Uwe Timm:
Anmerkungen zu ARTHUR MÜLBERGER:
P. J. PROUDHON, Leben und Werke

Wird der Name Proudhon genannt, fällt manchen sein Ausspruch "Eigentum ist Diebstahl" ein, andere erinnern sich, daß sich Proudhon mit dem Problem der Zirkulation befaßte, er es mit einer Volksbank versuchte, aber Proudhons Leben und Werk dürfte nur wenigen vertraut sein.

Die Biographie über Proudhon, die Dr. Arthur Mülberger 1898 verfaßte und die seit 1979 im Nachdruck vorliegt (Verlag der Mackay--Gesellschaft), bringt uns den Menschen, Kritiker und Denker Proudhon nahe, und dürfte das Interesse wecken, sich intensiver mit seinen Schriften zu befassen.

Alfons Feder Cohn, der 1896 Proudhons Werk "Qu`est-ce que la propriété ou recherches sur le principe du droit et gouvernement" übersetzte und verlegte, nannte Mülberger einen der gründlichsten Proudhon-Kenner in Deutschland. Damals vertrat A. F. Cohn zuversichtlich die Überzeugung, es mehren sich die Zeichen, daß das Verständnis für den großen Theoretiker des Eigentums und des gewaltigen Bekämpfers des Kommunismus in immer weitere Kreise dringt. Proudhon war ein Denker, der in der Allianz des Sozialismus mit dem Absolutismus die schlimmste Tyrannei aller Zeiten befürchtete und bekämpfte.

In seinem Hauptwerk "Principe fédérativ" hieß es:

"Das zwanzigste Jahrhundert wird die Ära der Föderation eröffnen, oder die Menschheit wird wiederum in ein tausendjähriges Fegefeuer gestürzt werden. Das wahre Problem, das der Lösung harrt, ist in Wirklichkeit nicht mehr das politische, sondern das wirtschaftliche Problem."

Heute wissen wir, daß das 20. Jahrhundert nicht das Jahrhundert der Föderation wurde, sondern ein Jahrhundert des staatlichen Absolutismus. Proudhons Botschaft war: "Keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr, vermittels der Anhäufung von Kapitalien." "Keine Regierung des Menschen durch den Menschen mehr, vermittelst der Anhäufung von Gewalten."

Die Erschütterungen im Staatssozialismus, dieses Aufbegehren gegen den staatlichen Bürokratismus, das Verlangen nach mehr Demokratie und Freiheit, aber auch der wachsende Konservatismus im Westen, diese verhängnisvolle Bewahrung des Bestehenden, Herrschaft des Geldes, soziale Abhängigkeit der Massen vom Staat (seiner Fürsorge), all das sollte Anlaß genug sein, um die Frage nach der Herrschaft, dem Eigentum, der Freiheit immer wieder zu stellen.

Wenige Sätze von Proudhon wirken bestürzend aktuell, verdeutlichen, was wir immer noch nicht geleistet haben: "Was gibt es? Nichts als: das Produkt will Geld werden, die Regierung strebt danach, Verwaltung zu werden. Das ist die ganze Reform."

Auffallend bei Proudhon, was wir bei großen Geistern oft finden, Beharrlichkeit, Geduld, Fleiß, Ausdauer und Zielstrebigkeit, um trotz äußerst widriger Lebensumstände, nicht nur das eigene Leben zu bewältigen, sondern auch noch bedeutende Werke zu schaffen. Proudhon besaß zwar das Glück, dank einem Stipendium die Akademie Besanßon besuchen zu können, doch er war Korrektor, Geschäftsmann, Ökonomist, Unternehmer, bevor er ausschließlich seinen Studien und seinem Werk leben konnte. Was in gewisser Weise später Silvio Gesell betraf, nämlich die Weigerung, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen, mußte auch Proudhon in seiner frühen Zeit erleben: "... ich habe Fourier, Saint-Simon und die Kommunisten so sehr getroffen, daß meine Gegner das Feuer eingestellt haben; es herrscht gegen mich, wie ich gesagt habe, eine Verschwörung des Stillschweigens..."

Proudhon, der wichtige Erkenntnisse vor Marx beim Namen nannte, freilich mit anderen Konsequenzen, wurde von Marx und seinen Epigonen mit einem Haß, ja mit einer Wut verfolgt, woraus eine hemmungslose Verleumdungskampagne resultierte. Marx wollte und konnte Proudhon nicht verstehen. Für Marx war Proudhon ein "Bandwurm im Sozialismus", ein "Bourgeois-Sozialist", ein "Kleinbürger", und wo er mit seinen haltlosen Beschimpfungen nicht mehr zu Rande kam, schwieg er seinen verhaßten Konkurrenten einfach tot.

