Ich bin zu der Erkenntnis gekommen,
daß der gute Wille durchaus nicht immer die Fähigkeiten ersetzt
und so sitze ich hier und denke darüber nach was ich falsch
gemacht habe ohne es zu wollen, ob ich überhaupt Fehler gemacht habe
oder die Fehler anderer als meine eigenen hinnehme und es somit klar ist,
daß ich nicht ändern kann was ist und eventuell wird. Hans ist
mit seinen Arbeitskollegen u. Koleginnen auf einen Spaziergang, ich habe
Ohrenschmerzen und gönne ihm die Gesellschaft "vorgeschulter" Menschen
mit denen er sich wenigstens unterhalten kann, was ihm mit mir sehr schwer
zu fallen scheint - und da ich sehr gerne mal mich aussprechen möchte
und meine Eltern mit sich selbst genug zu tun haben bleibt mir nur das
Buch von dem ich weis, das es verschwiegen ist und wohl kaum in andere
Hände gerät, denn wer sollte sich für mein Seelenleben interessieren.
Im verg. Juni nahm ich meinen letzten
Rest Mut zusammen und bemühte mich - mit Erfolg - um eine Anstellung
im Fin. Min. es war für mich eine riesige Umstellung und ich mag Details
nicht berichten, da sie zu weitschweifend wären. Allmählich bekam
ich einen Kontakt mit der Dolmetscher-Abteilung und es gelang mir für
Hans eine vorübergehende Beschäftigung zu ermöglichen -
als sein Vertrag nach einem halben Jahr nicht verlängert wurde, hatte
er das Glück nach Bad Godesberg ins ERP-Ministerium überzuwechseln.
Ein großartige Entwicklung wenn
man daran denkt in welcher Situation wir noch vor Jahren waren. Ausweg-
und Sinnlos sah es damals aus. Ich bin mir durchaus bewust, daß es
nur meiner Inititative zu verdanken ist, daß es so kam - aber was
ist das Resultat - nüchtern und objektiv betrachtet? Als Frau neige
ich natürlich dazu alles von einem mit Materialismus gepaarten
persönlichen Standpunkt aus zu betrachten und es sieht ganz so aus,
als ob sich Hans und ich auseinanderleben. Da er für mich
weder Komplimente noch besondere Aufmerksamkeiten hat, - was ja schon früher
so war u. sich eben nicht geändert hat u. wohl nie wird - werde ich
mich gegen diese Entwicklung nicht sperren. Finanziell bin ich von ihm
unabhängig - da jeder sein Geld für sich behält - übrigens
auch eine meiner grandiosen gutmütigen Dummheiten da er über
die Hälfte mehr verdient als ich. In seiner, ich hoffe aufrichtigen
Einfalt - glaubt er daß er mit einigen Büchsen Milch, Wurst,
Brot u. Zigaretten genug zum Haushalt beigesteuert hat. Statt dessen ist
es Papa der mir gelegentlich zum Kauf eines Mantels oder Kleides verhilft
u. uns die Miete erläßt - wobei es ja keine Rolle spielt ob
er es "kann" d.h. über die nötigen Mittel leichter verfügt
als Hans, der im Grunde dazu verpflichtet ist. - Es wäre ja alles
auch so in Ordnung wenn Hans sich von seinem Gehalt wenigstens auch einmal
ein Kleidungsstück leisten würde, wozu er jetzt doch wirklich
in der Lage ist - aber ich glaube er kauft sich weiterhin Bücher und
läuft in zerschlissenen Sachen herum was wiederum ein übles Licht
auf mich wirft weil es dann so aussieht als hinge ich mir alles an den
Leib u. ließe meinen Mann wie einen Strolch herumlaufen. Wenn ich
meine 8-9 Stunden intensiv abgetippt habe bin ich erledigt u. erschöpft
u. es langt höchstens noch für einen Knopf anzunähen eine
leichte Lektüre oder etwas Radiomusik - Hans ist der Ansicht, daß
ich nicht in der Lage sei mich mit mir selbst zu beschäftigen u. es
mir nicht gelänge meine innere Holheit zu überwinden -
er mag recht haben - aber weis er daß mein Inneres nur immer mit
ihm beschäftigt ist? - Das ist überhaupt der Grundfehler meiner
Beziehung zu ihm, daß ich vom 1. Augenblick an mich auf ihn umgestellt
habe und alles was ich dachte u. wollte mir selber abschlug und versuchte
seinem Gedankengang oder Wunsch zu folgen. So weit bin ich - und jetzt
muß ich es fertigbringen mich von ihm zu lösen und mein eigenes
Ich zu pflegen und stark zu machen weil ich von ihm keine Unterstützung
zu erwarten habe - er denkt wohl garnicht darüber nach - oder ist
zu bequem dazu, aber egal aus welchem Grunde - ich muß mich innerlich
von ihm frei machen damit ich weniger leide und meine Kraft nicht durch
fruchtlose Reflexionen u. für- u. wider-redereien zermürbe. Er
braucht mich nicht, das nehme ich an, ich hätte ihn sehr sehr nötig
aber er weis eben nichts mit mir anzufangen, sodaß ich es ihm nicht
übelnehmen kann und so vernünftig sein muß ihm wenigstens
nicht in den Weg zu treten. Wenn ich solche Themen anschneide wird er immer
sehr gereizt - also ist eine Aussprache sinnlos - weil er nicht versteht
was ich meine - oder nicht verstehen will - sich obendrein angegriffen
fühlt obwohl ich doch nur gemeinsam mit ihm einen Weg der Verständigung
finden will.
