STYLE LeftMargin 3,RightMargin 6,TopMargin 1,BottomMargin 1 MODERNER.NAT - URALTAUSCH. Transcript of a German manuscript, 4pp, no dated, obviously from the thirties. I dug it up in 1953 and circulated it somewhat in the then existing circle around U.v. Beckerath. Transcribed by John Zube from a very flawed carbon copy, 7.3.98. M O D E R N E R N A T U R A L T A U S C H =========================================== von K.H.Z. SOLNEMAN : Kurt Helmut ZUBE. Rueckfall ins Primitive oder Vorlaeufer einer Fortschrittsidee? _________________________________________________________________ Die Weltwirtschaftskrise, die so tiefeinschneidende Veraenderungen auf nahezu allen Lebensgebieten mit sich brachte, hat auch zu einer ganz besonders merkwuerdigen Erscheinung gefuehrt. Sowohl im Binnen- wie im Aussenhandel lebt allenthalben der urspruengliche Naturaltuasch, der direkte Tausch von Waren gegen Waren oder Leistungen, der vor 4-500 Jahren durch die Geldwirtschaft voellig verdraengt worden war, wieder auf und treibt dabei mitunter drollige Blueten, wie wir im Folgenden sehen werden. Aber dies darf dennoch keineswegs bloss als Kuriositaet aufgefasst werden. Hinter dieser merkwuerdigen Erscheidnung steht die verblueffende Tatsache, die zu einigem Nachdenken Anlass geben sollte, dass dieser moderne Naturaltausch, der heute schon erheblichen Umfang angenommen hat und sich staendig weiter ausbreitet, an die Stelle der Geldwirtschaft getreten ist - die sich zum Teil selbst ausgeschaltet hat - ! Im Aussenhandel, im zwischenstaatlichen Verkehr begann es. Die Devisenschwierigkeiten, d.h. ein Versagen des Geldverkehrs, haben zahlreiche Staaten auf den Weg der Kompensationsgeschaefte und des Clearingverkehrs gefuehrt; die ersteren stellen reinen, urspruenglichen Naturaltausch dar, der letztere eine etwas entwickeltere Form im Wege bargeldloser Verrechnung, im Prinzip jedoch ebenfalls Naturaltausch. So bezieht z.B. die Tschechoslowakei aus Deutschland eine Reihe von Spezialmaschinen, deren Begleichung in - Pilsener Bier erfolt. Und die Mandschurei gar moechte gern Sojabohnen gegen - einen deutschen Zeppelin eintauschen. Deutsche Kohle wird ferner gegen oesterreichisches Holz getauscht und andererseits werden die deutschen Kohlenlieferungen in die Schweiz dazu benutzt, die Aufenthaltskosten deutscher Reisender in der Schweiz zu bezahlen, indem ihnen im Verrechnungswege die entsprechenden Devisen zur Verfuegung gestellt werden. Die griechische Regierung unterhandelt mit der englischen, um eine Panzerkreuzer gegen Rosinen zu beziehen, waehrend Brasilien seinen ueberfluessigen Kaffee gern gegen japanische Seidenraupenkulturen, norwegische Heringe und - tschechische Mausefallen eintauschen moechte. Auch Lokomotivlieferungen gegen Zahlung von Gaensen werden abgeschlossen. Die Schweiz liefert Lokomotiven in Kompensation gegen Tabak und tauscht Kaese gegen Anthrazit in Russland ein. Zwischen Italien und Belgien gibt es einen Austausch von Waren gegen Menschen : Italien bezieht belgische Kohle, waehrend Belgien sein Gesetz gegen Auslaendische Arbeitskraefte Italienern gegenueber nicht zur Anwendung bringt. Diesen Kompensationsgeschaeften, wie auch den heutigen Clearing-Abkommen haften die mancherlei Unbequemlichkeiten und Nachteile des Naturaltausches an, aber demgegenueber darf man sich der Erkenntnis nicht verschliessen, dass dieser Naturaltausch jetzt viele internationale Geschaefte erst m o e g l i c h machte, die im bisherigen geldwirtschaftlichen Verkehr n i c h t mehr moeglich waren. Und ferner, dass man allmaehlich lernte, den trotz mancher Binnenkonjunktur immer weiter schrumpfenden Welthandel wieder etwas in Gang zu bringen; denn entgegen der doch nun schon ziemlich weit