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Tuesday, March 30, 2004



Polizeigewalt auf Leipziger Buchmesse

Leipziger Allerlei

oder

Die Bundeswehr gefährdet Leib und Seele nicht ~ zumindest die fetten Leiber der Geldsäcke nicht, und nicht die Seelen derjenigen, die keine haben...

Ein Rundbrief und Kommentar meines Freundes und neuen Mitarbeiters Jan Koch

Liebe Freunde,

so sieht ein Teil der heutigen Realität unserer bundesdeutschen "Bildungselite" aus. Erfreulich ist zwar heutzutage schon, daß es überhaupt einen Protest gibt, aber er kommt nicht von den großen Publikumsverlagen, sondern von einer Minderheit armer Irrer, so sieht das zumindest ein großer Teil derjenigen, die unsere Zeit teilen (Zeitgenossen wäre ein zu starkes Wort). An der Demo habe ich ebenfalls teilgenommen, was mich am meisten erschüttert hat, war nicht so sehr die Gewalttätigkeit unserer staatlichen Beschützer, sondern die Art und Weise wie viele Messebesucher auf einen so einfachen Slogan wie "Bücher statt Bomben" [falls es denn nicht gerade die Mao-Bibel ist! ~ "die säzzerin"] reagiert haben. Die Reaktionen reichten von Schulterklopfen und "weiter so" (nach diesen Worten sind die die sie sprachen meistens eilig in eine andere Messe-Ecke weitergelaufen) über "Heil Moskau","als wenn es nichts wichtigeres gäbe" (z.B. wer das nächste Mal bei Deutschland sucht den Superstar gewinnt) bis zur Androhung körperlicher Gewalt.

In diesem Bewußtsein heißt es gründlich darüber Nach-Denken, wo unsere Freunde und Feinde sind.

Der größte Feind meiner Freiheit ist vielleicht der freundliche Herr von Nebenan, weil er sich nicht nur weigert, für seine Freiheit zu kämpfen, sondern überhaupt zu denken!

Wer ihn haben will, säuselt ihm ein paar Worte ins Ohr, nimmt ihn und besitzt ein neues Werkzeug der nächsten Diktatur und einen Feind meiner Eigenheit.

Non serviam

Jan


Nun, dieser kommentierende Rundbrief, der mir als Herausgeber dieser Webseiten ja auch zuging, beinhaltete als Weiterleitung einen Newsletter des PapyRossa Verlages, Köln, der sich auf einen Bericht der Tageszeitung "junge Welt" beruft. Diesen Newsletter muß ich zum Verständnis der oben angesprochenen Angelegenheit und der Vorfälle im nachfolgenden dokumentieren. Die "junge Welt" ist zwar nicht gerade mein Leibblatt [ich schreibe da lieber mein e/E-igenes! :-)], aber von extremlinks bis extremrechts sind Wahrheiten zu finden, wenn auch nicht die Wahrheit in einem Guß, und ob PDS oder NPD, ich will da keine Scheuklappen vor Informationsquellen haben. In meinem Heimatland Luxemburg erfährt man in der kommunistischen Tageszeitung "Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek" (und in mindestens drei anderen linken Blättern), auf Symptomebene, versteht sich, mehr als in allen anderen Tageszeitungen zusammen, dies allerdings nur solange diese extrem linken oder extrem rechten Kreise nicht an der Macht sind. Außerdem bieten sie die falschen Lösungen und respektieren jetzt schon nicht, was sie später überhaupt nicht mehr tun würden, wenn sie an der Macht wären, nämlich das immerhin in unseren besten Demokratien teilweise Erreichte, und zwar, zumindest vordergründig, das Recht auf Privateigentum und die Ächtung von Gewalt. Krakelen tun sie nur, wenn auch mit Recht, wenn es ihnen selbst widerfährt.

