Frau oder Hund: EXEMPLARISCHES AUS EINER EUROKRATENEHE
Bonn 3. Mai 1950

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß der gute Wille durchaus nicht immer die Fähigkeiten ersetzt und so sitze ich  hier und denke darüber nach was ich falsch gemacht habe ohne es zu wollen, ob ich überhaupt Fehler gemacht habe oder die Fehler anderer als meine eigenen hinnehme und es somit klar ist, daß ich nicht ändern kann was ist und eventuell wird. Hans ist mit seinen Arbeitskollegen u. Koleginnen auf einen Spaziergang, ich habe Ohrenschmerzen und gönne ihm die Gesellschaft "vorgeschulter" Menschen mit denen er sich wenigstens unterhalten kann, was ihm mit mir sehr schwer zu fallen scheint - und da ich sehr gerne  mal mich aussprechen möchte und meine Eltern mit sich selbst genug zu tun haben bleibt mir nur das Buch von dem ich weis, das es verschwiegen ist und wohl kaum in andere Hände gerät, denn wer sollte sich für mein Seelenleben interessieren.
Im verg. Juni nahm ich meinen letzten Rest Mut zusammen und bemühte mich - mit Erfolg - um eine Anstellung im Fin. Min. es war für mich eine riesige Umstellung und ich mag Details nicht berichten, da sie zu weitschweifend wären. Allmählich bekam ich einen Kontakt mit der Dolmetscher-Abteilung und es gelang mir für Hans eine vorübergehende Beschäftigung zu ermöglichen - als sein Vertrag nach einem halben Jahr nicht verlängert wurde, hatte er das Glück nach Bad Godesberg ins ERP-Ministerium überzuwechseln.
Ein großartige Entwicklung wenn man daran denkt in welcher Situation wir noch vor Jahren waren. Ausweg- und Sinnlos sah es damals aus. Ich bin mir durchaus bewust, daß es nur meiner Inititative zu verdanken ist, daß es so kam - aber was ist das Resultat - nüchtern und objektiv betrachtet? Als Frau neige ich natürlich dazu alles  von einem mit Materialismus gepaarten persönlichen Standpunkt aus zu betrachten und es sieht ganz so aus, als ob sich  Hans und ich  auseinanderleben. Da er für mich weder Komplimente noch besondere Aufmerksamkeiten hat, - was ja schon früher so war u. sich eben nicht geändert hat u. wohl nie wird - werde ich mich gegen diese Entwicklung nicht sperren. Finanziell bin ich von ihm unabhängig - da jeder sein Geld für sich behält - übrigens auch eine meiner grandiosen gutmütigen Dummheiten da er über die Hälfte mehr verdient als ich. In seiner, ich hoffe aufrichtigen Einfalt - glaubt er daß er mit einigen Büchsen Milch, Wurst, Brot u. Zigaretten genug zum Haushalt beigesteuert hat. Statt dessen ist es Papa der mir gelegentlich zum Kauf eines Mantels oder Kleides verhilft u. uns die Miete erläßt - wobei es ja keine Rolle spielt ob er es "kann" d.h. über die nötigen Mittel leichter verfügt als Hans, der im Grunde dazu verpflichtet ist. - Es wäre ja alles auch so in Ordnung wenn Hans sich von seinem Gehalt wenigstens auch einmal ein Kleidungsstück leisten würde, wozu er jetzt doch wirklich in der Lage ist - aber ich glaube er kauft sich weiterhin Bücher und läuft in zerschlissenen Sachen herum was wiederum ein übles Licht auf mich wirft weil es dann so aussieht als hinge ich mir alles an den Leib u. ließe meinen Mann wie einen Strolch herumlaufen. Wenn ich meine 8-9 Stunden intensiv abgetippt habe bin ich erledigt u. erschöpft u. es langt höchstens noch für einen Knopf anzunähen eine leichte Lektüre oder etwas Radiomusik - Hans ist der Ansicht, daß ich nicht in der Lage sei mich mit mir selbst zu beschäftigen u. es mir nicht gelänge meine innere  Holheit zu überwinden - er mag recht haben - aber weis er daß mein Inneres nur immer mit ihm beschäftigt ist? - Das ist überhaupt der Grundfehler meiner Beziehung zu ihm, daß ich vom 1. Augenblick an mich auf ihn umgestellt habe und alles was ich dachte u. wollte mir selber abschlug und versuchte seinem Gedankengang oder Wunsch zu folgen. So weit bin ich - und jetzt muß ich es fertigbringen mich von ihm zu lösen und mein eigenes Ich zu pflegen und stark zu machen weil ich von ihm keine Unterstützung zu erwarten habe - er denkt wohl garnicht darüber nach - oder ist zu bequem dazu, aber egal aus welchem Grunde - ich muß mich innerlich von ihm frei machen damit ich weniger leide und meine Kraft nicht durch fruchtlose Reflexionen u. für- u. wider-redereien zermürbe. Er braucht mich nicht, das nehme ich an, ich hätte ihn sehr sehr nötig aber er weis eben nichts mit mir anzufangen, sodaß ich es ihm nicht übelnehmen kann und so vernünftig sein muß ihm wenigstens nicht in den Weg zu treten. Wenn ich solche Themen anschneide wird er immer sehr gereizt - also ist eine Aussprache sinnlos - weil er nicht versteht was ich meine - oder nicht verstehen will - sich obendrein angegriffen fühlt obwohl ich doch nur gemeinsam mit ihm einen Weg der Verständigung finden will.

