Das "Hamburger Abendblatt" im Visier
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Das "Hamburger Abendblatt" hat im Raum Hamburg bei den Familienanzeigen praktisch ein Monopol.
Dies mag verdient sein, begründet in meinen Augen aber auch eine gewisse Verpflichtung.
Nur über eine Todesanzeige im Abendblatt kann man praktisch alle Haushalte direkt oder indirekt
erreichen, so daß jeder von dem Ableben erfährt, darunter auch diejenigen, die man nicht selbst,
gleich aus welchen Gründen, direkt kontaktieren kann.

Nun hat das Abendblatt zwar nicht grundsätzlich eine Todesanzeige für meine Mutter abgelehnt,
das wäre ja noch schöner, aber ich hätte nur eine zensurierte, die nicht meinen
Wünschen und Vorstellungen entsprach, hineinbekommen. Und zwar ohne den Hinweis auf den
Nachruf (Huldigung, Würdigung, Hommage, oder wie immer man es nennen will), den
meine Mutter nachweislich verdient hat.

Wie sollen die Hamburger davon erfahren? Kein Hinweis in der Todesanzeige, kein Angebot des
H.A. in anderer Richtung (etwa der Vorschlag einer getrennten Anzeige hierfür oder das
Angebot eines Nachrufs im redaktionellen Teil). Mir bliebe als einzige (für einen Privatmann unerschwingliche!)
Möglichkeit ~~~ die Postwurfsendung an alle Haushalte...

Stellen Sie sich die Kosten einer so umfangreichen und aufwendig gestalteten Drucksache und
Postwurfsendung bloß vor!

Außerdem wäre sie ja nicht fertig, und ebenso ist die für mich finanziell einzig mögliche Internet-Version
noch längst nicht fertig, wie vorauszusehen war. Deshalb wäre es so sinnvoll und nötig gewesen, in der Anzeige selbst,
also zeitnah, sowie im räumlichen und gedanklichen Zusammenhang,
auf das spätere Erscheinen hinzuweisen.

Keine andre Zeitung hatte mit diesem Hinweis ein Problem.

Aber die sind wohl auch nicht so vert.

Dieser hausbackene Kleingeist und diese Zurückgebliebenheit auf einem altbackenen politischen Niveau, zumal in den Farben Rot-Weiß-Schwarz, können mich mal.
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Hier nun zuerst der Brief per Fax, mit dem ich dem H.A. mitgeteilt hatte, daß ich mich deren Wunsch auf Zensur nicht beuge (die Wiedergabe hier entspricht nicht ganz dem Original, was das Layout und die Schriftart angeht):
 
 
 

C h r i s t i a n    B u t t e r b a c h

Postfach 11 21 21
D-20421 Hamburg
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Telefon (0 40) 37 50 17 60
Telefax (0 40) 37 50 17 69
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05. September 2001
 

Hamburger Abendblatt
Anzeigen-Annahme
Telefax 0 40/33 39 35 10
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich ziehe hiermit meinen Anzeigenauftrag vom 31. August für die folgende Todesanzeige
 
Christian Butterbach trauert um seine über alles geliebte Mutter

Frau Anne Berthe Becker
zusammen mit meinem Vater, Georges Butterbach†, aktive Luxemburger Widerstandskämpferin gegen das Nazi-
Regime
geboren in Lintgen (Großherzogtum Luxemburg) am 4. August 1906
gestorben in Hamburg am 7. August 2001, in ihrem 96. Lebensjahr

Die Beerdigung im Familiengrab hat am 16. August in engstem Kreis auf dem Friedhof Luxemburg-Hollerich 
stattgefunden.
Eine Huldigung an ihre Person wird zu einem späteren Zeitpunkt auf www.exterritorial.net erscheinen.
Rödingsmarkt 25, D-20459 Hamburg.

zurück, es sei denn, Sie haben sich inzwischen doch dazu entschlossen, sie gänzlich unverändert zu
veröffentlichen.

