eigentümlich frei aktuell: Die Fernseh-Kritik
 

Die Außenseiter, Montag, 16.September, 21.00 Uhr, ARD, Deutschlands kleine
Parteien stellen sich zur Wahl, Moderation: Petra Lidschreiber und Johannes
Unger
 

Aber das ist Politik
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Neben den sechs großen Bundestagsparteien treten in diesem Jahr weitere 18
Parteien mit jeweils mindestens einer Landesliste zur Bundestagswahl an.
Nachdem die Fernsehzuschauer in hunderten zäher Wahlschau-Stunden und in
unzähligen Sondersendungen mit den sechs im Bundestag und in den
Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen TV-Sender vertretenen Parteien
vertraut gemacht wurden, war es 6 Tage vor der Wahl endlich soweit.
 

Die ARD zog sich das großzügige demokratische Mäntelchen an und stellte in
90 Minuten die 18 Außenseiter vor. Sechs von ihnen treten nur mit einer
einzigen Landesliste an und durften daher keinen Vertreter ins Studio
entsenden, in dem die 12 anderen sich vor einigen Dutzend brandenburgischen
Schülern jeweils genau eine Minute präsentieren durften bzw. mussten.
 

Die sechs also nur jeweils in 30-sekündigen Kürzestfilmchen vorgestellten
Parteien durften sich noch recht zurückhaltend, oft etwas belustigt als
Exoten präsentiert sehen, die "Bayernpartei" und das "Zentrum" als
krachlederne Bauerntölpel, die beiden spirituellen Parteien "Die Violetten"
und "Aufbruch" als missratene Grüne, die wohl noch ein wenig auf die Weide
gehen müssen, die "KPD" als Honecker-Nostalgie-Verein (was sie - traurig
aber wahr - tatsächlich ist) und die "PRG" als durchaus recht innovative
Rentenkritiker-Gang.
 

Die Vertreter der anderen 12 Parteien sollten zusätzlich jeweils eine Minute
frei reden und danach jeweils im Zweierpack für zwei Minuten hinterfragt
werden. Dabei spielte die mit Abstand bei der Wahl aussichtsreichste Partei
jedoch nicht mit. Ronald B. Schill boykottierte mit der nach ihm benannten
Partei die Farce, was aber die Verantwortlichen nicht davor zurückschrecken
ließ, seine Partei vorzustellen, als sei sie nur eine der sechs
erstgenannten Kleinstparteien mit Minimalwahlantritt.
 

Der Vertreter der "Tierschutzpartei" musste, denn nun waren es nur noch 11,
deshalb ganz alleine interviewt werden, während sich etwa die Vertreter der
"Bürgerrechtsbewegung Solidarität" und der "Christlichen Mitte" recht
amüsant streiten durften, wobei der christliche Fundamentalist dem Anhänger
der LaRouche-Sekte rhetorisch nicht das Wasser reichen konnte.
 

Wesentlich netter als diese beiden wurden in den jeweiligen Kurzfilmchen die
"Familien-Partei" sowie die feministische Partei "Die Frauen" vorgestellt.
Und siehe da, die beiden Kontrahenten waren durchaus redegewandt und
programmatisch interessant. Gab sich die - wie schon nach dem Kurzfilm zu
befürchten war - extrem unschöne und wohl allenfalls in einer lesbischen
Beziehung lebende Emanze als Speerspitze gegen den vermeintlich überall
lauernden "Neoliberalismus" und nicht zuletzt auch gegen die Familie, so
fiel der Vertreter der "Familien-Partei" mit originellen, teilweise recht
liberalen Ideen sogar den ausgewählten brandenburgischen Jugendlichen im
TV-Studio positiv auf.
 

