1.
Ein großer Sturm
In
einem sonnigen Strandstädtchen, lange bevor Filmstars es mit
ihren Kabrioletts füllten, wohnte ein Junge namens Jonathan
Gullible.
Kaum
jemand beachtete ihn, außer seinen Eltern, die ihn für
schlau, ernsthaft und wunderbar athletisch hielten - von seinem
zerzausten, sandfarbenen Haarschopf bis zu seinen übergroßen
Füßen. Sie arbeiteten schwer in dem kleinen Kramladen auf
der Hauptstraße des Ortes, der eine geschäftige
Fischflotte beheimatete.
Im
Ort wohnten viele hart arbeitende Menschen; die einen waren gut, die
anderen waren schlecht, die meisten ganz normaler
Durchschnitt.
Wenn
er nicht gerade Botengänge oder kleine Arbeiten für das
Geschäft der Eltern erledigte, steuerte Jonathan sein
selbstgezimmertes Segelboot durch den engen Kanal des kleinen Hafens
auf der Suche nach Abenteuern.
Wie
so viele Jugendliche, die ihre ersten Jahre immer am gleichen Ort
verbringen, war auch Jonathan vom Leben gelangweilt und empfand die
Menschen um sich herum als eher einfallslos. Er sehnte sich, ein
fremdes Schiff oder einen großen Fisch auf seinen Reisen
außerhalb des Hafens zu entdecken.
Vielleicht
würde er mit einem Piratenschiff zusammentreffen und gezwungen
werden, die sieben Meere als Mitglied der Mannschaft zu umschiffen.
Vielleicht würde ihn aber auch ein Walfänger auf der Suche
nach Beute mit an Bord nehmen.
Die
meisten Ausflüge endeten jedoch mit einem knurrenden Magen oder
einer ausgedörrten Kehle und der Gedanke an das Abendessen
führte ihn heimwärts.
An
einem dieser schönen Frühlingstage, wenn die Luft so frisch
ist wie die Wäsche im Wind, war die See so verlockend, daß
Jonathan nur noch daran dachte, sein Mittagessen und seine
Angelausrüstung in das kleine Boot zu packen, um die Küste
entlangzufahren. Seinen Rücken der Brise zugewandt, nahm
Jonathan die dunklen Sturmwolken am Horizont nicht wahr. Er hatte
erst kürzlich angefangen, über die Hafenausfahrt
hinauszusegeln und doch war er schon recht selbstsicher.
Der
Wind begann an Stärke zuzunehmen, doch als er es merkte, was es
schon zu spät. Bald kämpfte er verzweifelt mit dem
Segelwerk, als der Sturm mit furchtbarer Gewalt über ihn
hereinbrach. Sein Boot wurde zwischen den Wellen hin und her
geworfen. Jede Anstrengung, die er machte, sein Schiff zu
kontrollieren, war sinnlos gegen den schrecklichen Wind.
Schließlich
preßte sich Jonathan auf den Boden des Bootes, klammerte sich
an den Balken fest und hoffte, er würde nicht kentern. Tag und
Nacht flossen zusammen in einem furchterregenden Wirbel.
Als
der Sturm endlich nachließ, bot sein Boot das Bild der
Verwüstung: der Mast gebrochen, die Segel gerissen und mit einer
beängstigenden Schlagseite nach Steuerbord. Die See beruhigte
sich, doch ein dichter Nebel bedeckte sein Schiff und schnitt jeden
Blick ab.
Jonathan
trieb für mehrere Tage in seinem Boot, sein Wasservorrat ging
zur Neige und er konnte seine Lippen nur noch mit dem Wasser
befeuchten, das von den Segelfetzen heruntertropfte.
Schließlich
lichtete sich der Nebel und Jonathan nahm den dunklen Umriß
einer Insel wahr. Als er näher herantrieb, erkannte er ein
unbekanntes Land mit Sandstränden und steilen Hügeln, die
von einer üppigen Vegetation bedeckt waren.
Die
Wellen trieben ihn auf ein flaches Riff. Jonathan ließ sein
Boot zurück und schwamm eifrig an das Ufer. Schnell entdeckte er
die rosafarbenen Guaven, die reifen Bananen und andere köstliche
Früchte, die im Regenwald hinter dem schmalen Sandstrand im
Übermaß vorhanden waren, und verschlang sie
hungrig.
Als
er seine Kräfte wiedergewonnen hatte, fühlte er sich
furchtbar einsam, aber glücklich über seine Rettung und
gespannt auf das unerwartete Abenteuer. Er machte sich unverzüglich
entlang der weißen Sandstrände auf den Weg, um die
unbekannte neue Welt zu erforschen.
»Was
für Leute werden nur hier leben«, fragte er sich. »Werden
sie freundlich sein und umgänglich? Na ja, wo immer ich auch
bin, hier ist es jedenfalls nicht langweilig.«
2.
Unruhestifter
Jonathan
spazierte mehrere Stunden durch dichtes Gestrüpp in Richtung
eines flachen Hügels, der sich hinter dem Strand erhob.
Plötzlich hörte er die Schreie einer Frau. Er blieb stehen
und sah aufmerksam umher, um die Quelle des Geräusches zu
entdecken.
Irgendwo
aus dem Dickicht hörte er einen weiteren verzweifelten Hilferuf.
Jonathan bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp auf die
Geräusche zu. Bald fand er sich auf einem Trampelpfad
wieder.
Jonathan
rannte um eine scharfe Kurve und prallte mit voller Wucht auf einen
stämmigen Mann, der ihn wie eine Mücke beiseitefegte.
Benommen schaute er auf und sah, wie zwei Männer eine Frau
hinter sich herzerrten, die laut schrie und um sich
stieß.
Als
Jonathan wieder zu Atem kam, war das Trio verschwunden. Er war
sicher, daß er allein die Frau nicht würde befreien
können, und rannte deshalb den Weg hinauf, um Hilfe zu
holen.
Nach
wenigen Minuten erreichte er eine Lichtung, auf der mehrere Leute um
einen Baum herumstanden und mit Stöcken auf diesen
einschlugen.
Jonathan
ergriff den Ärmel eines Mannes, der den anderen bei der Arbeit
zusah. »Bitte, helfen Sie mir«, flehte Jonathan. »Zwei
Männer haben eine Frau entführt und sie braucht unsere
Hilfe.«
»Kein
Grund zur Aufregung«, sagte der Aufseher schroff. »Die
Frau wurde festgenommen. Vergiß es und geh weiter, wir haben zu
arbeiten.«
»Festgenommen?«
fragte Jonathan, der immer noch nach Luft schnappte. »Sie sah
nicht aus wie - äh - eine Kriminelle.«
Aber
wenn sie eine Verbrecherin war, fragte sich Jonathan, warum schrie
sie dann so verzweifelt um Hilfe? »Entschuldigen Sie bitte,
mein Herr. Aber was hatte sie denn verbrochen?«
»Mhm«,
erwiderte der Mann irritiert, »nun, wenn du es wirklich wissen
willst, sie hat alle unsere Arbeitsplätze hier
bedroht.«
»Sie
bedrohte Ihre Arbeitsplätze? Wie hat sie denn das getan?«
fragte Jonathan beharrlich.
Der
Aufseher starrte wütend auf den unwissenden Frager und führte
ihn zu einem Baum, auf den die Arbeiter eifrig einschlugen. Stolz
sagte er: »Wie du sehen kannst, sind wir Holzfäller. Wir
fällen Bäume, indem wir sie mit diesen Stöcken
schlagen. Manchmal können hundert Arbeiter, die rund um die Uhr
beschäftigt sind, einen mittelgroßen Baum in weniger als
einem Monat fällen.«
Der
Mann spitzte die Lippen und wischte sorgfältig ein Stäubchen
von seiner gutgeschnittenen Jacke. »Diese Frau kam heute morgen
zur Arbeit und hatte ein scharfes Metallstück an das Ende ihres
Stockes gebunden. Sie schockierte alle, indem sie damit einen Baum in
weniger als einer Stunde fällte. Und das ganz allein! Kannst du
dir das vorstellen? Eine solche Bedrohung unserer traditionellen
Beschäftigung mußte aufgehalten werden!«
Jonathans
Augen weiteten sich vor Erstaunen, als er hörte, welche
Bestrafung diese Frau für ihre Kreativität erhielt. In
seiner Heimat wurden Äxte und Sägen von jedermann
gebraucht, um Bäume zu fällen. So hatte er auch das Holz
für sein eigenes Bot erhalten.
»Aber
ihre Erfindung!« rief Jonathan aus, »sie erlaubt es allen
Menschen, Bäume zu fällen, ganz egal ob sie groß und
stark sind oder nicht. Würde man dann nicht schneller und
billiger Holz gewinnen und daraus Dinge herstellen
können?«
»Was
meinst du damit?« sagte der Aufseher ärgerlich. »Wie
kann jemand eine solche Erfindung gutheißen. Diese ehrenhafte
Arbeit kann nicht von jedem Schwächling getan werden, der nur
mit einer guten Idee herbeikommt.«
»Aber,
mein Herr«, sagte Jonathan vorsichtig, »Ihre Arbeiter
haben begabte Hände und viel Talent. Sie könnten viel Zeit
sparen, die sie dann für andere Dinge übrig hätten.
Sie könnten Tische, Schränke, Boote oder sogar Häuser
herstellen.«
»Paß
auf«, sagte der Mann mit einem drohenden Blick. »Der
Zweck der Arbeit ist sichere Beschäftigung für alle - nicht
neue Produkte.« Seine Stimme hatte nun einen gefährlichen
Klang: »Du hörst dich wie ein Unruhestifter
an.«
»Nein,
nein, ich möchte keine Unruhe. Ich bin sicher, Sie haben Recht.
Ich muß jetzt weiterziehen.« Jonathan drehte sich auf der
Stelle um und eilte den Weg zurück, den er gekommen war. Nach
seinem ersten Treffen mit den Menschen hier fühlte er sich sehr
unbehaglich.
3.
Kerzen und Mäntel
Der
Weg fraß eine immer breiter werdende Schneise in den dichten
Urwald. Jonathan sah, daß der Urwald an der Böschung eines
kleinen Flusses endete, den eine schmale Holzbrücke überquerte.
Auf der anderen Seite sah er einige Häuser und vermutete, daß
dort Leute leben würden, die ihm sagen könnten, wo er sich
befand.
Er
traf eine Frau, die ein langes Dokument hielt und hinter einem Tisch
voller kleiner Abzeichen saß.
