In Kanada gibt es dreierlei Arten von Zahlungsmitteln: Noten der Privatbanken, Staatspapiergeld und Goldmünzen. Über die Noten der Privatbanken herrscht in kanadischen Finanzkreisen eine Auffassung, die in anderen Ländern als grob inflationistisch angesehen würde. Nach Ansicht der Kanadier schließt ihr System aber tatsächlich jede Inflation aus und ist weiter nichts als elastisch. Das Recht, Noten auszugeben, ist für die kanadischen Privatbanken eigentlich unbeschränkt. Das Gesetz verlangt allerdings ein Maximum in Höhe des dreifachen Aktienkapitals. Solange das Aktienkapital aber nicht in bar eingezahlt zu werden braucht, sondern auch durch Sachwerte oder andere Sicherheiten gedeckt werden kann, ist natürlich jede Notenbank in der Lage, ihr Aktienkapital ohne Beanspruchung von Bargeld zu erhöhen und damit auch ihr Noten- Maximum. Allerdings wird von dieser Möglichkeit schon seit langem kein Gebrauch mehr gemacht.
Die Noten werden nicht etwa auf Grund des Aktienkapitals ausgegeben, sondern ausschließlich auf Grund akzeptierter Warenwechsel. Das Aktienkapital dient nur als Garantie und könnte ebensogut fehlen. Nach kanadischer Auffassung ist eine Privatbanknote volkswirtschaftlich weiter nichts als ein Wechsel, der auf einen RUNDEN Geldbetrag lautet und unverzinslich, dafür aber gegen Zahlungsunfähigkeit des ersten Ausstellers versichert ist.
Wer einen Wechsel gegen Banknoten umtauscht, tut nach der in Kanada herrschenden Auffassung etwas ganz Analoges wie jemand, der großes für den Verkehr ungeeignetes Geld in kleines umwechselt. Diese Auffassung der Banknote als eines für den Verkehr mit dem Publikum zurechtgemachten Wechsels kommt auch dadurch zum Ausdruck, daß die Noten keinen Zwangskurs haben. Nach kanadischer Auffassung ist es Sache der Banken dafür zu sorgen, daß die Noten nicht geringer bewertet werden als gesetzliche Zahlungsmittel. Früher trugen die Noten kanadischer, übrigens auch amerikanischer und englischer Wechsel- Diskont-Banken die sogenannte Optionsklausel, welche besagte, daß die Bank die Note nicht in bar einzulösen, sondern sie nur zur Verrechnung oder bei der Rückzahlung von Schulden anzunehmen brauchte.
Die Parität der Noten mit dem Goldgeld wird durch folgenden Umstand gesichert. Die Banken haben fortwährend für die fällig gewordenen Wechsel große Forderungen an den Handel und die Industrie des Landes. Die Zahlung an die Banken kann entweder in Noten oder in gesetzlichen Zahlungsmitteln geleistet werden. Entstände nun an irgendeinem Orte ein Disagio der Noten gegenüber dem Landesgeld, so wäre es für jeden, der Zahlungen an die Bank zu leisten hat, vorteilhaft, an diesen Orten zum geringeren Kurse als 100 aufzukaufen und mit 100% an die Bank weiterzugeben. Dadurch würde das Disagio der Noten, wenn es jemals entstehen sollte, tatsächlich immer nur ganz kurze Zeit andauern, vielleicht sogar nur ein paar Stunden, denn jeder, der an die Bank Zahlungen zu leisten hat, würde natürlich gern die Gelegenheit benutzen, um einen kleinen Kursgewinn zu machen. Solange die Noten auf pari stehen, und das ist tatsächlich fast immer der Fall, bekommen die Banken bei Fälligkeit der von ihnen diskontierten Wechsel nicht nur ihre eigenen Noten zurück, sondern auch Landesgeld. Dadurch sind die Banken in die Lage versetzt, ihrerseits mit Landesgeld zu intervenieren, wenn einmal irgendwo ein Disagio der Noten bemerkbar werden sollte. Alles das hat sehr viel Ähnlichkeit mit den Verhältnissen in Deutschland vor dem Jahre 1875, als noch Privatnoten zirkulieren durften. Eine Inflation ist bei diesem System nach Ansicht der Kanadier, wie schon bemerkt, ganz