aber die übrige anarchistische Runde etwas aus dem Konzept brachte:

Es war Dieter Langendörfer, "Bulle", früher Kopf der hervorragenden SOKO der Hamburger Kripo, die so glänzend den berühmten Fall der Entführung von Jan Philipp Reemtsma*) gelöst hatte, und nunmehr Sicherheitschef der Volkswagen AG war, der mir Glück wünschte und gleichzeitig sich entschuldigte, daß er verhindert war. Alle waren erstaunt, daß ich solcherart Kontakte hätte. Nachdem ihre Neugier geweckt war, habe ich es doch vorgezogen, sie nicht auf ihre Kosten kommen zu lassen...

Andere Anekdote: Gordian war nicht, wie ich, Stammkunde des Internet, er benutzte nicht mal einen PC. Ich wollte ihn dazu bekehren. Aber meine allzu allgemeine, vage Begeisterung für alles, was man mit dieser Maschine machen kann, überzeugte ihn nicht. Er wollte ein konkretes Beispiel. Unvorbereitet, stieß ich einen launigen Einfall aus: der leichte Zugang zu Porno. Mit einem spitzbübischen Blick und einer Begeisterung, die vielleicht nicht geheuchelt war, kam die Aufforderung Folge zu leisten. Leider, oder wohl eher gottseidank, lehnte die "Maschine" es an dem Tag ab, uns mit dem World Wide Web zu verbinden...

Gordian hat meinen Vater sehr gut gekannt, Georges Butterbach (1993 verstorben), der seinerseits mit Gordians Vater sehr eng befreundet gewesen war, trotz des Altersunterschiedes. Als großer Bewunderer der Person und des Werkes von Gordian, bedaure ich es sehr, nicht die Gelegenheit gehabt zu haben, zur gehörigen Zeit diese Beziehungen zwischen unseren beiden Familien genauer zu erhellen. Ich erinnere mich nur vage an das, was mein Vater einmal am Telefon erzählt hatte, meine eigenen Erinnerungen sind ebenfalls vage. Ich war zu jung damals und noch nicht in das Ganze integriert. Es muß ein Zusammenhang bestanden haben mit der Hilfe die sowohl Gordian als auch mein Vater damals jüdischen Menschen bei der Flucht vor den Nazis angedeihen ließen. Ein anderes Bindeglied war wohl die verfolgte belgisch-luxemburgische Nachkriegszeitung, die, wenn ich mich recht entsinne, "l'Indépendant" hieß. Ein anderes wiederum Henri Koch-Kent. Sodann wahrscheinlich viel amüsantere Sachen. Ich wäre jeder Person aus Luxemburg, die mich über all dies aufklären könnte, ungemein dankbar.

Und ich wünsche mir innigst, daß einige Personen aus Luxemburg (offizielle oder nicht) übermorgen, den 4. April, den Weg nach Hamburg finden werden, um der Trauerfeier beizuwohnen.

Gordian, ich werde Dich nicht vergessen, wir alle werden Dich nicht vergessen, und Dein Werk wird seinen stolzen Gang weiterschreiten!

Christian Butterbach
2. April 2003


Foto Gordian Troeller bei Dreharbeiten


*) Prof. Dr. phil. Jan Philipp Reemtsma hat kürzlich, am 7. Januar 2003, einen Vortrag in Luxemburg, im Théâtre Municipal von Esch-sur-Alzette, gehalten, bei Gelegenheit der Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944«, unter dem Titel »Krieg, Recht, Kriegsverbrechen«.





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