1.
Ein großer Sturm
In
einem sonnigen Strandstädtchen, lange bevor Filmstars es mit
ihren Kabrioletts füllten, wohnte ein Junge namens Jonathan
Gullible.
Kaum
jemand beachtete ihn, außer seinen Eltern, die ihn für
schlau, ernsthaft und wunderbar athletisch hielten - von seinem
zerzausten, sandfarbenen Haarschopf bis zu seinen übergroßen
Füßen. Sie arbeiteten schwer in dem kleinen Kramladen auf
der Hauptstraße des Ortes, der eine geschäftige
Fischflotte beheimatete.
Im
Ort wohnten viele hart arbeitende Menschen; die einen waren gut, die
anderen waren schlecht, die meisten ganz normaler
Durchschnitt.
Wenn
er nicht gerade Botengänge oder kleine Arbeiten für das
Geschäft der Eltern erledigte, steuerte Jonathan sein
selbstgezimmertes Segelboot durch den engen Kanal des kleinen Hafens
auf der Suche nach Abenteuern.
Wie
so viele Jugendliche, die ihre ersten Jahre immer am gleichen Ort
verbringen, war auch Jonathan vom Leben gelangweilt und empfand die
Menschen um sich herum als eher einfallslos. Er sehnte sich, ein
fremdes Schiff oder einen großen Fisch auf seinen Reisen
außerhalb des Hafens zu entdecken.
Vielleicht
würde er mit einem Piratenschiff zusammentreffen und gezwungen
werden, die sieben Meere als Mitglied der Mannschaft zu umschiffen.
Vielleicht würde ihn aber auch ein Walfänger auf der Suche
nach Beute mit an Bord nehmen.
Die
meisten Ausflüge endeten jedoch mit einem knurrenden Magen oder
einer ausgedörrten Kehle und der Gedanke an das Abendessen
führte ihn heimwärts.
An
einem dieser schönen Frühlingstage, wenn die Luft so frisch
ist wie die Wäsche im Wind, war die See so verlockend, daß
Jonathan nur noch daran dachte, sein Mittagessen und seine
Angelausrüstung in das kleine Boot zu packen, um die Küste
entlangzufahren. Seinen Rücken der Brise zugewandt, nahm
Jonathan die dunklen Sturmwolken am Horizont nicht wahr. Er hatte
erst kürzlich angefangen, über die Hafenausfahrt
hinauszusegeln und doch war er schon recht selbstsicher.
Der
Wind begann an Stärke zuzunehmen, doch als er es merkte, was es
schon zu spät. Bald kämpfte er verzweifelt mit dem
Segelwerk, als der Sturm mit furchtbarer Gewalt über ihn
hereinbrach. Sein Boot wurde zwischen den Wellen hin und her
geworfen. Jede Anstrengung, die er machte, sein Schiff zu
kontrollieren, war sinnlos gegen den schrecklichen Wind.
Schließlich
preßte sich Jonathan auf den Boden des Bootes, klammerte sich
an den Balken fest und hoffte, er würde nicht kentern. Tag und
Nacht flossen zusammen in einem furchterregenden Wirbel.
Als
der Sturm endlich nachließ, bot sein Boot das Bild der
Verwüstung: der Mast gebrochen, die Segel gerissen und mit einer
beängstigenden Schlagseite nach Steuerbord. Die See beruhigte
sich, doch ein dichter Nebel bedeckte sein Schiff und schnitt jeden
Blick ab.
Jonathan
trieb für mehrere Tage in seinem Boot, sein Wasservorrat ging
zur Neige und er konnte seine Lippen nur noch mit dem Wasser
befeuchten, das von den Segelfetzen heruntertropfte.
Schließlich
lichtete sich der Nebel und Jonathan nahm den dunklen Umriß
einer Insel wahr. Als er näher herantrieb, erkannte er ein
unbekanntes Land mit Sandstränden und steilen Hügeln, die
von einer üppigen Vegetation bedeckt waren.
Die
Wellen trieben ihn auf ein flaches Riff. Jonathan ließ sein
Boot zurück und schwamm eifrig an das Ufer. Schnell entdeckte er
die rosafarbenen Guaven, die reifen Bananen und andere köstliche
Früchte, die im Regenwald hinter dem schmalen Sandstrand im
Übermaß vorhanden waren, und verschlang sie
hungrig.
Als
er seine Kräfte wiedergewonnen hatte, fühlte er sich
furchtbar einsam, aber glücklich über seine Rettung und
gespannt auf das unerwartete Abenteuer. Er machte sich unverzüglich
entlang der weißen Sandstrände auf den Weg, um die
unbekannte neue Welt zu erforschen.
»Was
für Leute werden nur hier leben«, fragte er sich. »Werden
sie freundlich sein und umgänglich? Na ja, wo immer ich auch
bin, hier ist es jedenfalls nicht langweilig.«
2.
Unruhestifter
Jonathan
spazierte mehrere Stunden durch dichtes Gestrüpp in Richtung
eines flachen Hügels, der sich hinter dem Strand erhob.
Plötzlich hörte er die Schreie einer Frau. Er blieb stehen
und sah aufmerksam umher, um die Quelle des Geräusches zu
entdecken.
Irgendwo
aus dem Dickicht hörte er einen weiteren verzweifelten Hilferuf.
Jonathan bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp auf die
Geräusche zu. Bald fand er sich auf einem Trampelpfad
wieder.
Jonathan
rannte um eine scharfe Kurve und prallte mit voller Wucht auf einen
stämmigen Mann, der ihn wie eine Mücke beiseitefegte.
Benommen schaute er auf und sah, wie zwei Männer eine Frau
hinter sich herzerrten, die laut schrie und um sich
stieß.
Als
Jonathan wieder zu Atem kam, war das Trio verschwunden. Er war
sicher, daß er allein die Frau nicht würde befreien
können, und rannte deshalb den Weg hinauf, um Hilfe zu
holen.
Nach
wenigen Minuten erreichte er eine Lichtung, auf der mehrere Leute um
einen Baum herumstanden und mit Stöcken auf diesen
einschlugen.
Jonathan
ergriff den Ärmel eines Mannes, der den anderen bei der Arbeit
zusah. »Bitte, helfen Sie mir«, flehte Jonathan. »Zwei
Männer haben eine Frau entführt und sie braucht unsere
Hilfe.«
»Kein
Grund zur Aufregung«, sagte der Aufseher schroff. »Die
Frau wurde festgenommen. Vergiß es und geh weiter, wir haben zu
arbeiten.«
»Festgenommen?«
fragte Jonathan, der immer noch nach Luft schnappte. »Sie sah
nicht aus wie - äh - eine Kriminelle.«
Aber
wenn sie eine Verbrecherin war, fragte sich Jonathan, warum schrie
sie dann so verzweifelt um Hilfe? »Entschuldigen Sie bitte,
mein Herr. Aber was hatte sie denn verbrochen?«
»Mhm«,
erwiderte der Mann irritiert, »nun, wenn du es wirklich wissen
willst, sie hat alle unsere Arbeitsplätze hier
bedroht.«
»Sie
bedrohte Ihre Arbeitsplätze? Wie hat sie denn das getan?«
fragte Jonathan beharrlich.
Der
Aufseher starrte wütend auf den unwissenden Frager und führte
ihn zu einem Baum, auf den die Arbeiter eifrig einschlugen. Stolz
sagte er: »Wie du sehen kannst, sind wir Holzfäller. Wir
fällen Bäume, indem wir sie mit diesen Stöcken
schlagen. Manchmal können hundert Arbeiter, die rund um die Uhr
beschäftigt sind, einen mittelgroßen Baum in weniger als
einem Monat fällen.«
Der
Mann spitzte die Lippen und wischte sorgfältig ein Stäubchen
von seiner gutgeschnittenen Jacke. »Diese Frau kam heute morgen
zur Arbeit und hatte ein scharfes Metallstück an das Ende ihres
Stockes gebunden. Sie schockierte alle, indem sie damit einen Baum in
weniger als einer Stunde fällte. Und das ganz allein! Kannst du
dir das vorstellen? Eine solche Bedrohung unserer traditionellen
Beschäftigung mußte aufgehalten werden!«
Jonathans
Augen weiteten sich vor Erstaunen, als er hörte, welche
Bestrafung diese Frau für ihre Kreativität erhielt. In
seiner Heimat wurden Äxte und Sägen von jedermann
gebraucht, um Bäume zu fällen. So hatte er auch das Holz
für sein eigenes Bot erhalten.
»Aber
ihre Erfindung!« rief Jonathan aus, »sie erlaubt es allen
Menschen, Bäume zu fällen, ganz egal ob sie groß und
stark sind oder nicht. Würde man dann nicht schneller und
billiger Holz gewinnen und daraus Dinge herstellen
können?«
»Was
meinst du damit?« sagte der Aufseher ärgerlich. »Wie
kann jemand eine solche Erfindung gutheißen. Diese ehrenhafte
Arbeit kann nicht von jedem Schwächling getan werden, der nur
mit einer guten Idee herbeikommt.«
»Aber,
mein Herr«, sagte Jonathan vorsichtig, »Ihre Arbeiter
haben begabte Hände und viel Talent. Sie könnten viel Zeit
sparen, die sie dann für andere Dinge übrig hätten.
Sie könnten Tische, Schränke, Boote oder sogar Häuser
herstellen.«
»Paß
auf«, sagte der Mann mit einem drohenden Blick. »Der
Zweck der Arbeit ist sichere Beschäftigung für alle - nicht
neue Produkte.« Seine Stimme hatte nun einen gefährlichen
Klang: »Du hörst dich wie ein Unruhestifter
an.«
»Nein,
nein, ich möchte keine Unruhe. Ich bin sicher, Sie haben Recht.
Ich muß jetzt weiterziehen.« Jonathan drehte sich auf der
Stelle um und eilte den Weg zurück, den er gekommen war. Nach
seinem ersten Treffen mit den Menschen hier fühlte er sich sehr
unbehaglich.
3.
Kerzen und Mäntel
Der
Weg fraß eine immer breiter werdende Schneise in den dichten
Urwald. Jonathan sah, daß der Urwald an der Böschung eines
kleinen Flusses endete, den eine schmale Holzbrücke überquerte.
Auf der anderen Seite sah er einige Häuser und vermutete, daß
dort Leute leben würden, die ihm sagen könnten, wo er sich
befand.
Er
traf eine Frau, die ein langes Dokument hielt und hinter einem Tisch
voller kleiner Abzeichen saß.
»Entschuldige
bitte«, sagte die Frau zu Jonathan und strahlte ihn mit ihren
hellen Augen an. Sie versuchte, einen der Anstecker an Jonathans
zerrissener Hemdtasche anzubringen. »Würdest du bitte mein
Gesuch unterzeichnen.«
»Nun
ja, ich weiß nicht«, stammelte Jonathan. »Aber ich
würde gern wissen, ob Sie mir den Weg zur nächsten Stadt
zeigen könnten.«
Mißtrauisch
schaute ihn die Frau an: »Bist du von dieser
Insel?«
Jonathan
zögerte, da ein eisiger Ton in ihrer Stimme lag. »Oh, ich
bin von der Küste und habe die Orientierung
verloren.«
Die
Frau lächelte wieder: »Dort ist die Straße zur
Stadt. Aber bevor du gehst, unterschreibe bitte hier. Es nimmt nur
eine Sekunde in Anspruch. Und du wirst so vielen Menschen
helfen.«
»Gut,
wenn es Ihnen so viel bedeutet.«
Jonathan
zuckte mit den Achseln und nahm den Füllhalter, um das Gesuch zu
unterschreiben. Sie tat ihm leid, so in dicke Kleider eingewickelt
schwitzte sie schrecklich an diesem schönen, sonnigen Tag. Und
was das auch für ein merkwürdiger Platz war, um
Unterschriften zu sammeln.
»Wofür
ist denn das Gesuch?« fragte Jonathan.
Sie
faltete ihre Hände, als ob sie sich vorbereitete zu beten: »Das
ist ein Gesuch, um Arbeitsplätze und Betriebe zu schützen.
Du bist doch für Arbeitsplätze und Betriebe?«
»Natürlich«,
erwiderte Jonathan schnell, weil er sich daran erinnerte, was mit der
verhafteten Frau zuvor geschehen war. Auf keinen Fall wollte er
wirken, als hätte er kein Interesse an der Arbeit der
Menschen.
»Und
wofür hilft das?« fragte Jonathan, als er seinen Namen
kritzelte.
»Der
Hohe Rat schützt unsere ansässigen Arbeitsplätze und
Betriebe vor den Produkten, die von auswärts eingeführt
werden. Wenn genügend Leute mein Gesuch unterschreiben, wird der
Rat alles in seiner Macht stehende unternehmen, um die Einfuhr
ausländischer Güter zu verbieten, die meinem Industriezweig
schaden.«
»Und
was ist Ihr Industriezweig?« fragte Jonathan.
»Ich
vertrete die Hersteller von Kerzen und Mänteln«, erklärte
die Frau stolz. »Dieses Gesuch verlangt ein Verbot der
Sonne.«
»Der
Sonne?« verschlug es Jonathan die Sprache. »Warum soll
denn die Sonne verboten werden?«
Die
Frau blickte Jonathan in die Augen und sagte vorsichtig: »Ich
weiß, das hört sich etwas drastisch an, aber kannst du das
denn nicht einsehen? Die Sonne schadet den Kerzenmachern und den
Mantelherstellern. Sicherlich verstehst du, daß die
Sonnenstrahlung eine sehr billige Quelle für ausländisches
Licht und Wärme ist. Das kann doch nicht toleriert
werden!«
»Aber
Licht und Wärme sind doch kostenlos«, protestierte
Jonathan.
Die
Frau fühlte sich von seiner Bemerkung verletzt und jammerte:
»Das ist ja genau das Problem.« Sie nahm einen kleinen
Notizblock aus der Tasche und schrieb ihm einige Bemerkungen
auf.
»Nach
meinen Schätzungen vermindert die preiswerte Verfügbarkeit
dieser ausländischen Elemente die mögliche Beschäftigung
und die Löhne um mindestens fünfzig Prozent. Jedenfalls in
den Industriezweigen, die ich vertrete. Eine hohe Steuer auf Fenster
oder vielleicht auch das völlige Verbot würde die Situation
wirklich verbessern.«
Jonathan
ließ das Gesuch fallen. »Aber wenn die Leute den
Kerzenmachern und Mantelherstellern Licht und Wärme bezahlen
müssen, haben sie weniger Geld für andere Dinge, wie
Fleisch oder Brot oder Getränke.«
»Ich
vertrete nicht die Fleischer oder die Bierbrauer oder die Bäcker«,
meinte die Frau barsch. Sie riß die Liste an sich, damit
Jonathan seine Unterschrift nicht wieder durchstreichen konnte.
»Offensichtlich bist du mehr an den Launen der Kunden
interessiert als an der Sicherheit der Arbeitsplätze und an
gesunden wirtschaftlichen Investitionen. Guten Tag.« Die
Unterhaltung war beendet.
Jonathan
wich vom Tisch zurück, dann drehte er sich langsam um und ging
davon.
»Die
Sonne verbieten«, dachte er, »was für eine verrückte
Idee. Das nächste Mal wird sie wohl auch Nahrung und Häuser
verbieten wollen.« Jonathan hoffte, daß er noch
vernünftigere Menschen treffen würde.
4.
Die Nahrungspolizei
Andere
Pfade mündeten in den Weg, der sich in eine Landstraße
erweiterte. Anstatt des Urwaldes wanderte Jonathan durch Wiesen,
ausgedehnte Felder voller reifer Ähren und reiche Obstgärten.
Der Anblick all dieser Köstlichkeiten machte ihn wieder hungrig.
Er bog in einen Zufahrtsweg zu einem gepflegten weißen Farmhaus
ein und hoffte, seine Orientierung wiederzufinden. Auf der Veranda
traf er eine Frau und drei kleine Kinder, die wie ein Bündel
zusammenkauerten und weinten.
»Entschuldigen
Sie bitte«, sagte Jonathan freundlich, »kann ich
irgendwie helfen?«
Die
Frau blickte auf und schluchzte: »Es geht um meinen Mann. Ich
wußte, daß es eines Tages dazu kommen würde«,
klagte sie. »Er wurde verhaftet. Von der
Nahrungspolizei.«
»Das
tut mir sehr leid. Mhm, sagten Sie Nahrungspolizei?«
fragte Jonathan und tätschelte den Kopf eines der Kinder. »Warum
haben sie ihn verhaftet?«
Die
Frau biß die Zähne zusammen und versuchte verzweifelt, die
Tränen zurückzuhalten. Dann sagte sie verächtlich:
»Sein Verbrechen war - er hat zuviel Nahrung produziert - das
war sein Verbrechen.«
Jonathan
war schockiert. Diese Insel war wirklich ein seltsamer Ort. »Ist
es ein Verbrechen, zu viel Nahrung zu produzieren?«
Die
Frau fuhr fort: »Vergangenes Jahr erließ die
Nahrungspolizei neue Anordnungen, die genau festlegten, wieviele
Nahrungsmittel er produzieren und an die Bevölkerung verkaufen
durfte. Sie erklärten uns, daß niedrige Preise den anderen
Farmern schaden würden.«
Sie
biß sich auf die Lippen und platzte dann heraus: »Mein
Mann war ein besserer Farmer als alle anderen zusammen.«
Plötzlich
hörte Jonathan ein schallendes Gelächter. Ein großer
schwerfälliger Mann stolzierte auf das Landhaus zu. »Ha!
Und ich sage, der beste Farmer ist der, der die Farm bekommt. Nicht
wahr, junge Lady?«
Der
Mann grinste höhnisch und sagte mit einer ausladenden
Handbewegung: »Jetzt packt euren Kram und dann verschwindet
ihr.« Der Mann nahm eine Puppe, die auf den Stufen lag, und
drückte sie Jonathan in die Hand. »Ich bin sicher, sie
kann deine Hilfe gebrauchen, Kleiner. Los gehts, das ist jetzt
mein Haus.«
Die
Frau stand auf und ihre Augen blitzten wütend. »Mein Mann
war ein besserer Farmer, als Sie es jemals sein werden.«
»Das
ist fraglich«, lachte der Mann. »Sicher, seine Leistungen
waren herausragend. Er war ein Finanzgenie und wußte immer, was
er anbauen mußte, um die Kunden zu erfreuen. Sehr
eindrucksvoll! Aber er vergaß eine Kleinigkeit - Preise und
Anbausorten werden vom Hohen Rat festgelegt und von der
Nahrungspolizei durchgesetzt. Er hat die Nahrungspolitik einfach nie
verstanden.«
»Sie
Parasit«, schrie die Frau. »Sie liegen immer falsch, Sie
verschwenden guten Dünger und Samen bei allem, was Sie
anpflanzen, und niemand will Ihre Produkte kaufen. Sie pflanzen im
Flutgebiet oder auf trockenem Ton und es macht Ihnen nichts aus, wenn
Sie alles verlieren. Dann lassen sie den Hohen Rat für alles
zahlen.«
Jonathan
runzelte die Stirn: »Man hat also nichts davon, ein guter
Farmer zu sein?«
»Es
ist ein Nachteil, gut zu sein«, erwiderte die Frau. »Mein
Mann lehnte es ab, sich bei den Hohen Herren einzuschmeicheln, und
versuchte, anständig Getreide zu produzieren und zu verkaufen -
nicht wie diese Kröte hier.«
Der
Mann stieß Frau und Kinder von der Veranda und knurrte: »Ja,
und er weigerte sich, seine jährlichen Quoten zu erfüllen.
Kein Farmer widersetzt sich ungestraft der Nahrungspolizei. Jetzt
verschwindet von meinem Land!«
Jonathan
half der Frau, ihre Habseligkeiten zu packen und begleitete sie und
die Kinder, als sie langsam von ihrem früheren Heim weggingen.
An der Straßenbiegung drehten sie sich um für einen
letzten Blick auf Haus und Scheune.
»Und
was geschieht jetzt?« fragte Jonathan.
Die
Frau seufzte: »Ich kann die hohen Nahrungspreise hier auf dem
Land nicht zahlen. Glücklicherweise habe ich Freunde und
Verwandte, die ich um Hilfe bitten kann. Sonst müßte ich
wohl in die Stadt gehen und den Hohen Rat bitten, für mich und
meine Kinder zu sorgen. Das würden denen gefallen. Kommt,
Kinder.«
Verärgert
murmelte sie: »Die Herren haben uns in diese Situation
gebracht, indem sie sich auch um diesen Kerl sorgten. Abhängigkeit
ist die Quelle für ihre Stärke. Und die Arbeit von anderen
ist die Quelle für ihre Großzügigkeit.«
Jonathan
faßte an seinen Bauch - jetzt fühlte er sich eher übel
als hungrig.
5.
Eine ungewöhnliche Fischgeschichte
Jonathan
verabschiedete sich von der Frau und ihren Kindern, nachdem er sie
zum Haus ihrer Verwandten gebracht hatte. Sie dankten ihm und luden
ihn ein zu bleiben. Aber da er sah, wie eng und belebt es zuging,
entschied er sich, seinen Weg fortzusetzen.
Die
Mittagssonne wurde schon ziemlich unangenehm, als Jonathan am Ufer
eines kleinen Teiches ankam. Er schöpfte etwas Wasser mit seinen
Händen, um sich zu erfrischen.
Doch
dann hörte er eine warnende Stimme: »An deiner Stelle
würde ich das nicht trinken.«
Jonathan
blickte sich um und sah einen alten Mann, der am Ufer kniete und
einige winzige Fische säuberte. Neben einer kleinen verwitterten
Bank standen ein Korb, eine Spule und drei Stäbe, die in den
Schlamm gerammt waren. Von jedem führte eine Schnur ins
Wasser.
»Guter
Fang heute?« erkundigte sich Jonathan höflich.
Ohne
aufzublicken erwiderte der Mann etwas mürrisch: »Nö.
Diese kleinen Dinger waren alles heute.«
Er
fuhr fort, die Fische auszunehmen und legte sie in einen Tiegel, der
über dem rauchenden Feuer hing. Die Fische, die schon in der
Pfanne brutzelten, rochen köstlich.
Jonathan,
der selbst ein perfekter Fischer war, fragte: »Was haben Sie
denn als Köder benutzt?«
Nachdenklich
schaute ihn der Mann an: »Mit meinem Köder ist alles in
Ordnung, Junge. Ich habe das Beste gefangen, was noch in diesem Teich
ist.«
Jonathan
bemerkte die ruhige Stimmung des Fischers und dachte, er könne
mehr von diesem alten Mann erfahren, wenn er eine Weile schweigen
würde. Schließlich nickte ihm der Fischer zu, sich an
seine Seite zu setzen und etwas Fisch und Brot mit ihm zu teilen.
Jonathan aß hungrig, obwohl er sich schuldig fühlte, noch
etwas von dem kärglichen Mahl des Mannes wegzunehmen. Nachdem
sie gegessen hatten, begann der alte Mann zu erzählen.
»Vor
vielen Jahren konnte man hier wirklich große Fische fangen«,
sagte der Mann nachdenklich. »Aber sie sind alle gefangen
worden. Nur die kleinen sind übriggeblieben.«
»Aber
die kleinen werden doch noch wachsen?« fragte Jonathan. Er
starrte auf das saftige Gras, das in den flachen Wassern entlang des
Ufers wuchs. Dort könnten sich viele Fische verbergen.
»Eben
nicht. Die kleinen werden von den vielen Fischern hier zu früh
gefangen. Und nicht nur das, die Leute schütten ihre Abfälle
in den See. Siehst du den dicken Schaum dort hinten?«
Jonathan
schaute verwirrt: »Warum nehmen die anderen Ihren Fisch und
werfen Abfälle in Ihren See?«
»Oh
nein, das ist nicht mein See«, sagte der Fischer. »Er
gehört allen - genauso wie die Wälder und die
Flüsse.«
»Diese
Fische gehören wirklich allen, auch mir?« fragte Jonathan
und fühlte sich gleich nicht mehr ganz so schuldig, an einem
Essen teilgenommen zu haben, zu dem er nicht beigetragen
hatte.
»Nicht
wirklich«, antwortete der Mann. »Was jedem gehört,
gehört eigentlich niemandem - das heißt, bis ein Fisch an
meinen Haken beißt. Dann gehört er mir.«
»Das
verstehe ich nicht«, meinte Jonathan und runzelte verwirrt die
Stirn. Er sprach fast zu sich selbst, als er wiederholte: »Der
Fisch gehört allen, das heißt, daß er eigentlich
niemandem gehört, es sei denn, er beißt an Ihren Haken.
Dann gehört der Fisch Ihnen? Aber kümmern Sie sich denn um
die Fische oder helfen Sie ihnen zu wachsen?«
»Natürlich
nicht«, sagte der Mann mit einem spöttischen Prusten.
»Warum sollte ich mich denn um die Fische kümmern, nur
damit jemand anderes vorbeikommt und sie fängt? Wenn jemand den
Fisch bekommt oder den See verdreckt, war doch meine ganze Mühe
umsonst!«
Mit
einem traurigen Blick auf das Wasser fügte der alte Fischer
hinzu: »Wenn ich darüber nachdenke, dann würde ich
wirklich wünschen, der See würde mir gehören. Dann
würde ich dafür sorgen, daß es den Fischen gut geht.
Ich würde mich genauso um den See kümmern wie der
Viehzüchter, der die Farm im nächsten Tal bewirtschaftet.
Ich würde die stärksten, fettesten Fische züchten und
du kannst dich darauf verlassen, daß kein Fischdieb oder
Müllkipper an mir vorbeikäme. Ich würde sicherstellen
...«
»Wer
bewirtschaftet den See jetzt?« unterbrach Jonathan.
Das
Gesicht des Fischers verhärtete sich: »Der See wird vom
Hohen Rat verwaltet. Alle vier Jahre werden sie gewählt und dann
benennen sie einen Verwalter und bezahlen ihn gut von meinen Steuern.
Der Fischverwalter soll dafür sorgen, daß nicht zu viel
gefischt wird und kein Abfall in den See gelangt. Komisch nur, daß
die Freunde der Herren gewöhnlich fischen und verschmutzen
dürfen, soviel sie wollen.«
Jonathan
grübelte eine Weile darüber nach und fragte: »Ist der
See gut verwaltet?«
»Sieh
doch selbst«, knurrte der alte Fischer. »Schau dir doch
meinen kümmerlichen Fang an. Es scheint, daß die Fische um
so kleiner werden je mehr das Gehalt des Fischverwalters
wächst.«
6.
Wenn ein Haus kein Zuhause ist
Nachdem
er seine Mahlzeit und das Gespräch mit dem Fischer genossen
hatte, setzte Jonathan seinen Weg auf der Straße fort, bis er
eine mittelgroße Stadt erreichte. Einige Dutzend einfacher
Holzhäuser und eine Ansammlung von höheren Gebäuden
waren über die Ebene verstreut.
In
einem der ersten Häuser, denen er sich näherte, sah er ein
geschäftiges Treiben. Eine Gruppe von Personen riß das
Haus mit sehr schweren Stöcken ein.
Jonathan
war von der Geschwindigkeit beeindruckt, in der sie arbeiteten. Dann
erblickte er eine würdevolle, grauhaarige Frau, die über
die Geschehnisse gar nicht erfreut war. Die Frau stand in der Nähe
und preßte ihre Hände zu Fäusten. Sie stöhnte
hörbar, während sie die Arbeiter beobachtete.
Jonathan
näherte sich der Frau und sagte beiläufig: »Das Haus
sieht gar nicht sehr alt oder baufällig aus. Wem gehört es
denn?«
»Das
ist eine gute Frage«, antwortete die Frau gereizt. »Ich
dachte, es gehört mir.«
»Sie
dachten, das Haus gehöre Ihnen? Sie wissen doch sicher, wenn
Ihnen ein Haus gehört«, sagte Jonathan.
Der
Boden erzitterte, als eine ganze Wand zusammenbrach. Die Frau starrte
unglücklich auf die Staubwolke, die aus dem Schutt
aufstieg.
»So
einfach ist das nicht«, schrie die Frau durch den Lärm.
»Eigentum heißt Kontrolle über etwas, nicht wahr?
Aber hier kontrolliert niemand etwas wirklich. Die Herren
kontrollieren alles - deshalb sind sie die wirklichen Eigentümer
von allem. Und ihnen gehört auch dieses Haus, obwohl ich es
gebaut habe und für jedes Brett und jeden Nagel bezahlt
habe.«
Sie
regte sich immer mehr auf und riß ein Papier von einem
einzelnen Pfahl, der vor dem Haus noch stehengeblieben war. »Siehst
du diesen Bescheid?« Sie zerknüllte ihn, warf ihn zu Boden
und stampfte mit dem Fuß darauf. »Die Behörden
erklären mir, was ich bauen darf, wie ich bauen darf, wann ich
bauen darf, wofür ich das Gebäude nutzen darf. Jetzt
erklären sie mir, daß ich es abreißen muß.
Hört sich das an, als würde mir das Haus
gehören?«
»Na
ja«, versuchte es Jonathan noch einmal, »können Sie
denn nicht darin wohnen, solange es steht?«
»Nur
wenn ich regelmäßig meine Grundsteuer bezahle. Falls ich
sie nicht zahlen kann, werfen mich die Behörden schneller raus,
als du nächster bitte sagen kannst. Sie behandeln
alles, als würde es ihnen gehören.«
Die
Frau wurde noch wütender und fuhr atemlos fort: »Niemandem
gehört hier wirklich irgend etwas. Wir mieten es nur von der
Regierung, solange wir die Steuern bezahlen.«
»Sie
haben also Ihre Steuern nicht bezahlt?« fragte Jonathan,
»deshalb reißen sie Ihr Haus ein?«
»Natürlich
habe ich die verfluchte Steuer bezahlt«, schrie die Frau fast.
»Aber das reichte ihnen nicht. Diesmal sagten die Herren, daß
mein Plan für das Haus ihrem Plan nicht entsprach - dem
Meisterplan des Rates. Sie gaben mir etwas Geld, von dem sie sagten,
das sei der Wert des Hauses, und jetzt beseitigen sie es, um einen
Park zu machen. Im Zentrum des Parks wird ein schönes großes
Denkmal stehen - ein Denkmal für einen von ihnen.«
»Aber
wenigstens haben sie Ihnen das Haus bezahlt«, sagte Jonathan.
Er dachte einen Moment nach und meinte: »Waren Sie damit nicht
zufrieden?«
Sie
schaute ihn kritisch an: »Wenn ich zufrieden gewesen wäre,
hätten sie wohl keine Polizisten gebraucht, damit ich es
friedlich verlasse. Und das Geld, was sie mir bezahlten, wurde von
meinen Nachbarn genommen. Wer wird die entschädigen? Das Geld
kommt nie aus den Taschen der Herren.«
Jonathan
schüttelte verwirrt seinen Kopf: »Sie sagten doch, es sei
alles Teil des Meisterplanes?«
»Natürlich,
der Meisterplan!« meinte die Frau sarkastisch. »Das ist
ein Plan der Leute, die politische Macht haben. Wenn ich mein Leben
damit verbringen würde, politische Macht anzustreben, könnte
ich meine Pläne allen anderen aufbürden. Dann könnte
ich die Häuser stehlen statt sie zu bauen. Das wäre so
einfach!«
»Aber
sicherlich brauchen Sie einen Plan für eine klug errichtete
Stadt«, sagte Jonathan hoffnungsvoll. Er versuchte, eine
logische Erklärung für die Lage der Frau zu finden.
»Sollten Sie nicht dem Rat vertrauen, daß er einen
solchen Plan entwickeln kann?«
Sie
zeigte in Richtung der Stadt: »Sieh doch selbst. Die Insel von
Regulos ist voll von ihren furchtbaren Plänen. Und schlimmer als
die Pläne sind die fertigen Projekte! Sie sind entweder
schlampig konstruiert oder viel teurer als geplant. Aber die Herren
freuen sich, weil ihre Freunde die Aufträge bekommen
haben.«
Sie
stieß einen Finger in Jonathans Brust und erklärte: »Es
ist dumm zu glauben, daß kluge Pläne den Menschen
aufgezwungen werden müssen. Die, die Gewalt gegen mich ausüben,
werden mein Vertrauen nicht bekommen.« Wutentbrannt blickte sie
auf ihr Haus: »Sie haben nicht das letzte Mal von mir
gehört!«
7.
Die zwei Zoologischen Gärten
Jonathan
setzte seinen Weg fort und zerbrach sich den Kopf über die
Gesetze dieser geplagten Insel. Sicher würden die Menschen nicht
mit Regeln leben, die sie unglücklich machen? Es mußte
einen guten Grund dafür geben, den er noch nicht entdeckt hatte.
Die Insel schien ein sehr schöner Ort zum Leben; das Land war so
grün und die Luft weich und warm. Das könnte ein Paradies
sein. Jonathan wanderte ruhiger weiter der Stadt entgegen.
Plötzlich
erreichte er einen Straßenabschnitt mit gewaltigen Eisenzäunen
auf beiden Seiten. Hinter dem rechten Zaun standen fremdartige Tiere
in allen Größen und Formen - Tiger, Zebras, Affen - mehr
als er zählen konnte. Hinter dem anderen Gitter auf der linken
Seite liefen Dutzende Männer und Frauen herum, die alle die
gleichen schwarz-weiß gestreiften Anzüge trugen.
Der
Anblick dieser beiden Gruppen, die sich über die Straße
ansahen, war sehr merkwürdig. Jonathan sah einen Mann in einer
schwarzen Uniform, der einen kurzen Knüppel schwang und zwischen
den verschlossenen Toren Wache hielt.
»Bitte,
mein Herr«, fragte Jonathan höflich, »würden
Sie mir bitte sagen, wozu diese hohen Zäune
dienen?«
Der
Wachmann achtete darauf, den Takt seiner Beine und des Knüppels
beizubehalten und antwortete stolz: »Der Zaun dort drüben
ist für unseren Zoo.«
»Oh«,
sagte Jonathan und starrte auf eine Gruppe von Pelztieren mit
Greifschwänzen, die von ihren Käfigwänden
sprangen.
Der
Wächter war es gewohnt, mit den einheimischen Kindern Rundgänge
zu machen, und er setzte seinen Vortrag fort: »Wie du siehst,
haben wir eine ausgezeichnete Vielfalt an Tieren in unserem Zoo. Dort
drüben«, zeigte er über die Straße, »haben
wir Tiere aus der ganzen Welt. Diese Zäune halten die Tiere
sicher in einem Platz, in dem die Menschen sie betrachten
können.
Wir
können ja nicht zulassen, daß diese fremden Tiere einfach
so herumlaufen und die Gesellschaft mit ihrem widerspenstigen
Verhalten gefährden.«
»Toll«,
rief Jonathan, »es muß Sie ein Vermögen gekostet
haben, alle diese Tiere zu finden, sie von überall her
einzuführen und hier für sie zu sorgen.«
Der
Wächter lächelte Jonathan an und schüttelte seinen
Kopf: »Ich bezahle den Zoo doch nicht selbst. Jeder in der
Stadt bezahlt eine Zoosteuer.«
»Jeder?«
wiederholte Jonathan und dachte an seine leeren Taschen.
»Na
ja, es gibt einige, die versuchen, ihrer Verantwortung auszuweichen.
Einige unwillige Bürger sagen, sie hätten kein Interesse,
ihr Geld für den Zoo auszugeben. Andere weigern sich, weil sie
meinen, daß Tiere nur in ihrer natürlichen Umgebung
studiert werden dürften.«
Der
Wächter drehte sein Gesicht dem Zaun hinter ihm zu und klopfte
mit seinem Knüppel an das schwere Eisentor. »Wenn sich
diese Bürger weigern, die Zoosteuer zu zahlen, entfernen wir sie
aus ihrer natürlichen Umgebung und bringen sie hierher, sicher
hinter diese Gitter.