unmöglich. Jedenfalls würde sie sich bemerkbar machen durch eine Kurssenkung der Banknoten gegenüber dem Golde, die im normalen Verkehr nicht zu beheben ist und würde das größte Aufsehen erregen. Eine Steigerung der Warenpreise würde nicht eintreten, wie ja auch in Deutschland durch die Inflation die Goldpreise der Waren nur ganz ausnahmsweise erhöht wurden. Man würde auch in Deutschland von einer Entwertung der Reichsbanknoten gesprochen haben und nicht von einer Erhöhung der Preise, wenn es erlaubt gewesen wäre, die Preise im Kleinhandel in Gold zu berechnen. Die allgemeine Rechnung in Gold gilt also in Kanada ebenso als Sicherung der Währung, wie sie in Europa als eine Gefahr für die Währung gilt. Der Umstand, daß der kanadische Dollar meistens etwas über dem New-Yorker steht, scheint für die Richtigkeit der kanadischen Ansicht zu sprechen. Man könnte nun die Frage aufwerfen, ob das kanadische Geldsystem nicht doch die Gefahr in sich birgt, daß der Verkehr eines Tages mit Banknoten, wenn auch mit entwerteten, überflutet wird, und ob es nicht richtig wäre, der Emission eine engere Grenze zu setzen als es das kanadische Gesetz tut. Die kanadische Auffassung darüber ist folgende:
Solange nicht etwa Betrug vorliegt, entspricht jedem akzeptierten Warenwechsel eine verkaufte Warenmenge. Die Notenemission ist also ganz scharf begrenzt durch die Möglichkeit der kanadischen Wirtschaft, Waren zu produzieren und an zuverlässige Käufer mit dem handelsüblichen Ziel zu verkaufen. Nach Ansicht der kanadischen Finanzfachleute ist diese durch die Produktion und den Absatz gezogene Grenze auch die richtige Grenze für die Notenausgabe. Was darüber ist, ist Inflation, was darunter ist - Deflation. Nach kanadischer Auffassung können und sollen die Banken zwischen beiden genau die richtige Mitte halten. Die Verschiedenheit der europäischen und der kanadischen Auffassung erhellt sich aus folgendem Beispiel: Ein Landwirt bestellt bei einer Maschinenfabrik eine Lokomotive. Der Fabrikant bezahlt mit dem Kaufpreis seine Arbeiter, diese kaufen sich Brot beim Bäcker, dieser Mehl von der Mühle und die Mühle erhält ihr Korn von dem Landwirt, der die Lokomotive kaufte. Nach europäischer Auffassung kann dieser wirtschaftliche Kreisprozeß, auch wenn alle Waren verkaufsfertig vorhanden sind, nicht stattfinden, wenn nicht entweder der Landwirt über Bargeld verfügt oder irgendjemand anders mit Bargeld aus Sparkapital aushilft. Nach kanadischer Auffassung genügt es vollkommen, wenn das Korn etc. und die Lokomotive effektiv vorhanden sind. Der Fabrikant vollzieht dann einen Wechsel auf den Landwirt, dieser akzeptiert ihn, und die Bank diskontiert ihn - nach europäischer Auffassung einfach durch die Notenpresse. Nun bezahlt der Fabrikant seine Arbeiter mit den Noten, diese ihren Bäcker, der Bäcker die Mühle, die Mühle den Landwirt, und der Landwirt löst damit seinen Wechsel ein, wenn ihn die Bank am Fälligkeitstag präsentiert. Damit sind die Banknoten aus dem Verkehr verschwunden und die Gefahr einer Inflation ist beseitigt. Sparkapital wird für diesen einfachen Vorgang nicht beansprucht. Nach kanadischer Auffassung ist es Aufgabe des Sparkapitals, sich in Produktionsmitteln, Häuser usw. zu verwandeln, nicht aber den Kleinhandel mit Zahlungs-mitteln zu versehen. In Europa bestreitet man zwar dem Sparkapital die erstere Aufgabe nicht, weist ihm aber außerdem noch die zweite zu, eine Auffassung, die in voller Schärfe allerdings erst seit Beendigung der Inflation und als Reaktion dagegen auftrat, aber schon vor 100 Jahren in England von der "Currency - Theorie" vertreten wurde.
