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AKTUELL
Eine Buchrezension der besonderen Art
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| Uwe Timm,
Gesammelte Schriften. Veröffentlichungen von 1955 bis 2002, Norderstedt
(Libri Books on Demand) 2002, ISBN 3-8311-4482-6, 18,50 €
„Ich hatte, zu erlesen / mein Leben mir, den Mut. / Es ist ein Kampf gewesen. / D'rum war es gut." Diese Zeilen beschließen eines der bekanntesten Gedichte John Henry Mackays, des Individualisten und „Sängers der Anarchie". Und sie könnten als Motto auf dem Titelblatt des ansprechend gestalteten Bändchens stehen, in dem Uwe Timm eine Auswahl seiner zwischen 1955 und 2002 in zahlreichen libertären Zeitschriften und Schriftenreihen erschienenen Analysen, Polemiken und Repliken vorlegt: gleichsam als vorläufige Summe eines siebzigjährigen Lebens. „Gegenüber den Ideologien war ich kritisch, auch genügte mir nie ein Postulat für eine ‚bessere und gerechtere Welt'", schreibt der überzeugte individualistische Anarchist Timm, der sich in der Tradition bedeutender individualistischer Persönlichkeiten wie Max Stirner, John Henry Mackay, Benjamin R. Tucker und Kurt Zubes sieht, in seinem Vorwort. Und so zieht sich wie ein roter oder vielmehr schwarzer Faden durch alle seine Texte die Auseinandersetzung mit jenen, die von „Freiheit" und „Eigenheit" sprechen, dabei aber nur - oft ohne sich dessen so recht bewusst zu sein - die bestehenden Zwänge durch andere zu ersetzen trachten. „Denkblockaden", „Einäugigkeit", Kollektivismus, „Gleichheit" ohne Rücksicht auf Kompetenz, die parareligiöse und undifferenzierte Verteufelung von Eigentum und Marktwirtschaft, die Geisteshaltung „Ich habe meine Meinung - belästigt mich bitte nicht mit Tatsachen" - alles dies entlarvt Timm durchaus nicht nur bei Faschisten, alten und neuen Nazis oder auch bei Marxisten/Leninisten. Auch an der intellektuellen Glaubwürdigkeit so manches Libertären, Antifaschisten oder Undogmatikers (der unter Umständen sehr dogmatisch wird, wenn ein anderer nicht just so undogmatisch ist wie er) meldet er unter diesen Gesichtspunkten berechtigte Zweifel an. Und nicht zuletzt hinterfragt er ohne Scheu vor Tabus die „Freiheitlichkeit" der „freiheitlichen Demokratie" westlichen Gepräges. „Die Entmündigung der Bürger ist in den letzten Jahrzehnten stetig fortgeschritten, nicht zu seinem Vorteil" - diesen Vorwurf kann Timm auch der BRD nicht ersparen, und er nennt gute Gründe für diese seine Einschätzung, die jeder - sei er nun Demokrat oder nicht, Staatsanbeter oder Libertärer jeglicher Couleur - im Detail durchlesen und noch gründlicher durchdenken sollte. Nun ist Kritisieren freilich immer leicht. Doch hält sich Uwe Timm nicht bei destruktiven Angriffen auf verabsolutierte Glaubensgrundsätze und verkrustete Gewohnheiten auf, sondern entwirft konkrete Gegenvorschläge für eine freiheitliche Sozial- und Wirtschaftsordnung, die einem jeden ein Höchstmaß an Selbstverwirklichung und Nutzung des Ertrages seiner Arbeit im Rahmen selbst gewählter sozial-ökonomischer Bindungen gestattet. In Eigentum und Markt - die Timm klar und deutlich vom Kapitalismus scheidet - sieht er unabdingbare Grundlagen dafür. Dabei legt Timm stets auf eines größten Wert: So sehr ein „individualistischer Anarchist" selbst es sich verbittet, dass andere ihm ihre „Dogmen" aufdrängen und ihn in ihre „Ordnungen" zwingen - so wenig kann es ihm Anliegen sein, andere zu einer Freiheit nötigen zu wollen, die sie offenbar nicht wünschen, weil sie den gegenwärtigen „Zwang zum Staat" gar nicht als solchen empfinden, den Mief einer Herde und den Druck eines mehr oder minder massiven Reifs an Füßen, Händen, der Stirn als Wohlgefühl der „Sicherheit" empfinden. Der Individualist dekretiert nicht - er regt zum Nachdenken an. Er schlägt und er schweigt nicht tot - er provoziert. Und das tut Timm mit sichtlicher Freude. Derselben Freude, mit der er nach den Jahren braun-konformistischer NS-Erziehung und der anschließenden Nachkriegsnot, in der der „Kampf um den Tag" ihm zunächst wenig Zeit und Kraft für intellektuelle „Extratouren" beließ, sich auch