Diese
merkwürdigen Menschen können dann hier studiert werden und
sie selbst werden daran gehindert, einfach so herumzulaufen und die
Gesellschaft mit ihrem widerspenstigen Verhalten zu
gefährden.«
Bei
all den unglaublichen Dingen drehte sich alles in Jonathans Kopf. Er
verglich die beiden Gruppen hinter den Zäunen und fragte sich,
ob er für die Erhaltung der Wache und der beiden Zoos bezahlen
würde.
Seine
Hände umklammerten die Eisenstäbe, als er die stolzen
Gesichter der Gefangenen in ihren gestreiften Kleidern genau ansah.
Dann drehte er sich um und beobachtete den hochmütigen
Gesichtsausdruck des Wächters, der begonnen hatte, hin und her
zu laufen, und immer noch seinen Knüppel herumwirbelte.
Jonathan
setzte seinen Weg fort und schaute zurück auf die Zäune. Er
fragte sich, wer wohl den größeren Schaden anrichtete: die
Leute innerhalb oder die Leute außerhalb der Zäune.
8.
Geld drucken
Jonathan
eilte weiter und kam zu einer großen Steinmauer, deren dicke
hölzerne Tore weit offenstanden. Menschen auf Pferden, Menschen
mit Kisten und Bündeln und Menschen, die alle Arten von Wagen
und Karren fuhren, passierten den Torweg, der ins Innere der Stadt
führte. Jonathan zog seine Schultern gerade, wischte sich den
Staub von seinen zerrissenen Kleidern und lief mit der Menge durch
das Tor.
Direkt
dahinter hörte er das laute Krachen von Maschinen aus dem
zweiten Stockwerk eines großen roten Backsteingebäudes.
Das schnelle Klick-Klack klang wie eine Druckerpresse.
»Vielleicht
ist es die Zeitung der Stadt«, dachte Jonathan. »Gut,
dann kann ich alles über diese Insel und ihre Leute lesen.
Vielleicht finde ich auch einen Weg nach Hause.«
Er
ging um die Straßenecke und suchte einen Eingang in das
Gebäude. Beinahe wäre er gegen ein modisch gekleidetes Paar
gerannt, das Arm in Arm über die Kreuzung schlenderte.
»Oh,
es tut mir leid«, entschuldigte er sich, »ich kann den
Eingang zu diesem Zeitungsgebäude nicht finden. Könnten Sie
ihn mir zeigen?«
Die
Dame lächelte, als der Herr ihn korrigierte: »Ich fürchte,
du irrst dich, junger Mann. Das hier ist das Regierungsamt für
Gelderzeugung und keine Zeitung.«
Jonathan
meinte enttäuscht: »Ich hatte gehofft, eine wichtige
Druckerei zu finden.«
»Warum
denn so verdrossen?« sagte der Mann. »Freue dich doch.
Das Amt ist viel wichtiger und die Quelle von viel größerem
Glück als ein Zeitungsladen. Nicht wahr, meine Liebe?« Der
Mann tätschelte die Hand der Frau.
»Ja,
das stimmt« kicherte die Frau, »diese Leute drucken viel
Geld, um die Menschen glücklich zu machen.«
Vielleicht
war das die Lösung, um von der Insel zu kommen. Vielleicht
konnte er auf diesem Weg eine Schiffsüberfahrt bezahlen, dachte
Jonathan. »Das klingt großartig«, sagte er
fröhlich, »ich würde auch gern glücklich sein.
Vielleicht könnte ich etwas Geld drucken und ...«
»Aber
nein«, sagte der Mann mißbilligend und drohte mit dem
Finger. »Das ist völlig unmöglich. Nicht wahr, meine
Liebe?«
»Natürlich«,
antwortete die Frau, »Gelddrucker, die nicht vom Hohen Rat
ernannt werden, nennt man Fälscher und wirft sie hinter Gitter.
Wir dulden solche Halunken nicht in unserer Stadt.«
Der
Mann nickte lebhaft: »Wenn Fälscher Geld drucken und
ausgeben, überschwemmt dieses Geld die Straßen und
vernichtet den Wert des Geldes von jedem von uns. Jede arme Seele mit
einem festen Einkommen von Löhnen, Ersparnissen oder Renten
würde ihr Geld bald wertlos finden.«
Jonathan
runzelte die Stirn. Was hatte er da nicht verstanden? »Ich
dachte, Sie sagten, daß das Drucken von viel Geld die Leute
glücklich macht.«
»Ja,
das stimmt«, antwortete die Frau. »Vorausgesetzt
...«
»...
es ist offizieller Gelddruck«, fiel der Mann ein, bevor sie
ihren Satz beenden konnte. Jonathan fand es sehr lustig, daß
sich das Paar so gut kannte, daß sie sich gegenseitig ihre
Sätze fortführten.
Der
Mann zog eine Geldbörse aus der Jackentasche und nahm ein Stück
Papier heraus, um es Jonathan zu zeigen. Er zeigte auf das offizielle
Siegel und fügte hinzu: »Wenn es offiziell ist, ist es
keine Fälschung.«
»Dann
nennt man das Schuldenfinanzierung«, setzte sie fort, als würde
sie aus einem Schulbuch zitieren. »Schuldenfinanzierung ist
Teil eines ausgefeilten und anspruchsvollen
Ausgabenplans.«
Der
Mann steckte die Geldbörse zurück und unterbrach sie: »Wenn
es offiziell ist, sind die, die das Geld herausgeben, keine
Diebe.«
»Natürlich
nicht«, sagte sie, »die, die das Geld ausgeben, sind
Mitglieder des Hohen Rates.«
»Ja«,
sagte er. »Und sie sind sehr großzügig. Sie geben
das Geld an ergebene Menschen, die so freundlich sind und für
sie stimmen.«
Beide
sahen Jonathan an und sprachen gemeinsam: »Würdest du
nicht für sie stimmen?«
Jonathan
dachte einen Moment nach. Das Paar wartete ruhig auf seine Antwort.
»Bitte noch eine Frage, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Was
passiert denn dann mit den Löhnen, Ersparnissen und Renten? Sie
sagten vorhin, daß diese wertlos werden, wenn mehr Geld
gedruckt wird. Passiert das auch, wenn die Behörden das Geld
drucken? Macht das jeden glücklich?«
Das
Paar sah sich gegenseitig an. Der Herr sagte: »Natürlich
sind wir immer glücklich, wenn der Rat mehr Geld für uns
ausgeben kann. Es gibt so viele verzweifelte Bedürfnisse zu
befriedigen - die Bedürfnisse der Arbeiter, der Benachteiligten
und der Alten.«
Die
Frau erklärte: »Die Herren sind sehr gewissenhaft bei
ihrer Suche nach den Ursachen unserer Schwierigkeiten. Sie haben
erkannt, daß Pech und schlechtes Wetter die Hauptursachen für
die Probleme sind. Ja, Pech und schlechtes Wetter führen zu
steigenden Preisen und einem sinkenden Lebensstandard.«
»Und«
- der Mann machte eine bedeutsame Pause - »vergiß die
Fremden nicht.«
»Besonders
die Fremden«, sagte die Frau beunruhigt, »unsere Insel
wird von Feinden belagert, die unsere Wirtschaft ruinieren wollen mit
den hohen Preisen, die wir ihnen für ihre Waren bezahlen müssen.
Der hohe Preis ihrer Rohstoffe wird noch unser Untergang
sein.«
»Oder
niedrige Preise«, fügte er hinzu. »Sie wollen uns
immer Nahrung und Kleidung zu ruinös niedrigen Preisen
verkaufen. Zum Glück geht unser Hoher Rat richtig mit ihnen
um.«
»Gott
sei Dank! Wir haben einen klugen Rat, der den angemessenen Wert für
uns ermittelt«, sagte die Frau zufrieden. Sie drehte sich ihrem
Begleiter zu, wies auf die Sonne und wollte erkennbar
weitergehen.
»Ganz
genau, meine Liebe. Ich hoffe, du entschuldigst uns, junger Mann. Wir
haben heute nachmittag noch einen Termin bei unserem
Investitionsberater. Es wäre dumm, wenn wir die augenblickliche
Welle der Begeisterung für Land und Edelmetalle versäumen
würden. Arme Leute, die nicht so früh wie wir auf den
Aufschwung gesetzt haben. Nicht wahr, meine Liebe?«
Der
Herr tippte an seinen Hut, die Dame verbeugte sich höflich und
beide wünschten Jonathan noch einen schönen Tag.
9.
Die Traummaschine
Jonathan
lief um den Häuserblock in die nächste Straße und
fragte sich, ob er jemals wieder nach Hause käme. Vielleicht gab
es einen Hafen und er könnte sich von einem auslaufenden Schiffe
anheuern lassen. Er war ein herzlicher, ehrlicher Bursche und bereit,
jede Arbeit zu tun.
Als
er darüber nachdachte, wie er eine Tätigkeit finden könnte,
entdeckte Jonathan einen dünnen Mann, der einen grellen roten
Anzug und einen verrückten Hut mit einer langen Feder trug. Der
Mann bemühte sich, eine sperrige Maschine auf einen großen
Pferdewagen zu laden.
Er
erblickte Jonathan und rief: »He, du, ich bezahle dir fünf
Kayns, wenn du mir hier hilfst.«
»Kayns?«
wiederholte Jonathan neugierig.
»Geld,
Junge - Piepen, Zaster. Willst dus oder nicht?«
»Klar«,
sagte Jonathan, da er nicht wußte, was er sonst tun könnte.
Es war keine Arbeit auf einem Schiff, aber vielleicht könnte er
beginnen, seine Überfahrt zu verdienen. Außerdem sah der
Mann intelligent aus und konnte ihm vielleicht einen Rat
geben.
Nach
vielem Schieben und Stoßen lag die unförmige Maschine auf
dem Wagen. Jonathan wischte sich den Schweiß ab, keuchte und
sah sein Arbeitsobjekt jetzt genauer an. Die große,
rechtwinklige Kiste war in hellen Farben mit wunderschönen
Bildern bemalt. Oben ragte ein großes Horn hervor, wie es
Jonathan zu Hause einmal an einem alten Grammophon gesehen
hatte.
»Was
für schöne Farben«, sagte Jonathan. Er war von dem
komplizierten Muster fasziniert, das sich leicht zu verändern
schien, je länger er darauf starrte. »Und wofür dient
das große Horn da oben?«
»Komm
nach vorn, kleiner Bursche, und sieh selbst.«
Jonathan
kletterte auf den Wagen und las das Schild, das mit vornehmen
goldenen Buchstaben gemalt war: GOLLY GOMPERS TRAUMMASCHINE.
»Eine
Traummaschine? Sie meinen, damit werden Träume wahr?«
fragte er.
»So
ist es«, sagte der dünne Mann. Er drehte die letzte
Schraube heraus und entfernte eine Holzplatte aus der Rückwand
der Maschine. Innen sah man ein einfaches Grammophon. Es hatte keine
Handkurbel, aber es schien eine Feder zu besitzen, die fest
aufgezogen werden konnte, um die Maschine anzuschalten und Musik oder
Stimmen zu spielen.
»Was?«
rief Jonathan, »das ist doch nichts anderes als eine alte
Musikbox!«
»Was
hast du denn erwartet«, sagte der Mann, »eine
Märchenfee?«
»Ich
weiß nicht. Ich dachte, es wäre etwas geheimnisvolles. Man
braucht doch etwas besonderes, die Träume der Leute zu
erfüllen.«
Der
Mann legte seine Werkzeuge zur Seite. Auf seinem Gesicht breitete
sich ein schlaues Grinsen aus und er schaute Jonathan lange gründlich
an. »Worte, mein neugieriger Freund. Man braucht nur Worte, um
einige Träume zu erfüllen. Das Problem ist nur, du weißt
nie, wer den Traum erfüllt bekommt, wenn man sich etwas
wünscht.«
Er
sah Jonathans verwirrten Gesichtsausdruck und fuhr fort: »Die
Menschen kennen ihre Träume, richtig? Sie wissen nur nicht, wie
sie sie verwirklichen können. Richtig?«
Jonathan
nickte stumm.
»Deshalb
bezahlen sie Geld, drehen den Schlüssel um und diese alte Kiste
spielt einen bestimmten Auftrag immer wieder ab. Es ist immer die
gleiche Botschaft und es gibt immer eine Menge Träumer, die sie
gern hören.«
»Was
ist denn die Botschaft?« fragte Jonathan.
»Ganz
einfach. Die Traummaschine sagt den Leuten, sie sollen an das denken,
was sie gern hätten, und dann ...« Der Mann blickte um
sich, um zu sehen, ob sonst jemand zuhörte, »dann erklärt
sie den Träumern, was sie tun sollen. Und das wirklich in einer
sehr überzeugenden Art.«
»Sie
meinen, sie hypnotisiert sie?« fragte Jonathan
überrascht.
»Oh,
nein, nein, nein!« widersprach der Mann. »Sie sagt ihnen,
daß sie gute Menschen sind und daß das, was sie sich
wünschen, auch gut ist. Daß es so gut ist, daß sie
es einfordern sollen.«
»Und
das ist alles?« fragte Jonathan scheu.
»Das
ist alles.«
Nach
einem kurzen Zögern fragte Jonathan: »Und was fordern
diese Träumer?«
Der
Mann holte eine Ölkanne und schmierte die Räder in der
Maschine.
»Das
hängt davon ab, wo ich die Maschine hinstelle. Ich stelle sie
oft vor eine Fabrik wie diese hier.« Er zeigte mit dem Finger
auf ein unförmiges zweistöckiges Gebäude auf der
anderen Seite der Straße. »Und manchmal stelle ich sie
vor das Rathaus. Hier wollen die Leute immer mehr Geld. Mehr Geld ist
eine gute Sache, weißt du, weil die Preise so schnell
steigen.«
»Ich
habe davon gehört«, sagte Jonathan vorsichtig. »Und
bekommen sie es dann?«
Der
Mann trat zurück und wischte seine Hände an einem Lappen
ab. »Manche schon - kein Problem.« Er schnipste mit den
Fingern. »Die Träumer rannten zum Hohen Rat und forderten
Gesetze, die die Fabrik zwangen, eine dreifache Lohnerhöhung zu
zahlen. Und sie forderten Zuwendungen, die die Fabrik bezahlen
mußte.«
»Welche
Zuwendungen?« fragte Jonathan.
»Zum
Beispiel Sicherheit. Sicherheit ist auch eine gute Sache, weißt
du. Deshalb forderten die Träumer Gesetze, die die Fabrik
zwangen, ihnen eine Versicherung zu bezahlen. Eine Versicherung gegen
Krankheit. Eine Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Sogar eine
Versicherung gegen den Tod.«
»Das
klingt doch großartig«, rief Jonathan. »Diese
Träumer müssen sehr glücklich gewesen sein.« Er
sah sich zur Fabrik um und bemerkte, daß dort nicht viel
passierte. Abgeblätterte Farbe ließ das Gebäude
traurig aussehen und durch die schmutzigen Fenster schien kein Licht.
Die meisten waren zugenagelt.
Der
Mann beendete seine Arbeit und drehte die Schrauben wieder fest. Dann
wischte er die glänzende Oberfläche der Kiste nochmals mit
dem Lappen ab. Der stolze Unternehmer sprang von seinem Wagen und
überprüfte das Zaumzeug der Pferde.
Auch
Jonathan stieg herunter und drehte sich wieder dem Mann zu: »Ich
denke, sie müssen sehr glücklich sein, all das ganze Geld
und die Sicherheit zu bekommen - und auch dankbar. Haben sie Ihnen
einen Orden verliehen oder ein Festmal veranstaltet?«
»Nichts
dergleichen«, sagte der Mann kurz angebunden, »ich wurde
fast geteert und gefedert. Vergangene Nacht zerstörten sie
beinahe meine Traummaschine mit Steinen, Ziegeln und fast allem, was
sie zum Werfen hatten. Du mußt wissen, die Fabrik ist gestern
geschlossen worden und sie dachten, diese Maschine hätte etwas
damit zu tun.«
»Warum
wurde sie denn geschlossen?«
»Es
sieht so aus als könnte die Fabrik nicht genug erwirtschaften,
um den Arbeitern mehr Lohn zu zahlen und die ganze Sicherheit zu
kaufen.«
»Aber«,
sagte Jonathan, »das bedeutet doch, daß die Träume
letztlich gar nicht wahr wurden. Wenn die Fabrik geschlossen wird,
erhält doch niemand einen Lohn. Und niemand bekommt mehr
Sicherheit. Keiner bekommt etwas! Sie sind ein Betrüger, Herr
Gompers. Sie sagten, die Traummaschine ...«
»Schluß
jetzt, Kleiner! Natürlich wurden die Träume wahr. Ich sagte
doch, du weißt nie, wer den Traum erfüllt bekommt, wenn
man sich etwas wünscht. Es passiert eben, daß jedesmal,
wenn hier eine Fabrik schließen muß, der Traum auf der
Nachbarinsel wahr wird. Dort wird dann eben eine Fabrik eröffnet,
nur eine Tagesfahrt von hier. Dort gibt es viele neue Arbeitsplätze
und Sicherheit. Und ich bekomme mein Geld mit der Maschine, egal was
passiert.«
Jonathan
dachte angestrengt über diese Geschehnisse nach und ihm wurde
klar, daß er wenigstens zu dieser anderen Insel segeln könnte.
»Wo ist diese Insel«, fragte er.
»Östlich
von hier, hinter dem Horizont. Die Menschen dort haben auch so eine
Fabrik, sie stellen Kleidung her und so. Wenn die Kosten hier
steigen, bekommt ihre Fabrik mehr Aufträge. Sie haben
verstanden, daß mehr zu tun der beste Weg ist, mehr von allem
zu bekommen - Lohn und Sicherheit. Aber du kannst nicht einfach mehr
zu tun fordern.«
Gompers
zurrte die Maschine mit Riemen fest und lachte: »Die Träumer
hier wollten nehmen, und ihnen wurde genommen. Deshalb bekamen die
Leute im Ausland das, was diese Träumer hier für sich
wünschten.«
Er
bezahlte Jonathan für die Hilfe, dann kletterte er auf den
Kutschbock und ergriff die Zügel. Jonathan schaute das Geld an,
das er erhalten hatte und befürchtete plötzlich, das es
wertlos sein könnte. Es war das gleiche Papier, wie es ihm das
Paar vor dem Regierungsamt für Gelderzeugung gezeigt hatte.
»Herr Gompers, hallo, Herr Gompers!«
»Ja?«
»Könnten
Sie mich nicht mit anderem Geld bezahlen? Ich meine, mit Geld, das
seinen Wert nicht verliert.«
»Das
ist das gesetzliche Zahlungsmittel, mein Freund. Du mußt es
nehmen. Glaubst du, ich würde das Zeug verwenden, wenn ich eine
Wahl hätte? Gib es einfach nur schnell aus!« Der Mann
schnalzte mit der Zunge und fort war er.
Jonathan
rief ihm nach: »Wohin fahren Sie?«
»Wo
immer man gute Geschäfte machen kann.«
10.
Machtverkauf
Eine
dicke, lustige Frau beugte sich zu Jonathan herunter, als er sich
fragte, wohin er gehen könnte. Ohne zu zögern nahm sie
seine rechte Hand und drückte sie fest.
»Schön,
dich zu sehen. Ist heute nicht ein herrlicher Tag?« sagte sie
in einem abgehackten Ton und drückte seine Hand weiter mit ihrem
fetten Arm. »Ich bin Frau Bess Tweed, deine freundliche
Abgeordnete im Hohen Rat und ich würde mich sehr freuen, deinen
Beitrag und deine Stimme für meine Wiederwahl zu erhalten, so
ist es, das ist eine dringliche Aufgabe für diese schöne
Gemeinde.«
»Wirklich?«,
fragte Jonathan. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Die
Geschwindigkeit ihrer Rede und die Kraft in ihrer Stimme hatten ihn
überrumpelt. Er hatte niemals jemanden getroffen, der so viele
Worte in einem Atemzug sagen konnte.
»Aber
ja«, setzte Lady Tweed fort - sie hatte seine Antwort kaum
gehört. »Ich bin bereit, dich gut zu bezahlen, ja, ich bin
bereit, dich zu bezahlen, du kannst kaum ein besseres Geschäft
machen, wie wäre das?«
»Mich
für einen Beitrag und eine Stimme bezahlen?« fragte
Jonathan fassungslos.
»Natürlich
kann ich kein Geld geben, das wäre illegal, eine Bestechung«,
sagte Lady Tweed. Sie blinzelte ihm verschlagen zu und drückte
ihren Ellbogen in seine Rippen. Sie fuhr fort: »Aber ich kann
dir etwas geben, was fast so gut ist wie Geld - und viel mehr wert
als die Summe deines Beitrags und das werde ich tun und wie wäre
das?«
»Das
wäre schön«, antwortete Jonathan, der merkte, daß
sie ihm sowieso nicht zuhörte.
»Was
ist dein Beruf? Denn, wenn du willst, weißt du, kann ich eine
staatliche Unterstützung für dich veranlassen, Darlehen
oder Lizenzen oder Subventionen oder Steuererleichterungen. Wenn du
willst, kann ich deine Konkurrenten ruinieren mit Vorschriften und
Regulierungen und Inspektionen und Gebühren, so daß du
sehen kannst, daß es keine bessere Investition in der Welt gibt
als einen Politiker auf dem richtigen Platz. Vielleicht brauchst du
eine neue Straße oder einen Park in deiner Umgebung oder
vielleicht ein größeres Gebäude oder
...«
»Warten
Sie!« schrie Jonathan, der versuchte, den Sturm der Worte
aufzuhalten. »Wie können Sie mir mehr geben als ich Ihnen
gebe? Sind Sie so reich und großzügig?«
»Ich
und reich? Himmel Herrgott, nein!« entgegnete Lady Tweed, »ich
bin nicht reich, jedenfalls noch nicht. Großzügig? Ja, das
könnte man sagen, aber ich bezahle dich natürlich nicht mit
meinem eigenen Geld. Ich bin nämlich verantwortlich für das
Geld der Regierung. Weißt du, Geld aus den Steuereinnahmen. Und
selbstverständlich kann ich sehr großzügig sein mit
diesen Mitteln - zu den richtigen Leuten.«
Jonathan
verstand noch immer nicht, was sie meinte: »Aber wenn Sie
meinen Beitrag und meine Stimme kaufen, ist das nicht eine Art von
Bestechung?«
Lady
Tweed lächelte anmaßend: »Ich will ganz offen zu dir
sein, mein kleiner Freund.« Sie legte ihren Arm um seine
Schulter und drückte ihn unangenehm eng an sich. »Es ist
Bestechung, aber es ist legal, wenn Politiker das Geld anderer Leute
nutzen statt ihr eigenes. Ebenso ist es illegal, wenn du mir Geld für
spezielle politische Gefälligkeiten gibst, es sei denn, du
nennst es einen Wahlkampfbeitrag. Dann ist alles in
Ordnung. Aber falls du mir nicht direkt etwas geben willst, kannst du
auch einen Freund oder Verwandten bitten, Geld, Aktien oder auch
Güter an mich oder meine Familie zu schicken, jetzt oder später
und in deinem Namen.« Sie holte tief Luft. »Verstehst du
jetzt?«
Jonathan
schüttelte den Kopf: »Ich kann den Unterschied immer noch
nicht erkennen. Ich meine, es kommt mir so vor, daß Leute zu
bestechen für Stimmen und Gefälligkeiten immer noch
Bestechung ist, ganz egal wer sie sind oder wessen Geld es ist. Der
Name ergibt doch noch keinen Unterschied, wenn die Handlung die
gleiche ist.«
Lady
Tweed lächelte nachsichtig und begann zu schmeicheln: »Mein
lieber, lieber Freund, du mußt flexibler sein. Der Name ist
alles. Was ist denn dein Name? Hat dir schon einmal jemand gesagt,
daß du hübsch aussiehst? Du könntest weit kommen,
wenn du dich um politische Ämter bemühen würdest und
wenn du nur etwas flexibler wärst bei diesem Thema. Ich bin
sicher, ich könnte dir nach meiner Wahl eine nette Stelle in
meinem Büro verschaffen. Na, bestimmt gibt es etwas, was du
möchtest?«
Jonathan
beharrte auf seiner ursprünglichen Frage und bat weiter um eine
Erklärung: »Was bekommen Sie dafür, daß Sie die
Steuergelder ausgeben? Können Sie das Geld aus den Beiträgen
behalten?«
»Ach,
einiges brauche ich für meine Ausgaben und viele nette Sachen
sind mir versprochen wurden, wenn ich in Rente gehe, aber
hauptsächlich bekomme ich dafür Anerkennung oder
Glaubwürdigkeit oder Bekanntheit oder Liebe oder Bewunderung
oder einen Platz in der Geschichte - alles das und noch mehr
Stimmen!« kicherte Lady Tweed.
»Stimmen
sind Macht, und es gibt nichts, was mir mehr gefällt, als Macht
zu haben über das Leben, die Freiheit und das Eigentum aller
Menschen auf dieser Insel. Kannst du dir vorstellen, wie viele Leute
zu mir kommen - zu mir! - und um große und kleine
Gefälligkeiten bitten? Und jede kleine Steuer oder Vorschrift
ist eine Möglichkeit, eine spezielle Ausnahme zu gewähren.
Jedes Problem, groß oder klein, wird so gelöst, daß
ich mehr Einfluß erhalte. Ich kann kostenloses Essen und
kostenlose Reisen für jeden ausgeben, der mir gefällt.
Seitdem ich ein Kind war, habe ich immer von so einer Bedeutsamkeit
geträumt. Und du kannst das alles auch haben!«
Jonathan
zappelte unbehaglich in ihrem Griff. Er hatte es geschafft, wieder
von ihr fortzukommen, aber Lady Tweed hielt ihn noch fest an der
Hand. »Sicherlich ist es ein sehr gutes Geschäft für
Sie und Ihre Freunde«, sagte Jonathan, »aber ärgern
sich die anderen Leute nicht darüber, daß ihr Geld genutzt
wird, um Stimmen, Gefälligkeiten und Macht zu
kaufen?«
»Natürlich«,
sagte sie und hob stolz ihr fettes Kinn, »Deshalb bin ich die
Anführerin der Reform.« Endlich ließ sie seine Hand
los und streckte ihre große Faust voller Juwelen in die Luft.
»Jahrelang habe ich neue Regeln entworfen, um das Geld aus der
Politik herauszuhalten. Ich habe immer gesagt, daß das ein
unhaltbarer Zustand ist und mit meinen Reformversprechen eine große
Anzahl von Stimmen gewonnen.«
Sie
grinste einfältig und fuhr fort: »Glücklicherweise
kenne ich immer eine Möglichkeit, meine Regeln zu umgehen, wenn
ich wertvolle Gefälligkeiten verkaufen kann.«
Lady
Tweed sah Jonathan wieder an und begutachtete seine zerrissenen
Kleider. »Niemand bezahlt dir einen Groschen für
Gefälligkeiten, weil du, jetzt jedenfalls, keine Gefälligkeiten
verkaufen kannst. Das ist ein direktes Verhältnis, nicht? Aber
mit deinem unschuldigen Blick und der richtigen Unterstützung
von mir, neuen Kleidern und einem modischen Haarschnitt könnte
ich dir auf jeden Fall ein überdurchschnittliches Wahlergebnis
verschaffen. Und nach zehn oder zwanzig Jahren sorgfältiger
Führung - nun, es gibt da keine Grenze der Möglichkeiten!
Komm im Palast der Herren vorbei und ich werde sehen, was ich tun
kann.«
Bei
dieser Bemerkung erspähte Lady Tweed eine Gruppe Arbeiter, die
hilflos auf die geschlossene Fabrik blickten. Sofort verlor sie ihr
Interesse an Jonathan, drehte sich um und ging auf der Suche nach
frischer Beute schnell fort.
»Das
Geld anderer Leute auszugeben klingt nach viel Ärger«,
murmelte Jonathan leise.
Obwohl
sie seine Worte kaum hören konnte, blieb Lady Tweed stehen und
kam einen Schritt zurück; sie hatte ihre Ohren darauf
abgestimmt, jeden Mißklang in der Luft zu erhaschen. Sie
lachte: »Hast du Ärger gesagt? Ha! Es ist, als
würde man Süßigkeiten von einem Baby bekommen. Was
die Leute mir nicht aus Pflichtgefühl geben, das borge ich von
ihnen. Ich bin längst weg und in guter Erinnerung, wenn ihre
Babies die Rechnung erhalten.«
11.
Tod den illegalen Friseuren
In
der nächsten Straße sah Jonathan einen Polizisten, der auf
dem Bordstein saß und eine Zeitung las. Er war kleiner und kaum
älter als Jonathan. Jonathan war erzogen worden, Gesetzeshüter
zu respektieren und fühlte sich sicher bei dem Anblick des
jungen Mannes in seiner schwarzen Uniform und mit einer glänzenden
Pistole an seiner Seite. Vielleicht könnte er den Beamten nach
der Richtung zum Hafen fragen.
Der
Polizist war in seine Zeitung vertieft, so daß Jonathan über
seine Schulter auf die Neuigkeiten schaute, die die Schlagzeilen
verkündeten: TODESSTRAFE FÜR ILLEGALE FRISEURE
EINGEFÜHRT.
»Die
Todesstrafe für Friseure?« rief Jonathan voller
Erstaunen.
Der
Polizist blickte zu ihm auf.
»Entschuldigen
Sie«, sagte Jonathan, »ich wollte Sie nicht stören,
aber ich habe gerade diese Schlagzeile gelesen. Ist das ein
Druckfehler da, die Sache mit den Friseuren?«
»Schauen
wir mal.« Der Mann begann, aus der Zeitung vorzulesen: »Der
Hohe Rat hat heute die Todesstrafe für jeden eingeführt,
der ohne Lizenz Haare schneidet. Was ist denn daran so
ungewöhnlich?«
»Ist
das nicht etwas hart für so ein kleines Vergehen?« fragte
Jonathan vorsichtig.
»Kaum«,
erwiderte der Polizist, »die Todesstrafe ist die endgültige
Drohung hinter jedem Gesetz - ganz egal, wie klein das Vergehen
ist.«
Jonathan
starrte ihn mit großen Augen an: »Sie werden doch
niemanden zum Tode verurteilen, wenn er Haare ohne Lizenz
schneidet?«
»Natürlich
würden wir das tun«, sagte der Polizist und tätschelte
seine Waffe, »obwohl es selten dazu kommt.«
»Warum?«
»Na
ja, jedes Verbrechen wird auf einer aufsteigenden Skala betrachtet.
Das heißt, die Strafen steigen, je mehr man sich ihnen
widersetzt. Zum Beispiel, wenn jemand Haare ohne Lizenz schneiden
will, erhält er eine Ordnungsstrafe.
Wenn
sie die Strafe nicht bezahlen wollen oder weiterhin Haare schneiden,
werden diese illegalen Friseure dann festgenommen und hinter Gitter
gesperrt. Und«, sagte der Mann in einem sachlichen Ton, »wenn
sie sich der Festnahme widersetzen, erhalten diese kriminellen
Elemente Strafen, die deutlich härter werden.«
Sein
Gesicht verdunkelte sich etwas. »Sie könnten sogar
erschossen werden. Je größer der Widerstand, um so größer
auch die Gewalt, die gegen sie ausgeübt wird.«
Die
zornige Rede bedrückte Jonathan. »Also ist die endgültige
Drohung hinter jedem Gesetz wirklich der Tod?« Immer noch mit
etwas Hoffnung fragte er: »Aber sicherlich wird die Todesstrafe
nur für die grausamsten kriminellen Handlungen verhängt -
wie Mord und Raub!«
»Nicht
immer«, sagte der Polizist. »Das Gesetz reguliert die
ganze Breite des persönlichen und geschäftlichen Lebens.
Hunderte von Berufsständen schützen ihre Mitglieder mit
solchen Lizenzen. Zimmerleute, Ärzte, Klempner, Buchhalter,
Maurer, Rechtsanwälte - alle hassen Eindringlinge.«
»Wie
schützen denn die Lizenzen?« fragte Jonathan.
»Die
Anzahl der Lizenzen ist begrenzt und die Aufnahmeprüfungen in
die Berufsstände streng kontrolliert. Das verhindert unfairen
Wettbewerb von Leuten mit merkwürdigen neuen Ideen,
übermäßiger
Begeisterung, rücksichtsloser Tüchtigkeit oder
halsabschneiderischen Preisen. Diese skrupellosen Konkurrenten
bedrohen die Traditionen unserer hochgeachteten
Fachleute.«
Jonathan
wollte nicht aufgeben, bis er eine klare Antwort erhalten würde:
»Schützen die Lizenzen die Kunden?«
»Aber
ja, das schreiben sie in dem Artikel«, sagte der Polizist und
schaute wieder in die Zeitung. »Lizenzen geben den
Berufsständen Monopole, so daß sie die Kunden von zu
vielen Entscheidungen und zu großer Auswahl schützen
können. Sie sagen hier, daß die Mitglieder der
Berufsstände ganz gewiß gut sind, so daß eine
Auswahl nicht nötig ist.«
Der
Polizist schlug sich stolz auf die Brust und fügte hinzu: »Und
ich setze diese Monopole durch.«
»Sind
Monopole gut?« versuchte es Jonathan noch einmal.
Der
Polizist senkte die Zeitung wieder. »Das weiß ich
wirklich nicht. Ich befolge nur die Anweisungen. Manchmal setze ich
die Monopole durch und manchmal muß ich sie
zerschlagen.«
»Was
ist denn nun richtig: Monopole oder Wettbewerb?« Der Polizist
zuckte mit den Achseln: »Es ist nicht meine Aufgabe, das
herauszufinden. Der Hohe Rat weiß, wer kooperiert und wer
nicht. Der Rat sagt mir nur, wohin ich meine Waffe richten
soll.«
Er
sah, wie niedergeschlagen Jonathan blickte, und versuchte, ihn
aufzumuntern: »Keine Angst, mein Freund. Wir führen die
Todesstrafe nur selten durch. Niemand mag davon sprechen. Und nur
wenige wagen überhaupt, solchen Widerstand zu leisten, da wir
sehr sorgfältig darauf achten, Gehorsam gegenüber dem Rat
zu lehren.«
»Haben
Sie jemals Ihre Waffe benutzt?« fragte Jonathan und blickte
nervös auf die Pistole.
»Gegen
einen Kriminellen?« sagte der Polizist. Mit einer geübten
Bewegung zog er den Revolver geschmeidig aus der Ledertasche und
schlug auf die kalte Stahlmündung. »Nur
einmal.«
Er
öffnete die Patronenkammer, blickte auf die Trommel, schloß
sie wieder und bewunderte sie: »Die beste Technologie hier auf
der Insel. Der Rat scheut keine Mühe, uns das beste für
unsere große Aufgabe zu geben. Ja, diese Waffe und ich haben
geschworen, Leben, Freiheit und Eigentum aller Bürger dieser
Insel zu schützen. Und wir passen auch gegenseitig auf uns
auf.«
»Wann
haben Sie sie benutzt?« fragte Jonathan.
»Komisch,
daß du fragst«, sagte der Polizist und runzelte die
Stirn, »ich bin seit einem Jahr im Dienst und konnte sie erst
heute morgen nutzen. Eine Frau spielte verrückt und bedrohte ein
Einrißkommando. Sie sagte, so würde ihr Haus
zurücknehmen. Ha, so ein eigennütziger
Gedanke.«
Jonathans
Herz setzte eine Sekunde lang aus. War dies die Frau, die er vorhin
getroffen hatte?
Der
Polizist bemerkte den besorgten Blick auf Jonathans Gesicht nicht und
fuhr fort: »Ich wurde gerufen, um die Frau zu überzeugen
aufzugeben. Die Papiere waren alle in Ordnung - das Haus war
enteignet worden, um für Lady Tweeds Volkspark Platz zu
machen.
Jonathan
konnte kaum sprechen: »Und was ist passiert?«
»Ich
habe versucht, sie zu überzeugen. Sagte ihr, sie käme
bestimmt mit einer leichten Verurteilung davon, wenn sie freiwillig
mit mir käme. Aber sie bedrohte mich und verlangte, ich solle
von ihrem Eigentum verschwinden, na ja, es war ein klarer Fall
von verweigerter Festnahme. Stell dir vor, so eine Frechheit von
dieser Frau.«
»Ja«,
seufzte Jonathan, »so eine Frechheit.«
Sie
schwiegen einige Minuten. Der Polizist las ruhig, während
Jonathan noch immer gedankenvoll dastand und mit dem Fuß gegen
einen Stein trat. Dann fragte er: »Kann man hier in der Stadt
so eine Waffe wie Ihre kaufen?«
Der
Polizist blätterte eine Seite um und antwortete: »Auf
keinen Fall. Jemand könnte damit verletzt werden.«
12.
Kämpfe um die Bibliothek
Das
Treiben auf den Straßen nahm zu, als Jonathan weiter zum
Stadtzentrum ging. Auf den Fußwegen liefen entschlossene, gut
gekleidete Menschen mit beschäftigtem Gesichtsausdruck. Jonathan
eilte über einen großen, offenen Platz und traf einen
alten Mann und eine junge Frau, die sich heftig anschrien. Sie
fluchten und brüllten, fuchtelten mit ihren Armen wild in der
Luft und sprangen sogar vor Erregung auf und ab.
Jonathan
stellte sich zu einer kleinen Gruppe von Zuschauern, um zu sehen,
worum es bei dem Kampf ging. Als die Polizei eintraf, um die beiden
auseinanderzubringen, fragte Jonathan eine gebrechliche, kleine alte
Frau, die neben ihm stand: »Warum sind sie so wütend
aufeinander?«
Die
Frau antwortete: »Diese Rüpel schreien schon seit Jahren
wegen der Bücher in der Ratsbibliothek aufeinander ein. Der Mann
beschwert sich immer über die vielen Bücher voller Sex und
Unmoral. Er will, daß diese Bücher herausgenommen und
verbrannt werden. Sie erwidert darauf, er sei ein aufgeblasener
Puritaner«
»Und
sie will diese Bücher lesen?« unterbrach Jonathan.
»Nein,
eigentlich nicht«, kicherte ein anderer Zuschauer, ein Mann,
der ein kleines Mädchen an der Hand hielt. »Ihre
Beschwerde ist ähnlich wie seine - nur gegen andere Bücher.
Sie behauptet, daß viele Bücher in der Bibliothek eine
sexistische und rassistische Tendenz haben.«
»Pappi,
Pappi, was ist Tendenz«, wollte das kleine Mädchen
wissen und zog an seinem Hosenbein.
»Einen
Moment, meine Liebe. Wie ich sagte«, fuhr der Mann fort,
»fordert die Frau, daß diese sexistischen und
rassistischen Bücher hinausgeworfen werden und daß statt
dessen ihre Buchliste gekauft werden soll.«
Inzwischen
hatte die Polizei die beiden Streitenden auseinandergebracht und zog
sie die Straße hinunter. Jonathan schüttelte seinen Kopf
und seufzte: »Und die Polizei hat sie jetzt wegen diesem Lärm
festgenommen?«
»Ganz
und gar nicht«, lachte die Frau. »Beide wurden
festgenommen, weil sie die Bibliothekssteuer nicht zahlen wollten.
Nach dem Gesetz muß jeder für alle Bücher bezahlen,
ob sie ihm gefallen oder nicht.«
»Warum
können sie nicht einfach ihr Geld behalten, so daß sie
auswählen können, welche Bibliotheken sie unterstützen?
Dann bezahlen sie nur für das, was ihnen
gefällt.«
»Aber
dann könnte meine Tochter es sich nicht leisten, in die
Bibliothek zu gehen«, sagte der Mann, als er dem kleinen
Mädchen eine große rot und weiß gestreifte
Zuckerstange gab.
»Einen
Moment mal«, sagte die alte Frau und blickte voller
Mißbilligung auf die Süßigkeit. »Ist Nahrung
für den Geist Ihrer Tochter nicht genauso wichtig wie Nahrung
für ihren Magen?«
»Worauf
wollen Sie hinaus?« antwortete der Mann etwas unsicher wegen
der Süßigkeit. Seine Tochter hatte schon ihr ganzes Kleid
damit beschmiert.
Die
Frau zögerte nachdenklich: »Vor langer Zeit gab es viele
verschiedene Mitgliedsbibliotheken. Die Leute wurden Mitglied, wenn
sie wollten, und sie bezahlten nur für die Bibliothek, die ihnen
gefiel. Alle hatten einen kleinen Mitgliedsbeitrag pro Jahr zu
zahlen, aber das störte niemanden.
Die
Bibliotheken konkurrierten sogar um Mitglieder und versuchten, die
besten Bücher und die besten Mitarbeiter zu bekommen, die besten
Öffnungszeiten und Standorte. Manche hatten sogar einen
Lieferservice nach Hause. Die Leute zahlten für ihre Wahl und
die Bibliotheksmitgliedschaft hatte einen hohen Wert - höher als
Zuckerstangen!« fügte sie vorwurfsvoll hinzu.
»Dann
meinte der Hohe Rat, daß Bibliotheken zu wichtig für die
Gesellschaft seien und daß man die Leute nicht mehr dafür
zahlen lassen dürfte. Deshalb schuf der Rat eine große
kostenlose Bibliothek.
Für
die Arbeit, die vorher einer getan hatte, stellten sie jetzt drei
Bibliothekare mit Supergehältern ein. Die Öffnungszeiten
wurden verkürzt, aber trotzdem war die Ratsbibliothek beliebt,
weil sie kostenlos war. Kurz danach verloren die
Mitgliedsbibliotheken ihre Kunden und mußten
schließen.«
»Die
Herren haben eine kostenlose Bibliothek geschaffen?«
wiederholte Jonathan. »Aber ich dachte, Sie sagten, daß
jeder eine Bibliothekssteuer bezahlen muß?«
»Das
stimmt. Aber es ist üblich, die Einrichtungen des Rates
kostenlos zu nennen, obwohl die Leute gezwungen
werden, dafür zu zahlen. Es ist viel mehr - zivilisiert«,
sagte sie ironisch.
Der
Mann widersprach energisch: »Mitgliedsbibliotheken? Davon habe
ich nie gehört.«
»Natürlich
nicht«, gab die alte Frau zurück. »Die
Ratsbibliothek gibt es jetzt schon so lange, daß sich niemand
etwas anderes vorstellen kann.«
»Mal
langsam«, rief der Mann, »kritisieren Sie die
Bibliothekssteuer? Wenn die Herren eine wertvolle Dienstleistung
anbieten, dann müssen die Leute gezwungen werden zu
bezahlen.«
»Es
kann nicht so wertvoll sein, wenn man Zwang einsetzen muß«,
sagte die Frau.
»Nicht
alle wissen, was gut für sie ist, und andere können es sich
nicht leisten«, erklärte der Mann. »Intelligente
Leute wissen, daß freie Bücher die Grundlage für eine
freie Gesellschaft sind. Und Steuern verteilen die Last, so daß
jeder seinen gerechten Anteil zahlt. Sonst könnten einige
Schnorrer auf Kosten der Allgemeinheit leben!«
»Mit
Ihrer Bibliothekssteuer gibt es mehr Schnorrer«, erwiderte die
alte Frau. »Die, die die Bibliothek nutzen, und die, die
Steuerermäßigungen erhalten, leben auf Kosten aller
anderen. Wie gerecht ist das? Was glauben Sie, wer mehr Einfluß
im Hohen Rat hat: ein reicher Freund des Rates oder ein armer Kerl,
der es sich nicht leisten kann, ein Buch auszuleihen?«
Der
Mann schob das kleine Mädchen hinter seinen Rücken und
erwiderte hitzig: »Was für eine Wahl der Bibliotheken
wollen Sie denn? Wollen Sie etwa eine Mitgliedsbibliothek wählen,
die eine Tendenz gegen irgendeine Gruppe in der Gesellschaft
hat?«
»Sie
können eine Tendenz nicht verhindern«, schrie die Frau und
beugte sich nahe an sein Gesicht. »Was glauben Sie denn, worum
die beiden da vorhin gestritten haben? Wollen Sie etwa, das die
Possenreißer im Rat Ihre persönliche Neigung
bestimmen?«
»Wer
ist denn hier der Possenreißer?« entgegnete der Mann und
stieß die alte Frau an. »Wenn es Ihnen hier nicht
gefällt, warum verlassen Sie dann nicht die Insel?«
»Sie
unverschämter Halunke«, antwortete die Frau.
Jetzt
schrien die beiden aufeinander ein, das kleine Mädchen weinte
und jemand lief davon, um die Polizei zu rufen. Jonathan drückte
sich durch die Menge und entschloß sich, in der Ruhe der
Bibliothek Zuflucht zu suchen.
13.
Gar nichts
Die
Gebäude, die die Bibliothek umgaben, waren alle mindestens zwei
Stockwerke hoch und hatten beeindruckende Steinfassaden. Im Eingang
war eine ziemlich vornehme Gruppe zusammengekommen, die geduldig
wartete und den Streit nicht wahrnehmen wollte, der auf dem Platz
hinter ihnen wieder zunahm. Als Jonathan sich zu der Gruppe gesellte,
las er interessiert die schweren Bronzebuchstaben über dem
Eingang: LADY BESS TWEED VOLKSBIBLIOTHEK.
Weiter
hinten verrenkten die Besucher ihre Hälse, um über die
Köpfe der weiter vorn stehenden zu schauen. Laut äußerten
sie ihre Bewunderung über das, was sie sahen.
»Großartig«,
flüsterte jemand. »Phänomenal« sagten
andere.
Jonathan
war geschickt und dünn und preßte sich durch die
Ansammlung. Er kam zu einem Bibliothekarstisch hinter dem Eingang.
»Was findet diese Gruppe so großartig und phantastisch?«
fragte er den Mann, der hinter dem Tisch saß.
»Schhhh«,
mahnte der Bibliothekar streng, »leise bitte.«
Der
Mann schob die Ecken eines Stapels Karteikarten gerade und legte sie
sorgfältig vor sich auf den Tisch. Er beugte sich vor und
schaute Jonathan über seine Brillengläser hinweg an. »Dies
sind die Mitglieder der Ratskommission für die Kunst. Sie haben
gerade eine öffentliche Ausstellung mit der neuesten Anschaffung
unserer Kunstsammlung eröffnet.«
»Interessant«,
sagte Jonathan mit gedämpfter Stimme. Er streckte seinen Hals,
um etwas zu sehen, und bemerkte: »Ich mag gute Kunst, aber wo
ist sie? Sie muß sehr klein sein.«
»Das
kommt darauf an«, schniefte der Bibliothekar, »einige
würden sagen, sie ist sehr umfassend. Das ist die Schönheit
des Werkes. Es heißt Die Leere im
Flug.«
»Aber
ich sehe nichts«, sagte Jonathan und starrte auf die weiße
Wand über dem Eingang.
»Das
ist es ja. Beeindruckend, nicht wahr?« Der Bibliothekar blickte
mit einem leeren, verträumten Ausdruck in die Luft. »Nichts
vermittelt die volle Bedeutung des Geistes des menschlichen Kampfes
um diesen erhobenen Grad des Bewußtseins, den man nur fühlt,
wenn man die volle Wärme der zarten Farben dem greifbaren
Bewußtsein unserer inneren Natur gegenüberstellt. Nichts
erlaubt jedem, das beste seiner Vorstellungskraft zu
erfahren.«
Jonathan
schüttelte berauscht den Kopf und fragte irritiert: »Also
ist es wirklich nichts? Wie kann nichts Kunst sein?«
»Das
ist es gerade, das es zum höchsten Ausdruck der Kunst der
Gleichheit macht. Die Ratskommission für die Kunst veranstaltet
eine geschmackvoll ausgeführte Lotterie, um ihre Entscheidung zu
treffen«, sagte der Bibliothekar.
»Eine
Lotterie, um Kunst auszuwählen?« fragte Jonathan voller
Erstaunen. »Warum denn eine Lotterie?«
»Früher
traf ein ernannter Kunstausschuß die Entscheidungen«,
antwortete der Mann. »Zuerst wurde der Ausschuß
kritisiert, daß er seinen eigenen Geschmack favorisiere oder
den seiner Freunde. Dann wurden sie beschuldigt, die Kunst, die sie
nicht mochten, zu zensieren. Da die normalen Bürger für die
Vorlieben des Ausschusses mit ihren Steuern bezahlen mußten,
protestierten sie gegen dieses Vorgehen.«
»Und
wenn man einen anderen Ausschuß eingesetzt hätte?«
schlug Jonathan vor.
»Ja,
das hat man mehrmals versucht. Aber die, die nicht im Ausschuß
saßen, stimmten niemals mit denen im Ausschuß überein.
Deshalb ließen sie schließlich die ganze Idee eines
Ausschusses fallen. Alle waren sich einig, daß eine Lotterie
die einzige objektive subjektive Methode war. Jeder konnte am
Wettbewerb teilnehmen - fast jeder tat es auch. Der Hohe Rat setzte
einen sehr großzügigen Preis aus und jedes Werk war
qualifiziert. Die Leere im Flug gewann heute morgen die
Ziehung.«
Jonathan
unterbrach ihn: »Aber warum läßt man nicht jeden
seine eigene Kunst kaufen, statt Steuern zu erheben, um eine Lotterie
zu bezahlen? Dann könnte sich jeder aussuchen, was er
will.«
»Was?«
rief der Bibliothekar aus. »Einige Egoisten würden gar
nichts kaufen und andere könnten einen schlechten Geschmack
haben. Nein, wirklich, der Hohe Rat muß die Kunst
unterstützen!«
Er
richtete seinen Blick zurück auf Die Leere im Flug,
verschränkte seine Arme und sein Gesicht nahm einen
verschwommenen Ausdruck an. »Eine gute Wahl, nicht wahr? Die
Leere hat den Vorteil, daß der Bibliothekseingang frei bleibt
und dazu noch die Umwelt geschont wird.
Und
außerdem«, setzte er glücklich hinzu, »kann
sich niemand über die künstlerische Qualität oder den
ästhetischen Stil dieses Meisterwerks beschweren. Es kann wohl
kaum jemanden beleidigen, nicht wahr?«
14.
Der Pavillon der Interessenvertretung
Der
Himmel wurde schon dunkel, als Jonathan auf den Stufen der Bibliothek
stand und die Menge auf dem Platz betrachtete. Es freute ihn, daß
der Platz mit dem Sonnenuntergang zum Leben erwachte. Immer mehr
Menschen strömten am Ende des Platzes hinter der Bibliothek
zusammen, an dem ein herrliches Festzelt stand. Sein Heimweh
verschwand in der Begeisterung dieses Augenblicks.
Jonathan
ging zu dem aufsehenerregenden Zelt und staunte über die
Lichter, die Bilder und die Geräusche. Auf einem farbigen Schild
stand geschrieben: REGIERUNGSZIRKUS: DER PAVILLON DER
INTERESSENVERTRETUNG.
Eine
Frau in einem rot-weiß gestreiften Trikot sprang aus der Menge
und rief: »Alle herhören. Alle herhören. Das größte
Abenteuer Ihres Lebens. Gehen Sie direkt in den Pavillon der
Interessenvertretung!«
Sie
erblickte Jonathan, dessen Augen vor Staunen weit geöffnet
waren, und griff seinen Arm. »Jeder wird ein Sieger sein,
junger Mann.«
»Was
kostet es?« fragte Jonathan. »Bringe nur 10 Kayns mit und
du wirst mit einem großartigen Preis herauskommen!«
antwortete sie.
Die
Frau drehte sich um und gestikulierte der Menge zu: »Alle
herhören. Alle herhören. Der Pavillon der
Interessenvertretung macht euch reich.«
Jonathan
hatte nicht genug Geld, deshalb wartete er, bis die Frau abgelenkt
war, schlich um das Zelt und hob die Plane hoch, um nach innen sehen
zu können. Er sah, wie die Platzanweiser die Teilnehmer zu ihren
Stühlen führten, die in einem großen Kreis angeordnet
waren. Zehn Teilnehmer standen erwartungsvoll hinter ihren
Stühlen.
Die
Lichter wurden schwächer, eine Trommel dröhnte und
verborgene Trompeten bliesen einen Salut. Ein helles
Scheinwerferlicht zeigte einen attraktiven Mann in einem glänzenden
schwarzen Anzug und einem Seidenhut. Er verbeugte sich tief vor dem
Kreis der zehn Teilnehmer.
»Guten
Abend«, sagte der Mann, »ich bin der Meister Politiker.
Heute abend werden sie die zehn glücklichen Gewinner in unserem
bemerkenswerten Spiel sein. Sie werden alle gewinnen. Jeder von Ihnen
wird glücklicher von hier weg gehen, als er gekommen ist. Setzen
Sie sich bitte.«
Mit
diesen Worten und einer schnellen Bewegung seiner Hand ging der
Meister Politiker zu jeder Person im Kreis und sammelte einen Kayn
von jedem Teilnehmer ein.
Niemand
zögerte.
Dann
lächelte der attraktive Mann und verkündete: »Jetzt
werden Sie sehen, wie Sie belohnt werden.« Und plötzlich
ließ er fünf Kayns auf den Schoß eines der
Teilnehmer fallen. Der glückliche Empfänger schrie und
sprang vor Freude in die Luft.
»Sie
werden nicht der einzige Gewinner sein«, erklärte der
Meister Politiker.
Und
so war es. Zehnmal ging der Meister Politiker um den Kreis herum und
sammelte jedes Mal einen Kayn von jedem Spieler ein. Nach jeder Runde
ließ er fünf Kayns in den Schoß eines der Teilnehmer
fallen, die entzückt antworteten.
Als
das Geschrei aufhörte und die Spieler nach draußen gingen,
rannte Jonathan zum Eingang des Zeltes zurück, um zu sehen, ob
alle wirklich zufrieden waren.
Die
Frau in dem roten und weißen Trikot hielt die Plane offen. Sie
hielt einen der Teilnehmer an und fragte: »Hatten Sie
Spaß?«
»Ja,
natürlich", sagte der Mann mit einem breiten Grinsen, »es
war großartig.«
»Ich
kann gar nicht erwarten, es meinen Freunden zu erzählen«,
sagte ein anderer. »Ich werde später noch einmal
vorbeikommen.«
Und
ein weiterer begeisterter Teilnehmer fügte hinzu: »Ja, oh
ja, jeder hat einen Preis von fünf Kayns gewonnen!«
Jonathan
betrachtete die Gruppe nachdenklich, als sie sich zerstreute.
Die
Frau drehte sich zum Meister Politiker um, der den Leuten Lebewohl
zuwinkte, und bemerkte leise: »Und wir sind besonders
glücklich. Wir haben 50 Kayns gewonnen und diese Gimpel sind
glücklich darüber! Ich glaube, nächstes Jahr sollten
wir den Hohen Rat bitten, ein Gesetz zu verabschieden, das das Spiel
für jeden zur Pflicht macht.«
Plötzlich
tauchte ein Türsteher hinter Jonathan auf und packte ihn am
Kragen. »Hab ich dich, du Spitzbube. Ich habe gesehen, wie du
durch die Plane gelugt hast. Du dachtest wohl, du bekommst eine
kostenlose Show, was?«
»Es
tut mir leid«, sagte Jonathan und wand sich, um aus dem Griff
des Mannes zu entkommen. »Ich wußte nicht, daß man
zahlen mußte, wenn man nur zuschaut. Und bei der hübschen
Dame hat es so interessant geklungen - und ich hatte kein Geld und
deshalb ...«
Die
Frau drehte sich zu Jonathan und dem Türsteher um und blickte
ihn finster an: »Kein Geld?« Doch dann entspannte sie
sich unerwartet und lächelte. »Laß ihn los«,
sagte sie, »er ist doch nur ein netter Junge. Hat dir die Show
also gefallen?«
»Oh
ja, Madam«, sagte Jonathan und nickte eifrig.
»Wie
würde es dir denn gefallen, leicht etwas Geld zu verdienen?
Entweder das«, ihre Stimme wurde wieder drohend, »oder
wir übergeben dich der Festpolizei.«
»Ja,
großartig«, sagte Jonathan unsicher, »was soll ich
denn tun?«
»Das
ist wirklich einfach«, erklärte sie, nun wieder die
Freundlichkeit in Person: »Du läufst nur diesen Abend hier
herum, teilst diese Flugblätter aus und erzählst jedem,
welchen Spaß sie in unserem Pavillon haben werden. Hier hast du
einen Kayn und mit jedem Teilnehmer, der mit einem von deinen
Flugblättern hierher kommt, verdienst du noch einen Kayn. Jetzt
geh und enttäusch mich nicht.«
Jonathan
hängte sich die Tasche mit den Flugblättern über die
Schulter, dann sagte sie: »Noch eine Sache. Am Ende der
Vorstellung heute abend gebe ich dir einen Bericht über dein
Einkommen. Morgen früh mußt du gleich als erstes die
Hälfte deines Lohnes in den Palast bringen und deine Steuer
zahlen.«
»Steuer?«
wiederholte Jonathan, »wofür denn?«
»Die
Herren verlangen einen Teil deines Lohnes.«
Hoffnungsvoll
fügte Jonathan hinzu: »Ich glaube, ich würde mehr
arbeiten, wenn ich wüßte, daß Sie mein Einkommen
nicht melden. Vielleicht zweimal so viel.«
»Die
Herren wissen genau, daß die Leute ihre Einkommen verstecken
wollen, deshalb haben sie überall Spione, die uns genau
beobachten. Das könnte uns viel Ärger einbringen, sie
könnten uns sogar schließen«, sagte die Frau. »Also
beschwere dich nicht. Wir müssen alle für unsere Sünden
bezahlen.«
»Sünden?«
wiederholte Jonathan.
»Aber
ja. Steuern bestrafen die Sünder. Die Tabaksteuer bestraft das
Rauchen, die Alkoholsteuer bestraft das Trinken und die
Einkommensteuer bestraft das Arbeiten. Ihr Ideal ist, gesund zu sein
und faul«, kicherte die Frau und stieß dem
Kartenverkäufer mit ihrem Ellbogen in die Seite. »Nun mach
dich auf den Weg, Junge!«
15.
Väterchen Staat
Langsam
wurde es ruhiger in der Stadt. Die Frau mit dem Trikot bezahlte
Jonathan mehr als 50 Kayns für die Besucher, die mit seinen
Flugblättern gekommen waren. Sie war so froh, jemanden gefunden
zu haben, der seine Arbeit ernst nahm, daß sie ihn bat, am
nächsten Abend wieder vorbeizukommen und für sie zu
arbeiten. Jonathan war einverstanden und verließ den Festplatz
auf der Suche nach einem bequemen Bett für die Nacht. Er wußte
nicht, was er tun könnte, und lief ziellos durch die
Stadt.
Als
er unter dem dünnen Licht einer Straßenlaterne
stehenblieb, trat ein alter Mann im Nachthemd aus seinem Haus auf die
Veranda. Der alte Mann kniff die Augen zusammen und spähte über
die Giebel der Reihenhäuser auf der Straße.
Neugierig
ging Jonathan hinüber und fragte ihn: »Wohin sehen Sie
denn?«
»Das
Dach dieses Hauses«, flüsterte der alte Mann und zeigte in
des Dunkel. »Siehst du diesen dicken Mann dort in seinen
schwarzen, roten und goldenen Kleidern? Sein Plündersack wird
dicker mit jedem Haus, das er besucht.«
Jonathan
schaute in die Richtung, in die der Mann wies. Eine undeutliche,
schattenhafte Gestalt kletterte über das Dach eines der
Häuser.
»Ja«,
rief er aus, »ich sehe ihn. Warum schlagen Sie denn keinen
Alarm und warnen die Leute, die dort wohnen?«
»Oh,
das würde ich nie tun«, zitterte der alte Mann. »Väterchen
Staat hat einen bösartigen Charakter und geht sehr streng mit
denen um, die ihm in die Quere kommen.«
»Sie
kennen ihn«, protestierte Jonathan, »aber
...«
»Schhhh,
nicht so laut«, sagte der Mann und hielt den Finger an seine
Lippen. »Väterchen Staat kommt bei denen, die zu viel Lärm
machen, öfter vorbei. Die meisten Leute tun in dieser
schrecklichen Nacht so, als ob sie schliefen, obwohl es fast
unmöglich ist, diese Ruhestörung nicht zu
merken.«
Jonathan
versuchte, seine Stimme zurückzuhalten und lehnte sich näher
an das Ohr des Mannes: »Ich verstehe das nicht. Warum schließen
die Leute die Augen, wenn sie ausgeraubt werden?«
»In
dieser besonderen Nacht im April bleiben alle Leute stumm«,
erklärte der alte Mann. »Sonst könnten sie sich die
Freude zur Weißen Nacht verderben, wenn Väterchen Staat
zurückkommt, um Spielsachen und Geschenke zu
verteilen.«
Jonathan
war erleichtert: »Also gibt Väterchen Staat alles wieder
zurück?«
»Kaum!
Aber es gefällt den Leuten, daran zu glauben. Ich versuche, wach
zu bleiben, um mitzubekommen, wieviel er nimmt und wieviel er
zurückgibt. So eine Art Hobby von mir, könnte man sagen.
Ich schätze, Väterchen Staat behält das meiste für
sich selbst und seine Kobolde oder für einige bevorzugte
Familien hier in der Stadt.
Aber«,
sagte der Mann und ballte vor Wut die Fäuste, »Väterchen
Staat paßt darauf auf, jedem ein bißchen zurückzugeben,
um sie bei Laune zu halten. Deshalb schlafen dann alle wieder im
nächsten April, wenn er wiederkommt, um das zu nehmen, was er
will.«
»Ich
verstehe das nicht«, sagte Jonathan, »warum bleiben die
Leute nicht einfach wach, zeigen den Dieb an und behalten ihre
Sachen? Dann könnten sie alle Geschenke selbst kaufen und an
jeden verschenken, wie sie wollen.«
Der
alte Mann lachte und schüttelte seinen Kopf über Jonathans
Unverständnis. »Väterchen Staat ist doch jedermanns
Kindertraum. Die Eltern haben ihren Kindern immer erzählt, daß
Spielzeuge und Geschenke wie durch ein Wunder aus dem Himmel kommen
und niemanden etwas kosten.«
Er
betrachtete das abgespannte Aussehen des Jungen und sagte: »Es
sieht aus, als hättest du einen harten Tag gehabt. Komm herein
und wärm dich auf, Kleiner. Brauchst du einen Platz für die
Nacht?«
Jonathan
nahm das Angebot des alten Mannes gern an. Der Alte machte ihn mit
seiner Frau bekannt und sie lief schnell, um Jonathan eine Tasse
heißer Schokolade und einen Teller warmer Kekse zu
bringen.
Nachdem
der letzte Krümel verschwunden war, streckte sich Jonathan auf
dem Sofa aus, das das ältere Paar mit einigen Decken und einem
Kopfkissen für ihn zurechtgemacht hatte. Der alte Mann steckte
sich eine lange Pfeife an und lehnte sich in die Polster seines
Schaukelstuhls zurück.
Jonathan
begann, sich behaglich zu fühlen und fragte: »Wie begann
denn diese Tradition?«
»Wir
hatten einmal einen Feiertag, der Weihnacht genannt
wurde, das war eine wunderschöne Zeit im Jahr. Es war ein
religiöses Fest mit Geschenken und viel Fröhlichkeit. Ja,
es gefiel uns so gut, daß der Hohe Rat beschloß, daß
es zu wichtig war, als daß man es in einer ungezügelten
Spontaneität und chaotischen Feiern verbringen konnte. Sie
übernahmen es, damit es korrekt vonstatten
ging.«
Der
Ton seiner Stimme verbarg seine Ablehnung kaum. »Zuerst mußten
die unangebrachten religiösen Symbole verschwinden. Die Herren
änderten den Namen des Feiertags offiziell in Weiße
Nacht. Und der beliebte sagenhafte Mann, der die Geschenke
brachte, wurde von Väterchen Frost in Väterchen
Staat umbenannt. Das Kostüm zog der Steuersammler
an.«
Der
alte Mann machte eine Pause, um ein paar tiefe Züge zu nehmen
und den Tabak festzuklopfen. Er fuhr fort:
»Weißnachts-Steuerformulare müssen jetzt in
dreifacher Ausfertigung im Büro des Guten Willens eingereicht
werden. Das Büro des Guten Willens bestimmt mittels einer Formel
die Großzügigkeit, die von jedem Steuerzahler von den
Herren erwartet wird. Du hast gerade die jährliche Aprilsammlung
miterlebt.
Bald
kommt das Büro für Gut und Böse. Mit der Unterstützung
eines Moralberaters müssen Formulare ausgefüllt werden, um
detailliert über das gute und schlechte Verhalten jedes
einzelnen im vergangenen Jahr Auskunft zu geben. Das Büro für
Gut und Böse beschäftigt eine ganze Armee von Angestellten
und Prüfern, die untersuchen, ob die Antragsteller würdig
sind, im Dezember die Geschenke zu erhalten.
Schließlich
vereinheitlicht die Kommission für den richtigen Geschmack die
Größen, Farben und die Art der zulässigen Geschenke
und schließt ohne Ausschreibung Verträge mit vorher
ausgesuchten Herstellern ab, die die richtige Parteimitgliedschaft
haben. Ganz ohne Diskriminierung bekommt jeder exakt den gleichen,
von der Regierung herausgegebenen Festtagsschmuck, um sein Haus zu
verzieren. Am Abend der Weißen Nacht singt der Militärchor
die geeigneten Feiertagslieder.«
Doch
jetzt war der junge Abenteurer schon fest eingeschlafen. Der alte
Mann zog die Decke über seine Schultern. Er und seine Frau
flüsterten in Jonathans Ohr: »Fröhliche
Weißnacht!«
16.
Igel und Hase - neu betrachtet
Jonathan
träumte von der Frau aus dem Pavillon der Interessenvertretung.
Sie gab ihm Geld und nahm es wieder weg. Immer wieder bezahlte sie
ihn, nur um es wieder an sich zu reißen. Plötzlich
schreckte Jonathan aus dem Schlaf auf und erinnerte sich, daß
er seine Einkünfte im Steuerbüro melden mußte.
Der
alte Mann servierte ihm dicke Scheiben Toast mit Marmelade zum
Frühstück, als ein zierliches, kleines Mädchen
fröhlich in das Zimmer trat. Der alte Mann stellte das Mädchen
als seine Enkelin Luise vor, die sie einige Tage besuchte. Während
Jonathan sein Frühstück hungrig verschlang, sprang das
kleine Mädchen umher und versuchte immer wieder, ihre ungleichen
Socken hochzuziehen.
»Omi,
Omi, bitte lies mir noch einmal die Geschichte vor«, bettelte
sie.
»Welche
denn, Süße?«
»Meine
Lieblingsgeschichte, die mit dem Igel und dem Hasen. Die Bilder sind
so hübsch«, strahlte Luise.
»Na
gut«, sagte ihre Großmutter und nahm ein leicht zu
erreichendes Buch aus dem Küchenschrank. Sie setzte sich neben
die kleine Luise und begann: »Es war einmal ...«
»Nein
nein, Omi: Es lebten einmal ...«, unterbrach das
Mädchen.
Ihre
Großmutter lachte und fuhr fort:
Es
lebten einmal ein Igel namens Frank und ein Hase, der Lysander hieß.
Sie waren beide Briefträger, die die Briefe zu allen Häusern
ihres kleinen Tierdorfes lieferten. Eines Tages hörte Frank,
dessen Ohren viel besser funktionierten als seine Beine, wie die
Nachbarn sich lobend über Lysander äußerten, der bei
seinen Lieferungen so schnell war. Er konnte in ein paar Stunden die
Arbeit verrichten, für die andere Tage benötigten.
Frank
war über diese Kränkung empört und er kroch hinüber
und mischte sich in die Unterhaltung ein. »Hase«, sagte
Frank fast so langsam wie er lief, »ich wette, daß ich in
einer Woche mehr Kunden haben werde als du. Ich setze meinen guten
Ruf darauf.«
Die
Herausforderung überraschte Lysander. »Dein guter Ruf? Ha,
du kannst nicht das verwetten, was die anderen von dir denken«,
rief der aufgebrachte Hase. »Aber macht nichts, ich nehme die
Wette auch so an.«
Die
Nachbarn spotteten und meinten, der langsame Igel hätte sowieso
keine Chance. Um es herauszufinden verabredeten sie, eine Woche
später am gleichen Ort den Gewinner zu ermitteln. Lysander
rannte davon, um seine Vorbereitungen zu treffen. Frank saß
eine lange Zeit still, dann drehte er sich um und schlenderte langsam
davon.
Lysander
machte überall auf dem Land bekannt, daß er die Preise
noch mehr senken würde, auf weniger als die Hälfte von dem,
was Frank verlangte. Ab jetzt würde er zweimal täglich
liefern, sogar an Wochenenden und Feiertagen.
Als
der Hase durch die Siedlungen kam, gaben ihm die Bewohner Briefe,
kauften Briefmarken und Zubehör und packten sogar schnell
Pakete, damit er sie mitnehmen konnte. Für einen geringen
Aufschlag versprach er, Tag und Nacht zu liefern. Und immer schenkte
er seinen Kunden ein ehrliches, freundliches Lächeln ohne
zusätzliche Kosten. Der Hase war tüchtig, kreativ und
freundlich und seine Kundenliste nahm schnell zu.
Niemand
hatte etwas von dem Igel gesehen. Am Ende der Woche war sich Lysander
seines Sieges sicher und hastete zum Treffen der Nachbarn.
Zu
seiner Überraschung wartete der Igel schon auf ihn: »Das
tut mir so leid, Lysander«, sagte der Igel in seiner gedehnten
Art. »Während du von Haus zu Haus gerannt bist, habe ich
nur diesen einen Brief zu liefern.«
Frank
gab Lysander ein Dokument und einen Stift und fügte hinzu:
»Unterschreibe bitte hier auf der gestrichelten
Linie.«
»Was
ist das«, fragte Lysander.
»Unser
König hat mich, den Igel, zum Hauptpostmeister ernannt und mir
das Recht gegeben, alle Briefe im Land zu befördern. Es tut mir
leid, Hase, aber du mußt aufgeben und alle Lieferungen
einstellen.«
»Aber
das ist nicht möglich«, sagte Lysander und trommelte vor
Wut mit seinen Füßen, »das ist nicht
fair.«
»Das
sagte der König auch«, antwortete der Igel. »Es ist
nicht fair, daß einige seiner Untertanen bessere Leistungen in
Anspruch nehmen können als andere. Deshalb gab er mir ein
ausschließliches Monopol, um die gleiche Qualität der
Dienstleistung für alle sicherzustellen.«
Ärgerlich
redete der Hase auf den Igel ein: »Wie hast du es geschafft,
daß er das macht? Was hast du ihm angeboten?«
Ein
Igel kann nicht leicht lächeln, doch es gelang ihm, seinen Mund
zu verziehen: »Ich habe dem König zugesagt, daß er
alle seine Botschaften kostenlos versenden kann. Und natürlich
erinnerte ich ihn daran, daß es für ihn mit allem
Briefverkehr in seinem Reich in treuen Händen einfacher wird,
das Verhalten aufrührerischer Untertanen zu kontrollieren. Wenn
ich ab und zu einen Brief verliere, wer wird sich dann schon
beschweren?«
»Aber
du hast immer nur Verluste gemacht bei deinen Postlieferungen!«
erklärte der Hase gereizt. »Wer wird dafür
bezahlen?«
»Der
König wird einen Preis festsetzen, der meinen Gewinn absichert.
