Zwei Dinge...
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Hans H. Rohde, La Chancellerie, 67, avenue Gambetta, F-92400 Courbevoie
31. Juli 2000
Zwei Dinge kamen zusammen:
1). Der Hauswirt hat hier in der Wohnung noch etwas in Ordnung gebracht. Dabei hatte ich Mühe, ihn zu verstehen, und er wich ins Englische aus. Andererseits bat er mich zu wiederholen, was ich auf Französisch formuliert hatte, was ihm aber wohl spanisch vorkam. So ist es nach vier Monaten Paris, und das soll sich bis Weihnachten bessern? Das kann ich nicht glauben, wenn ich zunächst auch davon ausgegangen war, daß es ein halbes Jahr braucht bis zum Verstehenkönnen. Mirfehlt die Leichtigkeit und Unbekümmertheit, auf andere zuzugehen, die Kontaktfreudigkeit. Und vieles, was ich von außen aufnehmen müßte, fliegt wegen meiner Inmichgekehrtheit an mir vorbei. Da nützen keine Ratschläge, so bin ich nun mal gebaut. Und Vokabeln zu behalten, war schon immer nicht leicht, ich merke es wieder.
2). Ich fuhr mit dem Bus über den Place de la Concorde und sah die vielen Touristen, meist Paare. Da habe ich gedacht: Ist es nicht besser, das Geld, das ich hier noch ausgeben würde zum - allein - Wohnen, dafür zu verwenden, in Zukunft einige Male eine einwöchige Reise nach Paris zu machen - zu zweien.
So habe ich also meine Wohnung zum 31. August gekündigt, die ich gerade am 1. Juli bezogen habe. (Ich wollte hier ursprünglich bis Dezember bleiben.) Sie liegt in Courbevoie, einer Stadt unmittelbar hinter der westlichen Grenze von Paris, 10 Geh-Minuten von der Metro-Endstation der Linie M1: La Défense. Es ist ein Appartement, hier Studio genannt, mit einem Raum 4 x 5 m, Balkon davor, ein Bad mit Dusche und eine in einen Schrank eingebaute Küche mit Kühlschrank, Herd und Geschirr. Die Ikea-Einrichtung ist neu, das Sofa kann man zum Doppelbett ausziehen. Ich habe mir einen Liegestuhl und einen Klappsitz dazu gekauft, die ich als Fauteuil benutze.
Und weil die Wohnung in der 16. Etage liegt (das Haus hat 18 Stock), kann ich über Paris schauen: Sacre-Coeur, Notre-Dame, Arc-de-Triomphe, Pantheon, Invalidendom. Nur der Eiffelturm wird durch ein Hochhaus verdeckt. Rechts von meinem Ausguck liegen die Hochhäuser von La Defense: Imposant, nachts unheimlich, dazwischen viele gepflasterte Flächen, wenig Grün, autogerecht, doch das Zentrum ist den Fußgängern vorbehalten. Unter der Woche strömt das Heer der Büroleute herbei; in dem Riesen-Einkaufszentrum wimmelt's wie bei den Ameisen. Am Sonntag ist das Quartier tot bis auf ein paar verirrte Touristen, die La Grande Arche besichtigen wollen, das Riesentor in Verlängerung von Louvre - Arc-de-Triomphe.
Die Schottin, die auch ein Zimmer in meiner ersten Wohnung hatte, hat mir bei der Suche geholfen, indem sie für mich telefoniert hat. Am 25. Juni mußte ich die alte Wohnung verlassen - so war es vereinbart. Da ging es darum, rechtzeitig was Neues zu finden. Ich wollte ja nicht zu viel zahlen, aber was mir in der Stadt für 750 DM angeboten wurde, war unzumutbar; da mochte man nicht mal ein Tier hausen lassen. Hier muß ich 1050 DM zahlen + Strom und heißes Wasser. Die Suche hat schon Nerven gekostet. In der letzten Juni-Woche war Bernd hier, um innerhalb seiner europa-weiten Firma Fußball zu spielen. Da haben wir uns ein Hotelzimmer gemietet.