»Entschuldige
bitte«, sagte die Frau zu Jonathan und strahlte ihn mit ihren
hellen Augen an. Sie versuchte, einen der Anstecker an Jonathans
zerrissener Hemdtasche anzubringen. »Würdest du bitte mein
Gesuch unterzeichnen.«
»Nun
ja, ich weiß nicht«, stammelte Jonathan. »Aber ich
würde gern wissen, ob Sie mir den Weg zur nächsten Stadt
zeigen könnten.«
Mißtrauisch
schaute ihn die Frau an: »Bist du von dieser
Insel?«
Jonathan
zögerte, da ein eisiger Ton in ihrer Stimme lag. »Oh, ich
bin von der Küste und habe die Orientierung
verloren.«
Die
Frau lächelte wieder: »Dort ist die Straße zur
Stadt. Aber bevor du gehst, unterschreibe bitte hier. Es nimmt nur
eine Sekunde in Anspruch. Und du wirst so vielen Menschen
helfen.«
»Gut,
wenn es Ihnen so viel bedeutet.«
Jonathan
zuckte mit den Achseln und nahm den Füllhalter, um das Gesuch zu
unterschreiben. Sie tat ihm leid, so in dicke Kleider eingewickelt
schwitzte sie schrecklich an diesem schönen, sonnigen Tag. Und
was das auch für ein merkwürdiger Platz war, um
Unterschriften zu sammeln.
»Wofür
ist denn das Gesuch?« fragte Jonathan.
Sie
faltete ihre Hände, als ob sie sich vorbereitete zu beten: »Das
ist ein Gesuch, um Arbeitsplätze und Betriebe zu schützen.
Du bist doch für Arbeitsplätze und Betriebe?«
»Natürlich«,
erwiderte Jonathan schnell, weil er sich daran erinnerte, was mit der
verhafteten Frau zuvor geschehen war. Auf keinen Fall wollte er
wirken, als hätte er kein Interesse an der Arbeit der
Menschen.
»Und
wofür hilft das?« fragte Jonathan, als er seinen Namen
kritzelte.
»Der
Hohe Rat schützt unsere ansässigen Arbeitsplätze und
Betriebe vor den Produkten, die von auswärts eingeführt
werden. Wenn genügend Leute mein Gesuch unterschreiben, wird der
Rat alles in seiner Macht stehende unternehmen, um die Einfuhr
ausländischer Güter zu verbieten, die meinem Industriezweig
schaden.«
»Und
was ist Ihr Industriezweig?« fragte Jonathan.
»Ich
vertrete die Hersteller von Kerzen und Mänteln«, erklärte
die Frau stolz. »Dieses Gesuch verlangt ein Verbot der
Sonne.«
»Der
Sonne?« verschlug es Jonathan die Sprache. »Warum soll
denn die Sonne verboten werden?«
Die
Frau blickte Jonathan in die Augen und sagte vorsichtig: »Ich
weiß, das hört sich etwas drastisch an, aber kannst du das
denn nicht einsehen? Die Sonne schadet den Kerzenmachern und den
Mantelherstellern. Sicherlich verstehst du, daß die
Sonnenstrahlung eine sehr billige Quelle für ausländisches
Licht und Wärme ist. Das kann doch nicht toleriert
werden!«
»Aber
Licht und Wärme sind doch kostenlos«, protestierte
Jonathan.
Die
Frau fühlte sich von seiner Bemerkung verletzt und jammerte:
»Das ist ja genau das Problem.« Sie nahm einen kleinen
Notizblock aus der Tasche und schrieb ihm einige Bemerkungen
auf.
»Nach
meinen Schätzungen vermindert die preiswerte Verfügbarkeit
dieser ausländischen Elemente die mögliche Beschäftigung
und die Löhne um mindestens fünfzig Prozent. Jedenfalls in
den Industriezweigen, die ich vertrete. Eine hohe Steuer auf Fenster
oder vielleicht auch das völlige Verbot würde die Situation
wirklich verbessern.«
Jonathan
ließ das Gesuch fallen. »Aber wenn die Leute den
Kerzenmachern und Mantelherstellern Licht und Wärme bezahlen
müssen, haben sie weniger Geld für andere Dinge, wie
Fleisch oder Brot oder Getränke.«
»Ich
vertrete nicht die Fleischer oder die Bierbrauer oder die Bäcker«,
meinte die Frau barsch. Sie riß die Liste an sich, damit
Jonathan seine Unterschrift nicht wieder durchstreichen konnte.
»Offensichtlich bist du mehr an den Launen der Kunden
interessiert als an der Sicherheit der Arbeitsplätze und an
gesunden wirtschaftlichen Investitionen. Guten Tag.« Die
Unterhaltung war beendet.
Jonathan
wich vom Tisch zurück, dann drehte er sich langsam um und ging
davon.
»Die
Sonne verbieten«, dachte er, »was für eine verrückte
Idee. Das nächste Mal wird sie wohl auch Nahrung und Häuser
verbieten wollen.« Jonathan hoffte, daß er noch
vernünftigere Menschen treffen würde.
4.
Die Nahrungspolizei
Andere
Pfade mündeten in den Weg, der sich in eine Landstraße
erweiterte. Anstatt des Urwaldes wanderte Jonathan durch Wiesen,
ausgedehnte Felder voller reifer Ähren und reiche Obstgärten.
Der Anblick all dieser Köstlichkeiten machte ihn wieder hungrig.
Er bog in einen Zufahrtsweg zu einem gepflegten weißen Farmhaus
ein und hoffte, seine Orientierung wiederzufinden. Auf der Veranda
traf er eine Frau und drei kleine Kinder, die wie ein Bündel
zusammenkauerten und weinten.
»Entschuldigen
Sie bitte«, sagte Jonathan freundlich, »kann ich
irgendwie helfen?«
Die
Frau blickte auf und schluchzte: »Es geht um meinen Mann. Ich
wußte, daß es eines Tages dazu kommen würde«,
klagte sie. »Er wurde verhaftet. Von der
Nahrungspolizei.«
»Das
tut mir sehr leid. Mhm, sagten Sie Nahrungspolizei?«
fragte Jonathan und tätschelte den Kopf eines der Kinder. »Warum
haben sie ihn verhaftet?«
Die
Frau biß die Zähne zusammen und versuchte verzweifelt, die
Tränen zurückzuhalten. Dann sagte sie verächtlich:
»Sein Verbrechen war - er hat zuviel Nahrung produziert - das
war sein Verbrechen.«
Jonathan
war schockiert. Diese Insel war wirklich ein seltsamer Ort. »Ist
es ein Verbrechen, zu viel Nahrung zu produzieren?«
Die
Frau fuhr fort: »Vergangenes Jahr erließ die
Nahrungspolizei neue Anordnungen, die genau festlegten, wieviele
Nahrungsmittel er produzieren und an die Bevölkerung verkaufen
durfte. Sie erklärten uns, daß niedrige Preise den anderen
Farmern schaden würden.«
Sie
biß sich auf die Lippen und platzte dann heraus: »Mein
Mann war ein besserer Farmer als alle anderen zusammen.«
Plötzlich
hörte Jonathan ein schallendes Gelächter. Ein großer
schwerfälliger Mann stolzierte auf das Landhaus zu. »Ha!
Und ich sage, der beste Farmer ist der, der die Farm bekommt. Nicht
wahr, junge Lady?«
Der
Mann grinste höhnisch und sagte mit einer ausladenden
Handbewegung: »Jetzt packt euren Kram und dann verschwindet
ihr.« Der Mann nahm eine Puppe, die auf den Stufen lag, und
drückte sie Jonathan in die Hand. »Ich bin sicher, sie
kann deine Hilfe gebrauchen, Kleiner. Los gehts, das ist jetzt
mein Haus.«
Die
Frau stand auf und ihre Augen blitzten wütend. »Mein Mann
war ein besserer Farmer, als Sie es jemals sein werden.«
»Das
ist fraglich«, lachte der Mann. »Sicher, seine Leistungen
waren herausragend. Er war ein Finanzgenie und wußte immer, was
er anbauen mußte, um die Kunden zu erfreuen. Sehr
eindrucksvoll! Aber er vergaß eine Kleinigkeit - Preise und
Anbausorten werden vom Hohen Rat festgelegt und von der
Nahrungspolizei durchgesetzt. Er hat die Nahrungspolitik einfach nie
verstanden.«
»Sie
Parasit«, schrie die Frau. »Sie liegen immer falsch, Sie
verschwenden guten Dünger und Samen bei allem, was Sie
anpflanzen, und niemand will Ihre Produkte kaufen. Sie pflanzen im
Flutgebiet oder auf trockenem Ton und es macht Ihnen nichts aus, wenn
Sie alles verlieren. Dann lassen sie den Hohen Rat für alles
zahlen.«
Jonathan
runzelte die Stirn: »Man hat also nichts davon, ein guter
Farmer zu sein?«
»Es
ist ein Nachteil, gut zu sein«, erwiderte die Frau. »Mein
Mann lehnte es ab, sich bei den Hohen Herren einzuschmeicheln, und
versuchte, anständig Getreide zu produzieren und zu verkaufen -
nicht wie diese Kröte hier.«
Der
Mann stieß Frau und Kinder von der Veranda und knurrte: »Ja,
und er weigerte sich, seine jährlichen Quoten zu erfüllen.
Kein Farmer widersetzt sich ungestraft der Nahrungspolizei. Jetzt
verschwindet von meinem Land!«
Jonathan
half der Frau, ihre Habseligkeiten zu packen und begleitete sie und
die Kinder, als sie langsam von ihrem früheren Heim weggingen.
An der Straßenbiegung drehten sie sich um für einen
letzten Blick auf Haus und Scheune.
»Und
was geschieht jetzt?« fragte Jonathan.
Die
Frau seufzte: »Ich kann die hohen Nahrungspreise hier auf dem
Land nicht zahlen. Glücklicherweise habe ich Freunde und
Verwandte, die ich um Hilfe bitten kann. Sonst müßte ich
wohl in die Stadt gehen und den Hohen Rat bitten, für mich und
meine Kinder zu sorgen. Das würden denen gefallen. Kommt,
Kinder.«
Verärgert
murmelte sie: »Die Herren haben uns in diese Situation
gebracht, indem sie sich auch um diesen Kerl sorgten. Abhängigkeit
ist die Quelle für ihre Stärke. Und die Arbeit von anderen
ist die Quelle für ihre Großzügigkeit.«
Jonathan
faßte an seinen Bauch - jetzt fühlte er sich eher übel
als hungrig.
5.
Eine ungewöhnliche Fischgeschichte
Jonathan
verabschiedete sich von der Frau und ihren Kindern, nachdem er sie
zum Haus ihrer Verwandten gebracht hatte. Sie dankten ihm und luden
ihn ein zu bleiben. Aber da er sah, wie eng und belebt es zuging,
entschied er sich, seinen Weg fortzusetzen.