Noch mehr Zustimmung im Saal ernteten lediglich "Die Grauen" durch die
burschikos-gewitzt auftretende, 77-jährige Trude Unruh, die den jungen
Vertreter der "Humanistische Partei" dadurch recht alt aussehen ließ. "Die
Republikaner" und die "Partei Bibeltreuer Christen" stritten darüber, ob die
Flutkatastrophe in Sachsen nun durch eine "solidarische Anstrengung des
deutschen Volkes" oder "durch Gebete" bekämpft und ob die in der BRD
lebenden Ausländer sich der "deutschen Leitkultur zu fügen" hätten oder
durch freundliches Missionieren zur "christlichen Umkehr" zu bewegen seien.
 

Neben dem Vertreter der "Familien-Partei" und der streitbaren grauen Dame
war der Vorsitzende der "Ökologisch-Demokratischen Partei" der
professionellste und innovativste und für Nicht-Nationalisten,
Nicht-Sozialisten und Nicht-Fundamentalisten wohl auch wählbarste Vertreter.
Er hatte nur das Pech, dass er mit dem Vorsitzenden der NPD am Stehtisch
parlieren musste. Und bei diesem standen den natürlich prompt
eingeblendeten, politisch-korrekt ausgewählten jugendlichen Studio-Statisten
die Haare zu Berge und der Ekel ins Gesicht geschrieben. Komisch, jede
Zufallswahl an einer ostdeutschen Schule hätte genau umgekehrt auch den
einen oder anderen ekelgesichtigen Unbehaarten mitsamt seinen
Springerstiefeln ins Studio getragen. Da aber hatte die ARD vorgesorgt. Hier
ekelte sich das Moderatorenteam gleich mit, sobald der NPD-Mann seine
peinlichen Parolen ("Deutsche Volksmusik muss gefördert werden") verkündete.
Die Vorzeige-Jugendlichen wurden dazu gleich zu Statements gebeten und gaben
pflichtgemäß ihren Abscheu gegenüber NPD und Republikanern preis.
 

Doch selbst im DDR-Fernsehen geschahen hin und wieder Dinge, die nicht
vorgesehen waren. Und siehe da, es passierte den ARD-Staatsfunkern inmitten
der Nachfragen bei der Schau-Jugend der entscheidende Fehler.
 

Denn eine nach der Vertreterin der Frauenpartei wohltuend attraktiv
aussehende Jugendliche meinte, dass sie den Vertreter der Tierschutzpartei
doch "ganz nett" finde. Der Moderator witterte sofort die Möglichkeit, einen
Quoten-Jugendlichen gefunden zu haben, der entgegen aller anderen bisherigen
Stimmen eine Kleinpartei, vor allem eine nicht zu brandmarkende, auch wählen
würde. Also fragte er nach. Und das nette Mädchen antwortete: "Nee, ganz
nett. Aber das ist Politik. Und ich steh nicht auf Politik!"
 

Der Moderator Johannes Unger wandte sich in Sekundenschnelle ab und schien
dann verwirrt. Hätte er jetzt nicht das Mädchen darauf hinweisen müssen,
dass Nicht-Wählen doch auch sehr böse ist? Aber sah sie mit ihrer Meinung
nicht sehr entschlossen aus? Hätte sie dann nicht möglicherweise sogar vor
laufender Kamera begründet, warum sie nicht wählt? Das hätte ihn
möglicherweise die Karriere kosten können. Denn wenn etwas in Vorwahlzeiten
bei ARD oder ZDF noch unverzeihlicher wäre als ein zu positiv sich
präsentierender "Rechtsausleger", so wäre es eine Stimme gegen die Politik
als solche. Denn schließlich sollte auch diese Sendung dazu dienen,
möglichst die Stimmen den etablierten Parteien aus den arbeitgebenden
Aufsichtsräten zuschanzen und bei jenen, die da partout nicht mitmachen,
wenigstens die korrekteren Kleinparteien zu protegieren und im übrigen zur
Wahl aufzurufen.
 

