Die Wahrheit nicht haben, sondern sein!
(A. Ruest)
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eine Buchrezension von Jan Koch


Anselm Ruest: Zum wirklichen Individuum
Herausgegeben von Hartmut Geerken im Aisthesis Verlag
ISBN 3-89528-374-6  €12,80

Da suchen zwei auf den Spuren eines vergessenen Dichters und stoßen dabei unerwartet auf eine andere, nicht minder interessante Persönlichkeit.

Hartmut Geerken und Sigrid Hauff sind in Südfrankreich auf der Fährte von V. Hadwiger unterwegs und suchen dessen Nachlaß im Erbe Anselm Ruests, der die Schriften Hadwigers nach dessen Tod in seine Obhut nahm.

Nachdem sie Ruests Tochter in Avignon aufgespürt haben, führt diese die beiden in das Haus, in dem ihre Familie vor dem Tod ihres Vaters gelebt hatte. In einer Abstellkammer werden sie fündig. Von Mäusen zerwühlt und vom Zahn der Zeit benagt, finden sie das geistige Erbe Anselm Ruests.

Eigentlich sollten die Papiere in den Müll wandern, doch die beiden nehmen sie mit und lesen die brüchigen Blätter. Dabei entdecken sie auch das hier vorliegende Typoskript Ruests, jedenfalls das was davon noch erhalten ist. Es war von Ruest als Teil eines größeren Werkes geplant, das auf Grundlage von Stirners "Der Einzige und sein Eigentum" ein System des Personalismus ausarbeiten sollte.

Eine genaue zeitliche Einordnung des Typoskriptes in das Schaffen des Expressionisten scheint unmöglich. (Zur Information über seine ungefähre zeitliche Einbettung und zur Vita Anselm Ruests, befindet sich ein kurzer Lebenslauf mit Kommentaren Ruests im Anhang.)

Die dem Buch zugrunde liegende Fragestellung betrifft das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv und wie dieses sich optimal gestalten könnte.

Ruest sucht die Lösung dieses Konfliktes immer im Einzelnen, dem In-dividuum.

Für ihn gestaltet sich dieses im Laufe der Geschichte zu einer immer klareren Einzelpersönlichkeit aus und gerade dadurch wird es in seinen Augen irgendwann einmal fähig sein, wirkliche soziale Beziehungen einzugehen.

Es bewegt sich damit außerhalb der gängigen Schwarz-Weiß-Lösungen.

Er fragt, ob überhaupt grundsätzlich ein Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft bestehen muß. Ein Mensch kann ja durchaus aus ur-eigenem Antrieb zur Assoziation mit anderen streben und das Wohl der Gesamtheit über sein eigenes Wohlergehen stellen. Hier bricht die starre Differenz zwischen Einzelnem und Kollektiv auf.

Schon die Selbstdefinition des Ichs, in der es sich vom Rest der Welt abgrenzt, ist ja keine vollständig autonome Tat, sondern eine Grenzziehung, die auf das Objekt ihrer Abgrenzung ("die Anderen") angewiesen ist.

Am Beispiel des dionysischen Mythos versucht Ruest zu zeigen, wie die Spaltung des Einzelnen überwunden werden kann. (Er hält dieses Modell selbstverständlich nicht für allgemeinverbindlich.) Ein "radikales Zusammenpressen in die Gegenwart" verbunden mit der Erkenntnis, daß ich ein Selbe bin, derselbe wie der Andere, der wieder selbst ist, soll es dem Individuum ermöglichen, den uralten Konflikt zwischen Ich und Welt aufzulösen.

Im von Geerken angefügten zweiten Teil, den "Prolegomena zum Personalismus" (den man auch separat über das Max-Stirner-Archiv bestellen kann) versucht Ruest eine personalistische Metaphysik aufzubauen, wobei er gleichzeitig die bisherige Suche der Menschen nach absoluter und allgemeinverbindlicher Wahrheit mit ätzendem Spott überzieht.

Was geschähe auch, wenn heute einer "die Wahrheit" fände, könnte man, wollte man damit überhaupt leben? Wieviel Systeme, Existenzen und wieviel Hoffnung würden zugrunde gehen?

Es ist nach Ruest allemal besser, nicht "die Wahrheit" zu haben, sondern seine eigene Wahrheit zu sein, zumal es sowieso unmöglich ist, auch nur die Wahrheit der eigenen Person als Ganzes in Worten auszudrücken.

Wenn es keine objektive Wahrheit und daher auch keine allgemeinverbindlichen Gesetze gibt, schließt sich daran u.a. die Erkenntnis an, daß Geschichte heute beginnt und zwar so, wie wir sie anpacken!

Copyright © 2004 Jan Koch



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