Das heute in Kanada übliche System wurde von der "Banking - Theorie" verteidigt. Die Folge dieser Verschiedenheit in den Ansichten ist es allerdings z. Zt., daß in Mitteleuropa eine Fabrik nach der anderen aus Mangel an Zahlungsmitteln stillgelegt wird, während in Kanada zwar hier und da Stillegungen vorkommen, aber niemals aus Mangel an Zahlungsmitteln, im übrigen aber fast jedes Jahr neue Fabriken angelegt werden und die bestehenden ihre Einrichtungen verbessern. Der sehr hohe Stand der Kanadischen Landwirtschaft ist weltbekannt (1923 rund 500 Mill. Bushel Weizen). Keine kanadische Bank wird aber Verbesserungen der Produktion durch Notenemission finanzieren, sondern ausschließlich aus Depositen. Das alles ist altenglische Tradition aus der Zeit bevor die Noten der Bank von England gesetzliches Zahlungsmittel wurden, und als noch Adam Smith maßgebend war. Wie im Jahre 1810 Londoner Praktiker über die Sache dachten, ergibt sich aus der Vernehmung des Gouverneurs der Band von England und seiner Direktoren vor dem Parlamentsausschuß zur Untersuchung des Goldagios. Der Bericht des Ausschusses ist später unter dem Namen "Bullionreport von 1810" ( Bullion heißt im Englischen Barren ) sehr berühmt geworden und steht in England bei vielen heute noch in großem Ansehen. Der Ruhm ist vom heutigen Standpunkt aus ganz unverdient, denn daß von den fast 25 Millionen betragenden Noten über 5 Millionen für Schatzwechsel ausgegeben waren, erwähnt der Bericht mit keinem Wort. Auf den Gedanken, daß dies die eigentliche Ursache des ca. 10% betragenden Goldagios gewesen sein könnte, sind die Mitglieder des Ausschusses anscheinend nicht gekommen, obwohl der berühmte Ricardo dabei war. - Der Gouverneur Pearse erklärte:
"Man muß sich klar machen, wie Banknoten ausgegeben werden. Sie dienen nur zum Diskontieren von Warenwechseln, und dadurch ist ihre Menge so begrenzt, daß sie weder den Goldpreis noch den Devisenkurs beeinflussen können. Ich persönlich bin daher der Ansicht, daß solange diese Grundlage der Emission nicht verlassen wird, man bei der Emission von Banknoten weder den Goldpreis noch die Devisenkurse zu berücksichtigen braucht."
Aus einer Andeutung im 4. Kapitel des "Bullion Report's" scheint hervorzugehen, daß sich P. auch über die ihm aufgezwungene Diskontierung von Schatzwechseln äußerte und deren Einfluß auf die Valuta - darüber geht der Bericht aber hinweg mit der Begründung, daß er die Privatangelegenheiten der Bank nicht preisgeben wolle. Ein anderer Direktor der Bank von England, Whitmore, erklärte: "Ich bin genau der gleichen Meinung wie Pearse und halte es für ganz unnötig, an den Tagen, an welchen wir diskontieren, den Goldpreis oder die Devisenkurse zu Rate zu ziehen." Harman, ein anderer Direktor der Bank erklärte: "Um zugeben zu können, daß durch unsere Noten die Devisenkurse beeinflußt werden könnten, müßte ich meine Ansicht über das Bankwesen grundlegend ändern."
Bagehot in seinem zwar oft zitierten, aber vielleicht etwas überschätzten Werk "Lombardstreet" sagt allerdings, daß diese Antworten durch ihren Unsinn fast klassisch geworden seien (...have become almost classical by their nonsense) und erlaubt sich sogar hinzuzufügen, daß nur wenig Menschen in so wenig Worten so viel Irrtümer ausgesprochen hätten. Lansburgh in seiner "Notenbank" schließt sich diesem Urteil an. Der "Bullion-Report", dem die Äußerungen entnommen sind, tadelt die Worte der Direktoren gleichfalls, wenn auch in gemäßigten Ausdrücken. Wenn die alten Praktiker Pearse, Whitmore und Harman aber heute noch lebten und sähen, daß trotz der überaus scharfen Verurteilung ihrer Ansichten durch die "Currency - Schule" die kanadischen Bankiers unverändert daran festhalten und, wie die geringe Arbeitslosigkeit in Kanada zeigt, die größten Erfolge erzielen, während Europa auch in guten Zeiten selten mehr als 90% seiner Arbeiter voll beschäftigen kann und 10% beständig arbeitslos herumlaufen hat, so würden sie ihre Ansichten schwerlich nachträglich ändern.
Die Ausweise der kanadischen Notenbanken zeigen die Elastizität im Geldumlauf.
Privat-Banknoten in Million Dollars am Ende jeden Monats und Kapital der Banken am Ende des Jahres:
| Jahr | Jan. | Feb. | März | Apr. | Mai | Juni | Juli | Aug. | Sep. | Okt. | Nov. | Dez. | Kapital der Banken am Ende des Jahres |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1911 | 77 | 80 | 82 | 84 | 82 | 89 | 89 | 91 | 97 | 106 | 102 | 102 | 108 |
| 1912 | 88 | 89 | 96 | 95 | 94 | 102 | 96 | 102 | 104 | 111 | 116 | 110 | 115 |
| 1913 | 95 | 97 | 102 | 98 | 103 | 106 | 99 | 106 | 111 | 118 | 119 | 109 | 118 |
| 1914 | 97 | 98 | 97 | 93 | 98 | 99 | 95 | 115 | 120 | 123 | 115 | 106 | 114 |
Eine Besonderheit des kanadischen Banksystems besteht darin, daß die Banken keine besondere Reserve zu halten brauchen.