Der Unterschied ist sowieso nicht zwischen rinks und lechts, sondern zwischen oben und unten (Obertan/Untertan, Häuptling und Indianer). Der Gegensatz ist zwischen Individuum und Zwangskollektiv, zwischen freier Assoziation und Territorialstaat.

Die geistige Elite in diesem Lande macht sich dünn. Sie protestiert nicht. Heinrich Böll ist nicht mehr. Was wir noch haben dieser Tage sind die Klinkenputzer der Macht.

Nun zum Newsletter:


Von: PapyRossa-Newsletter [mailto:newsletter@papyrossa.de]

Gesendet: Montag, 29. März 2004 14:21
An: PapyRossa Verlag
Betreff: Polizeigewalt auf Leipziger Buchmesse

Erklärung von Ausstellern der Buchmesse Leipzig zu Polizeigewalt gegen
Demonstranten
(dokumentiert in der Tageszeitung "junge Welt" vom 29.03.04)

Mit einem gewaltsamen Polizeieinsatz hat die Messeleitung der Leipziger Buchmesse am Samstag den Verleger Dietmar Koschmieder (Verlag 8. Mai Berlin)als Sprecher einer Demonstration gegen die Präsenz der Bundeswehr als einer der größten Einzelaussteller wie einen Kriminellen behandelt. 41 Autoren (darunter
Peter Handke, Kerstin Hensel, Hermann Kant, Harry Rowohlt, Gerhard Zwerenz) und Verlage (u.a. Argument, Eugenspiegel/Das Neue Berlin, Nautilus, Ossietzky, PapyRossa) hatten zuvor bei der Messeleitung gegen die »Privilegierung eines branchenfremden Ausstellers« protestiert. In dem Appell, die Bundeswehr zukünftig nicht mehr zur Buchmesse zuzulassen, heißt es: »Die massive Präsenz dieser Institution führte schon im vergangenen Jahr zu Protesten von Ausstellern, Autoren und Besuchern. Die Bundeswehr stellt keine Bücher aus, sondern nutzt die Messe, um für ihr neues Konzept weltweiter Militäreinsätze besonders unter Jugendlichen und Lehrern zu werben.«

Im Sinne dieses Appells zogen am Samstag mittag über 200 Verleger, Autoren und Besucher gemeinsam (...) vor den Stand der Bundeswehr, wo Koschmieder als Sprecher der Demonstranten den Appell über Handmegaphon vortrug und erläuterte. Eine Gruppe von Feldjägern [die kann man doch verspeisen, oder verwechsele ich da was? ~ "die säzzerin"] stürzte sich ohne Vorwarnung auf Koschmieder, und zahlreich bereitstehende Polizeibeamte fesselten ihn an Händen und Füßen - angeblich zu seinem eigenen Schutze. Dabei erlitt er eine Handverletzung. Beamte rissen ihn zu Boden und knieten sich auf ihn. Feldjäger [dann besser Landjäger, die sind knackiger und passiver ~ "die säzzerin nochmal"] in Zivil versuchten, Pressevertreter und Fotografen abzudrängen, und bedrohten sie. Umstehende Besucher und Demonstranten reagierten empört und riefen in Sprechchören: »Bundeswehr raus!«

Die Messeleitung übernahm später gegenüber Koschmieder ausdrücklich die Verantwortung für den Polizeieinsatz und erteilte ihm und dem Verlag zunächst Hausverbot. Nach Beratung wurde das Hausverbot bis Montag ausgesetzt. Begründet wurde das Hausverbot mit angeblicher

Gefährdung von Leib und Leben

der Messebesucher.

An den Messeständen mehrerer Verlage unterschrieben inzwischen weit über 1000 Verleger und Verlagsmitarbeiter, Buchhändler und Besucher - darunter auch mehrere Angehörige der Bundeswehr - den oben zitierten Appell an die Messeleitung.