Proudhon sieht in der freien Verfügung über die Früchte der Arbeit das Wesen der Freiheit; er verurteilt am Eigentum die Privilegien, die Herrenrechte. In der Verallgemeinerung des Eigentums liegt für ihn die Abschaffung der Ausbeutung und der Herrschaft des Kapitals. In den Systemen von Marx und Fourier sah Proudhon nur eine Kasernenorganisation, ein neues Zwangssystem.

Als Marx Proudhon zur Mitarbeit an seinen "Deutsch - Französischen - Jahrbüchern" aufforderte, antwortete Proudhon in seinem Brief vom 17. Mai 1846 u.a.: "Ich stimme von ganzem Herzen ihrem Gedanken bei, eines Tages alle Ansichten zu produzieren; führen wir eine gute und ehrliche Polemik; geben wir der Welt das Beispiel einer weisen und vorsichtigen Toleranz, aber hüten wir uns, weil wir an der Spitze der Bewegung stehen, uns zu Führern einer neuen Intoleranz aufzuwerfen: gebärden wir uns nicht als die Apostel einer neuen Religion, selbst dann nicht, wenn diese Religion die Religion der Vernunft wäre..."

Was in Proudhon lebendig war, vielfältiger Geist, undogmatisches Denken, Kreativität und jede erstrebte Freiheit als eine konkrete Aufgabe in der Gegenwart zu sehen, das ist was uns not tut und was häufig auch jenen fehlt, die eine Überwindung des Kapitalismus und Kommunismus anstreben. Proudhon war mit seinen Aktivitäten im Volk verwurzelt, ohne sich als Führer aufzuführen, sondern als ein Mensch, der Menschen unabhängig von ihrem Status zueinander in Beziehung setzte. Freiheit wurde verstanden als ein Gesamtinteresse, nicht als ein Anliegen einer bestimmten Schicht, der Arbeiterklasse oder dem Proletariat. Aus der Erkenntnis

"Wir leben von einer größeren Tatsache, als das Eigentum, von einem höheren Prinzip, als das Eigentum; wir leben von der Zirkulation. Wie die Zirkulation des Blutes die ursprüngliche ursächliche und bewegende Funktion des menschlichen Körpers ist, so ist die Zirkulation der Produkte die ursächliche und bewegende Kraft des sozialen Körpers. Das Eigentum aber ist in dieser Zirkulation ertränkt, umgestaltet und verloren" gelangte Proudhon zur Begründung seiner Volksbank.

Für Proudhon war das ein Versuch, die Arbeit gegen das Kapital zu organisieren, ein zirkulatorisches Zentrum zu schaffen, das mit zinslosen Krediten arbeitet. Ein erfolgreiches Experiment. Fälschlich wurde immer wieder, besonders von Marxisten, behauptet, dieses Experiment sei ökonomisch gescheitert, was aber nicht stimmt. Proudhon wurde, weil er in seinen Veröffentlichungen den Präsidenten Louis Bonaparte angegriffen hatte, zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt und zur Liquidation seiner Volksbank gezwungen. Diese besaß innerhalb von wenigen Wochen 20 000 Mitglieder, überwiegend aus den Kreisen der Arbeiter - Assoziationen, und war außerdem Zentrum für ca. 60 000 Menschen geworden. Niemand wurde bei der Liquidierung finanziell geschädigt.

Wesentlich ist hier das Beispiel, nicht das Wie; über ein anderes Wie, andere Alternativen läßt sich immer diskutieren. Nach Proudhon war es Scharlatanismus und Feigheit immer von Sozialismus zu reden, ohne etwas sozialistisches zu unternehmen.

Silvio Gesell wagte den "Abbau des Staates" noch zu denken, suchte in der Münchner Räterepublik Freiwirtschaft zu realisieren, das Anliegen der Arbeiterklasse zu verstehen; daher seine Beziehung zu Gustav Landauer. Er würde sich, wenn er heute noch lebte, mit Alternativen in der bestehenden Gesellschaft auseinandersetzen und wohl das noch passive Warten seiner Anhänger auf die Freiwirtschaft nicht billigen. Funktionierendes Geld könnte es in jeder Gesellschaft geben, erfordere nicht einmal Demokratie, dieses sei nur eine Sache "wie man Räder am laufen halte", unter dieser fälschlichen Reduzierung wird vielfach "Freiwirtschaft" verstanden.