3. September 1952.
Einige Tage nach den vorstehenden Zeilen
mußte ich für Wochen mit einer sehr schmerzhaften Mittelohrentzündung
u. doppelseitigen Gehörgangfurunkulose ins Krankenhaus. - Eine
schlimme Zeit - es ist überstanden und einiges noch dazu.
Hans arbeitete sich immer mehr ein
und wir haben zu Ostern unsere Ferien gemeinsam in Paris verlebt
man denke wir beide in P a r i s . . .
es ist schon zu viel über diese Stadt geschrieben, gesagt und gesungen
worden als daß ich außergewöhnliches hinzufügen könnte
- und jetzt sitze ich hier alleine am Radio und schreibe - Hans ist in
Luxemburg er wurde nach einem wilden Tauziehen von seinem Ministerium
für 14 Tage für die Montanunion freigegeben. Wenn es mit einer
Anstellung klappt - ja - dann haben wir es wirklich geschafft und das große
Los gezogen. - Ich bin seit dem 1. September bei der IBG angestellt - es
ging nicht mehr im Fin Min Weiss Gott ich arbeite gerne
aber diese ewige Hetze u. Arbeitsüberlastung machte ich nicht mehr
mit und jetzt geht es mir besser und wenn Hans in Luxemburg bleibt folge
ich ihm nach und es geht mir noch besser. Ach das sind Aussichten ....
Sollten jetzt endlich die Früchte reifen ? Mir ist es manches
mal ganz blümerant zu Mute wenn ich so an die Entwicklung der letzten
zwei Jahre denke. Es war oft garnicht schön und die Arbeit wurde mir
oft zuviel und ich musste mich sehr zusammennehmen um mit Hans nicht die
Geduld zu verlieren, denn auch für ihn war die ganze Umstellung sehr
anstrengend Er war oft sehr gereizt und übermüdet, genau
so wie ich. Nun warten wir auf die Entscheidung ob er bei der Montan bleibt
oder nicht. Mit Papa und Mama ist, seitdem wir wirklich autark sind, Burgfrieden
geschlossen. Welch ein Glück, daß Hans kein Examen gemacht hatte,
dann sässe er vielleicht irgendwo als kleiner Studienrat und ich bin
doch jetzt so stolz auf ihn er hat wirklich gezeigt daß er etwas
kann und ich wage es kaum hinzuschreiben - ich habe das Gefühl, daß
er eine große Karriere vor sich hat. -
Ich liege im Bett u. kann nicht einschlafen
- heute ist Hans 45 Jahre alt geworden - ich bin sehr einsam
- vielleicht schäme ich mich wenn ich später diese Zeilen lese
- aber ich halte es einfach nicht aus nur Haushälterin zu sein.
Meine Operation - der Herzinfarkt von
Hans dürfte doch kein Hindernis sein herzlich zu empfinden, es zu
zeigen - diese geschwisterlich - kameradschaftlich wohltemperierte Atmosphäre
ist fürchterlich ich komme mir so abgehängt isoliert u. nutzlos
vor - denn Kochen und Bettenmachen kann jede bezahlte Kraft - auch
zuhören u. Verständnis heucheln - was ich zwar nicht immer tue.
Wie weit hat mich meine Bescheidenheit
u. Zurückhaltung gebracht?
