ABSCHRIFT einer sehr schlechten Photokopie eines sehr schwachen Originals : Dr. Traute Schumacher Bad Ems, den 30. April 1948 ( Zu dieser Zeit arbeitete Prof. Rittershausen, an den der Brief gerichtet ist, an einer Neufassung seines Buches DAS ANDERE SYSTEM. Er wollte sie noch vor der Waehrungsreform herausbringen aber das gelang ihm nicht. Es war schon zur ersten Drucksetzung gekommen, deren Abzug er noch ueberarbeitete. Anschliessend konnte er keinen Verleger fuer diese Arbeit mehr finden. Sie wurde in PP 394 verfilmt.J.Z.) Sehr verehrter, lieber Herr Professor! Nachdem ich nun schon so lange erfolglos auf meinen Pass warte, muss ich mich doch entschliessen, die Arbeit auf dem Postwege zu uebermitteln. Ich haette sie gerne persoenlich ueberbracht und auf diese Weise den schon lange geplanten Besuch bei Ihnen damit verbunden. Vielleicht darf ich ihn nachholen, dann haetten wir Gelegenheit, einmal in aller Ruhe ueber den Druck der Dissertation und ueber die uns sonst bewegenden Probleme zu sprechen. Vor allem haette mich Ihre persoenliche Meinung ueber die bevorstehende und alle Gemueter auf das heftigste bewegende Waehrungsreform interessiert. In diesem Zusammenhang war mir die Arbeit von Herrn Professor Schmoelders besonders interessant, der mit Recht darauf hinweist, dass zunaechst ein radikaler Umbau des herrschenden Steuersystems notwendig sei und dass ohne diese Voraussetzung die Waehrungsreform nicht sinnvoll sei. ( ? J.Z.) Soweit wie mir die Plaene bekannt sind ( insbesondere der Colm-Goldsmithplan ), muss man durchaus befuerchten, dass nach dem Vorbild der bekannten Pferdekuren der Erfolg der sein wird, dass die Operation glueckt, aber der Patient stirbt. Nun, wir werden halt abwarten muessen. Fuer die freundliche Uebermittlung der Ausarbeitung von Professor Schmoelders und fuer den fotokopierten Zeitungsausschnitt ueber Bretton-Woods vielen herzlichen Dank! Der Zeitungsartikel war der noch fehlende Akzent auf dem Bild, das ich mir auf Grund eingehenden Materials ( erschienen im Europa-Archiv) von dem internationalen Waehrungsfonds und von der Weltbank gemacht hatte. Es ist schade, dass es sich wie so oft auch hier wieder erwies, dass so grosse und wirklich geniale Plaene an der Unzulaenglichkeit des Menschen, Gedanken in die Tat umzusetzen, scheitern. Mit besonderer Freude habe ich Ihrem Brief entnommen, dass die von Ihnen angekuendigten Vorlesungen an der Frankfurter Universitaet vorzugsweise in das geltheoretische Gebiet schlagen. Ich muss gestehen, dass es in Breslau neben den finanzwissenschaftlichen gerade die geldtheoretischen Kollegs waren, von denen ich am meisten - und am nachhaltigsten - profitierte. Ihr Programm der Freigabe der Preise und Loehne ist sehr kuehn fuer unsere planwirtschaftlich verdorbenen Gemueter. Wuerde in dem heutigen Stadium des Mangels diese auf ein einziges Gebiet beschraenkte Befreiung vom Zwang uns arme Normalverbraucher nicht in eine unertraegliche Abhaengigkeit von der monopolistischen Kaste der Warenbesitzenden bringen? Koennte sie nicht in einer Zeit, in der kein freier Bezug von Rohstoffen, keine Investitionsmoeglichkeiten, gegeben sind, die ungeheure Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot ganz hemmungslos ausnuetzen, sodass im Endeffekt dem kleinen Mann auf der Strasse gar nichts mehr bliebe, was er mit seinen paar Groschen erwerben koennte? So unertraeglich mir als denkendem unabhaengigen Menschen diese Allgegenwart des Zwanges, die ins Masslose potenzierte Unfreiheit auch ist, so sehr glaube ich auch, dass ein Wettbewerb und die Abwesenheit einer reglementierenden Preispolitik nur dann sinnvoll ist, wenn das Ungleichgewicht zwischen den einander gegenueberstehenden Parteien der Verkaeufer und der Kaeufer nicht groesser ist, als das andauernde Ausschlagen des Pendels es bedingt. Ich wuenschte nichts sehnlicher, als dass endlich einmal die anmassende Arroganz der Buerokratie der "Bewirtschaftung des Mangels" gebrochen wuerde, nur frage ich mich, ob es wirklich empfehlenswert ist, auf der Preisseite damit zu beginnen, wenn nicht gleichzeitig auch auf dem Gebiet der Erzeugung und der Verteilung die Zuegel gelockert werden koennen.* Vielleicht koennen wir uns einmal muendlich darueber unterhalten. Fuer heute bitte ich Sie, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin zu empfehlen. Mit vielen herzlichen Gruessen bin ich Ihre gez. Traute Schumacher. --------------------------- *) Meines Wissens war die Waehrungsreform eine der Voraussetzungen auch dafuer. Die Schrecken der zwei grossen deutschen Inflationen in diesem Jahrhundert sind immer noch so start im Bewusstsein, dass die DM seit 1948 nur verhaeltnismaessig wenig inflationiert wurde. J.Z. 8/88.