Wie sich die individuellen und kollektiven Beziehungen der Menschen entwickeln könnten, sobald der Staat Gesellschaft geworden ist, Regierung Verwaltung, die Zirkulation des Geldes gewährleistet, in diesen Zusammenhängen dachte Proudhon und mir scheint, wenn auch von manchen Freiwirtschaftlern nicht immer wahrgenommen, ebenso Silvio Gesell. Proudhon:

"Das Problem ist nicht zu wissen, wie wir am besten regiert werden, sondern wie wir am freiesten wären..."

In der Existenz des anderen Menschen sah Proudhon keine Beschränkung der individuellen und kollektiven Freiheit. Hatte er schon in seinem Frühwerk "Was ist Eigentum" den Gedanken betont, wir alle seien wohl oder übel Gesellschafter, niemand sei König, also niemand könnte besondere Privilegien über den "anderen" beanspruchen, vertrat er die Überzeugung: "Vom sozialen Gesichtspunkt sind Freiheit und Solidarität identisch, indem die Freiheit eines jeden in der Freiheit eines anderen nicht mehr eine Schranke, wie die der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1793 sagt, sondern eine Hilfe findet, ist der freieste Mensch derjenige, welcher die meisten Beziehungen zu seinen Mitmenschen hat..."

Vom Staate zu erwarten, von den Regierungen, sie würden mit gutem Zureden die Zirkulation gewährleisten, eine freie Gesellschaft realisieren, dürfte uns kaum hilfreich sein; so daß sich mit Proudhon sagen ließe: wer nur von Freiwirtschaft redet, ohne freiwirtschaftlich zu handeln, bringt uns nicht weiter. Wobei zum freiwirtschaftlichen Handeln auch gehört, eigene Isolierung zu brechen, ins Gespräch mit allen Gruppen der Gesellschaft zu kommen. Krankheit und früher Tod verhinderten, daß Proudhon seine Arbeit über das Eigentum vollenden konnte, aber es ist bewiesen, daß Eigentum immer Diebstahl bedeutet, wenn es monopolisiert, der Zirkulation entzogen wird, Eigentum jedoch Freiheit und Unabhängigkeit garantiert, sobald die Bedingungen existieren, Monopolisierung zu verhindern, Zirkulation zu gewährleisten.

Uwe Timm, Hamburg, Nov. 1987

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Literaturhinweise:

P. J. Proudhon: Was ist das Eigentum / Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft / Aus dem Französischen zum ersten Male vollständig übersetzt von Fedor Alfons Cohn / Verlag B. Zack, Berlin 1905 / Neudruck der Ausgabe von 1896 im Verlag für Sammler, Graz, Austria, 1971

P. J. Proudhon: Bekenntnisse eines Revolutionärs / Übersetzung von A. Ruge, Herausgeber und Einleitung von Gottfried Salomon / E. Laub'sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1923 / Neue Ausgabe von 1969, Rowohlt, Herausgeber: Günther Hillmann. Leider fehlt in der Neuauflage die sehr gute Einleitung von G. Salomon.

Karl Diehl: P. J. Proudhon, seine Lehre und sein Leben, 1. Abteilung: Die Eigentums- und Wertlehre, in: Sammlung nationalökonomischer und statistischer Abhandlungen des Staatswiss. Seminars zu Halle a.d.S., hrsg. v. J. Conrad, 5. Bd., 2. Heft, Jena 1888, 2. Abtlg.: Das System der ökonomischen Widersprüche, ebenda 6. Bd., 3. Heft, Jena 1890; 3. Abtlg.: Sein Leben und seine Sozialphilosophie, ebenda 6. Bd., 4. Heft, Jena 1896
(Die umfassendste und unverzerrteste Wiedergabe der Ideen von Proudhon. Auch wenn Diehl den Vorstellungen von Proudhon durch seine nicht orthodoxe marxistische Orientierung kritisch gegenübersteht, bemüht er sich zwischen "objektiver" Darstellung und Bewertung streng zu unterscheiden, ein Vorzug, den die meisten Wiedergaben von Proudhon nicht aufweisen. Im Unterschied zu Proudhon sind Diehls Ausführungen auch verständlicher. Burghard Flieger)

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