Ich habe diese Anzeige vielen sehr unterschiedlichen Leuten gezeigt; kein einziger hatte daran was auszusetzen.
Sie haben mir kein einziges Argument geliefert, weshalb Sie die Anzeige nur ohne den Hinweis auf die Huldigung
bringen wollen. Sie haben mir nur gesagt, daß Sie sie nur ohne diesen Satz veröffentlichen wollen. Ich sehe nicht
ein, weshalb man meiner Mutter diese verdiente Huldigung verweigern sollte. Hier beispielhaft eine unter den
vielen Reaktionen meiner "Testpersonen" (aus einer erhaltenen E-Mail):

"wir haben eben die Anzeige im Text gelesen und sehen da keinen Grund für eine
Nichtveröffentlichung.
Der Hinweis auf einen aktiven Widerstand gegen die Nazis ist berechtigt,
allein weil solche Haltungen Respekt und Erinnerungen verdienen.
Sodann, wenn ich mich recht erinnere, las ich Traueranzeigen, in denen wurde
auf Auszeichnungen, Dienstgrad in der Wehrmacht usw. verwiesen.
Viele Grüße
Uwe und Irmgard" [Tippfehler von mir korrigiert]

Ich habe übrigens aus Luxemburg amtliche Bescheinigungen angefordert, die die Eigenschaft meiner Eltern als
Widerständler belegen. Diese gehen mir bald zu, leider mit etwas Verzögerung wegen Urlaubszeit und
Krankenstand. Außerdem sind einige entsprechende Dokumente in meinem Besitz, die ich Ihnen vorzeigen
könnte.

Bemerken möchte ich zudem, daß es sich bei dieser Website nicht um eine kommerzielle Website handelt,
sondern um eine private. Das kann ich beweisen. Diese Huldigungszeile ist also keine Werbung. Sie wörtlich so
außerhalb der Todesanzeige und der Todesanzeigenseite als Werbeinserat zu veröffentlichen würde keinen Sinn
ergeben.

Mit mir reden ließe ich nur folgendermaßen:

Ich würde es z.B. akzeptieren, daß der etwas altmodische Ausdruck Huldigung durch Hommage oder Würdigung
ersetzt wird. Statt www.exterritorial.net könnte www.butterbach.net da stehen, falls Sie meinen, daß das
persönlicher, privater wirkt. Beide Adressen führen zu selben Seite. Auch könnte statt der Website, auf deren
Homepage ein Verweis auf die Seite sich befindet, die in Frage kommende Seite direkt als
www.butterbach.net/hommage.htm oder http://www.butterbach.net/hommage.htm angegeben werden (bzw. mit
exterritorial statt butterbach). Die Seite war zum Zeitpunkt des Abschickens meines Anzeigenauftrags noch nicht
benannt gewesen, erst paar Minuten später.

Der Hinweis auf die Eigenschaft als Widerstandskämpferin unter dem Namen ließe sich natürlich auch noch
anders formulieren. Es ist übrigens nicht meine erste Version, sondern die zweite. Ich erwarte gerne Ihren
besseren Vorschlag.

Voll verantwortlich für den Anzeigentext bin eigentlich nur ich, da ich mit Namen und Adresse genannt bin.
Möchten Sie eine Mitverantwortung Ihrerseits ganz ausschließen, könnten Sie mich ein entsprechendes Papier
unterschreiben lassen, so wie Sie es für Parteien tun.

Darf ich Sie darauf hinweisen, daß eine entsprechende Anzeige bereits letzten Samstag im "Luxemburger Wort"
(eine Zeitung, die sicher nicht linker angesiedelt ist als die Ihren) erschienen ist, ohne daß man da die Zeile mit der
Huldigung auf der Website beanstandet hätte. Der Auftrag erging am Freitag per Fax und die Anzeige erschien
prompt am Samstag ohne Rückfrage. Außerdem haben zwei weitere deutsche Tageszeitungen die Anzeige
ebenfalls ohne Veränderung angenommen.

Sollten Sie es nicht hinkriegen, etwas flexibler zu sein, müssen Sie sich nicht über eventuelle Folgen wundern, die
vielleicht nicht ganz erwünscht sind.

Mit freundlichen Grüßen
 
 

Christian Butterbach

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Am selben Tag erhalte ich von einem Freund aus Berlin per E-Mail die folgende Antwort auf eine Anfrage meinerseits:
 

Lieber Christian,

ja, ich habe das von Dir gesuchte Buch, musste aber auch etwas suchen,
überlegen wo. Gut, dass Du es auch gefunden hast. Auf Seite 53 ist B.
Butterbach-Becker erwähnt. (Ist das Deine Mutter?) Die Autorin ist Charlotte
Michaux.
Mein Exemplar habe ich übrigens von Dir im Juli 1987 geschenkt bekommen.

Schicke mir gern die Traueranzeige für Deine Mutter. Heute abend hatte ich für
sie eine Kerze in meinem Zimmer brennen.

Was führt das prüde Abendblatt an? Wobei soll ich Dir Tipps geben?

Herzliche Grüße
Hajo
 

Der hier interessierende Teil meiner Antwort:
 

|Was führt das prüde Abendblatt an? Wobei soll ich Dir Tipps geben?