Dumm gelaufen. Denn trotz aller Anstrengung, zu der auch das Jazzorchester
gehörte, das jedesmal die Reden der Vertreter nach nur einer Minute
unerbittlich unterbrach (man stelle sich das einmal bei den Herren Schröder
oder Stoiber vor) und trotz der ausgewählten Jugendlichen, die
pflichtschuldigst die Kleinparteien belächelten (O-Ton: "Die reden ja gar
nicht über die Probleme der Jugend" - als wenn dazu auch nur ansatzweise die
Zeit gegeben worden wäre) und die jene bösen Kleinparteien nicht zuletzt
durch lautes Brüllen während der Rede kennzeichneten, konnte der
interessierte Beobachter durchaus mit doppeltem Erkenntnis-Gewinn für die
kommende Wahl aus der Sendung gehen:
 

Erstens sind "Familien-Partei", "Die Grauen" oder die "ödp" offensichtlich
nicht schlechter, mitunter origineller als CDU, FDP oder Grüne. Und zweitens
kann (auch) ein junger Mensch solche Vertreter ganz nett finden, ohne gleich
wählen gehen zu müssen. Denn an die Macht gewählt, würden sich all die kurz
vorgestellten, mehr oder weniger sympathischen Menschen nicht mehr
sonderlich von den gewohnten Vertretern der etablierten Parteien
unterscheiden (die Entwicklung der Grünen von einer Kleinpartei hin zu einer
etablierten hat dies vorgemacht). Sie würden dann auch mit in den
Fernsehaufsichtsräten und vor allem täglich im TV-Studio sitzen und einmal
in vier Jahren für 90 Minuten Sendungen wie diese konzipieren, in denen dem
Jazz-Orchester die meiste Sendezeit eingeräumt wird, um die lästige
Konkurrenz recht unterhaltsam vorzuführen. So lange, bis eines Tages das
Bundesverfassungsgericht sich mit der Rolle des öffentlich-rechtlichen
Fernsehens im Wahlkampf beschäftigt. Aber das ist Politik...

[von André F. Lichtschlag, Gründer und Herausgeber der
radikal-liberalen Zeitschrift eigentümlich frei - Freisinn Eigensinn
Eigentum: www.eifrei.de]

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Eine Wahl am Ende
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von Kaspar Rosenbaum
 

Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Für voraussichtlich vier lange Jahre. Die
BRDler haben sich eine neue Regierung gewählt: die alte. Es ist jene
Regierung, welche im besonderen Maße für das wohlfahrtsstaatliche "Weiter so"
steht, welche die dringendsten marktwirtschaftlichen Reformen in den
staatswirtschaftlichen Pleitebereichen Gesundheit, Renten, Sozialsysteme,
Landwirtschaft und Kohle weitere vier Jahre auf die lange Bank schieben
wird. Vier Jahre Durchwurschteln, bis sich dieses Land noch mehr jenen
Verhältnissen genähert haben wird, bei welchen das System dann kurz vor dem
totalen Zusammenbruch stehen wird - wie einst das Großbritannien kurz vor
der Wende durch Margaret Thatcher. Und dann wird sich auch hierzulande eine
eiserne Lady oder ein eiserner Lord um Wählerstimmen bemühen (um das System
als solches noch einmal zu retten), hieße er oder sie dann auch Angela
Merkel oder Friedrich Merz oder Guido Westerwelle oder Jürgen W. Möllemann
(oder z.B. Andreas Ullrich von "den Freien").
 

Das Hochwasser, die Irakpolitik und die Möllemann-Affäre ließen die meisten
Kommentatoren über die Krux der Wahl hinwegschielen: Es ist nämlich nicht
so, dass die nötigen marktwirtschaftlichen Reformen in den Augen der Wähler
durch oben genannte Nebenthemen keine Rolle mehr spielten. Vielmehr lehnte
auch der zweite Kanzlerkandidat Edmund Stoiber wirkliche Reformen dezidiert
ab und die FDP versprach, den einen oder anderen reformfeindlichen
Sozialdemokraten zum Kanzler zu wählen. Beides hielt die wenigen
Reformbefürworter eher von der Wahl ab (weshalb wohl auch die
Wahlbeteiligung trotz medialer Aufpeitschung zum "Herzschlagfinale" um mehr
als drei Prozentpunkte sank). Und die anderen Wähler, die meisten Wähler -
vor allem die im Osten - wollten "mehr Markt" und "weniger Staat" gerade
nicht!
 