Wenn die Leute keine Briefe mehr schreiben, werden Steuern meine
Verluste abdecken. Nach einer Weile wird sich niemand daran erinnern,
daß ich jemals Konkurrenten hatte.«
Die
Großmutter schaute auf und fügte hinzu:
»Ende«.
»Und
die Moral der Geschichte ist«, las die Großmutter,
»Daß du dich immer an die Regierung wenden kannst,
wenn du ein besonderes Problem hast.«
Die
kleine Luise wiederholte: »Du kannst dich immer an die
Regierung wenden, wenn du ein besonderes Problem hast. Ich werde mich
daran erinnern, Omi.«
»Nein,
Liebes. Das ist nur, was das Buch sagt. Es könnte besser sein,
wenn du deine eigene Moral findest.«
»Omi?«
- »Ja, Liebes?«
»Können
Tiere sprechen?« - »Nicht in unserer Sprache, mein Kind.
Das ist nur ein Märchen.«
Jonathan
beendete seine Mahlzeit und dankte dem alten Paar für seine
Gastfreundschaft.
»Denk
einfach an uns als deine eigenen Großeltern, wenn du wieder
einmal etwas brauchst«, sagte der alte Mann und brachte
Jonathan zur Tür. Alle gingen nach draußen, um ihm
Lebewohl zu sagen.
17.
Der Verdauungsausschuß
Er
hatte noch die Geschichte vom Hasen in seinem Kopf, als er nach dem
Weg zum Palast fragte. Die alte Frau legte eine Hand auf seinen Arm
und warnte: »Bitte, Jonathan, erzähle niemandem über
das Essen, das wir dir gegeben haben. Wir haben keine
Erlaubnis.«
»Wie,
Sie brauchen eine Erlaubnis, um Essen zu servieren?« fragte
Jonathan.
»In
der Stadt, ja«, erwiderte die Großmutter. »Und wir
können wirklich Probleme bekommen, wenn die Behörden davon
erfahren - Essen zu servieren ohne eine Erlaubnis.«
»Wozu
dient die Erlaubnis?«
»Sie
garantiert einen bestimmten Standard des Essens für alle. Vor
Jahren kauften die Stadtleute ihr Essen von Straßenhändlern,
in Eckkneipen, guten Restaurants oder sie kauften die Nahrung im
Laden und kochten legal zu Hause. Der Hohe Rat meinte, daß es
ungerecht ist, wenn manche Leute besser essen als andere. Deshalb
wurden per Gesetz politische Cafés geschaffen, wo jeder aus
der Stadt das Standardessen kostenlos essen kann.«
»Natürlich
nicht wirklich kostenlos«, sagte der Großvater. Er nahm
seine Geldbörse und schwenkte sie langsam vor Jonathans Gesicht.
»Die Kosten für jede Mahlzeit sind viel höher als
jemals zuvor, aber niemand bezahlt sie direkt. Väterchen Staat
hat mit unseren Steuern bezahlt.
Und
weil die politischen Cafés schon bezahlt waren, hörten
viele Leute auf, zu den privaten Anbietern zu gehen, wo sie noch
einmal zahlen mußten. Die Privaten hatten jetzt weniger Kunden,
um die Ausgaben zu bezahlen, und mußten die Preise erhöhen.
Einige überlebten mit einer Handvoll reicher Kunden oder mit
speziellen religiösen Gerichten, aber die meisten mußten
schließen.«
»Warum
bezahlt denn jemand noch einmal für das Essen, wenn er es in den
politischen Cafés kostenlos bekommt?« wunderte sich
Jonathan.
Die
Großmutter lachte: »Weil die politischen schrecklich
wurden - die Köche, das Essen, die Atmosphäre - alles!
Schlechte Köche werden in den politischen Cafés nie
entlassen. Ihr Stand ist zu stark. Und wirklich gute Köche
werden selten belohnt, weil die schlechten Köche dann neidisch
werden. Die Stimmung ist mies, das Essen fade und der
Verdauungsausschuß entscheidet über die
Speisekarte.«
»Das
ist das schlimmste dabei«, rief der Großvater. »Sie
versuchen, ihre Freunde zufriedenzustellen und letztlich ist niemand
jemals zufrieden. Du hättest den Kampf um das Brot und die
Kartoffeln sehen sollen. Brot und Kartoffeln, tagein, tagaus für
Jahrzehnte.
Dann
organisierte die Pastalobby eine Kampagne für Nudeln und Reis.
Kannst du dich daran erinnern?« nickte er seiner Frau zu. »Als
die Nudelfans schließlich ihre Leute in den Ausschuß
gebracht hatten, hörten wir das letzte Mal von Brot und
Kartoffeln.«
Luise
verzog den Mund. Sie schaute hinter dem Rock ihrer Großmutter
hervor und rümpfte ihre Nase voller Abscheu: »Ich hasse
Nudeln, Omi.«
»Es
ist besser, wenn du sie ißt, mein Liebes, sonst holen dich die
Ernährungsbeamten.«
»Ernährungsbeamte?«
fragte Jonathan.
»Schhh«,
sagte der Großvater und hielt einen Finger an seine Lippen. Er
sah über seine Schulter und die Straße hinunter, ob sie
jemand sah. »Die, die die politisch anerkannten Speisen nicht
essen, werden von den Ernährungsbeamten mitgenommen. Die Kinder
nennen sie Ernies. Ernies überwachen die Teilnahme
an den Mahlzeiten genau und suchen jeden, der nicht vorbeikommt.
Ernährungsverbrecher werden in spezielle Haftcafés
gebracht und mit Gewalt gefüttert.«
Luise
schauderte bei dem Gedanken: »Aber können wir nicht
einfach zu Hause essen? Omi kocht doch am besten.«
»Das
ist nicht erlaubt, Liebes«, sagte die Großmutter und
tätschelte ihr auf den Kopf. »Einige Leute haben eine
besondere Erlaubnis, aber Opi und ich sind nicht dafür
ausgebildet. Und wir können uns die komplizierten Küchengeräte
nicht leisten, die ihren Anforderungen entsprechen. Siehst du, Luise,
die Politiker glauben, sie sorgen sich mehr für dich als
wir.«
»Außerdem«,
fügte der Großvater hinzu, »müssen wir beide
arbeiten, um die Steuern dafür zu zahlen.« Er lief murrend
um die Veranda und sprach halb zu sich selbst: »Sie erzählen
uns, wir hätten jetzt ein niedrigeres Esser-pro-Koch-Verhältnis
als jemals zuvor, obwohl die halbe Bevölkerung falsch ernährt
ist. Der ursprüngliche Plan, den Armen bessere Nahrung zu geben,
führte zu einer armseligeren Nahrung für alle.
Einige
Eigenbrötler haben sich geweigert zu essen und sind fast am
Verhungern, obwohl das Essen nichts kostet. Und schlimmer noch,
Gaunerbanden ziehen durch die politischen Cafés und niemand
fühlt sich dort mehr sicher.«
»Hör
auf, Opi!« sagte die Großmutter, als sie den besorgten
Blick auf Jonathans Gesicht sah. »Er wird sich zu Tode
fürchten, wenn er in ein politisches Café geht. Halte
einfach deine Ausweiskarte bereit, wenn du an der Tür bist. Dann
kann dir nichts passieren.«
»Danke
für Ihre Sorge, Großmutter«, sagte Jonathan und
fragte sich, wie wohl eine Ausweiskarte aussehen könnte und wie
er jemals ohne sie Essen bekommen würde. »Könnte ich
mir vielleicht noch ein paar Scheiben Brot einpacken, bevor ich
gehe?«
»Aber
sicher, mein Lieber. Soviel wie du willst.« Sie ging in die
Küche zurück und kam mit mehreren Scheiben wieder, die
sauber in eine Serviette eingewickelt waren. Sie blickte verstohlen
in beide Richtungen, ob einer der Nachbarn sie beobachtete, dann gab
sie sie Jonathan stolz und sagte: »Paß gut darauf auf. Es
geht das Gerücht um, daß unser Lieferant vor kurzem von
der Nahrungspolizei verhaftet wurde. Zeige also niemandem dieses
Brot, ja?«
»Sicher.
Und vielen Dank für alles.« Jonathan winkte zum Abschied
und trat auf die Straße. Er fühlte sich wohl bei dem
Gedanken, daß er ein Zuhause auf dieser merkwürdigen Insel
gefunden hatte.
18.
»Gib mir deine Vergangenheit oder deine Zukunft«
Der
Palast lag genau in der Richtung des Platzes. Jonathan dachte, er
könnte eine Abkürzung durch eine Gasse nehmen, in der sich
Kisten stapelten und viel Müll herumlag. Er lief energisch durch
die schattige Gasse und versuchte, das unsichere Gefühl
loszuwerden, daß ihn befallen hatte, als er die helle und
geschäftige Straße verließ.
Plötzlich
fühlte Jonathan einen Arm an seiner Kehle und den kalten Lauf
einer Pistole zwischen seinen Rippen. »Gib mir deine
Vergangenheit oder deine Zukunft«, knurrte die Räuberin
grimmig.
»Was«,
sagte Jonathan und zitterte am ganzen Körper, »was meinen
Sie?«
»Du
hast mich verstanden - dein Geld oder dein Leben«, wiederholte
die Diebin und drückte die Pistole fester in seine Seite.
Jonathan
brauchte keine weitere Ermunterung und holte sein schwer erarbeitetes
Geld aus der Tasche. »Das ist alles, was ich habe. Und ich
brauche die Hälfte, um den Steuereinnehmer zu bezahlen«,
bat Jonathan. Sorgfältig versteckte er die Brotscheiben, die ihm
die Großmutter gegeben hatte. »Bitte lassen Sie mir die
Hälfte.«
Die
Diebin lockerte ihren Griff um Jonathan. Hinter dem Kopftuch und dem
Rand des Schlapphutes, den sie trug, konnte er ihr Gesicht kaum
erkennen. Sie lachte und sagte mit einer flachen, rauhen Stimme:
»Wenn du dein Geld sowieso weggeben mußt, ist es besser,
du gibst alles mir und nichts für den
Steuereinnehmer.«
»Warum?«
fragte er und legte das Geld in ihre großen Hände.
»Wenn
du mir das Geld gibst«, sagte die Diebin und stopfte die
Papierkayns in einen Lederbeutel an ihrer Taille, »gehe ich
wenigstens weg und lasse dich in Ruhe. Aber bis zu deinem Tod wird
der Steuereinnehmer immer wiederkommen und dein Geld nehmen, das
Produkt deiner Vergangenheit, und er wird es nutzen, um jeden Moment
deiner Zukunft zu kontrollieren. Er wird letztlich in einem Jahr mehr
von deinem Einkommen wegwerfen, als alle freischaffenden Räuber
dir in deinem ganzen Leben wegnehmen können.«
Jonathan
schaute sie verwirrt an: »Aber tut der Hohe Rat nicht viel
Gutes mit dem Geld, das er einnimmt?«
»Aber
ja«, sagte sie trocken, »einige Leute werden reich. Aber
wenn das Steuerzahlen so gut ist, warum überzeugt dich dann der
Steuereinnehmer nicht von den Vorteilen und läßt dich
freiwillig dazu beitragen?«
Jonathan
dachte über die Idee nach. »Vielleicht würde die
Überzeugung sehr viel Zeit und Mühe
beanspruchen?«
»Genau«,
sagte die Diebin mit einem Grinsen, »das ist auch mein Problem.
Beide sparen wir Zeit und Mühe mit einer Waffe.«
Mit
einer Hand drehte sie Jonathan um und band seine Handgelenke mit
einem dünnen Strick zusammen. Dann warf sie ihn auf den Boden
und knebelte ihn mit seinem Taschentuch. »So. Ich befürchte,
du wirst nicht gleich zum Steuereinnehmer gehen können. Aber -
da kommt mir eine Idee.« Sie setzte sich neben Jonathan, der
zappelte, aber sich nicht bewegen konnte.
»Weißt
du was« sagte die Diebin, »die Politik ist so eine Art
Reinigungsritual. Die meisten Leute glauben, daß es nicht
richtig ist, etwas zu verlangen, zu lügen, zu stehlen oder zu
töten. Das macht man einfach nicht - es sei denn, man findet
einen Politiker, der die schmutzige Arbeit tut. Ja, Politik erlaubt
es allen, sogar den besten unter uns, zu verlangen, zu lügen, zu
stehlen und manchmal sogar zu töten. Und sie können sich
dabei immer noch gut fühlen.«
Ihr
Gesichtsausdruck veränderte sich, als würde sie eine
Verschwörung vorbereiten. Sie hatte einen schlauen Plan: »Ich
glaube, ich brauche ein bißchen Reinigung, um meine Schuld
abzuwaschen - und das Risiko.« Sie runzelte die Stirn und
konzentrierte sich einen Augenblick. »Ich glaube, ich werde
Lady Tweed besuchen.« Sie sprang auf und ging los. Jonathan sah
sie in der Gasse verschwinden.
Die
Gasse war ruhig. Während er mit den Stricken kämpfte,
grübelte Jonathan darüber, was die Räuberin gesagt
hatte. Im Moment war er hilflos, wenn ihn nicht jemand retten würde.
Gib mir deine Vergangenheit oder deine Zukunft! Was
meinte sie damit?
»Jetzt
weiß ichs«, dachte Jonathan, der immer noch ohne
Erfolg zappelte. »Mein Geld, mein Eigentum ist meine
Vergangenheit - zumindest das Produkt meines bisherigen Lebens. Wenn
sie mein Geld nimmt, muß ich die ganze Arbeit noch einmal tun,
um es wieder zu verdienen. Wenn sie mich getötet hätte,
würde das kein Leben und keine Zukunft bedeuten. Statt dessen
hat sie mich festgebunden, also meine Freiheit genommen, meine
Gegenwart.«
Jonathan
wurde wütend bei dem Gedanken an den jungen Polizisten, den er
am Tag zuvor getroffen hatte: »Wo ist der Kerl, wenn ich ihn
brauche?«
Er
ärgerte sich, als er daran dachte, daß er zum Fest
zurückgehen mußte, um noch mal das selbe Geld zu
verdienen. Hilflos stieß er dabei mit seinen Beinen um sich.
Und wenn er diesmal genausoviel Geld verdienen würde, müßte
er alles dem Steuereinnehmer geben!
»Also
sind Leben, Freiheit und Eigentum Teile von mir, mit einem zeitlichen
Unterschied - Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Diese Räuberin
bedrohte den Teil, der mir am wertvollsten war, um den Teil zu
bekommen, den sie am leichtesten gebrauchen konnte.«
Plötzlich
schnitt einer der Stricke durch die Haut an seinem Handgelenk. »Oh,
tut das weh!« Jonathan hörte mit dem Ziehen auf und
entspannte sich einen Moment, um seine Lage zu überdenken. Er
dachte: »Ich habe nie gewußt, wie schön es ist, frei
zu sein - bis jetzt.«
19.
Der Jahrmarkt der Regierungen
Jonathan
hatte seine Befreiungsversuche fast aufgegeben, als er ein tiefes
Geräusch am Ende der Gasse hörte. Eine große braune
Kuh stapfte auf ihn zu und schnupperte an dem verstreuten Abfall in
der Gasse. »Mu-u-uh« brüllte sie. Die Glocke an
ihrem Hals klingelte leise bei jeder Bewegung.
Plötzlich
erschien noch eine Kuh am Ende der Gasse, die von einem alten Mann
mit einem Stock angetrieben wurde: »Komm her du blödes
Biest«, schimpfte der Hirt.
Jonathan
zappelte und stieß mit der Schulter an eine Kiste.
Der
alte Mann spähte in das Dunkel: »Wer ist da?«
Als
er Jonathan gefesselt am Boden sah, beugte er sich herunter und nahm
den Knebel weg.
Jonathan
atmete erleichtert auf: »Ich bin ausgeraubt worden. Helfen Sie
mir bitte, mich zu befreien.«
Der
alte Mann holte ein Messer aus seiner Tasche und schnitt Jonathans
Fesseln durch.
»Vielen
Dank«, sagte Jonathan und rieb seine wunden Gelenke. Eifrig
erzählte er dem Mann, was passiert war.
»Jo«,
sagte der alte Mann und schüttelt den Kopf. »Heutzutage
mußt du dir jeden genau ansehen. Ich wäre nie in die Stadt
gekommen, wenn ich nicht geglaubt hätte, etwas Hilfe von der
Regierung zu bekommen.«
»Glauben
Sie, die Regierung wird mir helfen, mein Geld wiederzuerhalten?«
fragte Jonathan.
»Das
bezweifle ich, aber du kannst es versuchen. Vielleicht hast du mehr
Glück auf dem Jahrmarkt der Regierungen als ich«,
antwortete der alte Hirte. Sein Gesicht hatte mehr Falten als eine
Backpflaume und er trug grobe Kleidung und Stiefel aus rohem Leder.
Jonathan fühlte sich sicher durch seine ruhige Art und die
direkte Sprache.
»Was
ist der Jahrmarkt der Regierungen? Kann man dort Vieh verkaufen?«
fragte Jonathan.
Der
alte Mann runzelte die Stirn und betrachtete seine zwei ruhigen
Tiere. »Das wollte ich herausfinden«, sagte der Hirte,
»eigentlich ist es so eine Art Kuriositätenladen. Das
Gebäude ist prunkvoller als eine Bank und größer als
alles, was ich je gesehen habe. Darin handeln Männer mit allen
Arten von Regierungen, die dazu da sind, die Angelegenheiten der
Leute zu regeln.«
»Oh!«
sagte Jonathan. »Was für Regierungen wollen sie denn da
verkaufen?«
Der
Kuhhirt kratzte seinen sonnengebräunten Nacken und sagte: »Da
gab es einen Typ, der nannte sich Sozialist. Er erzählte
mir, daß seine Regierung als Bezahlung eine meiner Kühe
nehmen würde, um die andere meinem Nachbarn zu geben. Ich habe
nicht allzu sehr auf ihn geachtet, ich brauche niemandem, um meine
Kuh einem Nachbarn zu geben - wenn es nötig ist.
Dann
gab es diesen Kommunisten, der seinen Stand neben dem
ersten Händler aufgebaut hatte. Er lächelte mich groß
an und schüttelte mir die ganze Zeit die Hand, wirklich
freundlich, und sagte, wie sehr er mich mag und wie er sich um mich
kümmert. Er war ganz in Ordnung, bis er mir sagte, seine
Regierung würde beide Kühe nehmen. Das wäre gerecht,
behauptete er, weil dann jeder alle Kühe besitzen würde und
er würde mir etwas Milch geben, wenn er dachte, ich
brauche sie. Und dann bestand er darauf, daß ich das Parteilied
singe.«
»Das
muß ein tolles Lied sein!« rief Jonathan aus.
»Nach
alledem konnte ich ihn nicht gebrauchen. Ich schätze, er wollte
nur die Sahne für sich abschöpfen.
Ich
ging dann durch die große Halle und traf einen
Faschisten.«
Der alte Mann machte eine Pause, um eine seiner Kühe von einem
widerlichen Müllhaufen wegzustoßen. »Der Faschist
erzählte auch gleich eine Menge süßer Dinge und hatte
auch so viele dreiste Ideen wie die anderen. Sagte, er würde
beide Kühe nehmen und mir einen Teil der Milch verkaufen. Ich
sagte Was? Dir für meine eigene Milch bezahlen? Da
drohte er, er würde mich erschießen, wenn ich nicht gleich
seine Fahne grüßen würde.«
»Toll«,
sagte Jonathan, »ich wette, Sie sind so schnell wie möglich
dort rausgegangen.«
»Bevor
ich auch nur einen Schritt tut konnte, kam dieser Bürokrat-Typ
an und erzählte mir, daß seine Regierung meine beiden Kühe
will, dann eine erschießt, um das Angebot zu senken, und die
andere melkt, um dann die meiste Milch in den Ausguß zu
schütten. Na, was für ein verrückter Idiot würde
denn so eine Sache machen?«
»Ja,
das hört sich seltsam an«, sagte Jonathan und schüttelte
den Kopf. »Haben Sie eine dieser Regierungen
gewählt?«
»Nie
im Leben, Kleiner«, erklärte der Hirt. »Wer braucht
die denn? Statt daß eine Regierung meine Angelegen regelt, habe
ich beschlossen, meine Kühe zum Wochenmarkt zu bringen. Dort
verkaufe ich eine und kaufe einen Bullen.«
20.
Das älteste Gewerbe der Welt
Die
Geschichte des alten Hirten machte Jonathan noch verwirrter als
zuvor. Was war das nur für eine Insel?
Der
Jahrmarkt der Regierungen klang faszinierend, deshalb entschloß
er sich, dort hinzugehen und zu sehen, ob ihm irgend jemand helfen
konnte, nach Hause zu finden. Wenigstens könnte er jemanden
finden, der ihm hilft, sein Geld zurückzubekommen. Also lief er
los in Richtung des Marktplatzes, wie es ihm der Bauer gezeigt
hatte.
»Du
kannst ihn gar nicht verfehlen«, sagte der alte Hirte, als er
seine Kühe weiterführte, »er ist im Palast, das
größte Ding auf dem Platz.«
Die
Straße führte gerade auf den Marktplatz und auf der
gegenüberliegenden Seite stand ein herrlicher Palast. Über
der riesigen Pforte waren Worte in den Stein gemeißelt: PALAST
DER HERREN.
Jonathan
rannte die breiten Stufen zum Palast hinauf, trat hinein und wartete,
bis sich seine Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten. Vor
ihm lag eine riesige Halle, mit Wänden, die so hoch waren, daß
die Lampen das Innere nicht vollständig beleuchten konnten. Es
gab verschiedene Marktstände, die mit Plakaten und Fahnen
behangen waren, genauso wie es der alte Hirte beschrieben hatte.
Leute gingen vor den Ständen hin und her, sprachen die
Vorbeigehenden an und teilten Flugblätter aus. Auf der
entfernten Seite der Halle gab es eine große Bronzetür,
die von großen Marmorstatuen und gerillten Säulen umgeben
war.
Jonathan
begann, durch die Halle zu laufen, und hoffte, die Verkäufer der
Regierungen umgehen zu können. Er hatte jedoch noch keine zwei
Schritte machen können, als eine alte Frau mit großen
Ohrringen und goldenen Armreifen an ihren Handgelenken an ihn
herantrat.
»Möchtest
du deine Zukunft erfahren, junger Herr?« sagte sie und drückte
sich näher an ihn heran.
Jonathan
kontrollierte seine Taschen und sah mißtrauisch auf die
geduckte Gestalt der Frau, die mit lebhaft gefärbten Tüchern
und schweren Juwelen bekleidet war.
»Ich
kann die Zukunft vorhersagen. Vielleicht möchtest du einen Blick
auf Morgen, um die Angst vor der Zukunft etwas zu
beruhigen?«
»Können
Sie wirklich in die Zukunft sehen?« fragte Jonathan und trat
zurück, soweit er konnte, ohne sie zu beleidigen. Er sah diese
Frau mit großem Mißtrauen an.
»Ja«,
antwortete sie und ihre Augen blitzten vor Schläue und
Selbstvertrauen. »Ich studiere die Zeichen und dann erkläre
ich, fordere, bestätige und bezeuge alles, was ich sehe, als
wahr. Ja, ich habe wahrscheinlich das älteste Gewerbe der
Welt.«
»Faszinierend«,
rief Jonathan aus. »Benutzen Sie eine Kristallkugel oder
Teeblätter oder ...«
»Teufel,
nein!« schnaubte sie verächtlich. »Heutzutage
gebrauche ich viel hochentwickeltere Methoden. Ich nutze Tabellen und
Berechnungen.«
Mit
einer tiefen Verbeugung fügte sie hinzu: »Ich bin Ökonom,
zu deinen Diensten.«
»Wie
beeindruckend: Ö-ko-nom.« wiederholte er langsam und
rollte das Wort über seine Zunge. »Entschuldigen Sie, ich
bin gerade ausgeraubt worden und habe kein Geld, Sie zu
bezahlen.«
Sie
schien verärgert und drehte sich gleich nach anderen möglichen
Kunden um.
»Bitte«,
sagte Jonathan, »könnten Sie mir eine Sache erklären,
auch wenn ich Ihnen nichts bezahlen kann?«
»Ja?«
fragte die Frau prüfend.
»Wofür
wollen die Leute normalerweise einen Rat von Ihnen?«
Sie
blickte sich um, ob sie jemand hören könnte. Dann flüsterte
sie, als würde sie einer harmlosen Schoßkatze ein
Geheimnis verraten: »Weil du kein Geld hast, mich zu bezahlen,
kann ich dir ein kleines Geheimnis anvertrauen. Sie kommen immer,
wenn sie sich über die Zukunft sicher sein wollen. Egal ob die
Voraussage hell oder düster ist - besonders wenn sie düster
ist - fühlen sie sich besser, wenn sie sich an der Weissagung
eines anderen orientieren können.«
»Und
wer bittet am häufigsten um Ihre Weissagungen?« fragte
Jonathan.
»Der
Hohe Rat ist mein bester Kunde«, antwortete die Frau. »Die
Herren zahlen gut - mit dem Geld anderer Leute natürlich. Dann
nutzen sie meine Weissagungen in ihren Reden, um zu rechtfertigen,
daß sie mehr Geld brauchen, um für die trübe Zukunft
vorzusorgen. Das funktioniert wirklich gut für beide
Seiten.«
»Toll«,
sagte Jonathan und schlug sich vor Erstaunen die Hände auf den
Mund. »Das muß ja eine Verantwortung sein! Wir genau
waren denn Ihre Voraussagen?«
»Du
würdest überrascht sein, wenn du wüßtest, wie
wenige Leute mich das fragen«, lachte die Ökonomin. Sie
zögerte und sah ihm sorgfältig in die Augen. »Um
ehrlich zu sein, man könnte eine bessere Voraussage treffen,
wenn man eine Münze wirft.
Eine
Münze werfen kann jeder ganz leicht, doch es hat noch niemandem
genutzt. Es wird ängstliche Menschen nie glücklich machen,
es wird mich nie reich machen und erst recht wird es die Herren nie
mächtig machen. Du siehst also, wie wichtig es ist, daß
ich mit beeindruckenden und komplizierten Vorhersagen ankommen muß,
sonst finden sie eben jemand anderes.«
21.
Ein Schuhtritt für die Produktion
»Das
muß der Regierungssitz sein«, sagte Jonathan zu sich, als
er ehrfürchtig auf die glänzenden Marmorsäulen und
-statuen schaute. »Sie müssen ein Vermögen ausgegeben
haben, diesen Palast zu bauen!«
Eine
große bronzene Tür war weit geöffnet und Jonathan
konnte ein riesiges Amphitheater voller Menschen erblicken. Er
schlüpfte unauffällig hinein und blieb im Hintergrund
stehen.
In
der Mitte konnte Jonathan ein Podium sehen. Eine Gruppe ungepflegter,
lärmender Männer und Frauen stand um das Podium herum und
gestikulierte wild vor einem vornehm aussehenden Mann, der einen
elegant geschnittenen Anzug trug und gelegentlich an einer dicken
Zigarre zog. Er wies mit seiner Zigarre auf einen der Leute in dem
Gemenge.
Jonathan
schlich sich näher heran.
Ein
Mann mit einem Füllhalter in der einen Hand und einem
Papierblock in der anderen, schrie durch den Lärm: »Euer
Ehren, verehrter hoher Herr Ponzi, Herr. Ist es wahr, das Sie gerade
ein Gesetz unterzeichnet haben, Schuhmachern Geld zu zahlen, damit
sie keine Schuhe herstellen?«
»Aha.
Ja, das ist sicherlich richtig«, antwortete Herr Ponzi mit
einem wohlwollenden Nicken. Er sprach so langsam, daß es
aussah, er würde aus einem tiefen Schlaf erwachen.
»Kann
man das als Durchbruch ansehen, als Präzedenzfall?« fragte
der Mann und kritzelte wild auf seinen Block.
Der
Hohe Herr nickte würdevoll: »Oh, ja, das ist ein
Durchbruch ...«
Eine
Frau an der Seite des ersten Fragers unterbrach ihn, bevor er zu Ende
sprechen konnte: »Ist das das erste Mal in der Geschichte von
Regulos, daß Schuhmacher dafür bezahlt werden, nichts
herzustellen?«
»Ja«,
sagte Ponzi, »ich glaube, das ist richtig.«
Aus
dem Hintergrund rief jemand: »Würden Sie sagen, daß
dieses Programm hilft, die Preise für jede Art von Schuhwerk zu
erhöhen - für Schuhe, Stiefel, Sandalen und so
weiter?«
»Oh,
ja, würden Sie Ihre Frage bitte wiederholen?«
Eine
andere Stimme rief: »Wird es die Schuhpreise
anheben?«
»Ja,
es wird die Einkommen der Schuhmacher anheben«, erwiderte der
vornehme Herr und nickte mechanisch. »Wir werden sicherlich
tun, was wir können, um den Schuhmachern zu
helfen.«
Jonathan
erinnerte sich an die Frau, die mit ihren Kindern von der Farm gejagt
wurde. Traurig dachte er: »Wie schwer wird sie es jetzt haben,
Schuhe zu kaufen.«
Dann
schrie ein kleiner Mann, der im Gedränge verborgen blieb, direkt
vor dem Podium: »Können Sie uns Ihr Programm für das
nächste Jahr verraten?«
Ponzi
murmelte: »Ah, ja, was sagten Sie?«
»Ihr
Programm. Was sind Ihre Pläne für das nächste Jahr?«
fragte die Stimme ungeduldig.
»Natürlich«,
sagte der Hohe Herr und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre.
»Ah, ja. Nun, ich glaube, es ist angemessen, die Gelegenheit
dieser besonderen Pressekonferenz zu nutzen um anzukündigen, daß
wir planen, im nächsten Jahr jeden auf dieser großen Insel
von Regulos zu bezahlen, damit er nichts herstellt.«
Ein
Raunen ging durch die Menge: »Jeden?« - »Im Ernst?«
- »Das wird ein Vermögen kosten.«
»Aber
wird es funktionieren?«
»Funktionieren?«
wurde Herr Ponzi aus seiner Schlaffheit gerissen.
»Wird
es die Leute vom Produzieren abhalten?«
»Aber
sicher. Wir führen seit Jahren ein Pilotprojekt in unserem
Vorbüro durch«, sagte der Herr stolz, »und wir haben
nie etwas produziert.«
In
diesem Moment trat jemand neben den Hohen Herrn Ponzi und erklärte
die Konferenz für beendet. Die Gruppe der Journalisten löste
sich in der Menge der Leute auf, die im Amphitheater saßen.
Jonathan blinzelte, als er das kaum wahrnehmbare plötzliche
Erschlaffen in Ponzis Gestalt bemerkte, so als hätte jemand
einen Bindfaden über ihm zerschnitten, der ihn aufrecht hielt.
Die Lichter wurden schwächer und Ponzi wurde hinter die Bühne
geführt.
22.
Das Applausometer
Ein
Scheinwerfer strahlte einen Lichtkreis auf das Podium und das
Publikum wurde leise. Jemand begann, rhythmisch zu klatschen und bald
fiel die Menge ein. Der ganze Platz hallte von der Begeisterung und
dem Klang wider.
Schließlich
sprang ein Mann mit silbernen Haaren auf das Podium. Er trug ein
glänzendes Jackett und das einfältigste Lächeln, das
Jonathan je gesehen hatte. Der Mann beugte sich voller Erregung vor
und zurück, als er die jubelnde Menge
begrüßte.
»Willkommen,
willkommen, willkommen! Ich bin Showmeister Phil und bin so entzückt,
solche wundervollen Leute wie euch heute hier bei mir in der Show zu
haben. Und was für eine Show! Später werden wir mit einem
besonderen Gast sprechen - ja, Sie haben es erraten - dem
Kandidaten!«
Knapp
bekleidete Frauen standen auf beiden Seiten der Bühne und
winkten wild mit beiden Händen und die ganze Menge brach in
tosenden Applaus aus.
»Danke,
danke, vielen Dank. Zuerst habe ich eine ganz spezielle Überraschung
für Sie. Niemand anderes als die Vorsitzende der Wahlkommission
von Regulos weilt heute bei uns, um uns die bahnbrechenden neuen
Wahlverfahren zu erklären, von denen wir alle schon so viel
gehört haben.«
Mit
diesen Worten drehte sich der Gastgeber um und rief mit einer
ausladenden Bewegung seines Armes in Richtung Vorhang: »Einen
großen Applaus für Frau Doktor Julia Pavlov!«
Die
Frauen auf der Bühne und das Publikum klatschten wieder wild,
jubelten und pfiffen vor Begeisterung.
Showmeister
Phil schüttelte Dr. Pavlov die Hand und bedeutete der Menge,
ruhig zu sein. »Gut, gut, Dr. Pavlov, Sie haben sich über
die Jahre eine ziemliche Anhängerschaft aufgebaut.«
»Danke,
Phil«, sagte sie. Dr. Pavlov trug eine dicke Brille, ein
steifes graues Kostüm und einen Blick voller ruhiger Zuversicht
in ihrem kantigen Gesicht. »Ich denke, das ist etwa 5,3
Begeisterung.«
»Hey,
hey, da haben Sie mich erwischt«, sagte der Gastgeber. Die
Bühnenassistenz ließ ein Schild aufleuchten und das
Publikum brach in schallendes Gelächter aus.
»Was
meinen Sie mit 5,3 Begeisterung?« fragte
Phil.
»Ich
habe hier ein offizielles Applausometer, das ich immer bei mir
trage«, sagte Dr. Pavlov. »Es zeigt mir genau an, wieviel
Begeisterung von der Menschenmenge aufgebracht wird.«
»Das
ist unglaublich, nicht wahr, Leute?« Auf dieses Stichwort
applaudierte die Menge wieder eifrig.
Als
der Lärm nachließ, fuhr Dr. Pavlov fort: »Das war
etwa 2,6.«
»Erstaunlich«,
sagte der Gastgeber. »Was werden Sie mit dem Applausometer tun?
Werden Sie es bei der nächsten Wahl benutzen?«
»Das
ist richtig, Phil. Die Wahlkommission von Regulos hat beschlossen,
daß das Zählen der Stimmen nicht ausreicht. Es ist nicht
nur die Anzahl der Stimmen wichtig, um zu entscheiden, wer die
Richtlinien für Moral, Macht, Wohlstand und Rechte setzt. Wir
meinen, daß auch Enthusiasmus zählen sollte.«
»Das
ist unglaublich!« schrie Showmeister Phil. Alle
applaudierten.
»4,3«,
sagte Dr. Pavlov teilnahmslos.
»Wie
werden Sie das machen, Doktor?«
Ihre
dichten Augenbrauen hoben sich über ihre Brille und das erste
Anzeichen eines Lächelns zeigte sich auf ihrem harten Gesicht.
»In diesem Jahr werden die Applausometer zum ersten Mal bei
Wahlen auf der Insel eingesetzt. Statt Wahlzettel auszufüllen,
werden die Wähler nur in den Kabinen stehen und applaudieren,
wenn eine Lampe neben dem Namen ihres Kandidaten
aufleuchtet.«
»Was
meinen die Kandidaten über diesen neuen
Wählmechanismus?«
»Oh,
sie lieben ihn, Phil. Es sieht so aus, als hätten sie ihre
Unterstützer schon auf den Wechsel vorbereitet. Sie haben viel
Zeit damit verbracht, ihren Unterstützern das Geld anderer Leute
zu versprechen und es hat immer stürmischen Beifall
ausgelöst.«
»Vielen
Dank, daß Sie heute bei uns gewesen sind und uns einen Ausblick
auf ein besseres Morgen gegeben haben. Kommen Sie wieder einmal
vorbei. Meine Damen und Herren, noch einmal für Doktor Julia
Pavlov!«
Als
der Applaus endlich leiser wurde, machte der Gastgeber einen weiteren
weiten Bogen mit seiner Hand hin zum Vorhang. »Jetzt kommt der
Moment, auf den Sie alle gewartet haben. Jetzt, direkt von der
fleißigen, fleißigen Wahlkampfreise - Hier ist Joe
Kandidat! Applaus!«
Joe
Kandidat verbeugte sich athletisch über die Bühne, er hatte
die Arme weit ausgebreitet und strahlte vor Freude. Dieser Mann hatte
die weißesten Zähne, die Jonathan je gesehen hatte.