CB: Ich habe Dir meine zwei Briefe an das HA gerade zugefaxt. Schriftlich haben die sich natürlich nicht geäußert. Der Chef der Anzeigenabteilung, ein Herr Schröder oder Schroeder, hat mich, nachdem eine Mitarbeiterin nicht sicher war, ob sie die Anzeige veröffentlichen dürfe, angerufen und gesagt, man könne die Anzeige nur ohne die Huldigungszeile veröffentlichen, ohne mit Argumenten aufzuwarten. Dann hat er noch extra betont, daß sie ja die Widerstandszeile unter dem Namen bringen würden - das klang aber wie ein besonderes Entgegenkommen, für das ich wohl besonders dankbar zu sein habe, was ein Hinweis dafür ist, daß diese Zeile ihnen eigentlich nicht in den Kram paßt. Das läßt tief blicken.

Ich habe daraufhin die taz angerufen, die bringen die Anzeige unverändert am Samstag (wohl nur in der Hamburg-Ausgabe, die ist anscheinend im Internet abrufbar, sagt Marcus). Die hatten viel Interessantes zu erzählen über das HA und deren Praxis mit abgelehnten Todesanzeigen. Eine ihrer Redakteurinnen, Frau Spanner, war gerade dabei, einen Artikel darüber vorzubereiten. Wird mich wohl noch interviewen. Näheres dazu vielleicht bei einem Telefonat.

Die MOPO schien zuerst auch begeistert, der Springer-Presse eins auszuwischen. Ich hatte wie bei der taz vorgeschlagen, einen Hinweis zu bringen, daß die Anzeige vom HA abgelehnt worden sei. Inzwischen wollen sie die Anzeige aber nur veröffentlichen, wenn ich ihnen Beweise für die Widerstandstätigkeit meiner Eltern liefere. Denen sitzen wohl noch die Hitler-Tagebücher im Nacken... :-)

Nun, ich war gestern bei denen und sie haben sich die Seiten aus dem Buch Schwere Wege fotokopiert sowie zwei Ausweise meiner Eltern, die ich gottseidank mit viel Mühe dann doch noch schnell genug unter meinen Unterlagen wiederfinden konnte. Der Ausweis meiner Mutter bezeugt ihre Mitgliedschaft als Gründungsmitglied (Nr. 8 !) in einer der Widerstandsorganisationen (Cercle National). Der Ausweis meines Vaters bezeugt die Mitgliedschaft im Verband aller Widerstandsorganisationen als beigeordneter Gruppenchef eines Distrikts. Der Ausweis ist dreisprachig, englisch, französisch, luxemburgisch, in _der_ Reihenfolge, kein Deutsch!!! Die Titelseite ist allerdings auf luxemburgisch. ("UNIO'N vun de Letzeburger Freihétsorganisatio'nen", "UNION of the Luxemburgish Resistance Organisations", "UNION des mouvements de résistance Luxembourgeois")

Ich habe sodann den Nationalen Widerstandsrat ("Conseil National de la Résistance") im Staatsministerium in Luxemburg kontaktiert. Leider waren da die Hauptleute zur Zeit im Urlaub oder krank. Man fand es einfach unglaublich, wie die Zeitungen hier reagiert haben (HA und Mopo), und sie meinten, sie müßten da was unternehmen, z.B. den Fall in ihrer hauseigenen staatlichen Zeitschrift RAPPEL (= Erinnerung) zur Sprache bringen. Man bat mich meine gesamte Korrespondenz mit den Zeitungen und alle sonstigen Unterlagen in dem Zusammenhang an sie weiterzuleiten. Sie würden in ihren Unterlagen nachforschen und mir amtliche Zeugnisse zustellen und weitere Unterlagen zukommen lassen. Leider würde es aber ein wenig dauern, weil sie durch Urlaub und Krankenstand unterbesetzt seien.

Das kann ja noch heiter werden. Das Abendblatt wird es vielleicht bereuen. Einige meiner Freunde meinten, man solle die Situation ausnutzen, denen Feuer unter den Hintern machen und einen möglichst großen Wirbel verursachen. Dafür habe ich ja auch meine Websites.

[Ich habe einige Tippfehler und einen sachlichen Fehler nachträglich im Text meiner E-Mail korrigiert.]
 
 

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Das amtliche Zeugnis vom Ministerium sowie weitere Unterlagen sind am 18.09.01 angekommen, weitere folgen vielleicht noch, und dann gibt es ja noch meine eigenen. All dies wird demnächst auf diesen Seiten veröffentlicht. Einen Teil finden Sie bereits hier und auf den Folgeseiten.

C.B. (01.10.01)

[wird eventuell fortgesetzt]