Ein Gefahrenpunkt des kanadischen Geldsystems und überhaupt des ganzen "Banking - Principle" darf allerdings nicht übersehen werden. Die Banknoten können auf ihre ursprüngliche Funktion als Verrechnungszeichen nur dann beschränkt bleiben, wenn die Fristen zwischen der Diskontierung eines Wechsels und seiner Einlösung durch Noten oder Landesgeld ganz kurz sind. Werden die Fristen zu lang bemessen oder werden die Wechsel prolongiert, dann wirken die Noten in der Volkswirtschaft als Geld und nicht als Verrechnungszeichen, es sei denn, daß die Bank die Prolongation mit ihr anvertrauten Depositen vornimmt. Vor kurzem hatten zwei kanadische Banken das nicht genügend beachtet, ihre Noten erhielten promt ein Disagio, das durch Intervention nicht behoben werden konnte und ganz kurz darauf war das Mißtrauen gegen die Banken derartig gestiegen, daß sie ihre Schalter schließen mußten. Hätten die Noten Zwangskurs gehabt, so wären die Preise gestiegen anstatt daß die Noten entwertet wurden.
Ein Kenner wie Professor M i s e s machte auf diesen Gefahrenpunkt des "Banking - Principle" schon 1912 in seiner "Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel" aufmerksam und äußerte sogar, daß wegen dieser Gefahr das "Currency - Principle" vorzuziehen sei. In Kanada würde man diese Ansicht allzu pessimistisch finden. Jedenfalls hat die Vereinigung der kanadischen Bankiers in den letzten Wochen Vorschläge gemacht, um durch eine verbesserte Staatsaufsicht die Vorteile des "Banking - Principle" zu wahren und seine Nachteile zu vermeiden.
Die Ansichten der kanadischen Volkswirte über das Staatspapiergeld weichen von den in Europa üblichen sehr ab und sind offenbar durch den großen Theoretiker der privaten Zahlungsmittel, Sir James Stewart, dessen Hauptwerk 1767 erschien, beeinflußt. Nach der Ansicht Stewart`s hat der Staat die Pflicht, nicht mehr und nicht weniger Papiergeld auszugeben, als Landesgeld in seinen Kassen untätig eingeschlossen ist. Die Menge des umlaufenden Geldes sollte nach Stewart durch die Besteuerung möglichst wenig beeinflußt werden. Wenn der Staat neue Steuern erhebt, ohne gleichzeitig der Volkswirtschaft die nötigen Zahlungsmittel zu liefern, um die Steuern zu entrichten, so treibt er nach Stewart Deflation und schädigt die Volkswirtschaft um so schwerer, je höher die auferlegten Steuern sind. Fährt der Staat auch dann noch fort, Papiergeld auszugeben, wenn die Steuern schon anfangen einzulaufen, dann - aber auch erst dann - beginnt nach Stewart die Inflation mit staatlichem Papiergeld. Über die Zeit, die zwischen der ersten Ausgabe von zusätzlichem Papiergeld und dem Beginn der effektiven Steuererhebung höchstens vergehen darf, läßt sich natürlich eine bestimmte Angabe nicht machen. Aber schon die Vorgänger Stewart`s und vor allem auch die Londoner Bankiers zur Zeit, als England zum ersten Male Schatzwechsel ausgab, waren der Ansicht, daß zum wenigsten innerhalb eines Jahres das ausgegebene Papiergeld wieder in die Staatskassen zurückgekehrt sein müsse. In Kanada mit seinem hochentwickelten bargeldlosen Zahlungsverkehr ist man der Ansicht, daß in den Staatskassen höchstens 25 1/2 Millionen Dollars untätig liegen werden. Von den "Dominion - Notes" braucht daher ein Betrag von 25 1/2 Millionen Dollars nicht durch Gold gedeckt zu sein. Alles was darüber hinausgeht, muß aber zu 100% durch Geld gedeckt sein. Das Staatspapiergeld zirkuliert im Publikum tatsächlich nur in Stücken von 2 Dollars und darunter. Die großen Stücke, von denen die größten über 5000 Dollars lauten, vermitteln nur den Verkehr mit den Großbanken und den Banken. (Nach FOSTER , "Banking" und Zeitungsausschnitten.)
Bth.