Die
Mittagssonne wurde schon ziemlich unangenehm, als Jonathan am Ufer
eines kleinen Teiches ankam. Er schöpfte etwas Wasser mit seinen
Händen, um sich zu erfrischen.
Doch
dann hörte er eine warnende Stimme: »An deiner Stelle
würde ich das nicht trinken.«
Jonathan
blickte sich um und sah einen alten Mann, der am Ufer kniete und
einige winzige Fische säuberte. Neben einer kleinen verwitterten
Bank standen ein Korb, eine Spule und drei Stäbe, die in den
Schlamm gerammt waren. Von jedem führte eine Schnur ins
Wasser.
»Guter
Fang heute?« erkundigte sich Jonathan höflich.
Ohne
aufzublicken erwiderte der Mann etwas mürrisch: »Nö.
Diese kleinen Dinger waren alles heute.«
Er
fuhr fort, die Fische auszunehmen und legte sie in einen Tiegel, der
über dem rauchenden Feuer hing. Die Fische, die schon in der
Pfanne brutzelten, rochen köstlich.
Jonathan,
der selbst ein perfekter Fischer war, fragte: »Was haben Sie
denn als Köder benutzt?«
Nachdenklich
schaute ihn der Mann an: »Mit meinem Köder ist alles in
Ordnung, Junge. Ich habe das Beste gefangen, was noch in diesem Teich
ist.«
Jonathan
bemerkte die ruhige Stimmung des Fischers und dachte, er könne
mehr von diesem alten Mann erfahren, wenn er eine Weile schweigen
würde. Schließlich nickte ihm der Fischer zu, sich an
seine Seite zu setzen und etwas Fisch und Brot mit ihm zu teilen.
Jonathan aß hungrig, obwohl er sich schuldig fühlte, noch
etwas von dem kärglichen Mahl des Mannes wegzunehmen. Nachdem
sie gegessen hatten, begann der alte Mann zu erzählen.
»Vor
vielen Jahren konnte man hier wirklich große Fische fangen«,
sagte der Mann nachdenklich. »Aber sie sind alle gefangen
worden. Nur die kleinen sind übriggeblieben.«
»Aber
die kleinen werden doch noch wachsen?« fragte Jonathan. Er
starrte auf das saftige Gras, das in den flachen Wassern entlang des
Ufers wuchs. Dort könnten sich viele Fische verbergen.
»Eben
nicht. Die kleinen werden von den vielen Fischern hier zu früh
gefangen. Und nicht nur das, die Leute schütten ihre Abfälle
in den See. Siehst du den dicken Schaum dort hinten?«
Jonathan
schaute verwirrt: »Warum nehmen die anderen Ihren Fisch und
werfen Abfälle in Ihren See?«
»Oh
nein, das ist nicht mein See«, sagte der Fischer. »Er
gehört allen - genauso wie die Wälder und die
Flüsse.«
»Diese
Fische gehören wirklich allen, auch mir?« fragte Jonathan
und fühlte sich gleich nicht mehr ganz so schuldig, an einem
Essen teilgenommen zu haben, zu dem er nicht beigetragen
hatte.
»Nicht
wirklich«, antwortete der Mann. »Was jedem gehört,
gehört eigentlich niemandem - das heißt, bis ein Fisch an
meinen Haken beißt. Dann gehört er mir.«
»Das
verstehe ich nicht«, meinte Jonathan und runzelte verwirrt die
Stirn. Er sprach fast zu sich selbst, als er wiederholte: »Der
Fisch gehört allen, das heißt, daß er eigentlich
niemandem gehört, es sei denn, er beißt an Ihren Haken.
Dann gehört der Fisch Ihnen? Aber kümmern Sie sich denn um
die Fische oder helfen Sie ihnen zu wachsen?«
»Natürlich
nicht«, sagte der Mann mit einem spöttischen Prusten.
»Warum sollte ich mich denn um die Fische kümmern, nur
damit jemand anderes vorbeikommt und sie fängt? Wenn jemand den
Fisch bekommt oder den See verdreckt, war doch meine ganze Mühe
umsonst!«
Mit
einem traurigen Blick auf das Wasser fügte der alte Fischer
hinzu: »Wenn ich darüber nachdenke, dann würde ich
wirklich wünschen, der See würde mir gehören. Dann
würde ich dafür sorgen, daß es den Fischen gut geht.
Ich würde mich genauso um den See kümmern wie der
Viehzüchter, der die Farm im nächsten Tal bewirtschaftet.
Ich würde die stärksten, fettesten Fische züchten und
du kannst dich darauf verlassen, daß kein Fischdieb oder
Müllkipper an mir vorbeikäme. Ich würde sicherstellen
...«
»Wer
bewirtschaftet den See jetzt?« unterbrach Jonathan.
Das
Gesicht des Fischers verhärtete sich: »Der See wird vom
Hohen Rat verwaltet. Alle vier Jahre werden sie gewählt und dann
benennen sie einen Verwalter und bezahlen ihn gut von meinen Steuern.
Der Fischverwalter soll dafür sorgen, daß nicht zu viel
gefischt wird und kein Abfall in den See gelangt. Komisch nur, daß
die Freunde der Herren gewöhnlich fischen und verschmutzen
dürfen, soviel sie wollen.«
Jonathan
grübelte eine Weile darüber nach und fragte: »Ist der
See gut verwaltet?«
»Sieh
doch selbst«, knurrte der alte Fischer. »Schau dir doch
meinen kümmerlichen Fang an. Es scheint, daß die Fische um
so kleiner werden je mehr das Gehalt des Fischverwalters
wächst.«
6.
Wenn ein Haus kein Zuhause ist
Nachdem
er seine Mahlzeit und das Gespräch mit dem Fischer genossen
hatte, setzte Jonathan seinen Weg auf der Straße fort, bis er
eine mittelgroße Stadt erreichte. Einige Dutzend einfacher
Holzhäuser und eine Ansammlung von höheren Gebäuden
waren über die Ebene verstreut.
In
einem der ersten Häuser, denen er sich näherte, sah er ein
geschäftiges Treiben. Eine Gruppe von Personen riß das
Haus mit sehr schweren Stöcken ein.
Jonathan
war von der Geschwindigkeit beeindruckt, in der sie arbeiteten. Dann
erblickte er eine würdevolle, grauhaarige Frau, die über
die Geschehnisse gar nicht erfreut war. Die Frau stand in der Nähe
und preßte ihre Hände zu Fäusten. Sie stöhnte
hörbar, während sie die Arbeiter beobachtete.
Jonathan
näherte sich der Frau und sagte beiläufig: »Das Haus
sieht gar nicht sehr alt oder baufällig aus. Wem gehört es
denn?«
»Das
ist eine gute Frage«, antwortete die Frau gereizt. »Ich
dachte, es gehört mir.«
»Sie
dachten, das Haus gehöre Ihnen? Sie wissen doch sicher, wenn
Ihnen ein Haus gehört«, sagte Jonathan.
Der
Boden erzitterte, als eine ganze Wand zusammenbrach. Die Frau starrte
unglücklich auf die Staubwolke, die aus dem Schutt
aufstieg.
»So
einfach ist das nicht«, schrie die Frau durch den Lärm.
»Eigentum heißt Kontrolle über etwas, nicht wahr?
Aber hier kontrolliert niemand etwas wirklich. Die Herren
kontrollieren alles - deshalb sind sie die wirklichen Eigentümer
von allem. Und ihnen gehört auch dieses Haus, obwohl ich es
gebaut habe und für jedes Brett und jeden Nagel bezahlt
habe.«
Sie
regte sich immer mehr auf und riß ein Papier von einem
einzelnen Pfahl, der vor dem Haus noch stehengeblieben war. »Siehst
du diesen Bescheid?« Sie zerknüllte ihn, warf ihn zu Boden
und stampfte mit dem Fuß darauf. »Die Behörden
erklären mir, was ich bauen darf, wie ich bauen darf, wann ich
bauen darf, wofür ich das Gebäude nutzen darf. Jetzt
erklären sie mir, daß ich es abreißen muß.
Hört sich das an, als würde mir das Haus
gehören?«
»Na
ja«, versuchte es Jonathan noch einmal, »können Sie
denn nicht darin wohnen, solange es steht?«
»Nur
wenn ich regelmäßig meine Grundsteuer bezahle. Falls ich
sie nicht zahlen kann, werfen mich die Behörden schneller raus,
als du nächster bitte sagen kannst. Sie behandeln
alles, als würde es ihnen gehören.«
Die
Frau wurde noch wütender und fuhr atemlos fort: »Niemandem
gehört hier wirklich irgend etwas. Wir mieten es nur von der
Regierung, solange wir die Steuern bezahlen.«
»Sie
haben also Ihre Steuern nicht bezahlt?« fragte Jonathan,
»deshalb reißen sie Ihr Haus ein?«
»Natürlich
habe ich die verfluchte Steuer bezahlt«, schrie die Frau fast.
»Aber das reichte ihnen nicht. Diesmal sagten die Herren, daß
mein Plan für das Haus ihrem Plan nicht entsprach - dem
Meisterplan des Rates. Sie gaben mir etwas Geld, von dem sie sagten,
das sei der Wert des Hauses, und jetzt beseitigen sie es, um einen
Park zu machen. Im Zentrum des Parks wird ein schönes großes
Denkmal stehen - ein Denkmal für einen von ihnen.«
»Aber
wenigstens haben sie Ihnen das Haus bezahlt«, sagte Jonathan.
Er dachte einen Moment nach und meinte: »Waren Sie damit nicht
zufrieden?«
Sie
schaute ihn kritisch an: »Wenn ich zufrieden gewesen wäre,
hätten sie wohl keine Polizisten gebraucht, damit ich es
friedlich verlasse. Und das Geld, was sie mir bezahlten, wurde von
meinen Nachbarn genommen. Wer wird die entschädigen? Das Geld
kommt nie aus den Taschen der Herren.«
Jonathan
schüttelte verwirrt seinen Kopf: »Sie sagten doch, es sei
alles Teil des Meisterplanes?«
»Natürlich,
der Meisterplan!« meinte die Frau sarkastisch. »Das ist
ein Plan der Leute, die politische Macht haben. Wenn ich mein Leben
damit verbringen würde, politische Macht anzustreben, könnte
ich meine Pläne allen anderen aufbürden. Dann könnte
ich die Häuser stehlen statt sie zu bauen. Das wäre so
einfach!«
»Aber
sicherlich brauchen Sie einen Plan für eine klug errichtete
Stadt«, sagte Jonathan hoffnungsvoll. Er versuchte, eine
logische Erklärung für die Lage der Frau zu finden.