3. September 1952.

Einige Tage nach den vorstehenden Zeilen mußte ich für Wochen mit einer sehr schmerzhaften Mittelohrentzündung u. doppelseitigen  Gehörgangfurunkulose ins Krankenhaus. - Eine schlimme Zeit - es ist überstanden und einiges noch dazu.
Hans arbeitete sich immer mehr ein und wir haben zu Ostern unsere Ferien gemeinsam in Paris  verlebt man denke wir beide in    P a r i s   . . .   es ist schon zu viel über diese Stadt geschrieben, gesagt und gesungen worden als daß ich außergewöhnliches hinzufügen könnte - und jetzt sitze ich hier alleine am Radio und schreibe - Hans ist in Luxemburg  er wurde nach einem wilden Tauziehen von seinem Ministerium für 14 Tage für die Montanunion freigegeben. Wenn es mit einer Anstellung klappt - ja - dann haben wir es wirklich geschafft und das große Los gezogen. - Ich bin seit dem 1. September bei der IBG angestellt - es ging nicht mehr im Fin Min   Weiss Gott ich arbeite  gerne aber diese ewige Hetze u. Arbeitsüberlastung machte ich nicht mehr mit und jetzt geht es mir besser und wenn Hans in Luxemburg bleibt folge ich ihm nach und es geht mir noch besser. Ach das sind Aussichten .... Sollten jetzt endlich die Früchte reifen ? Mir ist es  manches mal ganz blümerant zu Mute wenn ich so an die Entwicklung der letzten zwei Jahre denke. Es war oft garnicht schön und die Arbeit wurde mir oft zuviel und ich musste mich sehr zusammennehmen um mit Hans nicht die Geduld zu verlieren, denn auch für ihn war die ganze Umstellung sehr anstrengend  Er war oft sehr gereizt und übermüdet, genau so wie ich. Nun warten wir auf die Entscheidung ob er bei der Montan bleibt oder nicht. Mit Papa und Mama ist, seitdem wir wirklich autark sind, Burgfrieden geschlossen. Welch ein Glück, daß Hans kein Examen gemacht hatte, dann sässe er vielleicht irgendwo als kleiner Studienrat und ich bin doch jetzt so stolz auf ihn er hat wirklich gezeigt daß er etwas kann und ich wage es kaum hinzuschreiben - ich habe das Gefühl, daß er eine große Karriere vor sich hat. -


16. Mai 1958

Ich liege im Bett u. kann nicht einschlafen -   heute ist Hans 45 Jahre alt geworden - ich bin sehr einsam - vielleicht schäme ich mich wenn ich später diese Zeilen lese - aber ich halte es einfach nicht aus nur Haushälterin zu sein.
Meine Operation - der Herzinfarkt von Hans dürfte doch kein Hindernis sein herzlich zu empfinden, es zu zeigen - diese geschwisterlich - kameradschaftlich wohltemperierte Atmosphäre ist fürchterlich ich komme mir so abgehängt isoliert u. nutzlos vor - denn Kochen und Bettenmachen kann jede  bezahlte Kraft - auch zuhören u. Verständnis heucheln - was ich zwar nicht immer tue.
Wie weit hat mich meine Bescheidenheit u. Zurückhaltung gebracht?
Wie selten habe ich wirklich das Gefühl dass er mich wirklich versteht oder zuhört - alles muss ich mit mir selber abmachen -  woher soll ich die Kraft nehmen - ich liebe ihn sehr - kann es ihm nur in den ihm genehmen Grenzen zeigen u. verkümmere derart dass ich die Frauen beneide die ohne Mann leben müssen - denn neben einem geliebten Menschen zu  leben ohne ihn greifen, liebkosen u. herzen zu können ist die Hölle   Es sind nicht die getrennten Schlafzimmeres ist die Isolation in der er sich  wohlfühlt - er hat nicht das Bedürfnis nach mir, meiner Nähe

es genügt ihm die tägliche Ordnung - sein Hund - das gewohnte Essen. Mir würde eine Amerkennung  eine geringe Zärtlichkeit -