»Danke, Phil. Das ist wirklich ein bedeutender Augenblick für
mich, hier mit euch großartigen Leuten
zusammenzusein.«
»Joe,
jetzt müssen Sie uns aber erzählen, welche Geschichte nun
hinter der großen Geschichte steckt. Sie haben alle überrascht
und die Schlagzeilen mit den heißesten Neuigkeiten der Insel
seit Jahrzehnten gefüllt. Also, was ist das für ein
Knüller?«
»Immer
genau auf den Punkt, Phil? Das mag ich an Ihnen und Ihrer Show.
Wissen Sie, ich war bestürzt von diesen extrem hohen Kosten der
politischen Kampagnen in den vergangenen Jahren. Deshalb habe ich
beschlossen, etwas dagegen zu tun. Ich bin fest davon überzeugt,
daß die Wähler dieser großartigen Insel eine bessere
Leistung zu einem deutlich niedrigeren Preis verdienen. Deshalb habe
ich die Allgemeinheitspartei gegründet.«
»Die
Allgemeinheitspartei! Das ist eine brillante Idee! Und Sie haben
sogar Ihren eigenen Namen geändert, nicht wahr?«
»Das
stimmt, Phil. Mit meinem richtigen Namen, Elihu Wurzel hätte ich
niemals der Kandidat der richtigen Leute sein können. Man muß
seine Wurzeln verdecken können ...«
Alle
brachen mit Phil und Joe in Gelächter aus.
»Aber
ernsthaft, Phil«, setzte Joe fort, »man braucht große
Beliebtheit, um glaubwürdig zu sein.«
»Was
werden Sie tun, um bekannt zu werden, Joe?«
»Die
Allgemeinheitspartei wird bald ihre schwarzen und weißen
Handzettel, Anstecker und Plakate überall verfügbar haben.
Wir hoffen, mit unseren Ideen die typischen Wahlkampfkosten zu
halbieren.«
Showmeister
Phil unterbrach ihn: »Treten Sie denn für Inhalte
ein?«
»Natürlich,
genau wie die anderen Parteien«, sagte Joe. Er faßte in
sein Jackett und zog ein Bündel Papiere heraus: »Hier ist
unser Weißpapier gegen das Verbrechen - und hier ist unser
Weißpapier gegen die Armut.«
»Aber
Joe, da steht doch gar nichts drauf, auf diesen Weißpapieren«,
sagte Phil mit einem ungläubigen Blick. Die Weißpapiere
waren einfach leere Blätter weißen Papiers.
»Das
ist ihre Schönheit, Phil. Sehen Sie das nicht? Warum sollen wir
Zeit verschwenden, allen alles zu versprechen? Warum sollen die
Wähler nicht die Papiere selbst ausfüllen? Versprechen und
Umsetzungen werden so bleiben wie früher, aber diesmal sparen
wir die Druckkosten.«
»Das
ist genial! Während andere Kandidaten darüber reden, die
Wahlkampfkosten zu senken, tun Sie tatsächlich etwas dafür.
Unsere Zeit geht zu Ende. Können Sie noch mal zusammenfassen,
wofür Ihre Partei eintritt?«
»Natürlich,
Phil. Sie setzt sich schon überall auf der Insel durch. Unsere
Botschaft für die Allgemeinheitspartei ist: Wir glauben,
was Sie glauben!«
»Vielen
Dank, Joe. Meine Damen und Herren, einen wirklich großen
Applaus, eine 5,5 für das Genie des Wahlkampfs - Joe
Kandidat!«
23.
Nach seinen Bedürfnissen
Trompetenklänge
und ein widerhallender Trommelwirbel beruhigten die Menge
schließlich. Showmeister Phil hob seine Arme dem Publikum
entgegen: »Die Eltern unter Ihnen haben jetzt lange genug auf
unser Finale gewartet. Der zwölf Jahre lange Zug ihrer Kinder
geht nun zu Ende. Jetzt kommt das
Schulabschlußspiel!«
Die
große Halle wurde von Orgelmusik erfüllt und entlang der
Gänge öffneten sich die Seitentüren. Durch diese Türen
schritten die Schüler mit Absolventenkappen und in schwarzen
Umhängen. Die Menge brach in eine neue Runde donnernden
Applauses aus, der ab und zu durch Pfiffe und Schreie durchbrochen
wurde.
Jonathan
flüsterte zu einer Frau, die neben ihm stand: »Was ist
denn das Schulabschlußspiel?«
Sie
drehte ihren Kopf halb zu ihm um und antwortete: »Das ist ein
Wettbewerb zwischen der Jugend unserer Ratsschulen.« Sie machte
eine kurze Pause, um die Ankündigungen zu hören und fuhr
dann fort, wobei sie sich anstrengte, in dem Lärm gehört zu
werden: »Es ist der Höhepunkt der formalen Bildung. Bisher
war es das Ziel einer formalen Bildung zu zeigen, wie wichtig schwere
Arbeit und gewissenhafte Leistung sind, um Wissen zu erlangen. Heute
abend ehren wir die besten Schüler für ihre Erfolge im
Wettbewerb und ihre herausragenden Leistungen. Aber der höchste
Preis ist noch nicht verliehen. Das ist der Abschiedspreis, den der
Gewinner des Schulabschlußspiels erhält.«
Jonathan
schielte auf die Bühne und hatte den Eindruck, er würde
jemanden kennen: »Wer ist die Person da, die die Schüler
begrüßt, wenn sie vortreten?«
»Aber,
das ist Lady Bess Tweed. Kennst du sie nicht aus den Zeitungen? Sie
ist unsere Festrednerin. Als Mitglied des Hohen Rates und Königin
der Politiker ist sie wie immer unser Ehrengast und ihr gefällt
die Werbung, die wir für sie machen. Ihr Beruf ist gleichzeitig
der angesehenste und der am wenigsten respektierte auf der Insel.
Deshalb ist sie ideal für das Schulabschlußspiel
geeignet.«
»Wie
wird denn das Spiel gespielt?« fragte Jonathan.
»Es
funktioniert so«, sagte die Frau und preßte sich eng an
Jonathans Ohr, »Lady Tweed hält eine ihrer üblichen
vorbereiteten politischen Reden und die Schüler schreiben alle
Sätze auf, die in genauem Widerspruch zu dem stehen, was sie in
der Schule getan oder gelernt haben. Wer die meisten Widersprüche
findet, wird zum Gewinner des berühmten Abschiedspreises
erklärt. Schhh, Lady Tweed hat angefangen. Hör
zu.«
«...also
haben wir etwas über die Tugenden der Freiheit gelernt«,
rief Lady Tweed. »Wir wissen, daß freier Wille und
persönliche Verantwortung zu Reife und Wachstum führen. In
der Geschichte haben die Menschen immer nach Freiheit gestrebt. Es
ist wunderbar, daß wir jetzt auf einer freien Insel leben
...«
Die
Frau zeigte zu den Schülern auf der Bühne hinter Lady
Tweed: »Schau, sie schreiben wie wild. Da gibt es so viel zu
finden!«
»Hat
Lady Tweed dem widersprochen, was die Schüler in der Schule
gelehrt bekommen?« fragte Jonathan.
Die
Frau kicherte: »Freier Wille? Unfug. Die Schule ist Zwang. Die
Kinder werden gezwungen hinzugehen und alle werden gezwungen, dafür
zu bezahlen. Jetzt still!«
«...
und wir haben das Glück, die besten Schulen zu besitzen, die man
sich vorstellen kann, besonders angesichts der harten Zeiten, die uns
unsere besten Ökonomen vorhergesagt haben«, sagte Lady
Tweed in schallendem Ton. »Unsere Lehrer sind die Vorbilder mit
einem beispielhaften Benehmen für unsere Schüler, sie
beleuchten den Weg zu Demokratie und Wohlstand mit dem Licht von
Wahrheit und Wissen ...«
Die
Frau neben Jonathan griff vor Begeisterung seinen Ärmel. Sie
quietschte: »Meine Tochter ist die dritte von rechts in der
zweiten Reihe. Sie schreibt, sie findet alle Punkte, ich bin
sicher.«
»Ich
verstehe nicht«, fragte Jonathan, »welche
Punkte?«
»Die
besten Schulen? Ohne Auswahl kann man sie unmöglich vergleichen.
Lady Tweed schickte ihre Kinder aufs Land, um Unterricht zu nehmen.
Vorbildliche Lehrer? Ha! Die Schüler müssen zwölf
Jahre lang still sitzen und Anordnungen gehorchen und bekommen nichts
dafür außer Schulnoten und Papiersternen. Wenn ein Lehrer
Papiersterne statt eines Gehaltsschecks bekäme, würde er es
Sklaverei nennen! Beleuchten den Weg zu Demokratie
Niemals! Das Vorbild der Schule ist Autorität.«
Lady
Tweed beugte demütig ihren Kopf: »... jetzt sind Sie an
diesen Meilenstein in Ihrem Leben angekommen. Jeder von uns ist sich
bewußt, daß er nur eine winzige Stimme ist in diesem
großen Menschenchor. Wir wissen, daß wütender
Wettbewerb und ein rücksichtsloser, gieriger Kampf, die Spitze
zu erreichen, heute unpassend sind. Für uns ist die Aufopferung
die höchste Tugend. Aufopferung für die Bedürfnisse
der anderen, für die Unzähligen, die benachteiligt sind
...«
Die
Frau kreischte fast vor Entzücken: »Sieh dir an, wie die
Schüler schreiben! Das ist eine Goldmine von Widersprüchen!
Großer Menschenchor, Aufopferung? In
der Schule haben sie immer gelernt, hervorzuragen und selbst die
Besten zu sein. Und die Tweed selbst ist ja auch keine Flasche. Sie
ist am lautesten, skrupellosesten und fordert von allen am meisten.
Sie hat sich erfolgreich ihren Weg in die Führung gebahnt, mit
allen schlauen Tricks, die man sich vorstellen kann. Die Schüler
wissen, daß sie nicht auf diese Bühne gekommen sind, indem
sie ihre Noten für die unfähigen Schüler um sie herum
aufgeopfert haben.«
Jonathan
konnte das nicht verstehen: »Sie meinen, in der Schule wird den
Kindern gesagt, sie sollen selbst hervorragen. Und jetzt bei der
Abschlußfeier, sagt Lady Tweed ihnen, sie sollen sich für
andere opfern?«
»Jetzt
hast dus kapiert«, antwortete die Frau: »Lady Tweed
predigt eine andere Welt für die Erwachsenen. Jeder nach seinen
Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Das ist die
Zukunft.«
»Könnten
sie nicht versuchen, konsequent zu sein und vor und nach dem
Schulabschluß das gleiche zu erklären?« fragte
Jonathan.
»Die
Behörden arbeiten daran«, sagte die Frau. »Die
Schulen funktionieren noch nach der alten Tradition, die gute Noten
für die beste Leistung vergibt. Nächstes Jahr soll das
Notensystem umgekehrt werden.
Sie
planen, Anreize und Auszeichnungen einzusetzen, um die Schüler
auf die neue Wirklichkeit vorzubereiten. Noten werden dann auf der
Basis der Bedürftigkeit statt der Leistung vergeben. Die
schlechtesten Schüler werden Einsen bekommen und die besten
Schüler Sechsen. Denn schließlich brauchen die
schlechtesten Schüler gute Noten und Anreize viel dringender als
die besten Schüler.«
Jonathan
schüttelte seinen Kopf und wiederholte ihre Worte, um
sicherzugehen, daß er sie richtig verstanden hatte: »Die
schlechtesten Schüler bekommen Einsen und die besten Schüler
bekommen Sechsen?«
»So
ist es«, nickte sie.
»Aber
was passiert dann? Wird nicht jeder versuchen, bedürftiger zu
werden und weniger leistungsfähig?«
»Was
nach Lady Tweed zählt, ist, daß dies ein mutiger,
menschlicher Vorgang ist. Die besten Schüler werden die Tugend
der menschlichen Aufopferung lernen und die schlechtesten Schüler
werden in der Tugend des Anspruchs unterwiesen. Die Schulverwaltungen
wurden angewiesen, den gleichen Plan für die Beförderung
von Lehrern anzuwenden.«
»Und
wie hat das den Lehrern gefallen?« fragte Jonathan.
»Einige
liebten es, andere haßten es. Meine Tochter hat mir erzählt,
daß die besten Lehrer gedroht haben zu kündigen, wenn sie
den Plan anwenden. Anders als die Schüler haben die Lehrer noch
den Luxus dieser Wahl - noch.«
24.
Die Löhne der Sünde
Jonathan
verließ den johlenden Mob im Amphitheater und ging einen langen
Gang hinunter. Am Ende des Korridors saßen mehrere Personen in
einer Reihe auf einer Bank. Alle waren mit Fußketten
aneinandergefesselt. Erwarteten diese Kriminellen ihren Prozeß?
Vielleicht könnten ihm die Beamten hier helfen, sein gestohlenes
Geld zurückzubekommen.
Links
von der Bank befand sich eine Tür mit der Aufschrift: »Büro
der schweren Arbeit«. Am anderen Ende der Bank standen
uniformierte Wächter, die sich leise unterhielten und ihre
ruhigen Gefangenen nicht beachteten. Die festen Ketten an den
Verhafteten ließen wenig Hoffnung auf eine Flucht.
Jonathan
ging zu dem ersten Gefangenen, einem Jungen von ungefähr zehn
Jahren, der gar nicht wie ein Krimineller aussah. »Warum bist
du hier?« fragte Jonathan unschuldig.
Der
Junge sah zu Jonathan hoch und blickte vorsichtig auf die Wächter,
bevor er antwortete: »Ich habe gearbeitet.«
»Mit
welcher Arbeit hast du dir denn diesen Ärger eingehandelt?«
fragte Jonathan und riß die Augen weit auf vor
Überraschung.
»Ich
habe in Jacks Einkaufsladen Regale aufgefüllt«, antwortete
der Junge. Er wollte noch mehr sagen, zögerte jedoch und blickte
den grauhaarigen Mann an, der neben ihm saß.
»Ich
habe ihn eingestellt«, sagte Jack, ein kräftiger Mann
mittleren Alters mit einer tiefen Stimme. Der Kaufmann trug noch
immer die verschmutzte Schürze seines Gewerbes - und Fußketten,
die am Bein des Jungen befestigt waren.
»Der
Kleine sagte, er möchte erwachsen werden und wie sein Vater
sein, der der Verwalter des Fabriklagers war. Ganz natürlich,
könnte man sagen. Aber die Fabrik wurde geschlossen und sein
Vater konnte keine Arbeit finden. Deshalb dachte ich, eine Arbeit für
den Jungen könnte gut für seine Familie sein. Ich gebe ja
zu, es war auch gut für mich. Die großen Läden
drücken ganz schön die Preise und ich brauchte eine billige
Hilfe. Na ja, das ist jetzt alles vorbei.« Sein Gesicht hatte
einen resignierten Ausdruck.
Der
Junge setzte fort: »In der Schule bezahlen sie dich nie für
das Lesen und die Mathe. Jack bezahlt. Ich habe die Bestände
überprüft und die Warenbücher - und Jack hat
versprochen, daß ich, wenn ich es gut machen würde, auch
Aufträge ausgeben kann. Deshalb habe ich begonnen, die
Ankündigungen und Handelsblätter zu lesen.
Und
ich habe richtige Leute getroffen, nicht nur die Kinder aus der
Schule. Jack hat mich unterstützt und ich habe meinem Vater bei
der Miete geholfen - ich habe sogar genug verdient, um ein Fahrrad zu
kaufen. Jetzt haben sie mich erwischt.« Er schaute auf den
Boden und seine Stimme wurde schwächer, »und ich muß
wieder zu diesem Kinderkram zurückkehren.«
»Kinderkram
ist nicht so schlecht, wenn du die Alternativen bedenkst«,
erklärte ein stämmiger, gemütlicher Mann, neben dem
ein Korb voller verwelkter gelber Rosen stand. Er war in der Reihe
auf der anderen Seite des Jungen angekettet.
»Es
ist schwer, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mir hat es nie
gefallen, für einen anderen zu arbeiten. Endlich dachte ich, daß
ich es mit meinem Blumenkarren geschafft hätte. Ich habe auf den
Hauptstraßen und dem Marktplatz ganz gut Rosen verkauft. Die
Leute mochten meine Rosen - die Kunden meine ich.
Aber
den Ladenbesitzern gefiel die Konkurrenz gar nicht. Sie gingen zum
Hohen Rat und der hat das Hausieren verboten. Ein
Hausierer! So nennen die mich, weil ich mir keinen Laden leisten
kann. Sonst wäre ich ein Ladenbesitzer oder ein
Kaufmann. Ich will dich nicht verletzen, Jack, aber die
Art, wie ich verkauft habe, ist schon viel älter als dein
Laden.
Jedenfalls,
sie sagten, ich sei eine Plage, ein häßlicher Schandfleck,
ein Gammler und jetzt ein Verbrecher! Wie kann man sich vorstellen,
daß ich mit meinen Rosen das alles sein soll? Wenigstens habe
ich doch nicht von Wohltätigkeit gelebt.«
»Aber
du hast auf den Bürgersteigen verkauft«, erwiderte Jack.
»Du mußt sie für die Kunden frei
halten.«
»Damit
es einfacher ist, in deinen Laden zu kommen? Gehören deine
Kunden dir, Jack? Ja, klar, ich stand auf Ratseigentum. Es wird
behauptet, es gehört allen, aber das tut es nicht, nicht wahr,
Jack? Es gehört nämlich den Leuten, die sich mit dem Hohen
Rat gut stehen.«
Jonathan
erinnerte sich, daß der Fischer etwas ähnliches über
den See gesagt hatte.
Jack
gab zurück: »Aber du bezahlst auch nicht die gepfefferten
Steuern, die wir Ladenbesitzer bezahlen müssen!«
»Und
wer ist an euren Steuern schuld? Ich doch nicht!« gab der
Blumenmann gereizt zurück.
Jonathan
unterbrach sie mit einer Frage und hoffte, er könne die Debatte
damit etwas abkühlen: »Sie haben Sie also eingesperrt,
einfach so?«
»Ja,
sie haben mich ein paarmal gewarnt, ich soll aufhören. Aber ich
wollte nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Was glauben sie denn, wer sie
sind, meine Herren? Ich versuche, für mich selbst zu arbeiten,
nicht für einen blöden Boss. Na ja, Gefängnis ist in
Ordnung. Ich kann auf Kosten der Ladenbesitzer leben.«
»Vielleicht
mußt du nur gemeinnützige Arbeit verrichten«,
knurrte Jack.
»Ich
habe gemeinnützige Arbeit verrichtet«, antwortete
der Blumenverkäufer.
Der
Junge begann zu wimmern: »Glaubst du, die werden mich auch ins
Gefängnis stecken?«
»Keine
Angst, Kleiner«, beschwichtigte ihn der Blumenverkäufer,
»Wenn sie es tun, wirst du wenigstens ein praktisches Geschäft
lernen - nicht so eins, was der Wärter im Sinn
hat.«
Jonathan
drehte sich zu einer Gruppe Frauen in Arbeitsanzügen um, die als
nächste in der Reihe saßen. »Warum sind Sie
hier?«
»Wir
haben ein kleines Fischerboot. Ein Beamter sah mich, als ich einige
schwere Kisten am Dock abgeladen habe«, sagte eine drahtige,
robuste Frau mit durchdringenden blauen Augen. »Er sagte mir,
das wäre eine Verletzung der
Sicherheitsbestimmungen.«
Sie
blickte ihre Kolleginnen an und fügte hinzu: »Die
Bestimmungen sollen uns vor Mißbrauch am Arbeitsplatz schützen.
Die Behörden haben unseren Betrieb zweimal geschlossen, aber wir
sind zu den Docks zurückgeschlichen, um das Schiff für die
nächste Saison vorzubereiten. Sie haben uns wieder geschnappt
und sagten, dieses Mal würden sie uns wirklich gut schützen
- hinter Gittern.«
Sie
sprach laut zu sich selbst und grübelte: »Was werden sie
mit meinem Sohn machen? Er ist erst drei! Lustig eigentlich - er ist
schwerer als diese Kisten, die ich da gehoben habe, und ich habe ihn
die ganze Zeit mit mir herumgetragen. Darüber hat sich niemand
beschwert!«
»Sie
meinen, das ist lustig?« sagte ein Mann, dessen sorgfältig
geschnittener grauer Bart nicht zu seinem jungen Gesicht paßte.
Er stieß den Mann neben sich an und sagte:« George hat
zwei Winter hintereinander halbtags für mich gearbeitet, so
etwas wie ein Lehrling. Er hilft mir, meinen Friseurladen sauber zu
halten und bereitet die Kunden vor.
Jetzt
sagen die Behörden, ich sei in großen Schwierigkeiten,
weil ich ihm nicht genug bezahlt habe für die Stunden, die er
gearbeitet hat. Und er hat Probleme, weil er arbeiten wollte, ohne in
die Reinigungsgewerkschaft einzutreten.« Er warf wütend
seine Hände in die Luft: »Wenn ich ihm das bezahlt hätte,
was sie wollten, hätte ich ihn gar nicht anstellen
können.«
George
jammerte mit einem traurigen Gesichtsausdruck: »Bei diesen
Bedingungen, und jetzt auch noch vorbestraft, werde ich meine
Friseurlizenz nie bekommen.«
»Sie
glauben, Sie haben Probleme?« sagte eine hochmütige Frau,
die offensichtlich darunter litt, ihr Schicksal mit den anderen zu
teilen. Sie war den Tränen nahe und drückte ein edles
weißes Taschentuch an ihre Augen. Sie sagte: »Wenn die
Presse erfährt, daß ich, Frau Ins, verhaftet wurde, wird
die Karriere meines Mannes beendet sein. Ich hätte nie gedacht,
daß ich etwas so falsches tun würde. Was hätten Sie
denn getan?«
Frau
Ins umarmte ein junges Paar, daß neben ihr angekettet war, und
fuhr fort: »Vor Jahren hatte ich ein großes Haus, drei
Kinder, die in die besten Schulen gingen, und ich wollte in meinen
Beruf zurückgehen. Deshalb fragte ich meine Nachbarin, ob sie
mir nicht empfehlen könnte, wie ich etwas Hilfe im Haushalt
bekomme.
Wilhelm
und Hilda wurden mir wärmstens empfohlen und ich stellte sie
gleich ein. Hilda kümmert sich wundervoll um den Garten und die
Kutsche. Sie kann alles im Haus reparieren und macht viele
Botengänge. Und Wilhelm, so ein Lieber, war mein Lebensretter.
Es ist so gut zu den Kindern. Er ist immer da, wenn ich ihn brauche.
Er schneidet die Haare, kocht, macht sauber - tausend Hausarbeiten
macht er viel besser, als ich es jemals könnte. Meine Jungs sind
von seinen Keksen begeistert. Wenn ich nach Hause komme, kann ich
mich mit meinem Mann ausruhen und mit den Kindern
spielen.«
»Das
klingt nach einer Hilfe, die jeder gern hätte«, sagte
Jonathan. »Aber was ging schief?«
»Zuerst
lief alles bestens. Dann erhielt mein Mann eine neue Beförderung
zum Chef des Büros des Guten Willens. Ja, seine Gegner
untersuchten unsere Finanzen und fanden heraus, daß wir nie
Lohnsteuern für Wilhelm und Hilda gezahlt haben.«
»Warum
nicht?« fragte Jonathan.
»Wir
konnten nicht. Die Steuern waren hoch und mein Einkommen war anfangs
niedrig, wir hätten sie einfach nicht einstellen können,
wenn wir die Steuern bezahlt hätten.«
Wilhelm
sagte dazu: »Dann hätten wir große Schwierigkeiten
bekommen.« Seine Frau stieß ihn an und sagte: »Sei
vorsichtig Wilhelm. Wir haben so viel riskiert, um hier
herzukommen.«
»Ja,
gnädige Frau«, sagte er aufrichtig zu Frau Ins, »Sie
haben unser Leben gerettet. Wir sind von unserer Heimatinsel
geflohen, weg von der Hungersnot und dem schrecklichen Bürgerkrieg.
Wir hatten keine Wahl - wir konnten entweder fliehen oder verhungern
oder erschossen werden. Deshalb sind wir weggegangen und nach Regulos
gekommen. Wenn Frau Ins uns nicht geholfen hätte, hätte man
uns zurückgeschickt, um zu sterben.«
»So
ist es«, sagte Hilda in einer weichen, angenehmen Stimme: »Wir
schulden Ihnen unser Leben und jetzt tut es uns leid, daß sie
wegen uns in dieser Schwierigkeit stecken.«
Frau
Ins seufzte laut und sagte: »Mein Mann wird seine Beförderung
ins Büro des Guten Willens verlieren und vielleicht auch seine
alte Stelle. Er war der Chef der Regulos Zuerst - Kommission, zur
Förderung des Nationalstolzes. Seine Feinde werden ihn wegen
seiner Scheinheiligkeit anklagen.«
»Scheinheiligkeit?«
fragte Jonathan.
»Ja,
Die Kommission Regulos Zuerst arbeitet gegen neue
Neuankömmlinge.«
»Neue
Neuankömmlinge?« wiederholte Jonathan. »Wer sind
denn die alten Neuankömmlinge?«
»Alte
Neuankömmlinge? Ja, das sind alle anderen von uns«, sagte
Frau Ins. »Alle unsere Vorfahren kamen einmal irgendwoher als
Neuankömmlinge, entweder auf der Flucht vor Unterdrückung
oder um ihr Leben zu verbessern. Aber neue Neuankömmlinge sind
erst seit kurzem hier. Sie sind durch das Dasbootistvoll-Gesetz
verboten.«
Jonathan
schluckte unbehaglich. Er wagte nicht, sich vorzustellen, was
passieren würde, wenn die Behörden entdeckten, daß er
auch ein neuer Neuankömmling war. Er versuchte, unbeteiligt zu
klingen und fragte: »Warum wollen sie keine neuen
Neuankömmlinge?«
Die
Fischerin unterbrach sie: »Die, die die Macht haben im Hohen
Rat, haben vor dem Wettbewerb Angst. Neue Neuankömmlinge könnten
härter arbeiten, oder länger, oder für geringere Löhne
bei höherem Risiko. Sie könnten die Aufgaben erledigen, die
niemand von uns machen möchte.«
»Warten
Sie mal. Es gibt genug begründete Beschwerden gegen die neuen
Neuankömmlinge«, sagte Jack. »Neue Neuankömmlinge
kennen nicht immer die Sprache, die Kultur oder die Sitten und
Gebräuche auf unserer Insel. Ich bewundere ihren Mut. Sie
riskieren ihr Leben, um als Fremde hierher zu kommen. Aber sie
brauchen Zeit, alles zu lernen, und hier gibt es nicht genug Platz.
Es ist viel komplizierter jetzt als damals, als unsere Vorfahren von
den fernen Inseln geflohen sind.«
Jonathan
dachte über den vielen Platz nach, den er auf dem Land gesehen
hatte, als Frau Ins stolz einfügte: »Mein Mann hat genau
die gleichen Argumente angeführt gegen die neuen Neuankömmlinge.
Er sagte immer, daß die neuen Neuankömmling zuerst unsere
Sprache und unsere Sitten lernen müßten, bevor man ihnen
erlauben kann hierzubleiben. Sie mußten auch Geld haben,
technische Fähigkeiten, Eigenverantwortlichkeit und dürften
keinen Platz wegnehmen.
Mein
Mann hatte gerade ein neues Gesetz entworfen, um neue Neuankömmlinge
zu identifizieren und nach Hause zu schicken, als er auf ein kleines
Problem stieß. Die Beschreibung paßte mehr auf unsere
eigenen Kinder als auf Leute wie Wilhelm und Hilda.«
In
diesem Moment traten zwei Männer in steifen Anzügen mit
vollen Aktenkoffern durch die Tür. Sie gingen zu Frau Ins, die
vor Angst in sich zusammensank. Einer der Männer winkte den
Wachen, ihre Fußfesseln zu öffnen. »Wir möchten
uns in aller Form bei Ihnen für diese unglückliche
Verwechslung entschuldigen, Frau Ins. Sie können sicher sein,
daß die gesamte Angelegenheit auf höchster Ebene geregelt
wird.«
Sie
folgte ihrer Begleitung sichtlich erleichtert schnell durch den
langen Gang, ohne ein Wort zu Wilhelm und Hilda zu sagen. Die anderen
betrachteten sie in Totenstille, die nur durch das Klirren einer
Kette unterbrochen wurde.
Als
Frau Ins außer Sichtweite war, trennten die Wächter
Wilhelm und Hilda von den anderen und schoben sie grob in die
gegenüberliegende Richtung: »Los gehts, Pack.
Dorthin, wo ihr hergekommen seid.«
»Aber
wir haben doch nichts schlechtes getan«, bettelten Wilhelm und
Hilda, »wir werden sterben.«
»Das
ist nicht unsere Angelegenheit«, brummte der
Wächter.
Die
Fischerin wartete, bis sie die Treppe hinuntergelaufen waren und die
Tür hinter ihnen zuschlug, dann murmelte sie:« Doch, sie
ist es.«
Jonathan
zitterte etwas, als er an das Schicksal dachte, das dem Paar
bevorstand und vielleicht auch ihm. Er sah auf und fragte die Frau: «
Also sind alle hier in Ketten, weil sie nicht arbeiten
durften?«
Die
Frau zeigte die Reihe entlang zu einem jungen Mann, er sein Gesicht
in seinen Händen vergrub und antwortete: »Wenn man es so
sieht, ist er die Ausnahme. Die Behörden bestanden darauf, daß
er als Soldat arbeitet. Er weigerte sich - also wurde er mit uns an
diese Kette gebunden.«
Jonathan
konnte das Gesicht des jungen Mannes nicht richtig erkennen, aber er
fragte sich, warum die Stadtverwaltung von einem so jungen Menschen
verlangen würde, für sie zu kämpfen. »Warum
zwingen ihn die Behörden, ein Soldat zu sein?«
Die
Fischerin antwortete Jonathan direkt: »Sie sagen, das ist die
einzige Möglichkeit, unsere freie Gesellschaft zu
schützen.«
Ihre
Worte hallten in Jonathans Ohren genauso wie das metallische Geräusch
der Ketten.
»Schützen
vor wem?« fragte Jonathan.
»Vor
denen, die uns in Ketten legen würden«, blickte die Frau
düster.
25.
Betrug oder Bewirtung
Der
Jahrmarkt der Regierungen hatte mehr Räume und Gänge als
ein Labyrinth. Jonathan lief einen anderen Korridor entlang bis er
den köstlichen Duft von Kaffee und frisch gebackenem Brot roch.
Er folgte seiner Nase und kam in eine große Versammlungshalle,
wo einige ältere Männer und Frauen miteinander stritten und
ärgerlich mit ihren Fäusten drohten. Andere weinten und
hielten sich an den Händen fest, um sich gegenseitig zu
unterstützen.
»Was
ist passiert?« fragte Jonathan und schielte auf einen großen
Korb der in der Mitte der Halle stand. Er reichte fast bis zur Decke.
»Worüber sind Sie so verärgert?«
Die
meisten der alten Leute beachteten ihn nicht und klagten und
jammerten weiter einander an. Doch ein ernster Mann stand langsam auf
und ging zu Jonathan: »Dieser hochnäsige Herr«,
grummelte er, »er hat es wieder getan. Er hat uns
betrogen!«
»Was
hat er getan?« fragte Jonathan.
»Carlo
Ponzi hat uns vor Jahren von einem großen Plan erzählt«,
sagte der alte Mann und schüttelte traurig seinen Kopf, »der
dafür sorgen sollte, daß niemand im Alter hungrig ist.
Klingt gut, nicht?«
Jonathan
nickte ruhig.
»Ja,
das haben wir auch alle gedacht. Hmpf«, schnaubte er wütend.
»Bei Todesstrafe wurde jeder, außer dem Hohen Herrn Ponzi
und seinen Beamten, verpflichtet, jede Woche Brotscheiben in diesen
riesigen Regierungskorb zu geben. Alle, die älter als 65 Jahre
und in Rente waren, konnten Brot aus dem Korb
herausnehmen.«
»Alle
gaben etwas, nur Lord Ponzi und seine Beamten nicht?«
wiederholte Jonathan.
»Oh,
sie bekamen eine spezielle Behandlung«, antwortete der alte
Mann. »Wir mußten mehr von unserem eigenen Brot in einen
besonderen Korb legen, der nur für sie reserviert war. Jetzt
weiß ich, warum sie einen eigenen wollten.«
»Es
muß schön sein, in Ihrem hohen Alter Brot zu haben«,
sagte Jonathan.
»Natürlich!
Das dachten wir auch. Das schien so eine gute Idee zu sein, weil dann
immer Brot für die Alten da wäre. Und weil wir uns alle auf
den großen Regierungskorb verlassen konnten, haben die meisten
von uns aufgehört, extra Brot für die Zukunft
zurückzulegen.«
Seine
Schultern sackten unter der Last seines Lebens zusammen. Der alte
Mann überflog die Gruppe der faltigen alten Leute. Er zeigte auf
einen älteren Herrn, der auf einer nahen Bank saß: »Eines
Tages sah mein Freund Alan dort drüben, wie die Leute Brot in
den großen Korb legten und herausnahmen. Er errechnete, daß
bald kein Brot mehr in dem großen Korb sein wird. Alan war
Buchhalter, weißt du. Er fand es leicht heraus: es wurde immer
mehr Brot aus dem Korb genommen als Leute neues Brot hineinlegten -
bis nichts mehr da ist. Und er löste unsere Beunruhigung aus.«
Alan nickte wackelig.
»Wir
gingen direkt zum Korb und kletterten an der Seite hoch. Das war
nicht einfach, aber wir sind nicht so schwach und blind, wie manche
der jungen Herren denken. Jedenfalls, wir sahen hinein und
entdeckten, daß der Nahrungskorb fast leer war. Als die anderen
das hörten, gab es einen großen Aufstand. Wir gingen
sofort zu Herrn Ponzi und erklärten ihm, daß er besser
gleich etwas dafür tun sollte, Brot in den Korb zu bekommen oder
er würde es bei der nächsten Wahl bitter
büßen.«
»Toll,
ich wette, er hatte große Angst«, sagte Jonathan.
»Angst?
Ich habe noch nie jemanden so nervös gesehen. Er weiß, daß
wir eine Menge Einfluß haben, wenn wir aufgebracht sind. Zuerst
schlug er vor, den Älteren noch mehr Brot zu geben - direkt vor
der nächsten Wahl. Dann würde er mehr Brot von den Jüngeren
nehmen, die arbeiteten - direkt nach der Wahl.
Aber
diese Arbeiter haben seinen Plan durchschaut und wurden auch
verrückt. Die Jungen, die klugen, sagten, sie wollen schon jetzt
Brot zu essen haben. Sie wollten nicht warten, daß sie das Brot
in der Zukunft essen können. Und außerdem könnte die
Zukunft anders kommen als geplant. Die meisten von ihnen vertrauten
den Politikern nicht, daß sie es liegenließen, bis sie in
Rente gingen.«
»Was
machte er dann?« fragte Jonathan.
