Zwei Dinge
kamen zusammen:
1). Der Hauswirt
hat hier in der Wohnung noch etwas in Ordnung gebracht. Dabei hatte ich
Mühe, ihn zu verstehen, und er wich ins Englische aus. Andererseits
bat er mich zu wiederholen, was ich auf Französisch formuliert hatte,
was ihm aber wohl spanisch vorkam. So ist es nach vier Monaten Paris, und
das soll sich bis Weihnachten bessern? Das kann ich nicht glauben, wenn
ich zunächst auch davon ausgegangen war, daß es ein halbes Jahr
braucht bis zum Verstehenkönnen. Mirfehlt die Leichtigkeit und Unbekümmertheit,
auf andere zuzugehen, die Kontaktfreudigkeit. Und vieles, was ich von außen
aufnehmen müßte, fliegt wegen meiner Inmichgekehrtheit an mir
vorbei. Da nützen keine Ratschläge, so bin ich nun mal gebaut.
Und Vokabeln zu behalten, war schon immer nicht leicht, ich merke es wieder.
2). Ich fuhr
mit dem Bus über den Place de la Concorde und sah die vielen Touristen,
meist Paare. Da habe ich gedacht: Ist es nicht besser, das Geld, das ich
hier noch ausgeben würde zum - allein - Wohnen, dafür zu verwenden,
in Zukunft einige Male eine einwöchige Reise nach Paris zu machen
- zu zweien.
So habe ich also
meine Wohnung zum 31. August gekündigt, die ich gerade am 1. Juli
bezogen habe. (Ich wollte hier ursprünglich bis Dezember bleiben.)
Sie liegt in Courbevoie, einer Stadt unmittelbar hinter der westlichen
Grenze von Paris, 10 Geh-Minuten von der Metro-Endstation der Linie M1:
La Défense. Es ist ein Appartement, hier Studio genannt, mit einem
Raum 4 x 5 m, Balkon davor, ein Bad mit Dusche und eine in einen Schrank
eingebaute Küche mit Kühlschrank, Herd und Geschirr. Die Ikea-Einrichtung
ist neu, das Sofa kann man zum Doppelbett ausziehen. Ich habe mir einen
Liegestuhl und einen Klappsitz dazu gekauft, die ich als Fauteuil benutze.
Und weil die
Wohnung in der 16. Etage liegt (das Haus hat 18 Stock), kann ich über
Paris schauen: Sacre-Coeur, Notre-Dame, Arc-de-Triomphe, Pantheon, Invalidendom.
Nur der Eiffelturm wird durch ein Hochhaus verdeckt. Rechts von meinem
Ausguck liegen die Hochhäuser von La Defense: Imposant, nachts unheimlich,
dazwischen viele gepflasterte Flächen, wenig Grün, autogerecht,
doch das Zentrum ist den Fußgängern vorbehalten. Unter der Woche
strömt das Heer der Büroleute herbei; in dem Riesen-Einkaufszentrum
wimmelt's wie bei den Ameisen. Am Sonntag ist das Quartier tot bis auf
ein paar verirrte Touristen, die La Grande Arche besichtigen wollen, das
Riesentor in Verlängerung von Louvre - Arc-de-Triomphe.
Die Schottin,
die auch ein Zimmer in meiner ersten Wohnung hatte, hat mir bei der Suche
geholfen, indem sie für mich telefoniert hat. Am 25. Juni mußte
ich die alte Wohnung verlassen - so war es vereinbart. Da ging es darum,
rechtzeitig was Neues zu finden. Ich wollte ja nicht zu viel zahlen, aber
was mir in der Stadt für 750 DM angeboten wurde, war unzumutbar; da
mochte man nicht mal ein Tier hausen lassen. Hier muß ich 1050 DM
zahlen + Strom und heißes Wasser. Die Suche hat schon Nerven gekostet.
In der letzten Juni-Woche war Bernd hier, um innerhalb seiner europa-weiten
Firma Fußball zu spielen. Da haben wir uns ein Hotelzimmer gemietet.
Seit Anfang Juli
- die Schule war am 23.6. zuende - treffe ich mich viermal pro Woche für
je eine Stunde in einem Café mit einer jungen Lehrerin der Schule
zwecks Konversation. Sie hört mir geduldig zu und spricht langsam,
damit ich sie verstehe, aber sie kann das Ruder auch nicht rumreißen.