»Sollten Sie nicht dem Rat vertrauen, daß er einen
solchen Plan entwickeln kann?«
Sie
zeigte in Richtung der Stadt: »Sieh doch selbst. Die Insel von
Regulos ist voll von ihren furchtbaren Plänen. Und schlimmer als
die Pläne sind die fertigen Projekte! Sie sind entweder
schlampig konstruiert oder viel teurer als geplant. Aber die Herren
freuen sich, weil ihre Freunde die Aufträge bekommen
haben.«
Sie
stieß einen Finger in Jonathans Brust und erklärte: »Es
ist dumm zu glauben, daß kluge Pläne den Menschen
aufgezwungen werden müssen. Die, die Gewalt gegen mich ausüben,
werden mein Vertrauen nicht bekommen.« Wutentbrannt blickte sie
auf ihr Haus: »Sie haben nicht das letzte Mal von mir
gehört!«
7.
Die zwei Zoologischen Gärten
Jonathan
setzte seinen Weg fort und zerbrach sich den Kopf über die
Gesetze dieser geplagten Insel. Sicher würden die Menschen nicht
mit Regeln leben, die sie unglücklich machen? Es mußte
einen guten Grund dafür geben, den er noch nicht entdeckt hatte.
Die Insel schien ein sehr schöner Ort zum Leben; das Land war so
grün und die Luft weich und warm. Das könnte ein Paradies
sein. Jonathan wanderte ruhiger weiter der Stadt entgegen.
Plötzlich
erreichte er einen Straßenabschnitt mit gewaltigen Eisenzäunen
auf beiden Seiten. Hinter dem rechten Zaun standen fremdartige Tiere
in allen Größen und Formen - Tiger, Zebras, Affen - mehr
als er zählen konnte. Hinter dem anderen Gitter auf der linken
Seite liefen Dutzende Männer und Frauen herum, die alle die
gleichen schwarz-weiß gestreiften Anzüge trugen.
Der
Anblick dieser beiden Gruppen, die sich über die Straße
ansahen, war sehr merkwürdig. Jonathan sah einen Mann in einer
schwarzen Uniform, der einen kurzen Knüppel schwang und zwischen
den verschlossenen Toren Wache hielt.
»Bitte,
mein Herr«, fragte Jonathan höflich, »würden
Sie mir bitte sagen, wozu diese hohen Zäune
dienen?«
Der
Wachmann achtete darauf, den Takt seiner Beine und des Knüppels
beizubehalten und antwortete stolz: »Der Zaun dort drüben
ist für unseren Zoo.«
»Oh«,
sagte Jonathan und starrte auf eine Gruppe von Pelztieren mit
Greifschwänzen, die von ihren Käfigwänden
sprangen.
Der
Wächter war es gewohnt, mit den einheimischen Kindern Rundgänge
zu machen, und er setzte seinen Vortrag fort: »Wie du siehst,
haben wir eine ausgezeichnete Vielfalt an Tieren in unserem Zoo. Dort
drüben«, zeigte er über die Straße, »haben
wir Tiere aus der ganzen Welt. Diese Zäune halten die Tiere
sicher in einem Platz, in dem die Menschen sie betrachten
können.
Wir
können ja nicht zulassen, daß diese fremden Tiere einfach
so herumlaufen und die Gesellschaft mit ihrem widerspenstigen
Verhalten gefährden.«
»Toll«,
rief Jonathan, »es muß Sie ein Vermögen gekostet
haben, alle diese Tiere zu finden, sie von überall her
einzuführen und hier für sie zu sorgen.«
Der
Wächter lächelte Jonathan an und schüttelte seinen
Kopf: »Ich bezahle den Zoo doch nicht selbst. Jeder in der
Stadt bezahlt eine Zoosteuer.«
»Jeder?«
wiederholte Jonathan und dachte an seine leeren Taschen.
»Na
ja, es gibt einige, die versuchen, ihrer Verantwortung auszuweichen.
Einige unwillige Bürger sagen, sie hätten kein Interesse,
ihr Geld für den Zoo auszugeben. Andere weigern sich, weil sie
meinen, daß Tiere nur in ihrer natürlichen Umgebung
studiert werden dürften.«
Der
Wächter drehte sein Gesicht dem Zaun hinter ihm zu und klopfte
mit seinem Knüppel an das schwere Eisentor. »Wenn sich
diese Bürger weigern, die Zoosteuer zu zahlen, entfernen wir sie
aus ihrer natürlichen Umgebung und bringen sie hierher, sicher
hinter diese Gitter.
Diese
merkwürdigen Menschen können dann hier studiert werden und
sie selbst werden daran gehindert, einfach so herumzulaufen und die
Gesellschaft mit ihrem widerspenstigen Verhalten zu
gefährden.«
Bei
all den unglaublichen Dingen drehte sich alles in Jonathans Kopf. Er
verglich die beiden Gruppen hinter den Zäunen und fragte sich,
ob er für die Erhaltung der Wache und der beiden Zoos bezahlen
würde.
Seine
Hände umklammerten die Eisenstäbe, als er die stolzen
Gesichter der Gefangenen in ihren gestreiften Kleidern genau ansah.
Dann drehte er sich um und beobachtete den hochmütigen
Gesichtsausdruck des Wächters, der begonnen hatte, hin und her
zu laufen, und immer noch seinen Knüppel herumwirbelte.
Jonathan
setzte seinen Weg fort und schaute zurück auf die Zäune. Er
fragte sich, wer wohl den größeren Schaden anrichtete: die
Leute innerhalb oder die Leute außerhalb der Zäune.
8.
Geld drucken
Jonathan
eilte weiter und kam zu einer großen Steinmauer, deren dicke
hölzerne Tore weit offenstanden. Menschen auf Pferden, Menschen
mit Kisten und Bündeln und Menschen, die alle Arten von Wagen
und Karren fuhren, passierten den Torweg, der ins Innere der Stadt
führte. Jonathan zog seine Schultern gerade, wischte sich den
Staub von seinen zerrissenen Kleidern und lief mit der Menge durch
das Tor.
Direkt
dahinter hörte er das laute Krachen von Maschinen aus dem
zweiten Stockwerk eines großen roten Backsteingebäudes.
Das schnelle Klick-Klack klang wie eine Druckerpresse.
»Vielleicht
ist es die Zeitung der Stadt«, dachte Jonathan. »Gut,
dann kann ich alles über diese Insel und ihre Leute lesen.
Vielleicht finde ich auch einen Weg nach Hause.«
Er
ging um die Straßenecke und suchte einen Eingang in das
Gebäude. Beinahe wäre er gegen ein modisch gekleidetes Paar
gerannt, das Arm in Arm über die Kreuzung schlenderte.
»Oh,
es tut mir leid«, entschuldigte er sich, »ich kann den
Eingang zu diesem Zeitungsgebäude nicht finden. Könnten Sie
ihn mir zeigen?«
Die
Dame lächelte, als der Herr ihn korrigierte: »Ich fürchte,
du irrst dich, junger Mann. Das hier ist das Regierungsamt für
Gelderzeugung und keine Zeitung.«
Jonathan
meinte enttäuscht: »Ich hatte gehofft, eine wichtige
Druckerei zu finden.«
»Warum
denn so verdrossen?« sagte der Mann. »Freue dich doch.
Das Amt ist viel wichtiger und die Quelle von viel größerem
Glück als ein Zeitungsladen. Nicht wahr, meine Liebe?« Der
Mann tätschelte die Hand der Frau.
»Ja,
das stimmt« kicherte die Frau, »diese Leute drucken viel
Geld, um die Menschen glücklich zu machen.«
Vielleicht
war das die Lösung, um von der Insel zu kommen. Vielleicht
konnte er auf diesem Weg eine Schiffsüberfahrt bezahlen, dachte
Jonathan. »Das klingt großartig«, sagte er
fröhlich, »ich würde auch gern glücklich sein.
Vielleicht könnte ich etwas Geld drucken und ...«
»Aber
nein«, sagte der Mann mißbilligend und drohte mit dem
Finger. »Das ist völlig unmöglich. Nicht wahr, meine
Liebe?«
»Natürlich«,
antwortete die Frau, »Gelddrucker, die nicht vom Hohen Rat
ernannt werden, nennt man Fälscher und wirft sie hinter Gitter.
Wir dulden solche Halunken nicht in unserer Stadt.«
Der
Mann nickte lebhaft: »Wenn Fälscher Geld drucken und
ausgeben, überschwemmt dieses Geld die Straßen und
vernichtet den Wert des Geldes von jedem von uns. Jede arme Seele mit
einem festen Einkommen von Löhnen, Ersparnissen oder Renten
würde ihr Geld bald wertlos finden.«
Jonathan
runzelte die Stirn. Was hatte er da nicht verstanden? »Ich
dachte, Sie sagten, daß das Drucken von viel Geld die Leute
glücklich macht.«
»Ja,
das stimmt«, antwortete die Frau. »Vorausgesetzt
...«
»...
es ist offizieller Gelddruck«, fiel der Mann ein, bevor sie
ihren Satz beenden konnte. Jonathan fand es sehr lustig, daß
sich das Paar so gut kannte, daß sie sich gegenseitig ihre
Sätze fortführten.
Der
Mann zog eine Geldbörse aus der Jackentasche und nahm ein Stück
Papier heraus, um es Jonathan zu zeigen. Er zeigte auf das offizielle
Siegel und fügte hinzu: »Wenn es offiziell ist, ist es
keine Fälschung.«
»Dann
nennt man das Schuldenfinanzierung«, setzte sie fort, als würde
sie aus einem Schulbuch zitieren. »Schuldenfinanzierung ist
Teil eines ausgefeilten und anspruchsvollen
Ausgabenplans.«
Der
Mann steckte die Geldbörse zurück und unterbrach sie: »Wenn
es offiziell ist, sind die, die das Geld herausgeben, keine
Diebe.«
»Natürlich
nicht«, sagte sie, »die, die das Geld ausgeben, sind
Mitglieder des Hohen Rates.«
»Ja«,
sagte er. »Und sie sind sehr großzügig. Sie geben
das Geld an ergebene Menschen, die so freundlich sind und für
sie stimmen.«
Beide
sahen Jonathan an und sprachen gemeinsam: »Würdest du
nicht für sie stimmen?«
Jonathan
dachte einen Moment nach. Das Paar wartete ruhig auf seine Antwort.
»Bitte noch eine Frage, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Was
passiert denn dann mit den Löhnen, Ersparnissen und Renten? Sie
sagten vorhin, daß diese wertlos werden, wenn mehr Geld
gedruckt wird. Passiert das auch, wenn die Behörden das Geld
drucken? Macht das jeden glücklich?«
Das
Paar sah sich gegenseitig an. Der Herr sagte: »Natürlich
sind wir immer glücklich, wenn der Rat mehr Geld für uns
ausgeben kann. Es gibt so viele verzweifelte Bedürfnisse zu
befriedigen - die Bedürfnisse der Arbeiter, der Benachteiligten
und der Alten.«
Die
Frau erklärte: »Die Herren sind sehr gewissenhaft bei
ihrer Suche nach den Ursachen unserer Schwierigkeiten. Sie haben
erkannt, daß Pech und schlechtes Wetter die Hauptursachen für
die Probleme sind. Ja, Pech und schlechtes Wetter führen zu
steigenden Preisen und einem sinkenden Lebensstandard.«
»Und«
- der Mann machte eine bedeutsame Pause - »vergiß die
Fremden nicht.«
»Besonders
die Fremden«, sagte die Frau beunruhigt, »unsere Insel
wird von Feinden belagert, die unsere Wirtschaft ruinieren wollen mit
den hohen Preisen, die wir ihnen für ihre Waren bezahlen müssen.
Der hohe Preis ihrer Rohstoffe wird noch unser Untergang
sein.«
»Oder
niedrige Preise«, fügte er hinzu. »Sie wollen uns
immer Nahrung und Kleidung zu ruinös niedrigen Preisen
verkaufen. Zum Glück geht unser Hoher Rat richtig mit ihnen
um.«
»Gott
sei Dank! Wir haben einen klugen Rat, der den angemessenen Wert für
uns ermittelt«, sagte die Frau zufrieden. Sie drehte sich ihrem
Begleiter zu, wies auf die Sonne und wollte erkennbar
weitergehen.
»Ganz
genau, meine Liebe. Ich hoffe, du entschuldigst uns, junger Mann. Wir
haben heute nachmittag noch einen Termin bei unserem
Investitionsberater. Es wäre dumm, wenn wir die augenblickliche
Welle der Begeisterung für Land und Edelmetalle versäumen
würden. Arme Leute, die nicht so früh wie wir auf den
Aufschwung gesetzt haben. Nicht wahr, meine Liebe?«
Der
Herr tippte an seinen Hut, die Dame verbeugte sich höflich und
beide wünschten Jonathan noch einen schönen Tag.
9.
Die Traummaschine
Jonathan
lief um den Häuserblock in die nächste Straße und
fragte sich, ob er jemals wieder nach Hause käme. Vielleicht gab
es einen Hafen und er könnte sich von einem auslaufenden Schiffe
anheuern lassen. Er war ein herzlicher, ehrlicher Bursche und bereit,
jede Arbeit zu tun.
Als
er darüber nachdachte, wie er eine Tätigkeit finden könnte,
entdeckte Jonathan einen dünnen Mann, der einen grellen roten
Anzug und einen verrückten Hut mit einer langen Feder trug. Der
Mann bemühte sich, eine sperrige Maschine auf einen großen
Pferdewagen zu laden.
Er
erblickte Jonathan und rief: »He, du, ich bezahle dir fünf
Kayns, wenn du mir hier hilfst.«
»Kayns?«
wiederholte Jonathan neugierig.
»Geld,
Junge - Piepen, Zaster. Willst dus oder nicht?«
»Klar«,
sagte Jonathan, da er nicht wußte, was er sonst tun könnte.
Es war keine Arbeit auf einem Schiff, aber vielleicht könnte er
beginnen, seine Überfahrt zu verdienen. Außerdem sah der
Mann intelligent aus und konnte ihm vielleicht einen Rat
geben.
Nach
vielem Schieben und Stoßen lag die unförmige Maschine auf
dem Wagen. Jonathan wischte sich den Schweiß ab, keuchte und
sah sein Arbeitsobjekt jetzt genauer an. Die große,
rechtwinklige Kiste war in hellen Farben mit wunderschönen
Bildern bemalt. Oben ragte ein großes Horn hervor, wie es
Jonathan zu Hause einmal an einem alten Grammophon gesehen
hatte.
»Was
für schöne Farben«, sagte Jonathan. Er war von dem
komplizierten Muster fasziniert, das sich leicht zu verändern
schien, je länger er darauf starrte. »Und wofür dient
das große Horn da oben?«
»Komm
nach vorn, kleiner Bursche, und sieh selbst.«
Jonathan
kletterte auf den Wagen und las das Schild, das mit vornehmen
goldenen Buchstaben gemalt war: GOLLY GOMPERS TRAUMMASCHINE.
»Eine
Traummaschine? Sie meinen, damit werden Träume wahr?«
fragte er.
»So
ist es«, sagte der dünne Mann. Er drehte die letzte
Schraube heraus und entfernte eine Holzplatte aus der Rückwand
der Maschine. Innen sah man ein einfaches Grammophon. Es hatte keine
Handkurbel, aber es schien eine Feder zu besitzen, die fest
aufgezogen werden konnte, um die Maschine anzuschalten und Musik oder
Stimmen zu spielen.
»Was?«
rief Jonathan, »das ist doch nichts anderes als eine alte
Musikbox!«
»Was
hast du denn erwartet«, sagte der Mann, »eine
Märchenfee?«
»Ich
weiß nicht. Ich dachte, es wäre etwas geheimnisvolles. Man
braucht doch etwas besonderes, die Träume der Leute zu
erfüllen.«
Der
Mann legte seine Werkzeuge zur Seite. Auf seinem Gesicht breitete
sich ein schlaues Grinsen aus und er schaute Jonathan lange gründlich
an. »Worte, mein neugieriger Freund. Man braucht nur Worte, um
einige Träume zu erfüllen. Das Problem ist nur, du weißt
nie, wer den Traum erfüllt bekommt, wenn man sich etwas
wünscht.«
Er
sah Jonathans verwirrten Gesichtsausdruck und fuhr fort: »Die
Menschen kennen ihre Träume, richtig? Sie wissen nur nicht, wie
sie sie verwirklichen können. Richtig?«
Jonathan
nickte stumm.
»Deshalb
bezahlen sie Geld, drehen den Schlüssel um und diese alte Kiste
spielt einen bestimmten Auftrag immer wieder ab. Es ist immer die
gleiche Botschaft und es gibt immer eine Menge Träumer, die sie
gern hören.«
»Was
ist denn die Botschaft?« fragte Jonathan.
»Ganz
einfach. Die Traummaschine sagt den Leuten, sie sollen an das denken,
was sie gern hätten, und dann ...« Der Mann blickte um
sich, um zu sehen, ob sonst jemand zuhörte, »dann erklärt
sie den Träumern, was sie tun sollen. Und das wirklich in einer
sehr überzeugenden Art.«
»Sie
meinen, sie hypnotisiert sie?« fragte Jonathan
überrascht.
»Oh,
nein, nein, nein!« widersprach der Mann. »Sie sagt ihnen,
daß sie gute Menschen sind und daß das, was sie sich
wünschen, auch gut ist. Daß es so gut ist, daß sie
es einfordern sollen.«
»Und
das ist alles?« fragte Jonathan scheu.
»Das
ist alles.«
Nach
einem kurzen Zögern fragte Jonathan: »Und was fordern
diese Träumer?«
Der
Mann holte eine Ölkanne und schmierte die Räder in der
Maschine.
»Das
hängt davon ab, wo ich die Maschine hinstelle. Ich stelle sie
oft vor eine Fabrik wie diese hier.« Er zeigte mit dem Finger
auf ein unförmiges zweistöckiges Gebäude auf der
anderen Seite der Straße. »Und manchmal stelle ich sie
vor das Rathaus. Hier wollen die Leute immer mehr Geld. Mehr Geld ist
eine gute Sache, weißt du, weil die Preise so schnell
steigen.«
»Ich
habe davon gehört«, sagte Jonathan vorsichtig. »Und
bekommen sie es dann?«
Der
Mann trat zurück und wischte seine Hände an einem Lappen
ab. »Manche schon - kein Problem.« Er schnipste mit den
Fingern. »Die Träumer rannten zum Hohen Rat und forderten
Gesetze, die die Fabrik zwangen, eine dreifache Lohnerhöhung zu
zahlen. Und sie forderten Zuwendungen, die die Fabrik bezahlen
mußte.«
»Welche
Zuwendungen?« fragte Jonathan.
»Zum
Beispiel Sicherheit. Sicherheit ist auch eine gute Sache, weißt
du. Deshalb forderten die Träumer Gesetze, die die Fabrik
zwangen, ihnen eine Versicherung zu bezahlen. Eine Versicherung gegen
Krankheit. Eine Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Sogar eine
Versicherung gegen den Tod.«
»Das
klingt doch großartig«, rief Jonathan. »Diese
Träumer müssen sehr glücklich gewesen sein.« Er
sah sich zur Fabrik um und bemerkte, daß dort nicht viel
passierte. Abgeblätterte Farbe ließ das Gebäude
traurig aussehen und durch die schmutzigen Fenster schien kein Licht.
Die meisten waren zugenagelt.
Der
Mann beendete seine Arbeit und drehte die Schrauben wieder fest. Dann
wischte er die glänzende Oberfläche der Kiste nochmals mit
dem Lappen ab. Der stolze Unternehmer sprang von seinem Wagen und
überprüfte das Zaumzeug der Pferde.
Auch
Jonathan stieg herunter und drehte sich wieder dem Mann zu: »Ich
denke, sie müssen sehr glücklich sein, all das ganze Geld
und die Sicherheit zu bekommen - und auch dankbar. Haben sie Ihnen
einen Orden verliehen oder ein Festmal veranstaltet?«
»Nichts
dergleichen«, sagte der Mann kurz angebunden, »ich wurde
fast geteert und gefedert. Vergangene Nacht zerstörten sie
beinahe meine Traummaschine mit Steinen, Ziegeln und fast allem, was
sie zum Werfen hatten. Du mußt wissen, die Fabrik ist gestern
geschlossen worden und sie dachten, diese Maschine hätte etwas
damit zu tun.«
»Warum
wurde sie denn geschlossen?«
»Es
sieht so aus als könnte die Fabrik nicht genug erwirtschaften,
um den Arbeitern mehr Lohn zu zahlen und die ganze Sicherheit zu
kaufen.«
»Aber«,
sagte Jonathan, »das bedeutet doch, daß die Träume
letztlich gar nicht wahr wurden. Wenn die Fabrik geschlossen wird,
erhält doch niemand einen Lohn. Und niemand bekommt mehr
Sicherheit. Keiner bekommt etwas! Sie sind ein Betrüger, Herr
Gompers. Sie sagten, die Traummaschine ...«
»Schluß
jetzt, Kleiner! Natürlich wurden die Träume wahr. Ich sagte
doch, du weißt nie, wer den Traum erfüllt bekommt, wenn
man sich etwas wünscht. Es passiert eben, daß jedesmal,
wenn hier eine Fabrik schließen muß, der Traum auf der
Nachbarinsel wahr wird. Dort wird dann eben eine Fabrik eröffnet,
nur eine Tagesfahrt von hier. Dort gibt es viele neue Arbeitsplätze
und Sicherheit. Und ich bekomme mein Geld mit der Maschine, egal was
passiert.«
Jonathan
dachte angestrengt über diese Geschehnisse nach und ihm wurde
klar, daß er wenigstens zu dieser anderen Insel segeln könnte.
»Wo ist diese Insel«, fragte er.
»Östlich
von hier, hinter dem Horizont. Die Menschen dort haben auch so eine
Fabrik, sie stellen Kleidung her und so. Wenn die Kosten hier
steigen, bekommt ihre Fabrik mehr Aufträge. Sie haben
verstanden, daß mehr zu tun der beste Weg ist, mehr von allem
zu bekommen - Lohn und Sicherheit. Aber du kannst nicht einfach mehr
zu tun fordern.«
Gompers
zurrte die Maschine mit Riemen fest und lachte: »Die Träumer
hier wollten nehmen, und ihnen wurde genommen. Deshalb bekamen die
Leute im Ausland das, was diese Träumer hier für sich
wünschten.«
Er
bezahlte Jonathan für die Hilfe, dann kletterte er auf den
Kutschbock und ergriff die Zügel. Jonathan schaute das Geld an,
das er erhalten hatte und befürchtete plötzlich, das es
wertlos sein könnte. Es war das gleiche Papier, wie es ihm das
Paar vor dem Regierungsamt für Gelderzeugung gezeigt hatte.
»Herr Gompers, hallo, Herr Gompers!«
»Ja?«
»Könnten
Sie mich nicht mit anderem Geld bezahlen? Ich meine, mit Geld, das
seinen Wert nicht verliert.«
»Das
ist das gesetzliche Zahlungsmittel, mein Freund. Du mußt es
nehmen. Glaubst du, ich würde das Zeug verwenden, wenn ich eine
Wahl hätte? Gib es einfach nur schnell aus!« Der Mann
schnalzte mit der Zunge und fort war er.
Jonathan
rief ihm nach: »Wohin fahren Sie?«
»Wo
immer man gute Geschäfte machen kann.«
10.
Machtverkauf
Eine
dicke, lustige Frau beugte sich zu Jonathan herunter, als er sich
fragte, wohin er gehen könnte. Ohne zu zögern nahm sie
seine rechte Hand und drückte sie fest.
»Schön,
dich zu sehen. Ist heute nicht ein herrlicher Tag?« sagte sie
in einem abgehackten Ton und drückte seine Hand weiter mit ihrem
fetten Arm. »Ich bin Frau Bess Tweed, deine freundliche
Abgeordnete im Hohen Rat und ich würde mich sehr freuen, deinen
Beitrag und deine Stimme für meine Wiederwahl zu erhalten, so
ist es, das ist eine dringliche Aufgabe für diese schöne
Gemeinde.«
»Wirklich?«,
fragte Jonathan. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Die
Geschwindigkeit ihrer Rede und die Kraft in ihrer Stimme hatten ihn
überrumpelt. Er hatte niemals jemanden getroffen, der so viele
Worte in einem Atemzug sagen konnte.
»Aber
ja«, setzte Lady Tweed fort - sie hatte seine Antwort kaum
gehört. »Ich bin bereit, dich gut zu bezahlen, ja, ich bin
bereit, dich zu bezahlen, du kannst kaum ein besseres Geschäft
machen, wie wäre das?«
»Mich
für einen Beitrag und eine Stimme bezahlen?« fragte
Jonathan fassungslos.
»Natürlich
kann ich kein Geld geben, das wäre illegal, eine Bestechung«,
sagte Lady Tweed. Sie blinzelte ihm verschlagen zu und drückte
ihren Ellbogen in seine Rippen. Sie fuhr fort: »Aber ich kann
dir etwas geben, was fast so gut ist wie Geld - und viel mehr wert
als die Summe deines Beitrags und das werde ich tun und wie wäre
das?«
»Das
wäre schön«, antwortete Jonathan, der merkte, daß
sie ihm sowieso nicht zuhörte.
»Was
ist dein Beruf? Denn, wenn du willst, weißt du, kann ich eine
staatliche Unterstützung für dich veranlassen, Darlehen
oder Lizenzen oder Subventionen oder Steuererleichterungen. Wenn du
willst, kann ich deine Konkurrenten ruinieren mit Vorschriften und
Regulierungen und Inspektionen und Gebühren, so daß du
sehen kannst, daß es keine bessere Investition in der Welt gibt
als einen Politiker auf dem richtigen Platz. Vielleicht brauchst du
eine neue Straße oder einen Park in deiner Umgebung oder
vielleicht ein größeres Gebäude oder
...«
»Warten
Sie!« schrie Jonathan, der versuchte, den Sturm der Worte
aufzuhalten. »Wie können Sie mir mehr geben als ich Ihnen
gebe? Sind Sie so reich und großzügig?«
»Ich
und reich? Himmel Herrgott, nein!« entgegnete Lady Tweed, »ich
bin nicht reich, jedenfalls noch nicht. Großzügig? Ja, das
könnte man sagen, aber ich bezahle dich natürlich nicht mit
meinem eigenen Geld. Ich bin nämlich verantwortlich für das
Geld der Regierung. Weißt du, Geld aus den Steuereinnahmen. Und
selbstverständlich kann ich sehr großzügig sein mit
diesen Mitteln - zu den richtigen Leuten.«
Jonathan
verstand noch immer nicht, was sie meinte: »Aber wenn Sie
meinen Beitrag und meine Stimme kaufen, ist das nicht eine Art von
Bestechung?«
Lady
Tweed lächelte anmaßend: »Ich will ganz offen zu dir
sein, mein kleiner Freund.« Sie legte ihren Arm um seine
Schulter und drückte ihn unangenehm eng an sich. »Es ist
Bestechung, aber es ist legal, wenn Politiker das Geld anderer Leute
nutzen statt ihr eigenes. Ebenso ist es illegal, wenn du mir Geld für
spezielle politische Gefälligkeiten gibst, es sei denn, du
nennst es einen Wahlkampfbeitrag. Dann ist alles in
Ordnung. Aber falls du mir nicht direkt etwas geben willst, kannst du
auch einen Freund oder Verwandten bitten, Geld, Aktien oder auch
Güter an mich oder meine Familie zu schicken, jetzt oder später
und in deinem Namen.« Sie holte tief Luft. »Verstehst du
jetzt?«
Jonathan
schüttelte den Kopf: »Ich kann den Unterschied immer noch
nicht erkennen. Ich meine, es kommt mir so vor, daß Leute zu
bestechen für Stimmen und Gefälligkeiten immer noch
Bestechung ist, ganz egal wer sie sind oder wessen Geld es ist. Der
Name ergibt doch noch keinen Unterschied, wenn die Handlung die
gleiche ist.«
Lady
Tweed lächelte nachsichtig und begann zu schmeicheln: »Mein
lieber, lieber Freund, du mußt flexibler sein. Der Name ist
alles. Was ist denn dein Name? Hat dir schon einmal jemand gesagt,
daß du hübsch aussiehst? Du könntest weit kommen,
wenn du dich um politische Ämter bemühen würdest und
wenn du nur etwas flexibler wärst bei diesem Thema. Ich bin
sicher, ich könnte dir nach meiner Wahl eine nette Stelle in
meinem Büro verschaffen. Na, bestimmt gibt es etwas, was du
möchtest?«
Jonathan
beharrte auf seiner ursprünglichen Frage und bat weiter um eine
Erklärung: »Was bekommen Sie dafür, daß Sie die
Steuergelder ausgeben? Können Sie das Geld aus den Beiträgen
behalten?«
»Ach,
einiges brauche ich für meine Ausgaben und viele nette Sachen
sind mir versprochen wurden, wenn ich in Rente gehe, aber
hauptsächlich bekomme ich dafür Anerkennung oder
Glaubwürdigkeit oder Bekanntheit oder Liebe oder Bewunderung
oder einen Platz in der Geschichte - alles das und noch mehr
Stimmen!« kicherte Lady Tweed.
»Stimmen
sind Macht, und es gibt nichts, was mir mehr gefällt, als Macht
zu haben über das Leben, die Freiheit und das Eigentum aller
Menschen auf dieser Insel. Kannst du dir vorstellen, wie viele Leute
zu mir kommen - zu mir! - und um große und kleine
Gefälligkeiten bitten? Und jede kleine Steuer oder Vorschrift
ist eine Möglichkeit, eine spezielle Ausnahme zu gewähren.
Jedes Problem, groß oder klein, wird so gelöst, daß
ich mehr Einfluß erhalte. Ich kann kostenloses Essen und
kostenlose Reisen für jeden ausgeben, der mir gefällt.
Seitdem ich ein Kind war, habe ich immer von so einer Bedeutsamkeit
geträumt. Und du kannst das alles auch haben!«
Jonathan
zappelte unbehaglich in ihrem Griff. Er hatte es geschafft, wieder
von ihr fortzukommen, aber Lady Tweed hielt ihn noch fest an der
Hand. »Sicherlich ist es ein sehr gutes Geschäft für
Sie und Ihre Freunde«, sagte Jonathan, »aber ärgern
sich die anderen Leute nicht darüber, daß ihr Geld genutzt
wird, um Stimmen, Gefälligkeiten und Macht zu
kaufen?«
»Natürlich«,
sagte sie und hob stolz ihr fettes Kinn, »Deshalb bin ich die
Anführerin der Reform.« Endlich ließ sie seine Hand
los und streckte ihre große Faust voller Juwelen in die Luft.
»Jahrelang habe ich neue Regeln entworfen, um das Geld aus der
Politik herauszuhalten. Ich habe immer gesagt, daß das ein
unhaltbarer Zustand ist und mit meinen Reformversprechen eine große
Anzahl von Stimmen gewonnen.«
Sie
grinste einfältig und fuhr fort: »Glücklicherweise
kenne ich immer eine Möglichkeit, meine Regeln zu umgehen, wenn
ich wertvolle Gefälligkeiten verkaufen kann.«
Lady
Tweed sah Jonathan wieder an und begutachtete seine zerrissenen
Kleider. »Niemand bezahlt dir einen Groschen für
Gefälligkeiten, weil du, jetzt jedenfalls, keine Gefälligkeiten
verkaufen kannst. Das ist ein direktes Verhältnis, nicht? Aber
mit deinem unschuldigen Blick und der richtigen Unterstützung
von mir, neuen Kleidern und einem modischen Haarschnitt könnte
ich dir auf jeden Fall ein überdurchschnittliches Wahlergebnis
verschaffen. Und nach zehn oder zwanzig Jahren sorgfältiger
Führung - nun, es gibt da keine Grenze der Möglichkeiten!