Die provokative Präsenz der Bundeswehr - sie wendet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Comic-Verlagen hauptsächlich an Jugendliche, die zu einem Weltregierungsspiel eingeladen und dabei an militärische Konfliktlösung (einschließlich Atomwaffeneinsatz) herangeführt werden - veranlaßte bei der vorjährigen Buchmesse den ostdeutschen Scheunen-Verlag zu der Ankündigung, der Buchmesse 2004 fernzubleiben, falls die Bundeswehr wieder zugelassen werde. Der Verlag machte diese Ankündigung im Einvernehmen mit seinen Autoren wahr. Der friedliche Literaturaustausch ist also schon auf der diesjährigen Buchmesse beeinträchtigt. Der skandalöse Vorfall von Samstag zwingt zu Überlegungen, verstärkt auf die Messeleitung einzuwirken, damit die Bundeswehr nicht weitere Siege über die Literatur erringt.

Leipzig, den 28.3.2004

Erstunterzeichner:
Eckart Spoo,Verlag Ossietzky;
Matthias Oehme, Eulenspiegel - Verlagsgruppe Das Neue Berlin;
Dr. Klaus-P. Anders, Märkischer Verlag;
Kai Homilius, Kai-Homilius-Verlag;
Jürgen Harrer, PapyRossa-Verlag

Bis zum Redaktionsschluß der "junge Welt" lagen folgende weitere Unterschriften unter die Erklärung vor:

Michael Baiculesan, Verlag Mandelbaum;
Dinu Popa, Popa Verlag, Frankfurt/Main;
Wieser Verlag Klagenfurt;
Folie Verlag Wien;
IG Autorinnen/Autoren Wien;
Natalic Tornai, NP Buchverlag;
Dr. A. Lellek, Löckerverlag, Wien;
Christian Winzer, Album Verlag Wien;
Wilhelm Gülcin, Zeitungsverlag Freitag;
Dipl.Kfm. Alexander Hutzier, Grafik Werkstatt Bielefeld;
Hannes Hofbauer, Promedia-Verlag;
V. Schmidt;
VG EFMD, Erfurt;
Herbert Stascheit, GNN-Verlag und Schkeuditzer
Buchverlag;
Bärbel Stascheit, GNN-Verlag;
Olaf Koppe, Neues Deutschland, Berlin;
Vera Seehausen, Argument, Berlin/Bücher-Frauen e.V., Berlin;
Joachim Schmidt von Schwind, Schmidt von Schwind-Verlag, Verlag für Hörbuch und Buch, Köln;
Andreas Peter, Guben;
Wolfgang Kettler, Neuenhagen;
Margot Prust/Inge Bärisch, Findling Verlegerinnen, Neuenhagen;
Jürgen Repschläger, Antiquariat Walter Markov, Bonn;
Esther Winkelmann, Antiquariat Walter Markov, Bonn;
Kustina, tageszeitung, Berlin;
Simons, tageszeitung, Berlin;
Fröba, Transit-Verlag;
Seikat, Transit-Verlag;
Ines Schäfer, SOVA;
Heiko Stalzer, SOVA;
Helmut Richter, Christine Krauss, Karl Dietz Verlag Berlin;
Jörn Schütrumpf, Verlag Das Blättchen, Berlin, Verlag Dr. Bussert & Stadeler, Jena;
Dr. Bernd Drucke, Verlag/Redaktion Graswurzelrevolution;
Adolf Bademann, Garbe/Nürnberg;
Ellen Kinkel, Garbe/Nürnberg;
Matthias Berger, Schöneworth Verlag, Hannover;
Rohde, VFLL;
Maria Glusgold, Revonnah Verlag Hannover;
Stefan Maechler, Maechler-Verlag;
P. Schaeder, Maecher-Verlag/Illustrator;
Sigurd Goldenbogen, ddp Goldenbogen;
Arne Drews, Revonnah-Verlag Hannover;
Katrin Hermann, Interdruck Berger GmbH, Hannover;
Ronald Koch, Zambon Verlag, