BthEheKo.456 Transcript of a bareley legible carbon copy : 2. 4. 1956 Lieber Herr Kortmann, zu dem mir freundlichst geliehenen Buch : "Ehe", von Ernst Michel. Die meisten Ausfuehrungen sind sehr allgemein gehalten. Das scheint mir der Grund zu sein, weshalb auch sehr viel Richtigest darin enthalten ist. Was mich an einem 240 Seiten umfassenden Buch interessiert haette, das waere ein Kapitel ueber moegliche REFORMEN gewesen. Dazu gehoert haette - - meiner Meinung nach - - ein Kapitel ueber Elemente der Ehe, die entweder gar keiner Reform beduerfen, oder die erst dann reformiert werden sollten, wenn die Ursachen der eroerterten Missstaende beseitigt sind. Beispiele: Dass zur Zeit eine Ehe nicht, wie im Altertum und heute noch in Aegypten und in Marokko, durch ein drei mal vom Ehemanne ausgesprochenes : "Ich vestosse dich!" geloest werden kann, das erscheint mir als ein Fortschritt, obwohl z.B. die Marokkaner gewichtige Gruende FUER den in ihrem Lande bestehenden Zustand anfuehren. ( Wichstigster Grund : Die Neigung der Maenner, zu heiraten, wird dadurch sehr gefoerdert. Alte Jungfern gibt es in Marokko nicht. Die vor 30 Jahren sehr gelesene Schriftstellerin Grete Auer, die mehrere Jahre in Marokko lebte, schreibt darueber Beachtliches.) Ferner: Eine Ehe allein auf einen Vertrag zu gruenden waere meiner Meinung nach erst zweckmaessig, wenn die Wohnungsverhaeltnisse im allgemeinen und die Erwerbsverhaeltnisse der Frauen ihnen die Unabhaengigkeit gewaehrten, die die Maenner haben. Ueber wuenschenswerte Reformen haben wir oefters gesprochen, sowohl ueber solche, die schon in der heutigen Gesellschaftsordnung moeglich sind als auch ueber solche, die erst nach einer Gesellschaftsreform moeglich erscheinen, z.B. erst nach der Beseitigung der Ursachen der Arbeitslosigkeit. Ueber alles das bringt Michel so gut wie nichts. Deshalb liegt das Buch eigentlich ausserhalb meiner Interessensphaere. Uebrigens scheint mir, dass sehr vieles von dem, was Michel ganz richtig sagt, sich vorwiegend auf SEHR GEBILDETE Ehepartner bezieht. Es gibt aber auch andere, und gerade die sind volkswirtschaftlich wichtig. - - - - - Es kann sein, dass mir manches Wertvolle an dem Buch entgangen ist. Vielleicht machen Sie mich nachtraeglich darauf aufmerksam. - - - - - Mit bestem Gruss gez.: U. v. Beckerath.