selbst anregen, provozieren ließ. Die ganz eigen-artige Mischung aus Erlebtem und Er-Lesenem verleiht Timms Texten ihre besondere Note, hebt sie ab von den trockenen „Erörterungen" mancher Stubengelehrter, die, heillos in Dogmen und Formeln verstrickt, den Weg hinaus in das Leben gar nicht mehr finden. Dass sich diese Menschen, wenn sie sich in ihrem Dünkel und ihren Unfehlbarkeitsansprüchen getroffen fühlen, einem nicht „zünftigen" freien und eigenen Denker mit hektischem Eifer Dreck (Staub?) durch die zu diesem Zweck einmal geöffneten Fenster ihrer Elfenbeintürme an den Kopf werfen - auch davon zeugt Timms Buch. „Opfer der eigenen Erziehung, des Drills [...] im Krieg, und der Nachkriegszeit, war ich bescheiden, zur Bescheidenheit erzogen, musste meinen Weg selbst und allein finden [...]." Nun ist ja die Wahnvorstellung unausrottbar, dass „Bescheidenheit" gleichbedeutend sei mit Duckmäuserei und Maulhalten. Dergleichen wird man bei dem lebens- und kampfeserfahrenen Publizisten und Gewerkschaftsaktivisten auch gewiss nicht erwarten. Jenen aber, die ihn geistig angeregt und auf neue Wege geführt, die gekämpft und nach Kräften Freiheit und Eigenheit gelebt haben, bewahrt und erweist er unverbrüchlich seine Achtung. So fehlen denn in den „Gesammelten Schriften" auch nicht Erinnerungen an den libertären Antifaschisten Kurt Zube, der 1974 die Mackay-Gesellschaft gründete. Augustin Souchy, Fritz Brupbacher, Silvio Gesell, Helmut Rüdiger und natürlich John Henry Mackay und Max Stirner - viele größere und kleinere „Bilder" aus der Ahnengalerie frei-eigenen Denkens und Handelns kann der Leser beim Blättern durch Timms Buch betrachten. Nicht zu vergessen Pierre Joseph Proudhon, der zu kommunistischen Zeiten auf einem Denkmal in Moskau als Mitbegründer des Marxismus verherrlicht wurde - ein schönes Beispiel später staatssozialistischer Trittbrettfahrerei auf Kosten eines Mannes, der noch zu seinen Lebzeiten, als „Dank" für einige allzu treffende Angriffe, zum Opfer einer „Verschwörung des Stillschweigens" von Seiten der Kommunisten geworden war. Texte aus fünf Jahrzehnten publizistischer Arbeit; Texte über Freunde und Feinde, Weggefährten und Gegner, über Geschichte und Gegenwart, Wirtschaft und Literatur; Texte, die nichts von ihrer Frische und Lebenskraft eingebüßt haben - sie findet man in dieser „Blütenlese" eines reichen und reifen Lebens. Und man gewinnt aus ihnen noch viel mehr: Mut und Hoffnung. Uwe Timm hat in siebzig Jahren viele Pervertierungen des Freiheitsbegriffs erlebt. Er hat zusehen müssen, wie sich Menschen bereitwillig „gleichschalten", äußerlich wie innerlich uniformieren ließen und bis heute lassen. Und doch zieht er in seinem Rückblick auf siebzig an Erfahrungen mit Zwang und Konformismus, an Kämpfen und Rückschlägen gewiss nicht arme Jahre den (überraschenden?) Schluss: „Es wird für die Mächtigen immer schwerer, Menschen zu beherrschen, auszubeuten, zu entmündigen. [...] Die Macht wird immer mehr auf Menschen übergehen, die ihre Interessen selbst vertreten, gegenseitige Verträge abschließen [...], sich nicht auf Institutionen verlassen. Staatspolitiker werden Auslaufmodelle. [...] Vieles bleibt zu vertiefen, sicher ist: zum Glück gehen wir der Freiheit entgegen!" Bangemachen gilt nicht - das ist eine Quintessenz aus der Lebenserfahrung des Autors, der Brechts bekannten Satz „Es geht auch anders, aber so geht es auch" rigoros umkehrt. Selbstverständlich ist Uwe Timm kein „Papst" mit Unfehlbarkeitsanspruch, man wird ihm nicht in allem, was er an Gedanken und Konzepten zur Debatte stellt, vorbehaltlos beipflichten können, „vieles bleibt zu vertiefen", zu diskutieren, zu hinterfragen - doch allein schon dass jemand nach einem Lebensweg durch ein über weite Strecken „teuflisches" Zweidritteljahrhundert scheinbar gegen alle Vernunft nicht in Resignation und Jeremiaden verfällt, sollte Grund genug für jeden sein, dieses Buch zur Hand zu nehmen und zu erkunden, warum und wie es womöglich, und zwar ohne neuerliche Gewalt, ohne Zwang und Blutvergießen, doch „anders gehen kann". Paul
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