Wie selten habe ich wirklich das Gefühl
dass er mich wirklich versteht oder zuhört - alles muss ich mit mir
selber abmachen - woher soll ich die Kraft nehmen - ich liebe ihn
sehr - kann es ihm nur in den ihm genehmen Grenzen zeigen u. verkümmere
derart dass ich die Frauen beneide die ohne Mann leben müssen - denn
neben einem geliebten Menschen zu leben ohne ihn greifen, liebkosen
u. herzen zu können ist die Hölle Es sind nicht die
getrennten Schlafzimmeres ist die Isolation in der er sich wohlfühlt
- er hat nicht das Bedürfnis nach mir, meiner Nähe
es genügt ihm die tägliche Ordnung - sein Hund - das gewohnte Essen. Mir würde eine Amerkennung eine geringe Zärtlichkeit -
27. Juli 1958
Gestern u. auch heute morgen war ich
wieder so niedergeschlagen u. hatte alles so satt - das Haus, das Land
die Menschen. - Seit Jahren weiter nichts als Krankheit - Krankenhaus
- Diätküche für Hans u. ewig Haushalt u. keine Erholung.
Die anderen verreisen irgendwohin. - Dienstag muss Hans nach Brüssel
- nicht mal dahin kann ich ihn begleiten weil Blaky so ein verwöhnter
u. sensibler Kerl ist. - Diese ewigen Opfer hängen mir zum Hals heraus
- immer Rücksichten auf andere nehmen u. seine eigenen Wünsche
nicht hochkommen lassen. Ich möchte mich 8 Tage gründlich ausschlafen
- essen u. trinken was mir schmeckt - mal irgendwo schwimmen u. mich in
der Sonne aalen - u. wieder schlafen u. mich ein wenig bedienen lassen
- 8 Tage genügten um mir wieder Kraft und Courage zu geben für
mein Dasein als Haushälterin u. Laibeigene.
ich habs durchgestrichen denn das stimmt nicht Hans beansprucht mich nur
als Bedienung u. ich weiss nicht wie ich darüber wegkommen soll; ich
schäme mich darüber zu schreiben aber ich habe ihn zu lieb um
so neben ihm leben zu können u. möchte ihn am liebsten verlassen
um nicht eines Tages fortgeschickt zu werden wegen einer anderen die ihm
bietet was er bei mir nicht mehr sucht. Ich höre jetzt auf zu schreiben
sonst heule ich wieder los u. das ist doch so sinnlos - aber ich muss einen
Weg finden um alles zu ertragen - er spricht sich nicht aus u. es wäre
so gut wenn ich wüsste warum er mich verstößt
wie er sich damit abfindet - was wir falsch machen u. wie ich ihm u. mir
helden könnte
13. Sept 1958
Am 20. fahren wir nach Bonn
dort bleibe ich einige Tage (23-27.) alleine u. dann geht es
zu dritt in den Schwarzwald. Wie ich mich freue ist nicht zu beschreiben.
Allerdings mache ich mir einige Gedanken wegen dem Hund, doch muss er sich
auch mal bewähren u. ich bin so froh einmal aus allem heraus zu kommen.
Ich bin recht ausgepumpt - woher soll ich Reserven nehmen wenn ich immer
nur gebe - jetzt sind mir 8 Tage in einem Waldhotel sicher - was wir die
übrige Zeit anstellen ist mir gleichgültig - diese 8 Tage werde
ich geniessen viel schlafen u. frische Luft u. einmal am gedeckten
Tisch - ohne Haushalts-Sorgen
Hans muss vorher noch eine Tagung in
Bad Oeynhausen über sich ergehen lassen - ihm wird der Urlaub auch
gut tun - bis zum 20. Oktober
[ein Wort unleserlich] Gesundheitlich
wird mir eine Luftverändreung hoffentlich auch gut tun - ich bin seit
meiner Operation nicht in Ordnung u. ich würde es sehr wünschen
dass es mir besser geht - nicht wegen mir, sondern wegen Hans u. der Ordnung
- ich bin nicht 100%ig da immer eine Beschwerde - Schmerzen Depressionen
Schwindel u. Ausfluss - ich bin mir oft selbst zur Last versuche
diese Regung zu bekämpfen u. mir nicht anmerken zu lassen - was wiederum
Nerven kostet. Oft kann ich mich nicht beherrschen u. explodiere - Hans
ist dann sehr betroffen u. überrascht u. meine Schwäche tut mir
leid.
Es gibt noch vieles was ich einschreiben
möchte - vielleicht später - es ist so kompliziert. Ich liebe
Hans sehr wage es ihm nicht zu zeigen um es ihm nicht schwer zu machen
- u. vielleicht meine Gesundheit zu verschlechtern die ich brauche um für
ihn u. Blaky zu sorgen
Bei der Übertragung
der Handschrift in die Druckschrift, wurden, soweit eindeutig zu entziffern,
die orthographischen Besonderheiten unverändert übernommen.
Zum Gedenken an J.W.†