verbreiteten Erkenntnis, dass im internationalen ( nicht nur im internationalen sondern auch im internen! - J.Z.) Verkehr Waren und Leistungen schliesslich wieder nur mit Waren und Leistungen bezahlt werden koennen, versuchen all Staaten, moeglichst viel zu exportieren und moeglichst wenig zu importieren, ohne zu merken, dass sie durch Drosselung des Imports sich selbst den Export abschneiden. Der Kompensationsverkehr nun erteilte deutlichen Anschauungsunterricht, dass auf Grund des Prinzips der Gegenseitigkeit, dort zu kaufen, wo man verkaufen kann, b e i d e Teile ihre Exporte zu s t e i g e r n vermochten. 1 Ein angesehener Wirtschaftspraktiker schrieb kuerzlich, die Kompensationen seien allen Anschein nach bestimmt, fuer lange Zeit die Grundlage des gesamten internationalen Verkehrs zu werden. (Das waren sie schon fuer Jahrhunderte, durch den internationalen und nicht nur zweiseitigen Wechselverkehr und seine Verrechnungen. - J.Z.) Denn das Netzwerk handelspolitischer Schikane sei so dicht verflochten, dass aller Voraussicht nach ein Export in Zukunft ueberhaupt nur mehr auf der Basis zwischenstaatlicher Kompensationsvertreaege moeglich sein werde. Diese Kompensationsgeschaefte, vorlaeufig auf Einzelfaelle beschraenkt, wuerden spaeter auch verzweigtere Konstructionen umfassen. Die letztere Voraussage hat sich bereits verwirklicht. Man braucht nicht mehr zu warten, bis man einen Tauschpartner findet, der gerade das liefern kann, was man braucht und zugleicht das braucht, was man selbst liefern kann, sondern man tauscht bereits im Dreiecksverkehr. So tauscht jetzt z.B. Ungarn Bauxit gegen Brasilkaffee mit deutscher Zwischenschaltung, indem eine deutsche Firma fuer die 300 000 Pengoe, die Ungarn an eine brasilianische Firma fuer 30 Waggon Kaffee zu zahlen hat, Bauxit zur Verarbeitung in Deutschland's Schwerindustrie einkauft und diesen Betrag dann ihrerseits mit Brasilien verrechnet. Ein aehnliches Kompensationsdreieick entsteht zwischen Deutschland, Japan und Suedamerika. Sollte es nicht vielleicht moeglich sein, die Technik dieses Tauschverkehrs so weit zu verbessern, dass er von den Schlacken der Primitivitaet befreit und ebenso bequem wird, wie der Devisenverkehr frueher w a r - ? Dann waere das ein ueberraschender Ausweg aus den heutigen Devisenschwierigkeiten und der Welthandelskrise. - Genau derselbe Vorgang wie im Aussenhandel spielt sich aber auch im Binnenverkehr ab. In zahlreichen Zeitungen verschiedener Laender kann man tagtaeglich Inserate finden wie folgende : "Drucksachen geboten. Tausche alles." - "Paddelboot komplett gegen Koffergrammophon zu tauschen." - "Biete Grabsteine gegen Herrenschneiderei und Kuecheneinrichtung." - "Gesucht Maskenkostuem, geboten Pelze." - Sogar : "Welche Waschfrau uebernimmt Arbeit gegen Gemaelde?" Und ein schweizer Fabrikant musste kuerzlich, um einen grossen Kosten Uhren loszuwerden, gar ein Dampfschiff auf dem Bielersee in Tausch nehmen! Ein Engros-Lebensmittelgeschaeft tauscht seit Jahren Lebensmittelprodukte bei den geldarmen Bauern in den Gebirgstaelern der ganzen Schweiz gegen solche ein, die diese nur mit Geld kaufen koennten. Und in Henry Fords Selbstversorgungs-Warenhaeusern kann der Lieferant gegen diese gelieferte Waren mittels eines Buchungsscheines durch Verrechnung in einer anderen Abteilung derselben sogleich wieder einkaufen, was er benoetigt, resp. Ein- oder Umtauschen. Damit sind wir bei den O r g a n i s a t i o n e n dieses Binnentauschhandels angelangt, deren es bereits zahlreiche in den verschiedenartigsten Formen, in vielen Laendern der ganzen Welt gibt und deren Anhaengerschaft verblueffend hoch ist. In Genf unterhalten die Kuenstler eine Tauschboerse, um ihre Kunstwerke gegen lebensnotwendige