Sex, Drugs & eine schwarze Ledertasche
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eine Buchrezension von Jan Koch


Hartmuth Malorny: Die schwarze Ledertasche, erschienen im Verlag der Max Stirner Gesellschaft Leipzig. ISBN 3-933287-54-5 €15,90

Die neuere deutsche Literatur ertrinkt in einer Memoiren- und Biographienflut. Zwanzigjährige fühlen sich berufen ihre Lebenserinnerungen zu schreiben, oder ihre verkorkste Jugend in verkorksten Romanen unter die Leute zu bringen. Das ist auch der Grund für die Kurzlebigkeit vieler neu entdeckter literarischer "Größen", zwei, drei gute Romane und der Stoff des eigenen Lebens ist verarbeitet und die Inspiration ist verbraucht.

Eine Ausnahme von dieser Regel wünsche ich mir für Hartmuth Malorny. Sein Debüt "Die schwarze Ledertasche" ist eine Autobiographie ganz anderer Art, als die im Augenblick so gefragten Glamour-Stücke aus der Glitzerperlen-Welt.

Es sind die Erinnerungen eines Menschen, den unsere Gesellschaft sicher gerne in die Schublade der "gescheiterten Existenz" packt.

Ein Arbeitsloser, Vorbestrafter erzählt wie er sich bei den Dortmunder Stadtwerken bewirbt und Straßenbahnfahrer wird, während er sich gleichzeitig mit den gängigen Alkoholika eingehender beschäftigt.

Ein Leben zwischen den Erpressungen, die eine erfolgssüchtige Zeit denjenigen zumutet, von denen sie glaubt, daß sie sich nicht wehren können, und "künstlichen Paradiesen". Sehr lakonisch und mit viel Distanz beschreibt sich Malorny in dieser Tretmühle selbst.

Beim Lesen blieb mir jedoch das Lachen manchmal im Halse stecken, wenn ich mir überlegte, wie elend ein solches Leben ist. Ich kenne einige Menschen, die ihren Alkoholismus ebenfalls nie verheimlicht und sich selbst darin karikiert haben, das kann sehr witzig sein, geht aber meist auf Kosten der Ehrlichkeit. Zwar erwähnt Malorny auch sein Leiden, doch wirkt er dabei auf mich noch distanzierter als er ohnehin schon ist, jeder Quickie wird von ihm ausführlicher beschrieben. Nun hat ja niemand die Pflicht, "ehrliche" Memoiren zu schreiben, im Gegenteil, viele Geschichten werden durch kleine "Beigaben" interessanter, bei Malorny empfinde ich das aber anders. So geht dem Buch eine ganze Dimension verloren, denn ein solches Leben bietet einen Tiefgang durch die permanente Angst vor der totalen Katastrophe, die vielen "normal funktionierenden Zeitgenossen" fremd ist.

Seine Sprache und die beschriebene Handlung wirken auf mich besonders stark wo er versucht sich in andere hineinzuversetzen und er sie und sich selbst in einem System gegenseitiger Ausbeutung beschreibt, an dem er zwar innerlich nicht teilnimmt, aber in dem er dennoch irgendwie mitspielt.

Er schildert ausführlich seinen ersten Urlaub in seiner Straßenbahnerzeit, indem er nach Thailand fliegt, eine Frau kennenlernt und sich in sie verliebt.

Eine Liebesgeschichte beginnt und ein taktvolles sich Herantasten an eine fremde Kultur, der er sich mehr und mehr ausliefert. Hier weicht die ironische Distanz zu seinen Mitmenschen auf und der moralische Zeigefinger, mit dem er sonst hin und wieder gerne wackelt, verschwindet in der Tasche. Er macht seinen Mitmenschen nicht mehr ihren Egoismus zum Vorwurf, was für einen, der mit Frauen schläft, die zu betrunken sind um noch etwas mitzubekommen, nicht ganz glaubwürdig ist.

Für jemand der so vehement den Respekt vor seiner Person einfordert, kann dafür Suff keine Entschuldigung sein, wenn er selbst nicht bereit ist andere genauso zu respektieren.

Die Thailand-Zeit war für mich der Höhepunkt des Buches, hier sieht er die Menschen wie sie sind und nicht bloß wie sie sein sollten.

Sein innerlicher Austritt aus der Gesellschaft, in die er sich äußerlich, bis auf sein Trinken einfügt, ermöglicht ihm einen Blick auf den alltäglichen Wahnsinn, den ansonsten kaum jemand wahrnimmt, weil er für die meisten nicht hinterfragte Lebensrealität ist.

Das war es, was mir so gut an dem Buch gefallen hat.

Dabei läuft die Handlung sehr gradlinig ab, schlingert immer am Rande des Abgrunds und ermöglicht einen bissig-ironischen Lesegenuß, der einen manchmal auflachen läßt, und der manchmal melancholisch stimmt.


Copyright © 2004 Jan Koch



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