»Dieser
Ponzi hat immer einen neuen Trick zur Hand. Er schlug vor, daß
jeder warten solle, bis er 70 Jahre alt ist, bevor er Brot aus dem
Korb nehmen darf. Na, das ärgerte die, die kurz vor der Rente
standen und das Brot mit 65 Jahren erwarteten, wie es ursprünglich
versprochen war. Schließlich kam Ponzi mit einer genialen neuen
Idee.«
»Gerade
rechtzeitig!« rief Jonathan.
»Gerade
rechtzeitig zur Wahl. Ponzi versprach allen alles! Er würde den
älteren mehr geben und weniger von den jungen nehmen. Perfekt!
Versprich mehr für weniger und jeder ist glücklich!«
Der alte Mann machte eine Pause, um zu sehen, ob Jonathan es
verstand. »Der einzige Haken ist, daß die Brotscheiben
jedes Jahr etwas schmaler werden. So. Die Brotscheiben werden so
schmal, daß wir hundert Scheiben auf einmal essen können -
und immer noch hungrig sind.«
»Verdammte
Ganoven!« brach Alan heraus. »Wenn alle Brotscheiben weg
sind, werden sie wahrscheinlich Bilder davon drucken, die uns satt
machen sollen!«
26.
Wessen großartiger Einfall?
»Hurra!
Hurra!« schrie ein Mann mit aller Kraft. Die alten Männer
und Frauen waren überrascht. Sie starrten begeistert auf diese
unerwartete Unterbrechung.
Der
Eindringling war äußerst gepflegt, trug die letzte Mode
für wohlhabende Herren und einen sorgfältig geschnittenen
Schnurrbart. Er stürmte mit einem Gefolge schwarzgekleideter
Männer in die Halle. Sie krochen um ihn herum, als würde
ihr Leben von ihm abhängen.
Der
Anführer schritt zum Tisch und nahm sich eine Tasse Kaffee,
wobei er die anderen mit einer Handbewegung abwimmelte. Wie eine
Herde Schafe zogen sie sich in eine Ecke des Raumes zurück und
warteten geduldig.
»Glückwunsch«,
sagte Jonathan, »was sie auch immer feiern.« Jonathan
fühlte sich verpflichtet, diesem Stutzer Kaffee zu brühen,
und er betrachtete dabei die Genauigkeit der Bügelfalten in
seiner Kleidung. »Darf ich Sie fragen, warum Sie so glücklich
sind?«
»Natürlich«,
sagte der Mann stolz. »Danke für den Kaffee. Oh, der ist
heiß!« Er stellte den Kaffee zurück und hielt
Jonathan seine Hand hin: »Ich heiße Arthur Hatch. Und
du?«
»Jonathan.
Jonathan Gullible. Angenehm.«
Arthur
schüttelte Jonathans Hand. »Jonathan, heute ist mein
Wohlstand gesichert. Ich habe gerade eine entscheidende Abstimmung
für meine Erfindung gewonnen:
Scharfesmetallamstock.«
»Wie
war die Abstimmung?«
»Das
Gericht stimmte äußerst knapp dafür, mir eine
Patenturkunde zu geben.«
»Was
ist eine Patenturkunde?« fragte Jonathan.
Prahlerisch
erklärte Arthur: »Es ist nur das wertvollste Stück
Papier auf der Insel. Es ist ein Brief vom Hohen Rat, der mir die
ausschließliche Nutzung einer revolutionären Idee zum
Holzfällen erlaubt. Niemand darf Scharfesmetallamstock ohne
meine Erlaubnis nutzen. Ich werde stinkreich!«
Jonathan
dachte an die Frau, die er bei seiner Ankunft auf Regulos gesehen
hatte. »Wann haben Sie das erfunden?«
»Oh,
das war nicht meine Idee. Charlie, der arme Trottel, hat es sich
ausgedacht und den Antrag beim Büro der Ideenkontrolle
eingereicht. Ich habe Charlie einen kleinen Betrag für die
Rechte an seinem Antrag bezahlt, und das wird sich bald gelohnt
haben! Charlie hätte selbst niemals alle diese Rechtsanwälte
anstellen können«, sagte Arthur und nickte seinem Gefolge
in der Ecke zu.
»Und
wer hat den Kampf verloren?« fragte Jonathan.
»Es
war wirklich ein Kampf«, seufzte Arthur. »Hunderte andere
Kerle wie Charlie behaupteten, vor mir an dieses Ding gedacht zu
haben - äh, also vor Charlie, heißt das. Manche sagten, es
war der nächste logische Schritt nach der Entdeckung des
Steinamstock. Ha! Sogar Charlies Großmutter brachte einen
Anspruch vor, sagte, sie hätte ihn zu dem gemacht, der er heute
ist. Und so ein Schriftsteller platzte auch noch herein und sagte,
daß Charlie die Idee von ihm gestohlen
hätte.«
Arthur
hielt inne, um über seinen Kaffee zu blasen. »Aber diese
letzte Abstimmung war die schwierigste. Die Klägerin behauptete,
sie hätte schon vor langer Zeit die ersten Metall- und
Holzstücke zusammengebunden. Ich kann mich jetzt nicht einmal
mehr an ihren Namen erinnern. Ist ja auch nicht wichtig. Sie hatte
mehr als vierzig Zeugen. Sagte, es sei Neugier von ihr, ein Hobby -
sagte, sie versuchte nur, ihre Arbeit etwas leichter zu machen. Sie
wollte die Gutmütigkeit der Richter ausnutzen, als sie sagte,
sie sei eine arme Baumarbeiterin und daß sie nie das Geld für
das Anmeldeformular gehabt hätte. Pech was?«
»Pech?«
erwiderte Jonathan.
»Ich
glaube, sie wollte sich einen Platz in den Geschichtsbüchern
verschaffen. Jetzt wird niemand mehr etwas von ihr hören.«
Arthur stellte seine Tasse wieder zurück, lehnte sich an die
Wand und überprüfte die gepflegten Fingernägel an
seiner rechten Hand. Er genoß diesen Augenblick des
Triumphes.
»Jeder
dieser Fälle hatte einen besonderen Dreh«, fuhr Arthur
fort. »Einige meiner Gegner protestierten, daß es nicht
möglich sei, den Gebrauch einer Idee zu besitzen. Aber das
Gericht sagt, ich tus - also tue ichs! Es gehört mir
siebzehn Jahre lang. Ich habe es fair und rechtmäßig
erworben.«
»Siebzehn
Jahre? Warum siebzehn Jahre?« fragte Jonathan.
»Wer
weiß?« lachte er. »Magische Zahl, denke
ich.«
»Aber
wenn Ihnen der Gebrauch einer Idee gehört, warum hört das
nach siebzehn Jahren auf? Verlieren Sie auch Ihr ganzes anderes
Eigentum nach siebzehn Jahren?«
»Mm«,
Arthur machte eine Pause und nahm seinen Kaffee wieder. Er rührte
ihn nervös um. »Gute Frage. Normalerweise gibt es keine
zeitliche Begrenzung des Eigentums, es sei denn, der Rat nimmt es für
einen höheren sozialen Zweck. Einen Moment.« Er hob die
Hand und sofort kam ein Mann aus der Ecke des Raumes
angerannt.
Dieser
Fatzke sprang fast an Arthurs Seite: »Was kann ich für Sie
tun, Arthur?«
»Paul,
erklären sie meinem jungen Freund, warum ich eine Patenturkunde
nicht mehr als siebzehn Jahre besitzen kann.«
»Ja,
mein Herr. Nun, das ist so. In den alten Zeiten gab eine
Patenturkunde den Freunden des Gerichts ein königliches Monopol.
Heute dient eine Patenturkunde allerdings dazu«, sagte Paul in
einem juristischen Gleichklang, »Erfinder zu motivieren, die
andernfalls keinen Grund hätten, nützliche Dinge zu
erfinden. Vor einem Jahrhundert überzeugte ein abergläubischer
Erfinder den Hohen Rat, daß ein Monopol für siebzehn Jahre
genug Zeit sei, reich zu werden.«
»Bitte
verbessern Sie mich, wenn ich mich irre«, sagte Jonathan, der
sich anstrengte, alles zu verstehen. »Sie sagten, Erfinder
werden motiviert - von ihrem Wunsch, reich zu werden - indem Sie
andere daran hindern, Ideen zu nutzen?«
Arthur
und Paul sahen sich verblüfft an. Paul erwiderte: »Was
könnte es sonst für ein Motiv geben?«
Jonathan
empfand ihre schwache Vorstellungskraft etwas bedrückend. »Also
muß jeder Hersteller von Scharfesmetallamstock sie beide
bezahlen?«
Paul
lachte nervös und blickte zu Arthur hinüber: »Tja,
das liegt ganz an Arthur. Er könnte es bevorzugen, diese Geräte
selbst herzustellen - ausschließlich - vorsichtig. Oder, und
das hängt von einem erwarteten Angebot der Baumarbeiter ab,
vielleicht würde er überhaupt nicht gestatten, daß
sie hergestellt werden - siebzehn Jahre lang.«
Er
sah Arthur an und fügte hinzu: »Einige Leute von uns
schauen sich die Akten schon an, Sir. Sie erinnern sich, wir müssen
zunächst mit diesem ärgerlichen Baumarbeitergesetz
klarkommen. Wir haben heute noch ein weiteres Treffen mit Lady Tweed.
Sie kann uns helfen, eine Ausnahme zu erhalten.«
Er
drehte sich zu Jonathan um und erklärte: »Die Baumarbeiter
haben die seltsame, aber altehrwürdige Regelung, daß ihr
erster Gebrauch von geraden Stöcken zum Holzfällen vor der
Anwendung neuer Ideen geschützt werden muß.«
Arthur
stand gedankenversunken da. Ziemlich abwesend bemerkte er: »Dieses
Baumarbeitergesetz ist grundlegend anti-fortschrittlich, meinen Sie
nicht? Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann,
Paul. Sie sind immer dem Spiel voraus.«
»Aber,
mein Herr«, beharrte Jonathan, »was hätten Sie
getan, wenn Sie das Patent heute im Gericht nicht gewonnen
hätten?«
Mit
einer großen Geste seiner Arme, faßte Arthur Paul und
Jonathan um die Schultern und führte sie herzlich auf die Tür
zu, um den Abschluß ihrer Unterhaltung klarzumachen: »Junger
Mann, wenn ich diese Abstimmung heute nicht gewonnen hätte,
würde ich hier nicht schwatzen, da kannst du sicher sein. Ich
würde immer noch Lady Tweed überzeugen müssen, das
Baumarbeitergesetz abzuschaffen, aber dann wäre ich gleich
wieder in meiner Fabrik, um Scharfesmetallamstock so schnell wie
möglich zu produzieren, bevor es die Konkurrenz tut.
Und
mein Kumpel hier würde sich einen anderen Job suchen, nicht
wahr, Paul? Vielleicht in der Produktion, im Marketing oder der
Forschung? Jeder neue Scharfesmetallamstock müßte eine
kleine Erneuerung aufweisen, nur um einen Schritt vor der Bande zu
sein!«
»Uh,
das klingt schrecklich«, kicherte Paul.
Als
sie Arthur zur Tür gehen sahen, nahmen die anderen Männer
in der Ecke ihre Aktentaschen und folgten ihm. »Paul«,
sagte Arthur, »erklären Sie mir das Problem der Haftung
bitte noch einmal.«
Die
ganze Gruppe lief schnell durch die Halle, Arthurs Arme noch immer um
die Schultern von Paul und Jonathan geschlungen. »Sehen Sie«,
sagte Paul, »das Metallstück könnte vom Stock
abfliegen und jemanden treffen. Deshalb müssen wir Sie und die
anderen Investoren schützen.«
»Mich
schützen, wenn das Metallstück jemand anderes trifft? Was
meinen Sie denn damit?« sagte Arthur, der die Fragen für
Jonathan stellte.
»Die
verletzte Person könnte Sie vor Gericht verklagen und versuchen,
Sie für die Schäden bezahlen zu lassen - medizinische
Kosten, entgangenes Einkommen, psychische Schäden und
Rechtskosten.« Der Schritt der Gruppe wurde schneller, um mit
Arthur mitzuhalten.
»Dieser
Prozeß könnte mich ruinieren!« sagte Arthur, der die
Unruhe nur vorgab und mit dem Augenwinkel Jonathans Reaktion
beobachtete.
Paul
bemerkte nicht, daß Arthur ihn für Jonathan auftreten
ließ, und fuhr fort: »Deshalb hat der Hohe Rat eine
geniale neue Idee umgesetzt, um Sie von Ihrer persönlichen
Verantwortung für Verluste Dritter zu befreien.«
»Noch
eine neue Idee?« wiederholte Jonathan unschuldig. »Wem
gehört das Patent dafür?«
Paul
hob die Augenbrauen, beachtete Jonathans Frage jedoch nicht und fuhr
fort: »Wir reichen diese Formulare ein und schreiben die
Buchstaben mbpH hinter Ihren Firmennamen.« Paul
versuchte angestrengt, seine Aktentasche zu öffnen und einen
Stapel Papiere herauszuziehen, ohne einen Schritt zurückzubleiben.
»Arthur, bitte unterschreiben Sie hier unten auf der
gestrichelten Linie.«
Jonathan
war von diesen Fachbegriffen begeistert. »Was heißt
mbpH?« fragte er und strauchelte beim Versuch,
Schritt zu halten.
Jetzt
antwortete Paul. »mbpH heißt mit
beschränkter persönlicher Haftung. Wenn Arthur seine
Gesellschaft anmeldet, kann er höchstens das Geld verlieren, was
er dort investiert hat. Der Rest des Vermögens ist gegen
Prozesse sicher. Das ist eine Art Versicherung, die der Rat für
eine zusätzliche Steuer verkauft. Und weil der Rat die Risiken
des finanziellen Verlustes beschränkt, werden mehr Leute in die
Gesellschaft investieren und sie werden sich weniger darum kümmern,
was wir tun.«
»Schlimmstenfalls«,
bemerkte Arthur, »können wir die Gesellschaft schließen
und davongehen. Dann beginnen wir eine neue unter einem neuen Namen.
Ziemlich schlau, nicht?«
In
diesem Moment blieben Arthurs Augen auf einer sehr attraktiven jungen
Dame haften, die den Gang hinunterkam. Er drehte seinen Kopf, um sie
vorbeigehen zu sehen, und übersah einen leichten Absatz im
Fußboden. Arthur stolperte und stürzte der Länge nach
hin, wobei er seine gepflegten Fingernägel in der Wand
einklemmte.
»Au!«
schrie er vor Schmerzen; seine Arme und Beine waren in jede Richtung
ausgestreckt. Er versuchte, selbst vom Boden aufzustehen und klagte
über einen scharfen Schmerz in seiner Hand und dem
Rücken.
Seine
Anwälte schwärmten aufgeregt um ihn herum und tauschten
begeistert Bemerkungen aus. Einige halfen Arthur, die Sachen
aufzusammeln, die aus seinen Taschen gefallen waren, während
andere eifrig Notizen aufschrieben und Skizzen über Einzelheiten
des Vorfalls zeichneten. Andere hielten die Frau an, um ihren Namen
und ihre Adresse zu erfragen.
»Ich
werde Sie verklagen!« schrie Arthur und hielt seine
gequetschten und blutenden Finger fiebrig in ein Taschentuch. »Ich
werde den ekelhaften Kerl zermatschen, der für dieses Hindernis
im Fußboden verantwortlich ist! Und Sie, junge Dame, Sie sehe
ich im Gericht, weil Sie meine Unaufmerksamkeit verursacht
haben!«
Die
junge Dame war von dieser Beschuldigung empört und gab zurück:
»Mich verklagen? Ich habe niemals ...! Wissen Sie, wer ich
bin?«
»Das
ist mir egal«, brüllte Arthur, »je größer,
desto besser. Ich werde Sie verklagen!«
Sie
zitterte und versuchte verzweifelt, ihre Tränen zurückzuhalten.
Dann entgegnete sie: »Das können Sie nicht tun! Mein
Freund Carlo sagt, meine Schönheit nutzt jedem, sie ist ein
öffentliches Gut. Er hat es so beschlossen, das hat er mir
vergangene Nacht erzählt!«
Instinktiv
holte sie einen Spiegel aus ihrer Tasche, um ihr Aussehen zu
überprüfen. Es war ganz deutlich zu sehen, ihr Make-up
begann zu verwischen. »Uhu, jetzt sehen Sie sich an, was sie
mit einem öffentlichen Gut gemacht haben! Das wird Ihnen leid
tun! Carlo sagt, jeder soll für öffentliche Güter
bezahlen. Er stellt meine Kosmetika immer auf seine Ausgabenliste. Es
wird Ihnen schon leid tun, wenn Ihre Steuern wegen dieser Sache
steigen!«
Sie
steckte den Spiegel in die Tasche zurück und rannte auf der
Suche nach einer Toilette davon.
Jonathan
empfand etwas Zuneigung zu der Frau und fragte: »Werden Sie sie
tatsächlich verklagen? Wie kann sie schuldig sein?«
Arthur
nahm kaum jemanden wahr, da er über den Fußboden kroch, um
einen Beweis für irgendeine Nachlässigkeit zu finden. Seine
unverletzten Finger ertasteten eine Delle im Steinfußboden. Er
schrie: »Das ist die Ursache, Paul! Finden Sie den
Verantwortlichen. Ich werde ihm seine Stelle und jeden Pfennig
wegnehmen. Und wie heißt diese Frau?«
»Beruhigen
Sie sich, Arthur«, sagte Paul. »Das ist Ponzis Mädchen.
Vergessen Sie den Prozeß, wenn Sie sich um das
Baumarbeitergesetz kümmern wollen. Außerdem ist das
Gebäude Eigentum der Regierung und wir müßten den
Hohen Rat nach einer Genehmigung fragen, um zu klagen.«
Arthur
hatte plötzlich eine Gedankenblitz und rief aus: »Dann
bringen wir es bei Lady Tweed auf die Tagesordnung. Den Herren wird
es egal sein, wenn wir klagen. Das Geld kommt ja nicht aus ihren
Taschen. Tatsächlich werden sie sogar auch noch etwas bekommen.«
Er fragte sich, wie viele Wahlkampfbeiträge Lady Tweed von ihm
wohl dafür nehmen würde.
Seine
Qual stand auf Arthurs Gesicht geschrieben. »Ich bekomme die
Gelegenheit, in die tiefste Tasche von allen zu greifen und muß
die Beute mit Tweed teilen! Ich sag euch, sie bekommt ihren Teil von
allem, was auf dieser Insel passiert.«
»Sie
werden Lady Tweed bitten, für Ihre Verletzungen zu bezahlen?«
fragte Jonathan.
»Nein,
du Idiot«, entgegnete Arthur scharf. »Sie wird uns
helfen, an die Steuerzahler zu kommen. Ich hoffe, du hast deine
Steuern bezahlt, Kumpel. Das wird ein richtig großer
Preis!«
27.
Umgekehrt
Jonathan
versorgte Arthur, so gut er konnte, und dann trennte er sich von der
Gruppe. Ihm wurde klar, daß der Jahrmarkt der Regierungen ihn
eher verwirrte als half. Er verließ den Palast sehr mutlos.
Jetzt mußte er mehr als zuvor den Hafen und ein Schiff finden,
daß ihn nach Hause bringen könnte.
An
einer Ecke hinter dem Jahrmarkt der Regierungen bemerkte Jonathan
eine stark geschminkte Frau in einem engen, knallroten Kleid. Immer
wenn ein Mann an ihr vorbeiging, lächelte die Frau und ging
einige Schritte in seine Richtung, um ihn in ein Gespräch zu
verwickeln. Sie sah nicht aus, als würde sie betteln. Nein,
dachte Jonathan, sie versuchte, etwas zu verkaufen. Wenn sie mit
ihren Bemühungen erfolglos war, drehte sich diese Verkäuferin
schnell um und suchte einen anderen Kunden.
Jonathan
fragte sich, ob ihr auffälliger Schmuck von Herrn Ponzi auch zu
einem öffentlichen Gut erklärt worden war. Dann sah er eine
andere Frau, die viel Farbe im Gesicht trug und Netzstrümpfe
unter einem sehr kurzen, schimmernden Rock. Sie schien besonders
freundlich, als sie verwegen zu Jonathan herüberstarrte. Er
entschied sich, sie nach dem Hafen zu fragen. Aber bevor er seinen
Mund zum Sprechen öffnen konnte, raste ein Polizeiwagen um die
Ecke und blieb mit einem Ruck vor ihm stehen.
Mehrere
schwarz gekleidete Polizeibeamte sprangen heraus, griffen beide
Frauen und zerrten sie unter Schreien und Fußtritten in den
Wagen. Die Männer schlugen die Türen zu und fuhren davon.
Einer der Polizisten blieb zurück und machte einige Notizen in
ein kleines schwarzes Buch, das er aus seiner Jackentasche gezogen
hatte.
Jonathan
wünschte sich, daß so viele Polizisten zur Stelle gewesen
wären, als er überfallen wurde. Warum waren sie überall,
nur nicht dort, wo er sie brauchte? Vielleicht konnte er den
Diebstahl jetzt melden und etwas Unterstützung bekommen.
»Entschuldigen Sie bitte. Ich möchte einen Raub
melden.«
»Das
ist nicht meine Abteilung«, erwiderte der Polizist, ohne von
seinem Notizbuch aufzuschauen.
Jonathan
war verwirrt. »Was ist denn Ihre Abteilung?«
»Unmoralische«,
sagte der Mann.
»Entschuldigung?«
»Abteilung
für Unmoralische, Kleiner. Unsere Abteilung beschäftigt
sich mit unmoralischem Verhalten.«
»Ja,
aber, sicherlich war der Raub, den ich melden wollte, unmoralisch.«
Da er keine Antwort erhielt, fragte Jonathan: »Warum wurden
diese Frauen denn festgenommen?«
»Hast
du das nicht an ihren Kleidern bemerkt?« Endlich schaute der
Mann von seinen Notizen auf und sah in Jonathans verblüfftes
Gesicht. »Diese Frauen haben sich schuldig gemacht, Männern
sexuelle Gefälligkeiten gegen Geld zu geben. Es wäre viel
besser für sie gewesen, wenn sie diese Gefälligkeiten statt
dessen getauscht hätten.«
»Getauscht?
Was meinen Sie mit getauscht?« fragte Jonathan, der
im Moment weniger mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt war als
mit seiner Neugier über diese Frauen.
»Ich
meine«, sagte der Polizist und betonte dabei jedes Wort, »diese
Frauen hätten ihre Begleiter unterhalten sollen, nachdem sie zum
Essen, Trinken, Tanzen und ins Theater eingeladen wurden, statt Geld
zu nehmen. Es ist besser für die örtliche Wirtschaft und
völlig legal.«
Jonathan
war noch mehr durcheinander als sonst: »Geld darf also für
sexuelle Gefälligkeiten nicht genutzt werden?«
»Natürlich
gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel kann Geld benutzt werden, wenn der
Vorgang gefilmt und allen Leuten in der Stadt gezeigt wird. Dann ist
es eine öffentliche, keine private Angelegenheit und deshalb
gestattet. Statt eingesperrt zu werden, können die Teilnehmer
sogar berühmt werden und mit den Verträgen ein Vermögen
verdienen.«
»Also
ist es der Austausch von Geld für rein private sexuelle
Aktivitäten, was strafbar ist?« fragte Jonathan.
»Auch
bei privaten Geldgeschäften gibt es Ausnahmen, besonders wenn
die Frauen bessere Kleider tragen als diese Straßendirnen«,
sagte der Mann verächtlich. »Kurzfristige Sachen für
eine Stunde oder eine Nacht sind illegal. Aber wenn ein Paar einen
ständigen, lebenslangen Vertrag schließt, kann Geld
benutzt werden. Eltern ermutigen ihre Kinder sogar manchmal, solche
Verträge zu schließen. Leute, die aufsteigen wollen, sind
oft für dieses Verhalten geehrt wurden. Das ist ein legitimes
Mittel, um seinen sozialen Stand und seine Sicherheit zu
verbessern.«
Der
Polizist hörte auf, Notizen zu machen und griff in eine Tasche.
Er zog einen Steinamstock und einige Nägel heraus. »Würdest
du mir bitte hier helfen?«
»Klar«,
sagte Jonathan. Er grübelte über die Auskünfte, die
ihm der Mann über die Moral der Gesellschaft gegeben
hatte.
Der
Polizist drehte sich um und ging zu einem Laden nebenan. Er nahm
einige lose Bretter, die auf dem Fußweg aufgeschichtet lagen
und winkte Jonathan heran. »Hier, halt das mal fest. Ich will
Bretter über die Fenster und Türen des Ladens
nageln.«
»Warum
nageln sie diesen Laden zu?«
»Der
Laden ist geschlossen«, sagte er mit dumpfer Stimme, da er die
Nägel in seinem Mund hielt, »weil der Besitzer schuldig
erklärt wurde, obszöne Bilder zu verkaufen. Er verfault
jetzt hinter Gittern.«
»Was
ist ein obszönes Bild?« frage Jonathan naiv.
»Na
ja, ein obszönes Bild zeigt eine widerliche und ekelhafte
Handlung.«
»Hat
der Ladenbesitzer diese ekelhafte Handlung
getan?«
»Nein,
er hat nur die Bilder verkauft.«
Jonathan
mußte darüber sorgfältig nachdenken. Der Polizist
nagelte das letzte Brett über die Tür. »Also macht
man sich für die obszöne Handlung schuldig, wenn man Bilder
davon verkauft?«
Jetzt
hielt der Polizist inne und dachte über Jonathans Frage nach.
»Ja. In gewissem Sinne, ja. Leute, die solche Bilder verkaufen,
machen sich schuldig, die Handlung zu fördern. Die Kunden sind
leicht zu beeinflussen, weißt du.«
Jonathan
schlug mit der Hand gegen seine Stirn: »Jetzt hab ichs.
Das war das Zeitungsbüro. Sie haben den Zeitungsfotografen
verhaftet, weil er Bilder von Krieg und Morden gemacht hat! Aber sind
ihre Zeitungen schuldig, Krieg und Mord zu befördern, nur weil
sie Bilder von Leuten verkaufen, die töten und getötet
werden?«
»Nein,
nein. Au, dieser verdammte Steinamstock!« schrie der Beamte,
schüttelte seinen Damen vor Schmerzen und stieß einige
Flüche aus. Er hatte einen Nagel verfehlt und aus Versehen
seinen Daumen getroffen. Dann nahm er seine Werkzeuge wieder auf und
versuchte es erneut.
»Nur
sexuelle Handlungen sind obszön. Obszöne sexuelle
Handlungen werden von Perversen getrieben. Anständige Leute
verurteilen solche Handlungen. Auf der anderen Seite«, sagte
der Mann, »sind Krieg und Töten Dinge, über die
anständige Leute und Perverse mit der richtigen Anleitung lesen
können. Tatsächlich kann eine anschauliche Reportage von
Krieg und Töten sogar journalistische Preise
gewinnen.«
Als
der letzte Nagel eingeschlagen war, ging Jonathan davon. Er merkte,
daß dieser Mann zu sehr mit Unmoral beschäftigt war, als
daß er ihm bei einem bloßen Raub helfen konnte.
28.
Frohbeeren
»Psst.
Willst du dich gut fühlen?« flüsterte eine runde,
nachlässig gekleidete Frau, als Jonathan an ihr vorbeiging. Ihr
Haar war ungepflegt und sie roch etwas verfault. Sie blickte nervös
um sich und wiederholte dann mit einer angespannten Stimme: »Willst
du dich gut fühlen?«
Nachdem
er die Beschreibung des Polizisten für Unmoral gehört
hatte, war sich Jonathan unsicher, was er der Frau antworten sollte.
Es erschien aber ziemlich sicher, daß diese Frau nicht
versuchte, sexuelle Gefälligkeiten zu verkaufen. Und da Jonathan
ein aufrichtiger, vernünftiger Junge war, antwortete er ehrlich:
»Will sich nicht jeder gut fühlen?«
»Komm
mit mir«, sagte die Frau und griff fest nach seinem Arm. Sie
führte ihn eine Gasse hinunter und durch eine schmutzige, dunkle
Einfahrt. Das erinnerte Jonathan zu sehr an den Raub und er
versuchte, zurückzubleiben - er hielt seinen Atem an, um ihren
Gestank nicht zu riechen.
Bevor
er protestieren konnte, hatte die Frau die Tür geschlossen und
verriegelt. Sie wies Jonathan, sich auf einen Stuhl zu setzen. Aus
ihrer Tasche holte sie eine Schachtel Zigaretten und zog eine heraus,
die sie anzündete. Schnell nahm sie einen tiefen Zug und genoß
schweigend den Rauch.
Jonathan
rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und fragte: »Was
wollen Sie?«
Sie
stieß eine Rauchwolke in die Luft und sagte schroff: »Du
willst Frohbeeren?«
»Was
sind Frohbeeren?« fragte Jonathan.
Die
Frau kniff mißtrauisch die Augen zusammen. »Du weißt
nicht, was Frohbeeren sind?«
»Nein«,
sagte Jonathan und erhob sich von seinem Stuhl, »und ich glaube
auch nicht, daß ich daran interessiert bin. Vielen
Dank.«
Die
Frau befahl ihm, sich wieder hinzusetzen und er gehorchte zögernd.
Sie nahm einen Zug ihrer Zigarette und betrachtete ihn genau. Dann
sagte sie: »Sag mal, du bist wohl nicht von hier?«
»Nicht
direkt«, sagte Jonathan langsam. Er fing an, sich Sorgen zu
machen, ob sie ihn als neuen Neuankömmling melden
würde.
Bevor
er noch etwas sagen konnte, schrie die Frau: »Falscher Alarm!
Komm raus, Doobie.«
Eine
versteckte Tür öffnete sich plötzlich hinter einem
hohen, schmalen Spiegel und ein uniformierter Polizeibeamter kam
herausgesprungen.
»Guten
Tag«, sagte der Polizist und legte eine Hand auf Jonathans
Schulter. »Ich bin Doobie und das ist meine Partnerin Mary
Jane. Entschuldige bitte die Unannehmlichkeit, aber wir sind
Geheimagenten, die den Frohbeerenhandel ausrotten
sollen.«
Er
drehte sich zu Mary Jane um und fügte hinzu: »Ich bin fast
verhungert. Geben wir dem jungen Freund eine kleine
Erfrischung.«
Sie
nahmen Kisten, Kartons und Gläser jeder Größe von den
Regalen. Als alles geöffnet und über den Tisch verteilt
war, langten sie beide zu. Jonathan atmete endlich erleichtert auf.
Bei diesem Festmahl lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Es gab alle
Sorten von Gebäck - frisches Brot, Butter und Marmelade,
Käsescheiben, Schokoladenplätzchen und andere schmackhafte
Köstlichkeiten.
Doobie
nahm sich ein großes Brötchen und schmierte mit seinen
Fingern eine dicke Schicht Butter und Marmelade darauf. »Hau
rein«, sagte er mit dem Mund voller Essen. Er wedelte mit der
Hand über den Tisch. »Kein politisches Café für
offizielle Angelegenheiten, nicht Mary Jane?« Sie kicherte und
verschluckte sich beinahe an dem Plätzchen, das sie gerade in
den Mund gesteckt hatte.
Jonathan
nahm eine Scheibe Brot mit Marmelade und aß hungrig. Er machte
eine Pause, um zu sprechen und fragte wieder: »Was sind
Frohbeeren?«
Mary
Jane füllte eine Tasse Kaffee und schüttete drei Löffel
Zucker hinein. Als sie etwas dicke Sahne in die Tasse rührte,
sagte sie: »Frohbeeren sind eine illegale Frucht in Regulos.
Wenn du versucht hättest, von mir Frohbeeren zu kaufen, wärst
du für zehn Jahre oder länger ins Gefängnis gegangen.«
Mary Jane und Doobie sahen sich einen Moment an und brachen in
Gelächter aus.
Jonathans
lautes Schlucken war im ganzen Raum zu hören. Er war knapp davon
verschont geblieben, ins Gefängnis zu kommen. »Aber was
ist an den Frohbeeren so schlecht? Machen sie Leute krank? Oder
gewalttätig?«
»Schlimmer«,
sagte Doobie, als er mit dem Ärmel die Reste von Marmelade und
Butter aus seinem Gesicht wischte. »Frohbeeren machen, daß
sich die Leute gut fühlen. Sie sitzen nur ruhig da und
träumen.«
»Ekelhaft«,
fügte Mary Jane hinzu, als sie eine dicke Zigarre anzündete
und sie Doobie gab. Sie nahm ein Brötchen und bestrich es mit
einer dicken Schicht Streichkäse, dann murmelte sie: »Es
ist eine Flucht vor der Wirklichkeit.«
»Ja«,
sagte Doobie. Er rückte seinen Pistolengürtel bequemer und
mummelte durch seinen vollen Mund. Jonathan hatte nie jemanden
gesehen, der das Essen so schnell in seinen Mund stopfte. »Heutzutage
übernehmen die jungen Leute einfach keine Verantwortung für
ihr Leben. Wenn sie dann als eine Art Flucht Frohbeeren nehmen,
bringen wir sie in die Wirklichkeit zurück. Wir verhaften sie
und sperren sie hinter Gitter.«
»Ist
das besser für sie?« fragte Jonathan und schaute sich
vorsichtig nach einer Serviette um.
»Sicher«,
antwortete Mary Jane. »Willst du einen Schluck Whiskey,
Doobie?« Doobie grinste und schob ihr ein fettiges Glas hin.
Sie füllte es bis zum Rand mit der braunen Flüssigkeit.
Dann kam sie zu Jonathans ursprünglicher Frage zurück und
erwiderte: »Weißt du, Frohbeeren machen
süchtig.«
»Was
meinen Sie damit?«
»Das
heißt, du willst immer mehr davon haben. Es kommt dir vor, als
müßtest du sie haben, um weiter leben zu
können.«
Jonathan
dachte einen Moment darüber nach. »Sie meinen, so wie
Nahrung?« sagte er kaum hörbar, da Doobie gerade einen
riesigen Rülpser von sich gab. Doobie kicherte zufrieden, als er
sich den zweiten Whiskey eingoß, dann nahm er einen tiefen Zug
aus seiner Zigarre. »Nein, nein. Frohbeeren haben keinen
Nährwert und könnten sogar ungesund sein. Gibst du mir
bitte den Aschenbecher, Mary Jane?«
»Und
wenn Frohbeeren ungesund sind«, sagte Mary Jane, als sie ein
Stück Schokolade mit ihrem Kaffee hinunterspülte, »müssen
wir später alle für die medizinische Behandlung dieser
bedauerlichen Wracks bezahlen. Weißt du, der Hohe Rat verlangt
aus Mitleid von uns allen, für die Behandlung aller zu bezahlen,
ganz egal, wie dumm ihr Verhalten und ihre Sitten gewesen sind.
Deshalb wären unkontrollierte Frohbeerenesser eine Last für
uns alle.«
Jonathan
platzte heraus: »Wenn Leute sich selbst schaden, wieso müssen
Sie denn für deren Torheiten zahlen?«
»Das
ist die einzige humane Sache, die man tun kann«, sagte Doobie
schon etwas beschwipst. »Wir besteuern die Leute immer, um
Probleme zu lösen. Die Herren müssen für viele
Lösungen bezahlen, weißt du, wie für unsere Löhne
und die großen Gefängnisse.