Komm im Palast der Herren vorbei und ich werde sehen, was ich tun
kann.«
Bei
dieser Bemerkung erspähte Lady Tweed eine Gruppe Arbeiter, die
hilflos auf die geschlossene Fabrik blickten. Sofort verlor sie ihr
Interesse an Jonathan, drehte sich um und ging auf der Suche nach
frischer Beute schnell fort.
»Das
Geld anderer Leute auszugeben klingt nach viel Ärger«,
murmelte Jonathan leise.
Obwohl
sie seine Worte kaum hören konnte, blieb Lady Tweed stehen und
kam einen Schritt zurück; sie hatte ihre Ohren darauf
abgestimmt, jeden Mißklang in der Luft zu erhaschen. Sie
lachte: »Hast du Ärger gesagt? Ha! Es ist, als
würde man Süßigkeiten von einem Baby bekommen. Was
die Leute mir nicht aus Pflichtgefühl geben, das borge ich von
ihnen. Ich bin längst weg und in guter Erinnerung, wenn ihre
Babies die Rechnung erhalten.«
11.
Tod den illegalen Friseuren
In
der nächsten Straße sah Jonathan einen Polizisten, der auf
dem Bordstein saß und eine Zeitung las. Er war kleiner und kaum
älter als Jonathan. Jonathan war erzogen worden, Gesetzeshüter
zu respektieren und fühlte sich sicher bei dem Anblick des
jungen Mannes in seiner schwarzen Uniform und mit einer glänzenden
Pistole an seiner Seite. Vielleicht könnte er den Beamten nach
der Richtung zum Hafen fragen.
Der
Polizist war in seine Zeitung vertieft, so daß Jonathan über
seine Schulter auf die Neuigkeiten schaute, die die Schlagzeilen
verkündeten: TODESSTRAFE FÜR ILLEGALE FRISEURE
EINGEFÜHRT.
»Die
Todesstrafe für Friseure?« rief Jonathan voller
Erstaunen.
Der
Polizist blickte zu ihm auf.
»Entschuldigen
Sie«, sagte Jonathan, »ich wollte Sie nicht stören,
aber ich habe gerade diese Schlagzeile gelesen. Ist das ein
Druckfehler da, die Sache mit den Friseuren?«
»Schauen
wir mal.« Der Mann begann, aus der Zeitung vorzulesen: »Der
Hohe Rat hat heute die Todesstrafe für jeden eingeführt,
der ohne Lizenz Haare schneidet. Was ist denn daran so
ungewöhnlich?«
»Ist
das nicht etwas hart für so ein kleines Vergehen?« fragte
Jonathan vorsichtig.
»Kaum«,
erwiderte der Polizist, »die Todesstrafe ist die endgültige
Drohung hinter jedem Gesetz - ganz egal, wie klein das Vergehen
ist.«
Jonathan
starrte ihn mit großen Augen an: »Sie werden doch
niemanden zum Tode verurteilen, wenn er Haare ohne Lizenz
schneidet?«
»Natürlich
würden wir das tun«, sagte der Polizist und tätschelte
seine Waffe, »obwohl es selten dazu kommt.«
»Warum?«
»Na
ja, jedes Verbrechen wird auf einer aufsteigenden Skala betrachtet.
Das heißt, die Strafen steigen, je mehr man sich ihnen
widersetzt. Zum Beispiel, wenn jemand Haare ohne Lizenz schneiden
will, erhält er eine Ordnungsstrafe.
Wenn
sie die Strafe nicht bezahlen wollen oder weiterhin Haare schneiden,
werden diese illegalen Friseure dann festgenommen und hinter Gitter
gesperrt. Und«, sagte der Mann in einem sachlichen Ton, »wenn
sie sich der Festnahme widersetzen, erhalten diese kriminellen
Elemente Strafen, die deutlich härter werden.«
Sein
Gesicht verdunkelte sich etwas. »Sie könnten sogar
erschossen werden. Je größer der Widerstand, um so größer
auch die Gewalt, die gegen sie ausgeübt wird.«
Die
zornige Rede bedrückte Jonathan. »Also ist die endgültige
Drohung hinter jedem Gesetz wirklich der Tod?« Immer noch mit
etwas Hoffnung fragte er: »Aber sicherlich wird die Todesstrafe
nur für die grausamsten kriminellen Handlungen verhängt -
wie Mord und Raub!«
»Nicht
immer«, sagte der Polizist. »Das Gesetz reguliert die
ganze Breite des persönlichen und geschäftlichen Lebens.
Hunderte von Berufsständen schützen ihre Mitglieder mit
solchen Lizenzen. Zimmerleute, Ärzte, Klempner, Buchhalter,
Maurer, Rechtsanwälte - alle hassen Eindringlinge.«
»Wie
schützen denn die Lizenzen?« fragte Jonathan.
»Die
Anzahl der Lizenzen ist begrenzt und die Aufnahmeprüfungen in
die Berufsstände streng kontrolliert. Das verhindert unfairen
Wettbewerb von Leuten mit merkwürdigen neuen Ideen,
übermäßiger
Begeisterung, rücksichtsloser Tüchtigkeit oder
halsabschneiderischen Preisen. Diese skrupellosen Konkurrenten
bedrohen die Traditionen unserer hochgeachteten
Fachleute.«
Jonathan
wollte nicht aufgeben, bis er eine klare Antwort erhalten würde:
»Schützen die Lizenzen die Kunden?«
»Aber
ja, das schreiben sie in dem Artikel«, sagte der Polizist und
schaute wieder in die Zeitung. »Lizenzen geben den
Berufsständen Monopole, so daß sie die Kunden von zu
vielen Entscheidungen und zu großer Auswahl schützen
können. Sie sagen hier, daß die Mitglieder der
Berufsstände ganz gewiß gut sind, so daß eine
Auswahl nicht nötig ist.«
Der
Polizist schlug sich stolz auf die Brust und fügte hinzu: »Und
ich setze diese Monopole durch.«
»Sind
Monopole gut?« versuchte es Jonathan noch einmal.
Der
Polizist senkte die Zeitung wieder. »Das weiß ich
wirklich nicht. Ich befolge nur die Anweisungen. Manchmal setze ich
die Monopole durch und manchmal muß ich sie
zerschlagen.«
»Was
ist denn nun richtig: Monopole oder Wettbewerb?« Der Polizist
zuckte mit den Achseln: »Es ist nicht meine Aufgabe, das
herauszufinden. Der Hohe Rat weiß, wer kooperiert und wer
nicht. Der Rat sagt mir nur, wohin ich meine Waffe richten
soll.«
Er
sah, wie niedergeschlagen Jonathan blickte, und versuchte, ihn
aufzumuntern: »Keine Angst, mein Freund. Wir führen die
Todesstrafe nur selten durch. Niemand mag davon sprechen. Und nur
wenige wagen überhaupt, solchen Widerstand zu leisten, da wir
sehr sorgfältig darauf achten, Gehorsam gegenüber dem Rat
zu lehren.«
»Haben
Sie jemals Ihre Waffe benutzt?« fragte Jonathan und blickte
nervös auf die Pistole.
»Gegen
einen Kriminellen?« sagte der Polizist. Mit einer geübten
Bewegung zog er den Revolver geschmeidig aus der Ledertasche und
schlug auf die kalte Stahlmündung. »Nur
einmal.«
Er
öffnete die Patronenkammer, blickte auf die Trommel, schloß
sie wieder und bewunderte sie: »Die beste Technologie hier auf
der Insel. Der Rat scheut keine Mühe, uns das beste für
unsere große Aufgabe zu geben. Ja, diese Waffe und ich haben
geschworen, Leben, Freiheit und Eigentum aller Bürger dieser
Insel zu schützen. Und wir passen auch gegenseitig auf uns
auf.«
»Wann
haben Sie sie benutzt?« fragte Jonathan.
»Komisch,
daß du fragst«, sagte der Polizist und runzelte die
Stirn, »ich bin seit einem Jahr im Dienst und konnte sie erst
heute morgen nutzen. Eine Frau spielte verrückt und bedrohte ein
Einrißkommando. Sie sagte, so würde ihr Haus
zurücknehmen. Ha, so ein eigennütziger
Gedanke.«
Jonathans
Herz setzte eine Sekunde lang aus. War dies die Frau, die er vorhin
getroffen hatte?
Der
Polizist bemerkte den besorgten Blick auf Jonathans Gesicht nicht und
fuhr fort: »Ich wurde gerufen, um die Frau zu überzeugen
aufzugeben. Die Papiere waren alle in Ordnung - das Haus war
enteignet worden, um für Lady Tweeds Volkspark Platz zu
machen.
Jonathan
konnte kaum sprechen: »Und was ist passiert?«
»Ich
habe versucht, sie zu überzeugen. Sagte ihr, sie käme
bestimmt mit einer leichten Verurteilung davon, wenn sie freiwillig
mit mir käme. Aber sie bedrohte mich und verlangte, ich solle
von ihrem Eigentum verschwinden, na ja, es war ein klarer Fall
von verweigerter Festnahme. Stell dir vor, so eine Frechheit von
dieser Frau.«
»Ja«,
seufzte Jonathan, »so eine Frechheit.«
Sie
schwiegen einige Minuten. Der Polizist las ruhig, während
Jonathan noch immer gedankenvoll dastand und mit dem Fuß gegen
einen Stein trat. Dann fragte er: »Kann man hier in der Stadt
so eine Waffe wie Ihre kaufen?«
Der
Polizist blätterte eine Seite um und antwortete: »Auf
keinen Fall. Jemand könnte damit verletzt werden.«
12.
Kämpfe um die Bibliothek
Das
Treiben auf den Straßen nahm zu, als Jonathan weiter zum
Stadtzentrum ging. Auf den Fußwegen liefen entschlossene, gut
gekleidete Menschen mit beschäftigtem Gesichtsausdruck. Jonathan
eilte über einen großen, offenen Platz und traf einen
alten Mann und eine junge Frau, die sich heftig anschrien. Sie
fluchten und brüllten, fuchtelten mit ihren Armen wild in der
Luft und sprangen sogar vor Erregung auf und ab.