Naturalien umzutauschen. In Wien sind mehrere Organisationen an der Arbeit: eine Warentauschgenossenschaft, welche den Austausch von Industrieprodukten des Kleingewerbes gegen landwirtschaftliche Konsumgueter, die von den Bauern geliefert werden, bezwecken soll, und zwei andere Firmen, die gegen eine gestaffelte Provision individuelle Tauschvorgaenge zwischen ihren Mitgliedern vermitteln. Diese Mitglieder setzen sich vorwiegend aus Gewerbetreibenden zusammen, aus solchen, die Waren abzugeben haben, wie z.B. Kuerschner, Tischler, Bauhandwerker, gegenueber solchen, die Arbeitsleistungen produzieren wie etwa Zahntechniker, Anstreicher, Rechtsanwaelte usw. 2 Der Tauschvorgang spielt sich so ab, dass z.B. ein Schneider sich verpflichtet, Anzuege im Gegenwert von 500 Schilling an die Mitglieder zu liefern. Er erhaelt dann eine entsprechende Gutschrift in den Buechern der Genossenschaft und kann nun mittels dieser seinen Warenbedarf in jenen Artikeln, deren Branchen in der Genossenschaft vertreten sind, eindecken. In Ungarn, der Tschechoslowakei und Frankreich gibt es aehnliche Organisationen. In Ungarn hat sogar der Staat sich fuer den Naturalverkehr erklaert, indem dort Getreidelieferungen als Steuerzahlung zugelassen sind. Auch in Deutschland gab es aehnliche Versuche. 1932 bereits wurde in Schlesien der Austausch von Waren und Leistungen so organisiert, dass unter Mitwirkung der Behoerden Siedlungshaeuser und eine Chaussee in bargeldloser Verrechnung gebaut wurden. (1) Die groesste Ausdehnung hat der Tauschverkehr gegenwaertig in Amerika. Die New Yorker "Liberty" berichtet unter der Ueberschrift: "Kann man auch ohne Geld leben?": Ein aufgeweckter Arbeitsloser arbeitet bei einem Farmer in Salt Lake City ( Utah) gegen Ware statt Geld, bestreitet damit seinen Lebensunterhalt und bringt durch sein Beispiel einen Tauschhandel in Schwung, der sich unter dem Schlagwort "Selbsthilfe" rasch ueber die Staaten der amerikanischen Union ausbreitet und bald 1 1/4 Millionen Menschen erfasst, die den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit aufnehmen wollen. Eine Tauschgesellschaft wird gegruendet. Sie gibt eine Zeitung heraus, foerdert Kohlen, gerbt Felle, trocknet Fruechte usw. und alles ohne Verwendung von Bargeld! Waehrend in Detroit Banken zusammenkrachen, kuendigt ein Warenhaus an, dass es landwirtschaftliche Produkte im Tausch gegen andere Erzeugnisse annimmt. Von New York bis Los Angeles, von Florida bis Seattle hat sich der Tauschhandel wie ein Waldbrand ausgebreitet. (2) Kalifornien hat etwa 100 Tauschgesellschaften mit einer Gesamtteilnehmerzahl von mehr als 200 000. Die kalifornische Arbeitslosengenossenschaft hat rund 40 Zweigstellen, die sich ueber den ganzen Staat Kalifornien erstrecken, Kartoffeln aus dem Norden werden gegen Apfelsinen und Zitronen aus dem Sueden eingetauscht. Von San Pedro aus werden Gefrierfische im Tausch gegen Gemuese nach dem Innern des Landes verladen. Die Mitglieder der Daytoner Produktions-Genossenschaft betrachten den Tausch als einen Weg zu neuer Lebensart, eine Rueckkehr zur Einfachheit, verbunden mit einem Hoechstmass an Mussezeit, die kulturellen Zwecken gewidmet werden kann. In der Stadt New York hat die Tauschbewegung die Unterstuetzung bekannter Volkswirte gefunden. Vier Tauschboersen sind dort eroeffnet worden und weitere sind geplant. Eine Erwerbslosen-Austauschgesellschaft in Oakland (Kalifornien) betreibt z.B. eine grosse Maschinenwerkstatt, eine Seifenfabrik, eine Schreinerei und Druckerei. Sie besitzt ein grosses Warenlager und eigene Benzintankstellen. Fuenfzehn Lastautos sind dauernd unterwegs, den Produktionsaustausch zu bewerkstelligen. Die Geschaeftsbuereaus nehmen einen Stock in einem Wolkenkratzer