Zur Zeit ist Halbzeit in der Schule. Ich habe mich für 12 Wochen angemeldet. Beim Institut Français in Hamburg habe ich die Adresse erfahren von der Ecole France Langue. Von Dienstag bis Freitag sind vormittags 3¾ Stunden Unterricht. Die Lehrerin - bald an die 60 - unterrichtet kompetent und mit Humor. Unbekannte Vokabeln werden natürlich auf Französisch erklärt, na manchmal darf ein englisches Wort weiterhelfen. Die meisten Schüler haben Englisch-Kenntnisse. Sie kommen aus allen Ecken der Welt: Japan, Australien, Brasilien, Mexiko, USA, Israel und aus vielen Ländern Europas. Meistens sind sie für 2 bis 3 Wochen dabei. Ihr Alter ist im allgemeinen zwischen 18 u. 35. Doch bin ich Opa keineswegs ein Fremdkörper. Zu Anfang werden die Kenntnisse getestet, mit denen man ankommt, und daraufhin wird man einer Gruppe zugeteilt, die maximal 12 Personen umfaßt. Im Moment sind wir zu Vieren. Das Lehrbuch ist so aufgebaut, daß wir uns über alle möglichen Themen unterhalten müssen (was noch stockend geschieht), so daß wir sprechen und hören lernen. Das Verstehen ist schon schwierig. Eine Japanerin sagte, nach 4 Monaten sei es plötzlich da gewesen. Nun, solange bleibe ich allemal, möglichst noch 2 Monate länger.
Am Sonntag, den 2. April, bin ich nachmittags mit dem Thalys (von Köln her) auf dem Gare du Nord angekommen. Das Taxi hat mich zur rue Lafayette Nr. 203 gebracht. Die Schule hatte mir die Adresse zugefaxt. Das Haus wurde 1910 gebaut. Dort habe ich in der Bel-Etage (= das Stockwerk mit dem durchgehenden Balkon) ein großes Zimmer, allerdings zur lauten Straße hin. (Das Foto zeigt meinen Schreibschrank.) Die zwei Wohnungen der Etage sind zu einer einzigen vereinigt worden, so daß sich 10 Räume ergeben. Sie sind alle (außer der Küche) ausgestattet mit Stilmöbeln, ein Flügel, viele, viele Bücher, viel geschmackvoller Nippes, Bad mit buntem Mosaik auf Fußboden und Wänden. Die Hausherren: Ein Ehepaar in mittleren Jahren, das in der Nachbarschaft ein Sanitätshaus betreibt. Ein Hund und zwei Katzen, alle gleich groß, sind Mitbewohner. Außerdem ist ein Zimmer an eine junge Engländerin vermietet, die Managern und so Englisch beibringt. So habe ich Gelegenheit, hier im Hause zu schnacken; abends gucke ich die Nachrichten im Fernsehen, und im Radio, das ich mir zugelegt habe, gibt es einen Sender, der den ganzen [Tag] über Nachrichten bringt.
Die Unterkunft ist mit Frühstück: Weißbrot und Konfitüre, Yoghurt und Apfel, Saft und Tee. In der Bio-Ecke vom Supermarkt Monoprix habe ich Schwarzbrot und Soja-Milch entdeckt, letzteres für mein Müsli am Nachmittag. Abends gehe ich in ein Restaurant (immer ein anderes) und bestelle mir einen Salade composée (der Teller sieht jedesmal anders aus) und ein Viertele Côtes-du-Rhône (Alkohol!). Zum Wochenende leiste ich mir ein Menü mit Fisch.
Mit Lehrern der Schule werden an 3 Tagen in der Woche nachmittags Führungen gemacht: Stadtteile oder Museen oder bei einem Bäcker oder hinter den Kulissen der Oper. Desgleichen gibt es über die Schule verbilligte Karten für Konzerte. So viel klassische Musik wie hier habe ich in meinem Leben noch nicht gehört. Aber es gibt natürlich auch Jazz oder Musik aus allerlei Ländern. Und Tanzdarbietungen. Oft bummle/marschiere ich durch unbekannte Straßen, um sie kennenzulernen, um mich zu bewegen. Überrascht ist man, auf einen Platz (ein Plätzchen) zu treffen mit Grün oder eine überdachte Passage zu finden. Eine Saune habe ich allerdings noch nicht gefunden. Tscha, und Vokabeln wollen auch gelernt werden.
Nach den 12 Wochen? Ich werde mir ein anderes Zimmer besorgen. (Dann stimmt meine jetzige Adresse nicht mehr.) Es gibt sie billiger als für 1350 DM/Monat, die ich jetzt bezahlen muß. (Die Schule kostet insgesamt 2700 DM.) Und ich werde mir einen Lehrer suchen, mit dem ich jeden Tag eine Stunde reden kann. Summa summarum: Ich fühle mich hier wohl und genieße es, für einige Zeit in Paris leben zu dürfen. Ein Traum hat sich erfüllt.
[Dieser Text
ist ein Nachtrag zu dem Tagebuch Prostatakrebs.]
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