Jonathan
stellte sich zu einer kleinen Gruppe von Zuschauern, um zu sehen,
worum es bei dem Kampf ging. Als die Polizei eintraf, um die beiden
auseinanderzubringen, fragte Jonathan eine gebrechliche, kleine alte
Frau, die neben ihm stand: »Warum sind sie so wütend
aufeinander?«
Die
Frau antwortete: »Diese Rüpel schreien schon seit Jahren
wegen der Bücher in der Ratsbibliothek aufeinander ein. Der Mann
beschwert sich immer über die vielen Bücher voller Sex und
Unmoral. Er will, daß diese Bücher herausgenommen und
verbrannt werden. Sie erwidert darauf, er sei ein aufgeblasener
Puritaner«
»Und
sie will diese Bücher lesen?« unterbrach Jonathan.
»Nein,
eigentlich nicht«, kicherte ein anderer Zuschauer, ein Mann,
der ein kleines Mädchen an der Hand hielt. »Ihre
Beschwerde ist ähnlich wie seine - nur gegen andere Bücher.
Sie behauptet, daß viele Bücher in der Bibliothek eine
sexistische und rassistische Tendenz haben.«
»Pappi,
Pappi, was ist Tendenz«, wollte das kleine Mädchen
wissen und zog an seinem Hosenbein.
»Einen
Moment, meine Liebe. Wie ich sagte«, fuhr der Mann fort,
»fordert die Frau, daß diese sexistischen und
rassistischen Bücher hinausgeworfen werden und daß statt
dessen ihre Buchliste gekauft werden soll.«
Inzwischen
hatte die Polizei die beiden Streitenden auseinandergebracht und zog
sie die Straße hinunter. Jonathan schüttelte seinen Kopf
und seufzte: »Und die Polizei hat sie jetzt wegen diesem Lärm
festgenommen?«
»Ganz
und gar nicht«, lachte die Frau. »Beide wurden
festgenommen, weil sie die Bibliothekssteuer nicht zahlen wollten.
Nach dem Gesetz muß jeder für alle Bücher bezahlen,
ob sie ihm gefallen oder nicht.«
»Warum
können sie nicht einfach ihr Geld behalten, so daß sie
auswählen können, welche Bibliotheken sie unterstützen?
Dann bezahlen sie nur für das, was ihnen
gefällt.«
»Aber
dann könnte meine Tochter es sich nicht leisten, in die
Bibliothek zu gehen«, sagte der Mann, als er dem kleinen
Mädchen eine große rot und weiß gestreifte
Zuckerstange gab.
»Einen
Moment mal«, sagte die alte Frau und blickte voller
Mißbilligung auf die Süßigkeit. »Ist Nahrung
für den Geist Ihrer Tochter nicht genauso wichtig wie Nahrung
für ihren Magen?«
»Worauf
wollen Sie hinaus?« antwortete der Mann etwas unsicher wegen
der Süßigkeit. Seine Tochter hatte schon ihr ganzes Kleid
damit beschmiert.
Die
Frau zögerte nachdenklich: »Vor langer Zeit gab es viele
verschiedene Mitgliedsbibliotheken. Die Leute wurden Mitglied, wenn
sie wollten, und sie bezahlten nur für die Bibliothek, die ihnen
gefiel. Alle hatten einen kleinen Mitgliedsbeitrag pro Jahr zu
zahlen, aber das störte niemanden.
Die
Bibliotheken konkurrierten sogar um Mitglieder und versuchten, die
besten Bücher und die besten Mitarbeiter zu bekommen, die besten
Öffnungszeiten und Standorte. Manche hatten sogar einen
Lieferservice nach Hause. Die Leute zahlten für ihre Wahl und
die Bibliotheksmitgliedschaft hatte einen hohen Wert - höher als
Zuckerstangen!« fügte sie vorwurfsvoll hinzu.
»Dann
meinte der Hohe Rat, daß Bibliotheken zu wichtig für die
Gesellschaft seien und daß man die Leute nicht mehr dafür
zahlen lassen dürfte. Deshalb schuf der Rat eine große
kostenlose Bibliothek.
Für
die Arbeit, die vorher einer getan hatte, stellten sie jetzt drei
Bibliothekare mit Supergehältern ein. Die Öffnungszeiten
wurden verkürzt, aber trotzdem war die Ratsbibliothek beliebt,
weil sie kostenlos war. Kurz danach verloren die
Mitgliedsbibliotheken ihre Kunden und mußten
schließen.«
»Die
Herren haben eine kostenlose Bibliothek geschaffen?«
wiederholte Jonathan. »Aber ich dachte, Sie sagten, daß
jeder eine Bibliothekssteuer bezahlen muß?«
»Das
stimmt. Aber es ist üblich, die Einrichtungen des Rates
kostenlos zu nennen, obwohl die Leute gezwungen
werden, dafür zu zahlen. Es ist viel mehr - zivilisiert«,
sagte sie ironisch.
Der
Mann widersprach energisch: »Mitgliedsbibliotheken? Davon habe
ich nie gehört.«
»Natürlich
nicht«, gab die alte Frau zurück. »Die
Ratsbibliothek gibt es jetzt schon so lange, daß sich niemand
etwas anderes vorstellen kann.«
»Mal
langsam«, rief der Mann, »kritisieren Sie die
Bibliothekssteuer? Wenn die Herren eine wertvolle Dienstleistung
anbieten, dann müssen die Leute gezwungen werden zu
bezahlen.«
»Es
kann nicht so wertvoll sein, wenn man Zwang einsetzen muß«,
sagte die Frau.
»Nicht
alle wissen, was gut für sie ist, und andere können es sich
nicht leisten«, erklärte der Mann. »Intelligente
Leute wissen, daß freie Bücher die Grundlage für eine
freie Gesellschaft sind. Und Steuern verteilen die Last, so daß
jeder seinen gerechten Anteil zahlt. Sonst könnten einige
Schnorrer auf Kosten der Allgemeinheit leben!«
»Mit
Ihrer Bibliothekssteuer gibt es mehr Schnorrer«, erwiderte die
alte Frau. »Die, die die Bibliothek nutzen, und die, die
Steuerermäßigungen erhalten, leben auf Kosten aller
anderen. Wie gerecht ist das? Was glauben Sie, wer mehr Einfluß
im Hohen Rat hat: ein reicher Freund des Rates oder ein armer Kerl,
der es sich nicht leisten kann, ein Buch auszuleihen?«
Der
Mann schob das kleine Mädchen hinter seinen Rücken und
erwiderte hitzig: »Was für eine Wahl der Bibliotheken
wollen Sie denn? Wollen Sie etwa eine Mitgliedsbibliothek wählen,
die eine Tendenz gegen irgendeine Gruppe in der Gesellschaft
hat?«
»Sie
können eine Tendenz nicht verhindern«, schrie die Frau und
beugte sich nahe an sein Gesicht. »Was glauben Sie denn, worum
die beiden da vorhin gestritten haben? Wollen Sie etwa, das die
Possenreißer im Rat Ihre persönliche Neigung
bestimmen?«
»Wer
ist denn hier der Possenreißer?« entgegnete der Mann und
stieß die alte Frau an. »Wenn es Ihnen hier nicht
gefällt, warum verlassen Sie dann nicht die Insel?«
»Sie
unverschämter Halunke«, antwortete die Frau.
Jetzt
schrien die beiden aufeinander ein, das kleine Mädchen weinte
und jemand lief davon, um die Polizei zu rufen. Jonathan drückte
sich durch die Menge und entschloß sich, in der Ruhe der
Bibliothek Zuflucht zu suchen.
13.
Gar nichts
Die
Gebäude, die die Bibliothek umgaben, waren alle mindestens zwei
Stockwerke hoch und hatten beeindruckende Steinfassaden. Im Eingang
war eine ziemlich vornehme Gruppe zusammengekommen, die geduldig
wartete und den Streit nicht wahrnehmen wollte, der auf dem Platz
hinter ihnen wieder zunahm. Als Jonathan sich zu der Gruppe gesellte,
las er interessiert die schweren Bronzebuchstaben über dem
Eingang: LADY BESS TWEED VOLKSBIBLIOTHEK.
Weiter
hinten verrenkten die Besucher ihre Hälse, um über die
Köpfe der weiter vorn stehenden zu schauen. Laut äußerten
sie ihre Bewunderung über das, was sie sahen.
»Großartig«,
flüsterte jemand. »Phänomenal« sagten
andere.
Jonathan
war geschickt und dünn und preßte sich durch die
Ansammlung. Er kam zu einem Bibliothekarstisch hinter dem Eingang.
»Was findet diese Gruppe so großartig und phantastisch?«
fragte er den Mann, der hinter dem Tisch saß.
»Schhhh«,
mahnte der Bibliothekar streng, »leise bitte.«
Der
Mann schob die Ecken eines Stapels Karteikarten gerade und legte sie
sorgfältig vor sich auf den Tisch. Er beugte sich vor und
schaute Jonathan über seine Brillengläser hinweg an. »Dies
sind die Mitglieder der Ratskommission für die Kunst. Sie haben
gerade eine öffentliche Ausstellung mit der neuesten Anschaffung
unserer Kunstsammlung eröffnet.«
»Interessant«,
sagte Jonathan mit gedämpfter Stimme. Er streckte seinen Hals,
um etwas zu sehen, und bemerkte: »Ich mag gute Kunst, aber wo
ist sie? Sie muß sehr klein sein.«
»Das
kommt darauf an«, schniefte der Bibliothekar, »einige
würden sagen, sie ist sehr umfassend. Das ist die Schönheit
des Werkes. Es heißt Die Leere im
Flug.«
»Aber
ich sehe nichts«, sagte Jonathan und starrte auf die weiße
Wand über dem Eingang.
»Das
ist es ja. Beeindruckend, nicht wahr?« Der Bibliothekar blickte
mit einem leeren, verträumten Ausdruck in die Luft. »Nichts
vermittelt die volle Bedeutung des Geistes des menschlichen Kampfes
um diesen erhobenen Grad des Bewußtseins, den man nur fühlt,
wenn man die volle Wärme der zarten Farben dem greifbaren
Bewußtsein unserer inneren Natur gegenüberstellt. Nichts
erlaubt jedem, das beste seiner Vorstellungskraft zu
erfahren.«
Jonathan
schüttelte berauscht den Kopf und fragte irritiert: »Also
ist es wirklich nichts? Wie kann nichts Kunst sein?«
»Das
ist es gerade, das es zum höchsten Ausdruck der Kunst der
Gleichheit macht. Die Ratskommission für die Kunst veranstaltet
eine geschmackvoll ausgeführte Lotterie, um ihre Entscheidung zu
treffen«, sagte der Bibliothekar.
»Eine
Lotterie, um Kunst auszuwählen?« fragte Jonathan voller
Erstaunen. »Warum denn eine Lotterie?«
»Früher
traf ein ernannter Kunstausschuß die Entscheidungen«,
antwortete der Mann. »Zuerst wurde der Ausschuß
kritisi