Ulrich von Beckerath:
Brief an WALTER ZANDER vom 7. 4. 1950

(...) Eine Gruppe indischer Ökonomisten, die den Grundsätzen unserer vier Gesetzentwürfe nahesteht, hat sich im Indian Institute of Sociology, Arya Bhavan Sandhurst Road, Bombay 4, organisiert.

Die Gruppe gibt eine Zeitschrift heraus: The Indian Sociologist, Editor: R. B. Lotwala, (...). Ich gebe (die Adressen, shs) so an, wie ich sie im Anzeigenteil der in Indien neu gedruckten Schrift von W. B. Greene, "Mutual Banking", gefunden habe. (April 1946). (...)

Die Einleitung zu der Neuauflage von "Mutual Banking" ist zwar sehr kurz (4 klein-Oktav-Seiten), zeigt aber, daß der Herausgeber sein Thema beherrscht. Er verlangt vom Leser u.a., daß er auch das Projekt der Tauschbank Proudhon's kenne.

Proudhon sowohl als Greene (1848 und 1849) waren sich über den ganz grundsätzlichen Unterschied von Umsatzkredit und Anlagekredit noch nicht klar. Das wirkt sich bis heute aus, u.a. auch darin, daß der Herausgeber in der Neuauflage ebenfalls nicht darauf eingeht. Und dabei legte schon Adam Smith dar, daß eine Notenbank, die langfristige Kredite oder Anlagekredite gewährt, notwendig pleite machen muß.

Sehr schön sagt er: Eine Notenbank ist ein sehr bequemer Gläubiger für einen Hypothekenschuldner, aber eine Hypothek ist eine ganz ungeeignete Anlage für eine Notenbank.

Proudhon meinte, man könne doch auch künftige Güter gegen bereits vorhandene Güter TAUSCHEN. Damit hatte er grundsätzlich recht. Er bemerkte aber nicht, daß das nur deswegen möglich ist, weil die europäischen Sprachen beide Arten von Tausch,

  1. vorhandene Güter mit anderen vorhandenen Gütern,
  2. noch herzustellende Güter mit anderen vorhandenen Gütern,
kritiklos mit dem gleichen Wort bezeichnen. W. B. Greene hat das entweder von Proudhon übernommen, oder er ist von selbst darauf gekommen. Mir scheint, so richtig klar ist das richtige Prinzip erst durch die vier Gesetzentwürfe geworden.

Wenn es der indischen Gruppe gelingt, eine Bank genau nach den Vorschlägen Greenes zu starten, so müssen ihre Noten gleich ein beträchtliches Disagio bekommen, weil die Schuldner der Bank nicht verpflichtet sind, ALLE umlaufenden Noten zu pari anzunehmen. Das Disagio werden dann Durchschnitts-Menschen (Zeitungsschreiber, Minister, Geschäftsleute) dem fehlenden Zwangskurs zuschreiben und daraus ein Argument gegen private Notenausgabe entnehmen.

Es ist ganz auffallend, daß die ältere Theorie der Zahlungsmittel die Erlaubnis für das Volk, ihm verdächtige Zahlungsmittel ohne Angaben von Gründen ablehnen zu dürfen, kaum jemals in Betracht gezogen hat. (...)

MANCHMAL haben von Akademien zur Diskussion gestellte Fragen die Wissenschaft sehr gefördert. KANT hat einige seiner wichtigsten Schriften als Antworten auf solche Fragen publiziert. Die Jerusalemer Universität könnte eine alte Tradition wieder aufnehmen und ein paar Fragen zur Diskussion stellen, deren Ignorierung zu der gegenwärtigen Misere in der ganzen Welt beigetragen hat.

Beispiele

  1. Können heute Regierungen auf den Zwangskurs verzichten, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?
  2. Können Zahlungsmittel ohne Zwangskurs auch bei unsachgemäßer Emission inflatorisch wirken?
Ein paar andere Themen werden ihnen selbst einfallen.

Mit bestem Gruß,
gez. U. v. Beckerath

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