Und
vergiß nicht, daß der Hohe Rat im vergangenen Jahr den
Tabak-, Zucker- und Milchbauern helfen mußte, durch ein
schlechtes Jahr zu kommen. Man muß den Leuten doch zu essen
geben, nicht? Steuern braucht man auch, um für die Leute zu
sorgen, die krank werden. Das ist die einzige vernünftige,
zivilisierte Sache, die man tun kann. Gib doch bitte mal den Whiskey,
Mary Jane.«
Mary
Jane gab ihm die Flasche und nickte zustimmend. Dann zündete sie
eine neue Zigarette aus der Schachtel an, indem sie sie an den Rest
der vorherigen hielt. Doobie redete weiter: »Weil wir alle
jedem helfen müssen, müssen wir alle kontrollieren, was
jeder tut.«
»Wir?«
fragte Jonathan.
»Hick«,
mußte Doobie aufstoßen. »Entschuldigung.« Er
nahm eine Tablettendose aus seiner Hemdtasche. »Wenn ich wir
sage, meine ich nicht dich und mich persönlich. Ich meine, daß
die politisch Verantwortlichen für uns entscheiden, was gutes
Verhalten ist und wer für schlechtes Verhalten bezahlen muß.
In der Tat ist es gutes Verhalten, für schlechtes Verhalten zu
bezahlen. Das ist doch sinnvoll, nicht, Mary Jane? Jedenfalls machen
die Herren keine Fehler bei ihren Entscheidungen, wie es alle anderen
tun würden.«
Doobie
machte eine Pause, um ein paar kleine rote Pillen zu schlucken. Seine
Worte wurden langsam undeutlich. »Das ist wirklich merkwürdig.
Ich glaube, ich sage immer wir, wenn ich über sie
rede. Mary Jane, möchtest du ein paar von diesen, um deine
Nerven zu beruhigen?«
»Nein,
danke«, sagte sie höflich. Sie schob eine elegante
Metallschachtel zu ihm hinüber hinüber und fügte
hinzu: »Meine schönen rosafarbenen Beruhigungsmittel
wirken viel schneller. Ich kann den Tag kaum anfangen ohne meinen
Kaffee und eine davon. Hier, probiers mal, wenn du
willst.«
Jonathan
dachte an die Politiker, die er bisher getroffen hatte. »Sind
die Politiker klug genug, die Leute zu einem korrekten Verhalten zu
führen?«
»Das
sind sie!" brüllte Doobie und schwankte etwas auf seinem
Stuhl. Er nahm ein neues Glas Whiskey, um die rosafarbenen Pillen
herunterzuspülen und starrte Jonathan an. »Und wenn sich
die Leute nicht korrekt verhalten, werden wir diese Mistkerle schon
Verantwortung lehren, wenn sie ins Gefängnis
kommen!«
Doobie
bat die anderen, mit ihm eine Runde zu trinken.
»Nein,
vielen Dank«, sagte Jonathan. »Was meinen sie mit
Verantwortung?«
Mary
Jane goß etwas Whiskey in ihren Kaffee und fügte noch mehr
Zucker und Sahne dazu. »Ich weiß nicht, wie - Doobie,
erkläre es unserem Gast.«
»Hmmm,
laß mich mal nachdenken.« Doobie kippte seinen Stuhl nach
hinten und paffte an seiner Zigarre. Er hätte ehrwürdig
aussehen können, wenn er nicht beinahe umgekippt wäre. Als
er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, sagte er: »Verantwortung
müßte sein - die Folgen seines eigenen Handelns
anzuerkennen. Ja, das ist es. Es ist die einzige Möglichkeit zu
wachsen, weißt du, zu lernen.«
Der
Rauch um Doobie wurde dicker, als er schneller paffte, weil er so
angestrengt über Verantwortung nachdachte.
»Nein,
nein«, unterbrach Mary Jane ihn. »Das ist zu egoistisch.
Verantwortung ist, auf andere aufzupassen. Weißt du - wenn wir
sie vor Schaden bewahren, wenn wir sie vor sich selbst
schützen.«
Jonathan
fragte: »Was ist davon egoistisch? Auf sich selbst aufzupassen
oder sich anderen aufzuzwingen?«
»Es
gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden«, erklärte
Doobie. Er sprang aus seinem Stuhl und stieß ihn auf den
Fußboden. »Nehmen wir ihn mit zum Großen Forscher.
Wenn irgend jemand Verantwortung erklären kann, ist er
es!«
29.
Der große Forscher
Die
Schatten waren länger geworden. Es war später Nachmittag,
als Jonathan und seine zwei Begleiter, Mary Jane und Doobie, auf die
Straße zurückkehrten. Sie liefen, bis sie einen Park mit
einer großen Wiese erreichten. Einzelne Leute versammelten sich
um einen kleinen Hügel in der Mitte.
»Gut«,
sagte Mary Lane. »Wir sind früh da. Bald wird die ganze
Fläche voller Leute sein, die die Wahrheiten des Großen
Forschers hören wollen. Er wird alle deine Fragen
beantworten.«
Sie
setzten sich auf einen Grashügel. Doobie wurde vom vielen Essen
und vom Whiskey überwältigt und schlief sofort auf dem
weichen Gras ein. Mary Jane wurde ruhig. Um sie herum ließen
sich Leute unter den Bäumen nieder und saßen voller
Erwartung.
Bald
darauf schritt eine hohe hagere Gestalt, die völlig in Schwarz
gekleidet war, in die Mitte der Menschenansammlung. Seine Augen
wanderten langsam über die Gesichter, die ihn anstarrten. Das
Gemurmel der Menge hörte auf und Jonathan konnte einige Grillen
in der Wiese zirpen hören.
»Frieden
ist Krieg! Weisheit ist Unwissenheit! Freiheit ist Sklaverei!«
Die rauhe Stimme des Mannes schien von ganz tief unten zu kommen und
durchdrang Jonathans ganzen Körper. Jonathan sah die
ehrfurchtsvolle Menge an. Niemand schien auch nur etwas verwirrt von
den Worten des Großen Forschers.
Jonathan
war sich kaum bewußt, daß er sprach, und rief aus: »Warum
sagen Sie Freiheit ist Sklaverei?«
Von
Jonathans Unverfrorenheit erschrocken, schimpfte Mary Jane in
Flüsterton: »Ich sagte, du bekommst alle deine Fragen
beantwortet - ich habe nicht gesagt, daß du ihm Fragen stellen
kannst.«
Der
große Forscher heftete einen durchdringenden Blick auf seinen
jungen Prüfer. Welche Person wagte sich, seinen Vortrag zu
unterbrechen? Niemand bewegte sich. Niemand sonst in der Menge hatte
jemals die Frechheit besessen, ihm eine Frage zu stellen. Das einzige
Geräusch war ein leichtes Rauschen des Windes in den
Blättern.
Dann
knurrte der Große Forscher halb zu Jonathan, halb zur Menge:
»Freiheit ist die größte aller Lasten, die die
Menschheit tragen kann.« Mit dröhnender Stimme erhob der
Mann seine Arme und kreuzte seine Handgelenke hoch über seinem
Kopf: »Freiheit ist die schwerste aller Ketten!«
Jonathan
beharrte: »Warum ist Freiheit eine Last? Was ist daran
schlecht?« Er konnte sich nicht beherrschen. Er wollte wissen,
wovon dieser Kerl sprach.
Der
Mann lief dem Jungen mit zwei Schritten entgegen und setzte fort:
»Freiheit ist ein gewaltiges Gewicht auf den Schultern der
Männer und Frauen, weil sie verlangt, nein, sie zwingt uns,
Verstand und Willen zu gebrauchen.« Mit einem Aufschrei voller
Angst und Erschrecken warnte der Große Forscher: »Freier
Wille würde euch alle für eure Taten verantwortlich
machen!« Die Menge schauderte bei diesen Worten zurück und
manche legten aus Angst sogar die Hände auf ihre Ohren.
»Was
meinen Sie mit verantwortlich?« fragte Jonathan mit
zitternder Stimme. Schließlich war das die Erklärung,
wegen der Doobie und Mary Jane ihn hierher gebracht hatten.
Von
so viel Unverschämtheit verunsichert, entschied sich der Große
Forscher plötzlich, einen anderen Ansatz zu versuchen. Es sah
aus, als würde er zurückweichen, sein Gesicht nahm einen
weichen, freundlichen Ausdruck an.
Er
beugte sich und pflückte eine Pflanze neben seinem Fuß.
»Einige von euch, geliebte Brüder und Schwestern, werden
die Gefahren nicht verstehen, von denen ich spreche. Schließt
eure Augen und stellt euch dieses winzige Pflänzchen in meiner
Hand vor.« Seine Stimme war feierlich und streichelte die
Menge.
Alle
außer Jonathan preßten ihre Augen fest zusammen und
konzentrierten sich. In hypnotisierendem Ton beschrieb der Große
Forscher der Versammlung ein Bild: »Dieses kleine Pflänzchen
ist nur ein zerbrechliches Stückchen von einem Strauch, mit
seinen Wurzeln im Boden und auf der Erde festgemacht. Es ist nicht
verantwortlich für seine Taten. Alle seine Taten sind
vorherbestimmt. Ah, diese Seligkeit eines Strauches!
Nun,
meine Geliebten, stellt euch ein Tier vor. Eine süße,
beschäftigte Maus, die hin und her huscht, um ihr Futter
zwischen diesen festen Pflanzen zu finden. Dieses Pelztier ist nicht
verantwortlich für seine Taten. Alles, was eine Maus tut, ist
von der Natur vorherbestimmt. Ja, die Natur. Ein glückliches
Tier! Weder Pflanze noch Tier leiden unter der Last des Willens, weil
sie beide keine Entscheidungen treffen müssen und keine Werte
haben. Sie können niemals schlecht sein!«
Einige
in der Menge murmelten hingerissen: »Ja, Großer Forscher,
ja, ja, so ist es.«
Der
charismatische Führer richtete sich auf, wurde plötzlich
größer und fuhr fort: »Öffnet eure Augen und
schaut euch um! Ein menschliches Wesen, eines, das Entscheidungen und
Werten unterliegt, kann schlecht sein, das sage ich euch!
Schlechte Entscheidungen und Werte können euch und andere
verletzen. Selbst das Wissen um den möglichen Schaden wird euch
leiden lassen. Und dieses Leiden ist - Verantwortung.«
Die
Leute zitterten und kauerten sich enger zusammen. Ein Junge neben
Jonathan schrie plötzlich: »Oh bitte, Meister. Wie können
wir diesem Schicksal entgehen? Sag uns, wie wir diese schreckliche
Last loswerden können.«
»Es
wird sehr anstrengend sein, aber gemeinsam können wir diese
entsetzliche Bedrohung besiegen.« Er sprach mit einer so leisen
Stimme, daß Jonathan sich vorbeugen mußte, um seine Worte
zu verstehen: »Vertraut mir. Ich werde die Entscheidungen für
euch treffen. Ihr werdet dann von aller Schuld und allen Leiden
befreit sein, die die Freiheit bringt. Ich werde alle Leiden auf mich
nehmen.«
Dann
warf der Forscher seine Arme hoch und rief aus: »Jetzt gehet
fort, jeder von euch. Durchstreift die Straßen und Gassen,
klopft an jede Tür. Sammelt die Stimmen, wie ich es euch gesagt
habe. Der Sieg ist auf meiner Seite, eurem Entscheidungsträger
im Hohen Rat!«
Und
die Menge schrie ihre Zustimmung, alle standen auf und rannten in
alle Richtungen davon. Sie stießen und schoben sich, da jeder
der erste in den Straßen sein wollte.
Nur
Jonathan und der Große Forscher blieben zurück - und
Doobie, der jetzt sanft schnarchte. Jonathan saß ungläubig
da. Er beobachtete den wilden Ansturm der Gruppe, dann schaute er in
das Gesicht des Mannes in den schwarzen Kleidern. Der Forscher sah an
Jonathan vorbei, er erblickte eine ferne Vision. Schließlich
brach Jonathan das unheimliche Schweigen mit einer letzten Frage:
»Welche Tugend liegt darin, alle Entscheidungen auf Sie zu
übertragen?«
»Keine«,
erwiderte der Forscher mit einem verächtlichen Grinsen. »Tugend
kann nur dort bestehen, wo man die Freiheit der Wahl hat. Und mein
Gefolge, meine Schafherde, bevorzugt Klarheit gegenüber Tugend.
Und du, kleiner Mann mit zu vielen Fragen, was bevorzugst du? Hilf
mir, die Wahl zu gewinnen, und ich werde alles regeln, was du
wünschst. Laß mich die Entscheidungen auch für dich
treffen. Dann sind auch deine Fragen egal.«
Sprachlos
drehte sich Jonathan auf den Fersen um und floh aus dem Park. Er
hörte noch das Lachen des Großen Forschers hinter
sich.
30.
Das Gesetz der Verlierer
Jonathan
rannte ziellos, bis er eine Glocke laut in regelmäßigen
Abständen klingen hörte. Der Klang schallte durch die
Straßen und Jonathan versuchte, seinen Ursprung auszumachen. Er
ging in eine Seitenstraße und betrat ein verlassenes
Grundstück, wo sich eine andere Menge versammelt hatte, die
schrie und brüllte.
Er
dachte sich, daß wohl ein Unfall geschehen war und folgte
ihnen, als sie sich zu einer mittleren Plattform drängten und
schoben. Zu seiner Überraschung trug jeder in der Menge einen
weiten Gürtel oder ein Band auf dem Rücken. Jonathan war
etwas verlegen, da er der einzige ohne eine solche Ausrüstung
war.
Jonathan
blickte sich um und hoffte verzweifelt herauszufinden, was hier vor
sich ging.
Auf
einer Plattform, einen Meter über dem Boden, schrie jemand aus
vollem Halse: »In dieser Ecke - Gewicht 256 Pfund - fünf
Monate der ungeschlagene Champion des Internationalen
Arbeiterwettstreits - der Schreckliche Tiger selbst - Karl - der
Meister - Marlow!« Die Menge war nicht zu bremsen und
schrie, pfiff und applaudierte.
Auf
einer Seite der Plattform saß ein Mann mit einer Narbe im
Gesicht an einem Tisch und blätterte geschickt durch einen
Haufen Papiere und Geldscheine.
»Entschuldigen
Sie, mein Herr ...«, begann Jonathan.
»Mach
deinen Einsatz, Junge. Du hast nur noch ein paar Sekunden, bis die
nächste Runde beginnt«, warb der Mann.
In
diesem Moment wurde Jonathan von einer eifrigen alten Frau beiseite
geschoben, die einen Berg Geldscheine auf den Tisch warf. »Fünfzig
auf den Champion, schnell!« forderte sie.
»Okay,
Lady«, sagte der Mann. Er stempelte eine Karte und riß
sie von dem Stapel ab. »Hier ist Ihr Wettschein.«
Dann
lief der Ansager auf die Plattform und rief: »Und in der
anderen Ecke - der Herausforderer - 270 Pfund reine Muskeln - der
knochenbrechende Schauermann ...«
Jonathan
drehte sich zu dem Mann am Tisch herum und fragte: »Gibt es
Ärger? Wird es einen Kampf geben?«
»Einen
Kampf sicher, aber kaum Ärger«, sagte der Mann und
grinste. »So gut ging es uns noch nie. Hier ist ein Kampf ein
wahrer Segen.« Die Glocke schlug und der Mann schrie in die
Menge: »Die Wetten sind geschlossen!«
Der
Kampf begann; beide Männer teilten Hiebe aus und versuchten
jeweils, dem anderen auszuweichen.
Ohne
von seinen Wetten und dem Geldstapel aufzusehen, konnte der Mann
erkennen, daß Jonathan von der Gewalt beunruhigt war. »Paß
auf, Junge, du brauchst nicht nervös zu werden. Der Sieger und
der Verlierer werden beide ein Bündel Scheine mit nach Hause
nehmen. Sie wissen, worauf sie sich eingelassen haben - und beide
bekommen ihren Preis.«
Einer
der Männer fiel plötzlich zu Boden, von einem kräftigen
Schlag auf den Rücken getroffen. Die Menge brüllte
begeistert, während der Buchmacher das Geld in eine Metallkiste
zählte.
»Beide
werden einen Preis gewinnen?« fragte Jonathan.
»Sicher«,
sagte der Mann. »Das ist der beliebteste Kampf auf der Insel,
weil der Verlierer manchmal mehr bekommt als der
Sieger.«
Jonathan
blickte sehr erstaunt: »Kann denn irgend jemand, sogar ich,
beim Verlieren reich werden?«
»Nicht
jeder kann das Spiel spielen«, erwiderte der Mann. Er sah
Jonathan sorgfältig an und fragte: »Bist du ein ordentlich
beschäftigter Arbeiter in dieser Gemeinde? Du mußt einen
guten Job haben, von dem du dich krank melden kannst, bevor du gegen
den Champion antreten kannst.«
»Nein,
im Moment nicht«, sagte Jonathan und war ziemlich überrascht:
»Hey, ich verstehe das nicht. Warum sollte denn ein Arbeiter
seinen Job riskieren, nur um gegen den Champion
anzutreten?«
Die
Glocke zeigte das Ende der Runde an. Die Menge beruhigte sich und sie
konnten sich jetzt unterhalten, ohne schreien zu müssen.
»Das
ist gerade die Idee. Hast du nie vom Gesetz der Verlierer gehört?«
fragte der Mann. »Wo bist du denn gewesen? Nicht jeder springt
in den Ring, aber manche lieben die Aufregung. Manche denken sogar,
sie könnten der neue Champion werden. Und das Gesetz der
Verlierer beseitigt fast jedes Risiko. Der Verlierer muß sich
nicht um seinen Scheck oder die Arztrechnungen sorgen.«
»Warum
nicht?« fragte Jonathan.
»Weil
das Gesetz der Verlierer festlegt, daß der Arbeitgeber des
Mannes alles bezahlen muß. Wenn er es richtig anstellt, kann
der Verlierer mehr Geld bekommen, als wenn er arbeiten würde.
Niemals hat es so begeisterte Kämpfe gegeben, bis das Gesetz der
Verlierer herauskam.«
Jonathan
verrenkte sich den Hals über die Menge und sah einen der
Kämpfer, der in der Ecke zusammengesunken war und von seinem
Assistenten das Gesicht abgewischt bekam. »Aber sollte der
Unternehmer die Leute nicht nur für Verletzungen entschädigen,
die während der Arbeit passieren? Was hat denn der Arbeitgeber
mit dem Kampf zu tun?«
»Gar
nichts«, sagte der Mann. »Hör zu, Junge, der
Arbeiter sagt, er hat sich verletzt, richtig? Und er sagt, er kann
nicht zur Arbeit gehen, richtig?«
»In
Ordnung«, sagte Jonathan und versuchte, alles zu
verstehen.
»Und
wenn er sagt, er braucht seinen Lohn zum Leben und er kann nichts für
seine Verletzungen, muß der Unternehmer ihn auch bezahlen, wenn
er krank ist. Es sei denn, er kann beweisen, daß der Arbeiter
lügt. Das ist im Prinzip unmöglich.«
»Sie
sagen, der verletzte Arbeiter könnte lügen, um das Geld zu
bekommen?« fragte Jonathan.
»Ja,
davon hat man gehört«, sagte der Mann mit einem Grinsen.
»Versteh mich nicht falsch, die meisten Arbeiter hier in der
Stadt lügen nicht. Aber das Gesetz der Verlierer belohnt die,
die es tun. Und weil die Versicherungskosten und Steuern steigen,
müssen viele Unternehmen schließen und die Arbeiter, die
das Spiel nicht spielen, verlieren sowieso. Deshalb kommen jeden Tag
mehr Spieler. Jeder hier ist ab und an mal ein Spieler gewesen. Die,
die eine Verletzung nicht nur vortäuschen wollen, gehen einfach
in den Ring und drehen ein paar Runden mit dem
Zerquetscher.«
»Aber
warum können die Arbeitgeber die Lügen nicht widerlegen?«
fragte Jonathan.
»Mein
Rücken tut weh, Junge. Kannst du das Gegenteil beweisen?«
Der Mann zeigte auf die Menge und fügte hinzu: »Wir haben
alle Rückenschmerzen und wir werden es uns allen gegenseitig
bezeugen. Das letzte Mal, daß sie eine Lüge aufgedeckt
haben, war vor vierzig Jahren.«
Jetzt
verstand Jonathan, warum alle diese besonderen Gürtel und Bänder
trugen. »Macht denn der Rat nichts gegen diese
Lügen?«
Der
Mann lachte: »Bess Tweed ist die beste Lehrerin, die wir je
hatten. Sie unterstützt uns in allem - und wir danken ihr am
Wahltag. Das ist eine gemütliche Beziehung.«
»Polizei!«
schrie jemand aus der Menge. Der Mann schloß schnell seine
Geldschachtel, klappte den Tisch zusammen und tat so, als ob er
gleichgültig in der Menge stand. Er begann, vor sich hin zu
pfeifen.
Jonathan
durchsuchte die Menge nach den Polizisten. »Was ist los? Ist
der Kampf illegal?« fragte er.
»Um
Himmels willen, nein«, erwiderte der Mann gelassen. »Die
Polizisten mögen ein gutes Spiel genauso wie der Typ hier neben
uns. Es ist das Glücksspiel, was ungesetzlich ist. Der Hohe Rat
sagt, Glücksspiele sind unmoralisch. Die Wähler mögen
einen Rat, der gegen Unmoral eintritt. Und Tweed, na ja, die denkt,
es ist besser, wenn wir unsere Wetten für die Wahl
sparen.«
Dann
klang die Glocke wieder und die Menge bejubelte den Kampf.
31.
Das Durcheinander mit den Häusern
Die
Straßen wurden ruhiger, als Jonathan von dem Grundstück
weglief. Reihenhäuser säumten die Straßen. Die Sonne
ging unter und die meisten Bewohner der Stadt zogen sich in ihre
Wohnungen zurück. Jonathan wickelte seine abgenutzte Weste enger
um seinen Hals, als er eine weitere Häuserreihe entlangwanderte.
Plötzlich bemerkte er eine Gruppe schlecht gekleideter Leute,
die vor drei hohen Häusern mit den Buchstaben A, B und C
zusammenstanden.
Das
Gebäude A war leer und in einem erschreckenden Zustand - das
Mauerwerk zerbröckelt, die Fenster zerbrochen und die
verbleibenden Scheiben voller Schmutz.
Daneben
saßen viele Leute auf den Stufen des Gebäudes B. Jonathan
hörte laute Stimmen aus dem Inneren und es klang nach lebhaften
Aktivitäten in allen drei Stockwerken. Wäsche hing
unordentlich von Leinen, die an jedem Fenster und Balkon festgemacht
waren. Offensichtlich war das Haus bis zum Bersten mit Mietern
gefüllt.
Daneben
stand Gebäude C. Es war makellos, einwandfrei gepflegt und -
unbewohnt, wie das Gebäude A. Seine geputzten Fenster blinkten
in den Strahlen der untergehenden Sonne, die Fassade war glatt und
sauber.
Plötzlich
fühlte Jonathan eine Hand auf seiner Schulter. »Sag«,
fragte eine freundliche junge Frau, »kennst du eine Wohnung,
die man mieten kann?«
»Es
tut mir leid«, sagte Jonathan. »Ich bin nicht von hier.
Warum fragst du denn nicht in diesen beiden leeren
Gebäuden?«
»Das
nützt nichts«, sagte die Frau sanft. Sie hatte lange,
hellbraune Haare und eine sehr angenehme Stimme. Ihre Sachen paßten
ihr nicht, aber Jonathan fand sie sehr hübsch. Sie sah
selbstsicher und klug aus, obwohl sie etwas hilflos wirkte. Er
wünschte sich, er könnte ihr helfen.
»Wieso
denn?« sagte Jonathan. »Sie sehen leer aus.«
»Das
sind sie auch. Meine Familie hat hier im Haus A gewohnt, bis Lady
Tweed den Hohen Rat davon überzeugte, die Mietkontrollen
einzuführen.«
»Was
sind Mietkontrollen?« fragte Jonathan.
»Die
Mieten dürfen nicht mehr steigen.«
»Warum
nicht«, forschte Jonathan weiter.
»Oh,
das ist eine lange, dumme Geschichte«, sagte sie. »Als
damals die Traummaschine durch unsere Gegend kam, beschwerten sich
mein Vater und andere über die Vermieter, die die Mieten
erhöhen. Klar, die Kosten stiegen und die Leute kamen von
anderen Teilen der Insel hierher, aber mein Vater sagte, er wollte
nicht, daß wir höhere Mieten bezahlen müssen.
Also
forderten er und die anderen Mieter - oder früheren Mieter,
sollte ich sagen -, daß der Hohe Rat den Vermietern verbietet,
die Mieten anzuheben. Und der Rat hat genau das getan. Dann stellte
der Rat einen Haufen Inspektoren und Prüfer ein, um
sicherzustellen, daß die Vermieter die neuen Regeln
einhielten.«
»Mietkontrollen
müssen den Mietern doch gefallen haben«, sagte
Jonathan.
»Ja,
anfangs schon. Mein Vater dachte jetzt, er weiß, wieviel das
Dach über unseren Köpfen kosten wird. Aber die Dinge kamen
ins Rutschen, als die Vermieter keine neuen Wohnungen mehr bauten und
auch nur noch nachlässig reparierten.«
»Was
ist passiert?«
»Sie
sagten, daß die Kosten für alles weiter stiegen - die
Reparaturarbeiten, die Sicherheitsleute, die Verwalter, Nebenkosten,
Steuern und so weiter -, aber die Vermieter konnten die Mieten nicht
erhöhen, um alles zu bezahlen. Also kürzten sie, wo sie
konnten. Und warum sollten sie mehr Wohnungen bauen, nur um Geld zu
verlieren?«
»Die
Steuern stiegen auch?« fragte Jonathan.
»Natürlich
- um für die Inspektoren, Prüfer und den Palast der Herren
zu bezahlen. Der Haushalt und die Zahl der Angestellten mußten
steigen«, sagte die junge Frau. »Der Rat hat
Mietkontrollen erlassen, aber sie haben nie über
Steuerkontrollen nachgedacht! Na ja, bald wurden alle Vermieter
gehaßt.«
»Vorher
wurden sie nicht gehaßt?«
»Mein
Vater erzählte, daß es ihm nicht gefiel, den Vermietern
die Miete zu bezahlen, aber so lange viele Wohnungen zur Verfügung
standen, mußten die Vermieter zu den Leuten nett sein, damit
sie einzogen und blieben. Sie waren meistens freundlich und
arbeiteten schwer, um die Häuser wohnlich zu erhalten. Man hörte
schnell von ekelhaften Vermietern und die Leute gingen ihnen aus dem
Weg. Ich denke, man könnte sagen, daß nette Vermieter mit
Mietverträgen belohnt und die ekligen mit leeren Häusern
bestraft wurden.
Nachdem
die Mietkontrollen eingeführt waren, wurden alle ziemlich
eklig«, sagte sie verzweifelt. Sie setzte sich auf die
Bordsteinkante und Jonathan setzte sich daneben.
»Die
Kosten stiegen weiter, aber nicht die Mieten. Um ihre Verluste zu
verringern, schränkten alle Vermieter die Reparaturen ein. Dann
wurden die Mieter verrückt und beschwerten sich bei den
Inspektoren. Die Inspektoren verhängten Strafen gegen die
Vermieter - zumindest gegen die, die sie nicht bestachen.
Nachdem
sie hohe Verluste erlitten hatten, entschieden sich die ehrlichen
Vermieter, das Haus A hier aufzugeben. Die Liste der freien Wohnungen
wurde kürzer und die Reihe der Leute, die Wohnungen suchten,
wurde länger. Es gab weniger Wohnungen als je zuvor! Die ekligen
Vermieter in Haus B mußten sich nicht mehr darum sorgen, daß
Wohnungen leerstehen könnten. Jetzt gab es eine scheinbar
endlose Liste von verzweifelten Leuten, die ein Zuhause suchten. Die
ekligen Vermieter bekamen viel Geld und Gefälligkeiten unter der
Hand, damit kamen sie recht gut klar.«
Jonathan
konnte nicht glauben, daß die Vermieter einfach von ihrem
Eigentum wegzogen! »Manche Vermieter machten einfach zu und
gingen weg?«
»Ja«,
sagte sie. »Niemand kann mehr bezahlen als er einnimmt, außer
dem Hohen Rat. Der Rat überlegt, ob er diese verlassenen Häuser
übernimmt und mit hohen Subventionen aus Steuergeldern
führt.«
»Und
was ist mit Haus B da, mit den vielen Leuten?« fragte Jonathan,
da er ihr gern helfen wollte. »Kannst du denn nicht dorthin
ziehen?«
»Es
ist brechend voll und niemand traut sich auszuziehen. Die Warteliste
ist schrecklich lang. Als Frau Whitmore gestorben ist, hättest
du die Streiterei sehen sollen - alle kratzten und schrien einander
an, um auf der Warteliste weiter nach vorn zu kommen. Schließlich
bekam der Sohn von Bess Tweed die Wohnung - obwohl sich niemand
erinnern kann, ihn jemals da in der Reihe gesehen zu haben. Meine
Familie versuchte einmal, eine Wohnung zu teilen, aber die
Inspektoren sagten, daß die Teilung gegen die Gebäudevorschrift
verstieß.«
»Was
ist eine Gebäudevorschrift?« fragte Jonathan.
Die
junge Frau seufzte und war offensichtlich sehr müde, aber sie
versuchte, Jonathan zu antworten: »Na ja, eine
Gebäudevorschrift bestimmt das Aussehen und die Nutzung eines
Gebäudes. Das wird davon bestimmt, was die Herren für die
Bewohner als angemessen ansehen. Weißt du, so Sachen wie die
richtige Anzahl von Familien, die richtige Anzahl von Waschbecken und
Toiletten und die richtige Raumgröße.«
Mit
einem Anflug von Sarkasmus fügte sie hinzu: »Und so sind
wir auf der Straße gelandet und halten die Vorschrift überhaupt
nicht ein. Wir haben kein Waschbecken, keine Toilette, kein
Privatleben und zu viel Platz.«
Jonathan
war sehr niedergeschlagen, als er über ihre Lage nachdachte.
Dann erinnerte er sich an das dritte Gebäude - brandneu und
leer. Es war ganz offensichtlich die Lösung für ihre
Probleme. »Warum ziehst du denn nicht in Haus C dort, neben dem
überfüllten?«
Sie
lachte bitter: »Das würde die Gebietsvorschriften
verletzen.«
»Gebietsvorschriften?«
wiederholte er. Er lehnte sich auf den Fußweg zurück und
schüttelte ungläubig den Kopf.
»Das
hat mit der Lage zu tun. Gebietsvorschriften funktionieren so«,
sagte sie und zeichnete mit einem Stock eine Karte in den Staub. »Der
Rat zieht Linien durch seinen Stadtplan. Die Leute dürfen nachts
auf der einen Seite der Linie schlafen, aber sie müssen am Tag
auf der anderen Seite arbeiten.
Haus
B ist auf der Schlafseite der Linie und Haus C auf der Arbeitsseite,
verstehst du? Haus C ist hübsch und in diesem Fall nah an Haus
B, weil Lady Tweed eine besondere Ausnahme einrichten konnte. Aber
normalerweise sind die Arbeitsgebäude auf der anderen Seite der
Stadt, damit alle morgens und abends eine weite Strecke zurücklegen
müssen. Sie sagen, daß die große Entfernung ein
guter Anreiz ist, sich sportlich zu betätigen oder einen Wagen
zu kaufen.«
Jonathan
starrte bestürzt auf das überfüllte Wohnhaus vor
ihnen, das zwischen die beiden leeren Gebäude gequetscht war. So
ein Mist, dachte er. »Was wirst du tun?« fragte er
teilnahmsvoll.
»Wir
denken immer nur an den nächsten Tag. Mein Vater möchte,
daß ich morgen mit ihm zu einem großen Fest gehe, das
Lady Tweed für die Obdachlosen veranstaltet. Sie hat viele
Spiele und kostenloses Essen versprochen.«
»Wie
großzügig sie ist«, bemerkte Jonathan mißtrauisch.
»Vielleicht wird sie euch in ihrem Haus wohnen lassen, bis ihr
etwas eigenes findet.«
»Vati
hatte sogar mal die Nerven, sie danach zu fragen, vor allem weil Lady
Tweed für die Mietkontrollen verantwortlich ist. Lady Tweed
antwortete meinem Vater, Aber das wäre doch Wohltätigkeit!
Wohltätigkeit ist erniedrigend! Sie erkärte ihm, daß
es viel angesehener wäre, von den Steuerzahlern zu verlangen,
uns eine Wohnung zu geben. Sie sagte, er solle Geduld haben und sie
würde alles für den Rat vorbereiten, um das Eigentum und
die Bezahlung zu übernehmen.«
Die
junge Frau lächelte Jonathan an und sagte: »Übrigens,
ich bin Annie. Willst du morgen mit zu Tweeds kostenlosem Essen
kommen?«
32.
Die Demokratiebande
Plötzlich
begann jemand am Ende des Häuserblocks zu schreien: »Die
Demokratiebande! Die Demokratiebande! Bringt euch in
Sicherheit!«
»Lauft,
lauft«, schrie ein Junge, der an Jonathan vorbeirannte.
Annie
sprang voller Schrecken auf. »Wir müssen hier schnell
verschwinden«, sagte sie in großer Sorge.
Die
Leute, die um das Wohnhaus herumsaßen, zerstreuten sich in alle
Richtungen. Drei ganze Familien rannten mit ihren Kindern die Stufen
herab, manche warfen ihre Habseligkeiten den Freunden zu, die unten
auf sie warteten. Sie sammelten ihre Sachen zusammen und stürzten
davon.
Wenige
Augenblicke später war die Straße fast leer. Nur die
langsamsten, die mit Kindern oder Bündeln beladen waren,
brauchten länger, um sich vom Ort der Aufregung zu
entfernen.
Das
Gebäude am Ende der Straße ging in Flammen auf.
Jonathan
saß immer noch ohne Anstalten aufzustehen; er ergriff Annies
Arm: »Was passiert hier?« wollte er wissen. »Warum
sind alle so verängstigt?«
Annie
zerrte heftig an seiner Hand und riß Jonathan auf die Füße.
Sie schrie: »Die Demokratiebande! Wir müssen hier
verschwinden!«
»Warum?«
»Keine
Zeit für Fragen, gehen wir!« rief sie. Aber Jonathan
weigerte sich, weggezerrt zu werden und ließ nicht locker.
Voller Todesangst schrie sie: »Laß mich gehen, oder sie
bekommen uns alle beide!«
»Wer?«
»Die
Demokratiebande! Sie umzingeln jeden, den sie finden können, und
sie stimmen ab, was sie mit ihm tun. Sie können dein Geld
nehmen, dich in eine Kiste einsperren oder dich sogar zwingen, ihrer
Bande beizutreten. Und niemand kann sie aufhalten!«
Jonathan
verstand gar nichts mehr. Wo war denn diese allgegenwärtige
Polizei jetzt wieder? »Schützt das Gesetz die Leute nicht
vor solchen Banden?«
»Bitte«,
sagte Annie und wand sich immer noch, um aus Jonathans Hand zu
entweichen. »Rennen wir jetzt, reden können wir
später.«
»Wir
haben noch Zeit. Schnell, erzähl es mir.«
Sie
blickte über seine Schulter. Außer sich vor Angst
schluckte sie schwer und sprach schnell: »Na gut. Als sich die
Bande gebildet hatte, brachte die Polizei sie für ihre
Verbrechen vor Gericht. Die Bande argumentierte, daß sie nur
dem Prinzip der Mehrheitsregel folgten, dem selben Prinzip, das die
Grundlage für das Gesetz und das Gericht ist. Sie behaupteten,
daß die Anzahl der Stimmen alles entscheidet - Legalität,
Moral, alles!«
»Wurden
sie verurteilt?« fragte Jonathan. Jetzt war die Straße
völlig verlassen.