Immerhin ist sie jemand, mit der ich schnacken kann (außer den Kellnern).
Aber seltsamerweise: Wir bereden auch schwierige Themen. Ich muß
dann ab und an meinen Übersetzer zur Hilfe nehmen. Jedenfalls kommt
es rüber, was wir über Theater, Urlaub, Ehe, Militär und
vieles mehr denken.
An einem Wochenende
habe ich Harald mit Familie in der Normandie besucht, wo sie in Schwiegersohn
Klaus' Ferienwohnung (einem Bunker vom Atlantik-Wall) Urlaub machten.
Am 14. Juli,
Frankreichs Nationalfeiertag, stand ich 1 ½ Stunden vor Beginn in
der ersten Reihe auf den Champs-Elysées, um die Parade abzunehmen.
Um 10 Uhr fuhr Präsident Chirac in offenem Wagen an den verschiedenen
Truppen vorbei, die sich daraufhin in Marsch setzten Richtung Place de
la Concorde, gefolgt von Militärfahrzeugen aller Art; in der Luft
einige Flugzeugstaffeln.
Nachmittags Picknick
an langen Tischen, die sich durch die ganze Stadt zogen (die Straßen
dafür waren für den Verkehr gespertt)) und auch durch das Land
längs des "grünen Medridians", wo man letzten Herbst in einer
Aktion tausende von Bäumen gepflanzt hat.
Abends ein beeindruckendes
Feuerwerk vor dem Eiffelturm.
Letzten Sonntag:
Die letzte Etappe der Tour de France, 138 km in Paris. Elfmal mußten
die Fahrer dabei die Champs-Elysées rauf und runter. In der dritten
Reihe konnte man noch gut sehen. Die ersten Zuschauer am Ziel ließen
sich dort schon 4 Stunden vor Beginn des Rennens auf Klappstühlen
und mit Picknick-Koffer nieder. Nach Ende fuhren die Equipes nacheinander
an uns vorbei, zum Schluß die amerikanische mit Lance Armstrong.
Zabel konnte ich am grünen Trikot erkennen, doch Ulrich ist
unerkannt an mir vorübergefahren.
Vormittags durften
schon 12000 Amateure ab 13 Jahren eine 28 km lange Strecke fahren. Es dauerte
eine halbe Stunde, bis alle vorüber waren. Eine Viertelstunde nachdem
die Letzten verschwunden waren, kamen die ersten schon wieder an.
Ansonsten weiterhin
Theater, Konzerte, Stadtführungen, Museen.
Kurz vor Redaktionsschluß
(dieses Briefes) noch ein bemerkenswertes Ereignis: Freitagabend komme
ich nach Mitternacht vom Restaurant Kitélé, wo im Kellergewölbe
Musik vom Balkan von einer 5-Personen-Gruppe gespielt wurde, und gehe die
Treppe hinab zur Metro-Station Strasbourg-Saint Denis, als mich plötzlich
ein Kerl von hinten packt und zu Boden reißt und anfängt, meine
Taschen zu durchsuchen. Ich versuche mich zu wehren, doch ein Zweiter kommt
hinzu, und ich resigniere. Die Beute: Etwa 400 F (= 120 DM), mein Fotoapparat,
den ich diesen Abend ausnahmsweise dabei hatte, meinen elektronischen Übersetzer
und die Schlüssel. Fahrkarte und Kreditkarte waren in einer Extrahosentasche
mit Reißverschluß gut aufgehoben. Zehn Meter weiter in der
Empfangshalle der Metro waren noch viele Leute.
Ich bin dann
in La Defense zur Polizei gegangen, um eine Anzeige zu erstatten (auf französisch!).
Um ½ 3 in der Nacht mußte ich meinen Hauswirt wecken, der
in der Nähe wohnt, und ihn um seine Schlüssel bitten. Dieser
hatte bei meinem Einzug gefordert, daß ich eine Versicherung abschließe.
Danach wird mir augenscheinlich der Verlust erstattet.
Wenn ich jetzt
auch das Handtuch werfe: Es ist nicht so, daß ich hier "umsonst"
war. 5 Monate in dieser Stadt zu leben ist schon ein Ereignis. Und
jetzt weiß ich, wie mein Traum ausgegangen ist und bin's zufrieden.
[Dieser Text
ist ein Nachtrag zu dem Tagebuch Prostatakrebs.]
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