27. Juli 1958

Gestern u. auch heute morgen war ich wieder so niedergeschlagen u. hatte alles so satt - das Haus, das Land   die Menschen. - Seit Jahren weiter nichts als Krankheit - Krankenhaus  - Diätküche für Hans u. ewig Haushalt u. keine Erholung. Die anderen verreisen irgendwohin. - Dienstag muss Hans nach Brüssel - nicht mal dahin kann ich ihn begleiten weil Blaky so ein verwöhnter u. sensibler Kerl ist. - Diese ewigen Opfer hängen mir zum Hals heraus - immer Rücksichten auf andere nehmen u. seine eigenen Wünsche nicht hochkommen lassen. Ich möchte mich 8 Tage gründlich ausschlafen - essen u. trinken was mir schmeckt - mal irgendwo schwimmen u. mich in der Sonne aalen - u. wieder schlafen u. mich ein wenig bedienen lassen - 8 Tage genügten um mir wieder Kraft und Courage zu geben  für mein Dasein als Haushälterin u. Laibeigene. ich habs durchgestrichen denn das stimmt nicht Hans beansprucht mich nur als Bedienung u. ich weiss nicht wie ich darüber wegkommen soll; ich schäme mich darüber zu schreiben aber ich habe ihn zu lieb um so neben ihm leben zu können u. möchte ihn am liebsten verlassen um nicht eines Tages fortgeschickt zu werden wegen einer anderen die ihm bietet was er bei mir nicht mehr sucht. Ich höre jetzt auf zu schreiben sonst heule ich wieder los u. das ist doch so sinnlos - aber ich muss einen Weg finden um alles zu ertragen - er spricht sich nicht aus u. es wäre so gut wenn ich wüsste warum  er mich verstößt  wie er sich damit abfindet - was wir falsch machen u. wie ich ihm u. mir helden könnte

13. Sept 1958

Am 20. fahren wir nach Bonn   dort bleibe ich einige Tage (23-27.)   alleine u. dann geht es zu dritt in den Schwarzwald. Wie ich mich freue ist nicht zu beschreiben. Allerdings mache ich mir einige Gedanken wegen dem Hund, doch muss er sich auch mal bewähren u. ich bin so froh einmal aus allem heraus zu kommen. Ich bin recht ausgepumpt - woher soll ich Reserven nehmen wenn ich immer nur gebe - jetzt sind mir 8 Tage in einem Waldhotel sicher - was wir die übrige Zeit anstellen ist mir gleichgültig - diese 8 Tage werde ich  geniessen viel schlafen u. frische Luft u. einmal am gedeckten Tisch  - ohne Haushalts-Sorgen
Hans muss vorher noch eine Tagung in Bad Oeynhausen über sich ergehen lassen - ihm wird der Urlaub auch gut tun - bis zum 20. Oktober [ein Wort unleserlich] Gesundheitlich wird mir eine Luftverändreung hoffentlich auch gut tun - ich bin seit meiner Operation nicht in Ordnung u. ich würde es sehr wünschen dass es mir besser geht - nicht wegen mir, sondern wegen Hans u. der Ordnung - ich bin nicht 100%ig da immer eine Beschwerde - Schmerzen  Depressionen  Schwindel u. Ausfluss - ich bin mir oft selbst zur Last  versuche diese Regung zu bekämpfen u. mir nicht anmerken zu lassen - was wiederum Nerven kostet. Oft kann ich mich nicht beherrschen u. explodiere - Hans ist dann sehr betroffen u. überrascht u. meine Schwäche tut mir leid.
Es gibt noch vieles was ich einschreiben möchte - vielleicht später - es ist so kompliziert. Ich liebe Hans sehr wage es ihm nicht zu zeigen um es ihm nicht schwer zu machen - u. vielleicht meine Gesundheit zu verschlechtern die ich brauche um für ihn u. Blaky zu sorgen


Bei der Übertragung der Handschrift in die Druckschrift, wurden, soweit eindeutig zu entziffern, die orthographischen Besonderheiten unverändert übernommen.

Zum Gedenken an J.W.†