des Geschaeftsviertels in Anspruch. Mitglieder koennen Musik-, Mal- oder Tanzstunden nehmen, denn es gehoeren Ton- und andere Kuenstler dieser Vereinigung an. Ebenso Hausbesitzer, Aerzte, Handwerker usw. Im Kindergarten werden diejenigen Kinder beaufsichtigt, deren Muetter auswaerts arbeiten. Und kuerzlich ist ein Restaurant eroeffnet worden, wo taeglich sehr gute Mittag- und Abendessen serviert werden. Alles dies aber wird sozusagen ohne Geld ausgestaltet und betrieben. Tauschhandel, Austausch von Waren und Arbeitsleistungen ist der Grundgedanke dieser Gesellschaft, und die Leitung rechnet mit Sicherheit, dass in einigen Jahren mit ihrem System es moeglich sein wird, 85% aller Beduerfnisse durch Tauschhandel ohne Geld eindecken zu koennen. 3 Hier wurden nur solche Organisationen und Massnahmen erwaehnt, die bewusst und betont den T a u s c h der Waren und Arbeitsleistungen zur Grundlage haben ( es gibt daneben noch andere Bestrebungen, die mit Waehrungsreformen und allerlei Geldersatzmitteln der Krise beizukommen versuchen ). All diesen hier aufgezaehlten Organisationen und Massnahmen nun liegt, so primitiv die meisten auch sind, ein durchaus gesunder und praktischer Gedanke zugrunde. Sie alle haben, trozt vieler Unbequemlichkeiten und Nachteile, mit denen sie verbunden waren, im ganzen gesehen doch ueberwiegend Nutzen gestiftet, denn sie schufen vermehrten Absatz und neue Arbeitsgelegenheit zugleich, die unter den bisherigen Verhaeltnissen nicht vorhanden waren und eben auf diese Weise erst moeglich gemacht wurden. Und so stellen sie auch nicht einen Rueckfall in einen primitiveren Zustand, sondern eher doch eine Art von Fortschritt dar. (3) Es fragt sich nun, ob diese Entwicklung, die bei der in so vielen Laendern und unter so vielen Formen gemeinsamen Grundtendenz offenbar einem Zeitbeduerfnis entspricht, ob diese Entwicklung also ueber das von den genannten Organisationen Erreichte wird hinausgehen und zu allgemeiner Bedeutung gelangen koennen. Man muss naemlich folgendes beachten : die Weltwirtschaftskrise besteht in der Hauptsache darin, dass das Angebot an Waren und Arbeitsleistungen groesser ist als die gegenueberstehende Nachfrage in Geld. (4) Man nennt diesen Zustand Ueberproduction, obwohl man ihn richtig als Unterkonsumation bezeichnen muesste. Es ist nun klar : wenn heute eine allgemeine Tauschwirtschaft moeglich waere, so waere jede allgemeine Ueberproduktionskrise ausgeschlossen. Es kann dann zwar noch zu Missverhaeltnissen zwischen e i n z e l n e n Produktionsgruppen kommen ( etwa zu viel Getreide, dagegen zu wenig Schuhe). Aber das wuerde sich immer rasch ausgleichen und koennte nie zu einer allgemeinen Krise fuehren. Denn so weit der technische Fortschritt oder besonders reichliche Ernten auch die Gesamtproduktion steigern koennten, so wuerde dann dennoch alles untereinander ausgetauscht werden koennen und das Resultat waere nur eine reichlichere Versorgung a l l e r mit Guetern aller Art. Diese Tatsache deutet auf den richtigen Kern der ganzen Tauschbewegung hin. Erlaubt aber der Zustand der modernen arbeitsteiligen Wirtschaft, aus dieser Erkenntnis die Konsequenze zu ziehen - ? Es erhebt sich die Frage: wird der moderne Naturaltausch ein Kuriosum bleiben oder laesst sich seine Technik so entscheidend vereinfachen und verbessern, dass er uns einen Ausweg aus der Weltkriese eroeffnet - ? Diese Frage wird ein zweiter Artikel zu beantworten versuchen. gez. : K.Z. Solneman. ----------------------------------------------------------------- (1) - (4) Hier hatte Ulrich von Beckerath anscheinend einige Anmerkungen gemacht. Die sind mir gegenwaertig nicht zur Hand. Ebenso fehlt mir noch der zweite angekuendigte Artikel. J.Z., 7 March 1998.