»Müßte
ich jetzt wegrennen, wenn man sie verurteilt hätte? Nein, die
Richter stimmten zwei zu eins zu ihren Gunsten. Das
unverletzliche Recht der Mehrheit nannten sie es. Seitdem
konnte die Bande hinter jedem her sein, den sie überstimmen
konnten.«
Die
sinnlosen Regeln und Verhaltensweisen auf dieser Insel machten
Jonathan wütend. »Wie können es die Leute in so einem
Ort aushalten? Es muß doch eine Möglichkeit geben, sich zu
verteidigen!«
»Der
einzige Schutz gegen die Demokratiebande ist, einer anderen Bande mit
mehr Mitgliedern beizutreten.«
Mit
dieser Bemerkung liefen Jonathan und Annie los. Sie rannten an
Geschäften und Häusern vorbei und Annie schrie: »Ich
würde nicht rennen, wenn ich eine Waffe kaufen
dürfte.«
Sie
liefen und liefen durch Gassen, durch Tore, um Ecken und über
Plätze. Annie kannte die Stadt wie ihre Westentasche.
»Übrigens«,
keuchte Jonathan atemlos während sie rannten: »Ich bin
Jonathan. Es ist schön, daß wir uns getroffen
haben.«
Beide
rannten, bis sie erschöpft waren. Schließlich waren sie
weit hinter den Straßen und Häusern und kletterten einen
steilen Hügel hinauf. Sie hofften, hoch über der Stadt
sicher zu sein.
Im
Westen ging die Sonne vollständig unter und Jonathan sah, wie
immer mehr Feuer in der Stadt unter ihnen ausbrachen. Entfernte
Schreie und Rufe drangen gelegentlich bis zu ihnen durch.
»Ich
kann nicht mehr«, keuchte Annie. Ihr langes braunes Haar hing
durcheinander über ihre Schultern. Sie lehnte sich an einen Baum
und schnaufte, um wieder Luft zu bekommen. Jonathan setzte sich hin
und stützte sich erschöpft an einen Felsen.
Der
wilde Lauf hatte ihr Kleid zerrissen und ihre langen welligen Haare
zerwühlt. »Ich würde gern wissen, was wohl mit meiner
Familie passiert ist«, sagte sie traurig.
Jonathan
verstand ihre Sorgen und war über das alte Paar beunruhigt, das
sich in der vorigen Nacht so gut um ihn gekümmert hatten - und
über ihre kleine Enkelin, Luise. Jeder Mensch schien hilflos zu
sein in dieser merkwürdigen Welt. »Es ist schlimm, daß
eure Leute die ganze Zeit kämpfen. Schade, daß sie keine
gute Regierung haben, die den Frieden schützt.«
Annie
starrte Jonathan an und setzte sich neben ihn. »Das hast du
verwechselt«, sagte sie. Sie versuchte immer noch, ihren Atem
zu beruhigen und deutete in Richtung der Unruhen: »So lange wie
man sich erinnern kann, haben die Leute gelernt, Dinge voneinander
mit Gewalt wegzunehmen. Was denkst du denn, wer ihr Lehrer
war?«
Jonathan
runzelte die Stirn und antwortete: »Du meinst, jemand hat ihnen
beigebracht, daß es richtig ist, Gewalt
einzusetzen?«
»Nicht
irgend jemand. Die meisten der Leute lernen es jeden Tag am eigenen
Leibe.«
»Warum
hat der Hohe Rat sie nicht aufgehalten?« fragte Jonathan.
»Dafür ist die Regierung doch da, oder nicht? Um die Leute
vor Gewalt zu schützen?«
»Der
Rat ist Gewalt«, sagte Annie nachdrücklich. »Und
meistens ist es die Art Gewalt, vor der er die Leute schützen
sollte.« Sie wurde etwas ärgerlich. »Ich habe das
Recht, mich zu verteidigen. Deshalb kann ich andere, sogar die
Herren, beauftragen, mir dabei zu helfen. Aber wenn es für mich
falsch ist, andere anzugreifen, dann ist es auch falsch, jemanden zu
beauftragen, das für mich zu tun.«
Sie
bemerkte Jonathans leeren Blick und war enttäuscht, daß er
gar nichts von dem verstand, worüber sie sprach. Deshalb stieß
sie ihren Finger in seine Rippen und sagte: »Hör zu, wenn
du etwas von einer anderen Person willst, was kannst du tun, um es zu
bekommen?«
Jonathan
tat die Quetschung immer noch weh, die ihm die Räuberin mit
ihrer Pistole zugefügt hatte, und er antwortete: »Du
meinst, ohne eine Pistole zu benutzen?«
»Ja,
ohne Pistole.«
»Na
ja, ich könnte versuchen, ihn zu überzeugen«, sagte
Jonathan.
»Richtig,
oder ...?«
»Oder
- oder, ich könnte ihn bezahlen?«
»Ja,
das ist eine Art Überzeugung. Jetzt, noch eins.«
»Hmmm.
Zum Hohen Rat gehen und ein Gesetz verlangen?«
»Ganz
genau«, sagte Annie. »Mit einer Regierung brauchst du
andere Leute nicht zu bezahlen oder zu überzeugen. Du mußt
dich nicht einmal auf freiwillige Zusammenarbeit verlassen. Wenn du
den Hohen Rat auf deine Seite bekommst, entweder durch Stimmen oder
durch Bestechung, kannst du andere zwingen zu tun, was du willst.
Wenn natürlich jemand anderes dem Rat mehr anbietet, kann er
dich zwingen zu tun, was er will. Und die Herren gewinnen
immer.«
»Aber
ich dachte, es wäre die Regierung, die die Gesellschaft
zusammenhält«, sagte Jonathan.
»Im
Gegenteil«, erwiderte Annie. »Die Macht, andere zu
zwingen, zerstört alle Anreize zur Zusammenarbeit. Jede Mehrheit
kann bekommen, was sie will - und die Minderheit muß damit
klarkommen. Es ist legal, aber die Minderheit bleibt unüberzeugt,
verbittert und feindlich. Sie haßt die Gefälligkeiten und
die Armut, die daraus entstehen.«
Das
erinnerte Jonathan an Geschichten, die er in seiner Kindheit über
den berüchtigten Sheriff von Nottingham gehört hatte - der
eine korrupte Regierung genutzt hatte, um Reiche und Arme auszurauben
und damit seine Gefolgsleute belohnte. Jonathan erinnerte sich
schwach, daß er begeistert gewesen war, als er hörte, daß
die Opfer schließlich gegen den tyrannischen Sheriff und seine
Freunde aufbegehrt hatten.
Annie
lenkte Jonathans Blick auf die Feuer unter ihnen. »Sieh diesen
Aufstand da unten«, sagte sie. »Das ganze Netz der
Gesellschaft wird von diesem ständigen Kampf um die Macht
zerrissen. Über die ganze Insel werden Gruppen, die zu viele
Stimmen verlieren, eines Tages vor Enttäuschung aufbegehren.
Leider wollen sie meistens nicht das Ende der Gewalt. Sie wollen sie
nur auf ihrer Seite.«
Sie
weinte etwas. »Bald werde ich nach meinem Vater suchen«,
sagte sie. Wir haben einen Ort vereinbart, an dem wir uns immer
treffen, wenn es passiert. Er sorgt sich um mich, aber ich warte, bis
die Feuer aufhören.« Sie machte eine Pause, dann fügte
sie hinzu: »Manche sagen, daß ein gelegentliches Feuer in
der Stadt gut für die Baumarbeiter ist - es erhöht die
Nachfrage nach Holz. Es ist aber traurig, wenn man an die vielen
Dinge denkt, die die Leute haben könnten, wenn sie nicht ständig
ihre Häuser wiederaufbauen müßten.«
Armer
Jonathan Gullible. Er saß bewegungslos da, verwirrt von allem,
was seit dem Sturm passiert war. Sein Abenteuer hatte sich in einen
Alptraum von Personen und Macht verwandelt. Diese Erfahrung
veranlaßte ihn, alle seine Wertvorstellungen in Frage zu
stellen.
Jonathan
hatte den Menschen immer vertraut. Er hatte Autoritäten als
ehrliche Menschen angesehen, die auf die anderen aufpaßten. Er
hatte gute Absichten hinter jeder Tat vermutet und daß gute
Motive auch gute Ergebnisse hervorriefen. Aber jetzt war er sich
nicht so sicher. Er saß lange gedankenversunken da und vergaß
fast seine Gefährtin, die es sich bequem gemacht hatte, so gut
es ging, und tief eingeschlafen war.
Er
sah sie an und dachte: »Es wird ihr schon gutgehen. Sie sieht
aus, als könnte sie für sich selbst sorgen. Aber ich muß
einen Weg nach Hause finden. Gleich am Morgen werde ich versuchen,
zum Gipfel des Berges zu gelangen. Vielleicht kann ich einige Schiffe
im Hafen erkennen.« Und er legte sich auch hin, um zu
schlafen.
33.
Geier, Bettler, Hochstapler und Könige
Am
nächsten Morgen wurde Jonathan durch die ersten Sonnenstrahlen
geweckt. Er beschloß, Annie nicht zu wecken und stieg den
steilen Hang zum Gipfel hinauf.
»Leute«,
dachte er erbost. »Ständig stoßen sie einander
herum. Bedrohen einander. Sperren einander ein. Rauben und verletzen
einander.«
Bald
zog er sich mit beiden Händen hoch und hielt sich, so gut er
konnte, an kleinen Sträuchern fest. Er erreichte eine kleine
Lichtung in der Nähe des Gipfels und blickte auf die Stadt tief
unten hinab. Nur noch ein bißchen weiter zu gehen, schätzte
er, und kletterte einen Abhang hinauf und durch einen Wald von
verkrüppelten und gewundenen Bäumen.
Schließlich
wurden die Bäume immer weniger und es blieben nur einige Büsche
übrig und dann eine Anhäufung von großen Felsblöcken.
Der Vollmond schien noch immer durch die Dämmerung, er neigte
sich dem Horizont zu. Die Luft war frisch und angenehm. Jonathan zog
sich mühsam weiter und erreichte letztlich den Gipfel.
Auf
der Spitze stand ein dürrer Baum ohne Blätter und ein
großer, häßlicher schwarzer Geier saß auf
einem kahlen Ast.
»Oh
nein«, stöhnte Jonathan, der einen freundlicheren Ausblick
erhofft hatte. »Das fehlt noch zu meinem Glück. Ich
verlasse ein Tal von Geiern, um Ruhe zu finden und was finde ich?
Einen richtigen Geier!«
»Einen
richtigen Geier!« hörte er eine tiefe, rauhe
Stimme.
Jonathan
erstarrte. Nur seine Augen, die jetzt so groß wie der Mond
waren, bewegten sich langsam und überprüften jeden
Zentimeter Boden vor ihm. Sein Herz schlug rasend in seinen Ohren.
Seine Lippen sprachen zitternd: »Wer spricht da?«
»Wer
spricht da?« machte ihn die Stimme nach. Sie schien von diesem
Baum zu kommen.
Jonathan
sah den Geier an, der sehr ruhig dasaß. Er dachte: »Könnte
es ein sprechender Vogel sein, wie ein Papagei? Sonst gibt es hier
niemanden. Aber Geier können nicht sprechen.«
Dann
fiel ihm ein, daß auf dieser Insel alles merkwürdig war,
warum sollte es dann keinen sprechenden Vogel geben?
Jonathan
machte sich so groß wie möglich, hielt den Atem an und
ging dann langsam auf den Baum zu. Der Vogel bewegte keine Feder,
doch Jonathan hatte das Gefühl, er würde ihn
anstarren.
»Hast
du mit mir gesprochen?« fragte Jonathan und versuchte, seine
Stimme zu kontrollieren.
»Wer
sonst?« erwiderte der Geier arrogant.
Jonathan
fiel beinahe hin, als seine Knie nachgaben. Er fing sich auf und
hockte sich vor dem Baum hin. »Du - du kannst
sprechen?«
»Natürlich
kann ich sprechen«, sagte der Vogel. »Genauso wie du -
obwohl es klingt, als wüßtest du nicht, was du sagst.«
Der Vogel drehte seinen Kopf ein wenig und sagte in einem anklagenden
Tonfall: »Was hast du genau gemeint, als du gesagt hast, du
hättest ein Tal der Geier verlassen?«
»Es
- es - es tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint«,
entschuldigte sich Jonathan. »Es ist nur, daß alle diese
Leute da unten immer so grausam und brutal zueinander sind. Es ist
nur eine Redewendung. Sie - sie erinnerten mich an, na ja, an
...«
»Geier?«
Der Vogel plusterte sein Gefieder unter seinem nackten Hals auf.
Jonathan nickte demütig. Der Geier brummte und schlug mit seinen
großen Flügeln, bevor er sich wieder auf seinem Ast
niederließ. »Dein Problem, lieber Freund, ist, daß
du dich zu leicht von Worten betrügen läßt. Du mußt
Handlungen vertrauen, nicht Worten.«
»Ich
verstehe nicht«, sagte Jonathan.
»Du
meinst, auf dieser Insel wohnen nur Geier. Ha! Wenn das wahr wäre,
wäre es eine viel schönere Insel als jetzt.« Der
Vogel krümmte seinen langen, häßlichen Nacken voller
Stolz. »Es wäre korrekter zu sagen, daß du zu einer
Insel von vielen Geschöpfen gekommen bist - wie Geier, Bettler,
Hochstapler und Könige. Aber du erkennst die wertvollen nicht,
weil du von Titeln und Worten geblendet wirst. Du bist auf den
ältesten Trick hereingefallen und betrachtest das Böse in
hoher Wertschätzung.«
Jonathan
verteidigte sich: »Das ist kein Trick. Geier, Bettler und so
weiter sind leicht zu verstehen. Dort, wo ich herkomme, fressen die
Geier von den Knochen der Toten. Das ist ekelhaft!« Jonathan
rümpfte betont seine Nase. »Bettler sind einfach und
unschuldig. Hochstapler sind raffiniert und lustig - aber auf eine
Art schädlich.
Und
was Könige und Adel anbelangt«, fügte Jonathan
schnell hinzu und seine Augen glitzerten vor Begeisterung. »Na
ja, ich habe niemals wirklich welche getroffen, aber ich habe
gelesen, daß sie in wunderschönen Palästen wohnen und
großartige Kleider tragen. Jeder will so sein wie sie. Könige
und ihre Minister regieren das Land und schützen alle seine
Bewohner. Da ist kein Trick dabei.«
»Kein
Trick?« fragte der Geier. Jonathan starrte auf das Runzeln, daß
auf dem Gesicht des Geiers gefroren war. »Denk mal über
den Geier nach. Von den vier Geschöpfen ist er der einzige wahre
Adelige. Nur der Geier tut etwas wertvolles.«
Der
große schwarze Vogel streckte seinen Nacken wieder und sah
Jonathan an. »Immer wenn eine Maus hinter der Scheune stirbt,
mache ich sauber. Immer wenn ein Pferd auf dem Feld stirbt, mache ich
sauber. Immer wenn ein armer Mann im Wald stirbt, mache ich sauber.
Ich bekomme eine Mahlzeit und jeder gewinnt dabei. Niemals hat jemand
eine Waffe oder einen Käfig benutzt, damit ich meinen Job mache.
Bekomme ich einen Dank? Nein. Meine Dienste werden als schmutzig und
widerlich angesehen. Deshalb muß der häßliche
Geier mit Spott und ohne Achtung leben.
Dann
haben wir die Bettler«, fuhr der Geier fort. »Sie
erschaffen nichts, sie tun niemandem etwas gutes, außer für
sich selbst. Aber sie schaden auch niemandem. Und sie passen
natürlich darauf auf, nicht in den Wäldern zu sterben. Man
könnte sogar sagen, daß sie ihren Wohltätern ein
gutes Gefühl verschaffen. Deshalb werden sie toleriert.
Hochstapler
sind die schlauesten und haben sich in Gedichten und Legenden einen
Ehrenplatz verdient. Sie leben von ihrer Falschheit und betrügen
andere unbeirrt mit den Worten, die sie ersinnen. Hochstapler bieten
keine nützlichen Dienste an, außer Mißtrauen und
Betrug zu lehren.«
Der
Geier atmete tief ein, indem er sich aufrichtete und seine Flügel
nach hinten warf. Ein leichter Aasgeruch durchzog die Morgenluft.
»Schließlich gibt es die Könige. Könige müssen
nicht betteln oder betrügen, obwohl sie oft beides tun. Wie
Räuber stehlen sie die Erzeugnisse der anderen durch die rohe
Gewalt ihrer Befehle. Sie produzieren nichts, aber sie kontrollieren
alles.
Und
du, mein leichtgläubiger Reisender, verehrst diese
Königswürde
und verachtest den Geier? Wenn du ein altes Denkmal ansehen würdest«,
bemerkte der Geier, »würdest du sagen, daß der König
großartig war, weil sein Name darauf steht. Und du würdest
nicht an alle die Skelette denken, die ich saubermachen mußte,
als das Denkmal gebaut wurde.«
Jonathan
sagte laut: »Du hast recht. In der Vergangenheit waren einige
der Könige Schurken. Aber heutzutage wählen die Bürger
ihre Anführer in einen Hohen Rat. Sie sind anders - ja, weil sie
gewählt sind.«
»Gewählte
Herren anders? Ha, ha.« rief der Geier barsch. »Die
Kinder werden immer noch mit den Märchen von den Königen
aufgezogen, und wenn sie groß sind, bleiben die Könige so,
wie sie es erwarten. Deine gewählten Herren sind nichts anderes
als Könige oder Prinzen für vier Jahre.
Tatsächlich
sind sie eine Verbindung von Bettlern, Hochstaplern und Königen
in einem! Sie betteln oder intrigieren um Beiträge und Stimmen;
sie schmeicheln und betrügen bei jeder Gelegenheit; sie
stolzieren über die Insel als ihre Herren. Und, wenn sie mit
ihren großen Leistungen erfolgreich sind, bleibt immer weniger
übrig für diejenigen von uns, die wirklich etwas schaffen
und leisten.«
Jonathan
schwieg. Er blickte auf das Tal hinunter und nickte nachdenklich mit
dem Kopf: »Ich würde gern zu einem Ort kommen, wo es nicht
so ist. Kann es so einen Ort geben?«
Der
Geier breitete seine großen Flügel aus, sprang vom Baum
und landete mit einem dumpfen Aufschlag neben Jonathan. Jonathan
sprang zurück, er war von der Größe des Vogels
überwältigt. Der Vogel lehnte sich zu ihm, er war fast
doppelt so groß wie er.
»Du
möchtest einen Ort sehen, wo die Menschen frei sind? Wo die
Dinge getan werden, weil man ein Recht dazu hat, und wo Gewalt nur
dient, um sich zu schützen? Du möchtest ein Land besuchen,
wo die Behörden von den gleichen Verhaltensregeln wie alle
anderen gelenkt werden?«
»Oh
ja!« sagte Jonathan eifrig.
Der
Geier betrachtete den Jungen aufmerksam. Er stand so nah bei ihm, daß
Jonathan die riesigen Augen des Vogels sehen konnte. Sie schienen
sich direkt in Jonathans Geist zu bohren und in ihm nach Zeichen für
seine Aufrichtigkeit zu suchen.
»Ich
glaube, das kann geregelt werden. Steig auf meinen Rücken«,
sagte der Geier. Der Vogel drehte sich etwas um und senkte seine
breiten steifen Schwanzfedern auf den Boden.
Jonathan
zögerte, da er sich erinnerte, daß ihm gerade erklärt
wurde, Taten zu vertrauen und nicht Worten. Welche Taten hatten es
gerechtfertigt, sein Leben den Flügeln eines riesigen Geiers
anzuvertrauen? Aber, er war so weit gekommen, was hatte er noch zu
verlieren? Voller Neugier zog sich Jonathan vorsichtig in die weiche
Höhlung zwischen den Schultern des Vogels hoch. Kaum hatte er
seine Arme um den geschuppten Hals des Vogels gelegt, spannte dieser
seine Muskeln an. Der Geier sprang unbeholfen in großen
Schritten über den Boden. Plötzlich ruckte es und sie
glitten in der aufsteigenden Luft.
Sie
schwebten über der Insel, der Wind pfiff in sein Gesicht und
Jonathan fühlte sich sehr wohl. Die goldene Glut der
Sonnenstrahlen zeigte die Dämmerung eines neuen Tages an und die
Lichter der Stadt unter ihnen gingen langsam aus. Der riesige dunkle
Ozean breitete sich vor ihnen aus und er fragte sich: »Wohin
fliegen wir?«
34.
Das Land der Freiheit
Jonathan
saß sicher auf dem Rücken des Geiers, als der große
Vogel leicht über die Insel drehte. Nachdem er seine
Orientierung gewonnen hatte, glitt der Geier direkt der aufsteigenden
Sonne entgegen. Ein leichter Gegenwind verlangsamte den Flug, Stunden
vergingen und die Flugbewegungen lullten Jonathan wieder in einen
unruhigen Schlaf.
Er
träumte. Im Traum rannte er eine enge Straße hinunter und
wurde von schattenhaften Gestalten verfolgt. »Halt, du Lump!«
riefen sie. Aber sie waren furchterregend und verzweifelt bewegte er
seine Beine schneller. Eine Gestalt rückte vor den anderen
bedrohlich näher - Lady Tweed. Er hörte ihren Atem an
seinem Nacken, als sie ihre fetten Finger ausstreckte, um ihn zu
greifen.
Ein
heftiger Stoß ließ Jonathan aus dem Schlaf aufschrecken.
»Was! Wo sind wir?« fragte Jonathan, der mehrere dicke
Federn in den Händen hielt.
»Ich
werde dich hier auf diesem Küstenstrand verlassen«, sagte
der Geier. »Geh etwa eine Meile nach Norden und du wirst deine
Orientierung wiederfinden.« Sie waren an einer Bucht gelandet,
die Jonathan undeutlich bekannt vorkam. Dicke Büsche salzigen
Grases wogten leicht über langen goldenen Sanddünen und der
Ozean sah grau und kalt aus, wo er das Ufer berührte. Behutsam
kletterte er vom Rücken des Vogels.
Plötzlich
bemerkte Jonathan, wo er war: »Ich bin zu Hause!« schrie
er auf. Er begann, den sandigen Hügel der Bucht hinaufzurennen,
dann hielt er an und drehte sich noch einmal zu dem Geier um: »Aber,
du sagtest, du würdest mich zu einem Ort bringen, wo die Dinge
getan werden, weil man ein Recht dazu hat«, sagte
Jonathan.
»Das
habe ich«, sagte der Vogel.
»Aber
so ist es hier nicht«, beklagte sich Jonathan.
»Noch
nicht, vielleicht, aber es wird so, wenn du es dazu machst. Jeder
Ort, selbst Regulos, kann ein Paradies werden, wenn die Leute
wirklich frei sind.«
»Regulos?«
schnappte Jonathan nach Luft. »Viele der Inselbewohner,
jedenfalls die, die noch nicht in Ketten sind, glauben, sie sind frei
genug. Lady Tweed hat es ihnen erzählt. Und der Rest von ihnen
hat Angst vor der Freiheit, so sehr, daß sie sie dem Großen
Forscher geben«
»Vertraue
Taten, nicht Worten«, erinnerte ihn der Geier. »Die Leute
können denken, daß sie frei sind, solange sie tun, was man
ihnen sagt. Der wirkliche Test der Freiheit kommt dann, wenn sich
jemand entscheidet, anders zu sein. Das ist dann der Moment der
Lektionen und der Möglichkeiten.«
Jonathan
fühlte sich plötzlich sehr aufgeregt. Zappelig riß er
einen Grashalm aus dem Boden und begann, im Sand zu stochern. »Wie
sollen die Dinge sein? Ich habe die Probleme gesehen - aber wo sind
die Lösungen?«
Der
Geier ließ Jonathans Frage zwischen ihnen schweben und putzte
seine Federn. Als alle sauber und weich waren, schaute er auf das
Meer und sagte: »Junger Mann, suchst du nach einer Vision für
die Zukunft?«
»Ich
denke schon«, sagte Jonathan.
»Das
ist ein Problem. Die Herrscher haben immer eine Vision und sie
versuchen, sie anderen aufzuzwingen.«
»Aber
muß ich nicht wissen, wohin ich gehe?«
»Für
dich selbst vielleicht, aber nicht für andere.« Der Geier
sah Jonathan wieder an und seine Krallen gruben sich in den Sand. »In
einem freien Land vertraust du in Tugenden und das Verfahren der
Entdeckungen. Tausende von Menschen, die ihren eigenen Zielen
zustreben und sich bemühen, werden eine viel bessere Welt
schaffen, als du sie für sie entwerfen kannst. Achte zuerst auf
die Mittel, dann werden die großen Ergebnisse auch
verwirklicht.«
Jonathan
verstand es jetzt, es war, als würde ein Funken in ihm zu
brennen beginnen: »Wenn die Leute frei sind, werden sie
unerwartete Lösungen finden? Und wenn die Leute nicht frei sind,
finden sie unerwartete Probleme! Ist es so?«
»Es
steckt genug Weisheit darin zu wissen, was Herrscher nicht tun
sollen«, fügte der Geier hinzu. »Mache immer eine
Probe, wenn du darüber urteilen willst: Wenn du kein Recht hast,
etwas zu tun, dann hast du kein Recht, einen Politiker zu
beauftragen, es für dich zu tun.«
Jonathan
fragte skeptisch: »Ich glaube, ich verstehe es jetzt, aber ich
glaube nicht, daß alle zuhören werden.«
»Es
ist gut für dich, egal ob andere zuhören oder nicht. Die,
die deine Ideale von der Freiheit teilen, werden davon Mut
bekommen.«
Der
Geier drehte sich zum Meer um und sagte Lebewohl. Jonathan sah zu,
wie der große Vogel sich sammelte und seinen riesigen Körper
in die Luft hob. Nur wenige Augenblicke später war er im
bewölkten Himmel verschwunden.
Jonathan
ging die Küste entlang nach Norden. Er erinnerte sich nicht sehr
an diesen Marsch, nur an das Knirschen des Sandes unter seinen Füßen
und den Wind auf seinem Körper. Jonathan erkannte die felsige
Einbuchtung, die zu seinem Städtchen führte. Bald näherte
er sich einem Haus und einem Laden an der Ecke des Hafens - seinem
Haus.
»Freiheit.
Hmm. Wie lange die Leute dafür und dagegen gekämpft haben,
meistens zur gleichen Zeit. Die Leute sollten frei sein, das zu tun,
was sie möchten, solange sie ihre Nachbarn das auch tun lassen«,
dachte Jonathan, als er sich an seine Reise erinnerte.
»Es
kann sein, daß ich nicht unterstütze, was mein Nachbar
tut, und ich kann ablehnen, mich mit ihm zu verbünden, aber ich
sollte nie die Gewalt des Gesetzes gegen ihn anwenden, es sei denn zu
meiner eigenen Verteidigung. Das erscheint praktisch - menschlich -
ja, und ehrlich. Es wird nicht perfekt sein, aber es ist respektvoll
- und besser als jede Alternative.«
Er
lief in feierlicher Stimmung weiter und fragte sich, warum es für
die Leute so schwer ist, andere in Ruhe zu lassen.
»Auswahlmöglichkeiten schaffen Wachstum und Reife - Kampf
und schließlich Wohlstand. Politische Macht sollte nur die
Freiheit schützen und sie nicht wegnehmen. Denn Tugend kann nur
dort entstehen, wo man die Freiheit der Wahl hat«, schloß
Jonathan.
Jonathans
großer, schlanker Vater war gerade dabei, auf der Veranda Seile
aufzuwickeln. Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen, als er seinen
Sohn den Weg entlanggehen sah. »Jon«, schrie er, »Jonny,
Junge, wo bist du gewesen?«
Er
rief nach seiner Frau, die innen saubermachte. »Sieh mal, Rita,
sieh mal, wer zurück ist!«
»Was
soll der ganze Lärm?« fragte Jonathans Mutter, die
erschöpfter aussah, als Jonathan in Erinnerung hatte. Sie kam
auf die Veranda heraus und schrie vor Glück, als sie ihren Sohn
sah.
Sofort
nahm sie Jonathan in ihre Arme und drückte ihn lange. Dann schob
sie ihn zurück, hielt ihn etwas von ihr weg und wischte sich mit
ihrem Ärmel die Freudentränen aus dem Gesicht. »Wo
bist du nur gewesen, junger Mann? Bist du hungrig, Jon?«
Dann
sagte sie aufgeregt zu ihrem Mann: »Mach das Feuer an und stell
den Kessel drauf!«
Sie
feierten ihr Wiedersehen. Nachdem er die letzte Scheibe von Mutters
warmen Brot gegessen hatte, seufzte Jonathan und lehnte sich auf
seinem Stuhl zurück. Er erzählte seinen Eltern von der
Reise zur Insel Regulos, ließ allerdings sorgfältig die
unglaubliche Begegnung mit dem Geier aus. Der alte Laden und ihre
Zimmer leuchteten im Licht des Feuers.
»Ja,
Sohn, du siehst älter aus«, sagte sein Vater. Er blickte
Jonathan streng an und scherzte: »Willst du bald wieder
verschwinden?«
»Nein,
Vater«, sagte Jonathan. »Ich werde eine Weile hier
bleiben. Hier gibt es noch genug Arbeit zu tun.«
Epilog
Die
Philosophie dieses Buches beruht auf dem Prinzip des Eigentums an
sich selbst. Dein Leben gehört dir. Wenn man das leugnet, sagt
man, daß eine andere Person einen höheren Anspruch auf
dein Leben hat als du selbst. Dein Leben gehört keiner anderen
Person oder Gruppe von Personen, genauso wie das Leben der anderen
nicht dir gehört.
Du
lebst in der Zeit: Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Das
offenbart sich in deinem Leben, deiner Freiheit und den Produkten
deines Lebens und deiner Freiheit. Wenn du dein Leben verlierst,
verlierst du deine Zukunft. Wenn du deine Freiheit verlierst,
verlierst du deine Gegenwart. Und wenn du die Produkte deines Lebens
und deiner Freiheit verlierst, verlierst du den Teil deiner
Vergangenheit, in der sie erzeugt wurden.
Ein
Produkt deines Lebens und deiner Freiheit ist dein Eigentum. Eigentum
ist das Ergebnis deiner Arbeit, das Ergebnis deiner Zeit, Energie und
deiner Talente. Es ist der Teil der Natur, den du in wertvollen
Nutzen umgewandelt hast. Und es ist das Eigentum von anderen, die es
dir in einem freiwilligen Tausch und unter gegenseitiger Zustimmung
gegeben haben. Zwei Menschen, die ihr Eigentum freiwillig tauschen,
ziehen beide daraus einen Vorteil, oder sie würden es nicht tun.
Nur sie sind dazu berechtigt, diese Entscheidung für sich zu
treffen.
Manchmal
nutzen die Menschen Zwang und Betrug, um von anderen Dinge ohne deren
bewußte, freiwillige Zustimmung zu erhalten. Die erste
Anwendung von Gewalt gegen das Leben ist Mord, gegen die Freiheit ist
Sklaverei und gegen das Eigentum ist Diebstahl. Es ist das gleiche,
ob diese Handlungen von einer Person allein begangen werden oder von
den vielen gegen die wenigen oder sogar von Beamten in feinen
Anzügen.
Du
hast das Recht, dein eigenes Leben gegen die gewaltsame Einwirkung
anderer zu verteidigen, genauso wie deine Freiheit und dein gerecht
erworbenes Eigentum. Und du kannst andere bitten, dir dabei zu
helfen. Aber du hast kein Recht, als erster Gewalt gegen das Leben,
die Freiheit oder das Eigentum anderer einzusetzen. Deshalb hast du
auch kein Recht, eine andere Person zu bestimmen, in deinem Auftrag
Gewalt gegen andere zu verüben.
Du
hast das Recht, dir eine Regierung zu suchen, aber du hast kein
Recht, diese Herren anderen aufzubürden. Egal wie die
Regierenden ausgewählt werden, sie sind nur Menschen und haben
keine Rechte oder Ansprüche, die über denen anderer
Menschen stehen. Ganz gleich welche phantastischen Etiketten sie für
ihr Verhalten benutzen oder wieviele Menschen sie unterstützen,
die Regierenden haben kein Recht zu morden, zu versklaven oder zu
stehlen. Du kannst ihnen keine Rechte übergeben, die du nicht
selbst hast.
Da
dir dein eigenes Leben gehört, bist du für dein Leben
verantwortlich. Du mietest dein Leben nicht von anderen, die deinen
Gehorsam verlangen. Genausowenig bist du ein Sklave von anderen, die
dein Opfer verlangen. Du wählst deine eigenen Ziele, die auf
deinen eigenen Werten beruhen. Erfolg und Mißerfolg sind beides
die notwendigen Anreize zu lernen und zu wachsen. Deine Handlungen im
Auftrag anderer oder deren Handlungen in deinem Auftrag sind nur dann
tugendhaft, wenn sie im freiwilligen, gegenseitigen Einvernehmen
zustande kommen. Denn Tugend kann nur dort bestehen, wo es eine freie
Wahl gibt.
Das
ist die Grundlage einer wirklich freien Gesellschaft. Sie ist nicht
nur die praktischste und humanitärste Grundlage menschlichen
Verhaltens, sondern sie ist auch die ethischste.
Die
Probleme der Welt, die aus der ersten Anwendung von Gewalt durch eine
Regierung entstehen, haben eine Lösung. Die Lösung ist, daß
die Menschen der Welt aufhören, Regierungsbeamte zu bitten,
Gewalt in ihrem Auftrag einzusetzen. Böses geht nicht nur von
schlechten Menschen aus, sondern auch von guten Menschen, die die
Anwendung von Gewalt als Mittel für ihre eigenen Ziele
tolerieren. Auf diese Weise haben gute Menschen in der ganzen
Geschichte die schlechten Menschen mit Macht versehen.
Vertrauen
in eine freie Gesellschaft zu haben, bedeutet, sich auf den
Entdeckungsprozeß auf den Märkten der Werte zu
konzentrieren, statt auferlegten Visionen oder Zielen nachzulaufen.
Staatliche Gewalt zu nutzen, um anderen eine Vision aufzubürden,
ist geistige Faulheit und endet immer mit unerwarteten, perversen
Folgen.
Eine
freie Gesellschaft zu erreichen, verlangt den Mut zu denken, zu
sprechen und zu handeln - vor allem wenn es einfacher ist, nichts zu
tun.
Empfohlene
Organisationen und Bücher
Organisationen:
-
Liberale Akademie Berlin, Hohenzollerndamm 88a, 14199 Berlin,
Deutschland, Tel.: (030) 826 1624, e-mail: rstiebler@der-markt.com,
www: http://www.der-markt.com.
-
Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung, Margarethenhof,
53637 Königswinter, Deutschland, Tel.: (02223) 701 215, e-mail:
Libinst@aol.com.
-American
Enterprise Institute, 1150 17th st. NW, Washington D.C., 20036, USA,
Tel.: (202) 862-5800
-CATO
Institute, 1000 Massachusetts Ave. NW, Washington D.C., 20001-5403,
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Suite 101, Fairfax, VA 22030, USA, Tel.: (703) 934-6920, Fax.: (703)
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Frederic: The Law, dt. Das Gesetz
Boaz,
David: Libertarianism A Primer
Friedman,
David: The Machinery of Freedom, dt. Das Uhrwerk der Freiheit
Friedman,
Milton und Rose: Free to Choose
Hazlitt,
Henry: Economics in one lesson
Rand,
Ayn: Atlas shrugged, dt. Wer ist John Galt?
Rothbard,
Murray: For a new Liberty, dt. Eine neue Freiheit
Ruwart,
Mary: Healing our World, dt. Rettung für die Welt
Tannehill,
Linda und Morris: The Market for Liberty, dt. Der Markt der
Freiheit
Thoreau,
Henry David: On the Duty of Civil Disobedience, dt. Die Pflicht zum
sozialen Ungehorsam
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