Seit Anfang Juli  - die Schule war am 23.6. zuende - treffe ich mich viermal pro Woche für je eine Stunde in einem Café mit einer jungen Lehrerin der Schule zwecks Konversation. Sie hört mir geduldig zu und spricht langsam, damit ich sie verstehe, aber sie kann das Ruder auch nicht rumreißen. Immerhin ist sie jemand, mit der ich schnacken kann (außer den Kellnern). Aber seltsamerweise: Wir bereden auch schwierige Themen. Ich muß dann ab und an meinen Übersetzer zur Hilfe nehmen. Jedenfalls kommt es rüber, was wir über Theater, Urlaub, Ehe, Militär und vieles mehr denken.
An einem Wochenende habe ich Harald mit Familie in der Normandie besucht, wo sie in Schwiegersohn Klaus' Ferienwohnung (einem Bunker vom Atlantik-Wall) Urlaub machten.
Am 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag, stand ich 1 ½ Stunden vor Beginn in der ersten Reihe auf den Champs-Elysées, um die Parade abzunehmen. Um 10 Uhr fuhr Präsident Chirac in offenem Wagen an den verschiedenen Truppen vorbei, die sich daraufhin in Marsch setzten Richtung Place de la Concorde, gefolgt von Militärfahrzeugen aller Art; in der Luft einige Flugzeugstaffeln.
Nachmittags Picknick an langen Tischen, die sich durch die ganze Stadt zogen (die Straßen dafür waren für den Verkehr gespertt)) und auch durch das Land längs des "grünen Medridians", wo man letzten Herbst in einer Aktion tausende von Bäumen gepflanzt hat.
Abends ein beeindruckendes Feuerwerk vor dem Eiffelturm.
Letzten Sonntag: Die letzte Etappe der Tour de France, 138 km in Paris. Elfmal mußten die Fahrer dabei die Champs-Elysées rauf und runter. In der dritten Reihe  konnte man noch gut sehen. Die ersten Zuschauer am Ziel ließen sich dort schon 4 Stunden vor Beginn des Rennens auf Klappstühlen und mit Picknick-Koffer nieder. Nach Ende fuhren die Equipes nacheinander an uns vorbei, zum Schluß die amerikanische mit Lance Armstrong. Zabel  konnte ich am grünen Trikot erkennen, doch Ulrich ist unerkannt an mir vorübergefahren.
Vormittags durften schon 12000 Amateure ab 13 Jahren eine 28 km lange Strecke fahren. Es dauerte eine halbe Stunde, bis alle vorüber waren. Eine Viertelstunde nachdem die Letzten verschwunden waren, kamen die ersten schon wieder an.
Ansonsten weiterhin Theater, Konzerte, Stadtführungen, Museen.
Kurz vor Redaktionsschluß (dieses Briefes) noch ein bemerkenswertes Ereignis: Freitagabend komme ich nach Mitternacht vom Restaurant Kitélé, wo im Kellergewölbe Musik vom Balkan von einer 5-Personen-Gruppe gespielt wurde, und gehe die Treppe hinab zur Metro-Station Strasbourg-Saint Denis, als mich plötzlich ein Kerl von hinten packt und zu Boden reißt und anfängt, meine Taschen zu durchsuchen. Ich versuche mich zu wehren, doch ein Zweiter kommt hinzu, und ich resigniere. Die Beute: Etwa 400 F (= 120 DM), mein Fotoapparat, den ich diesen Abend ausnahmsweise dabei hatte, meinen elektronischen Übersetzer und die Schlüssel. Fahrkarte und Kreditkarte waren in einer Extrahosentasche mit Reißverschluß gut aufgehoben. Zehn Meter weiter in der Empfangshalle der Metro waren noch viele Leute.
Ich bin dann in La Defense zur Polizei gegangen, um eine Anzeige zu erstatten (auf französisch!). Um ½ 3 in der Nacht mußte ich meinen Hauswirt wecken, der in der Nähe wohnt, und ihn um seine Schlüssel bitten. Dieser hatte bei meinem Einzug gefordert, daß ich eine Versicherung abschließe. Danach wird mir augenscheinlich der Verlust erstattet.
Wenn ich jetzt auch das Handtuch werfe: Es ist nicht so, daß ich hier "umsonst" war.  5 Monate in dieser Stadt zu leben ist schon ein Ereignis. Und jetzt weiß ich, wie mein Traum ausgegangen ist und bin's zufrieden.

[Dieser Text ist ein Nachtrag zu dem Tagebuch Prostatakrebs.]

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