Im alten Bundesgebiet landeten Union und FDP immerhin noch vor Rot-Grün,
doch der Osten wählte einmal mehr anders: Großzügiges Steuergeldverschenken
im Überschwemmungsgebiet, garniert mit einem verlogenen "Keinem wird es
schlechter gehen" hier, ein bisschen Antiamerikanismus dort und wie gesagt
vor allem das Versprechen, "neoliberale Reformen" zu vermeiden, dies ist das
Gemisch, welches SPD, Grünen und PDS im Osten satte 61,3 Prozent brachte.
(Und im übrigen der NPD mit ähnlichen Parolen zusätzlich 1,2 Prozent, im
Gegensatz zu westdeutsch-kümmerlichen 0,3 Prozent). Der Osten wählte "weiter
so"!
 

Und insgesamt? Die rot-grüne Regierung erreichte BRD-weit 47,1 Prozent der
Stimmen. Das sind bei einer Wahlbeteiligung von nur noch 79,1 Prozent gerade
37,3 Prozent der Wahlberechtigten. Aus demokratischer Sicht müsste dieses
Ergebnis erschütternd sein. Wie tief wäre erst die Wahlbeteiligung gesunken,
wenn es eine "gewöhnliche Wahl" ohne "Herzschlagfinale" gewesen wäre?
 

Es wird sich zeigen, ob die Bundesbürger in vier Jahren unter noch
verschlechterten Bedingungen bereit sein werden, wirkliche Reformen zu
wählen. Wenn ja, dann war diese Wahl aus liberaler Sicht einfach nur ein
nötiger Zwischenschritt und am Ende hätte besser noch der Regierungseintritt
der PDS gestanden. Eher ist aber zu befürchten, dass gerade die Ostdeutschen
mehr Eigenverantwortung niemals wollen werden und lieber dahin weiter
zurückgehen, wo sie einst herkamen: in eine marode sozialistische
Planwirtschaft, die sich in vielerlei Hinsicht dem Niveau der Dritten Welt
noch weiter nähern wird. In diesem kuschelig-armseligen Land wird dann mehr
denn je hoch politisiert ein jeder auf Kosten des anderen leben (die
Bürokraten auf Kosten der Bergarbeiter auf Kosten der Arbeitslosen auf
Kosten der Bauern auf Kosten der Ärzte auf Kosten der Krankenkassen auf
Kosten der Rentner auf Kosten der Steuerzahler) und über "die da oben, die
Korrupten, die Bürokraten" kräftig schimpfen, ohne sich zum Preis von mehr
Eigenverantwortung wirklich dagegen aufzulehnen. Denn zeigen nicht gerade
die Wahlergebnisse in Wuppertal und Köln, wo die  Korruptions- und
Klüngelpartei SPD erneut die Direktmandate gewann, dass selbst im tiefsten
Westen die meisten Menschen lieber grummelnder Untertan bleiben wollen, als
auch nur Courage zu beweisen?
 

Vor diesem Hintergrund muss neu überlegt werden, ob der Liberalismus und die
(immer zweifelhafter werdende) Demokratie wirklich Partner sind oder ob -
wie der libertäre Hans-Hermann Hoppe in seinem amerikanischen Bestseller
"Democracy - the God that failed" vermutet - die demokratische Herrschaft
des Pöbels letztlich und endlich der Totengräber der individuellen Freiheit
sein wird. Ist es schon an der Zeit, die Systemfrage zu stellen?

[Quelle: Medienmeldung der Zeitschrift eigentümlich frei - Freisinn Eigensinn
Eigentum: www.eifrei.de]

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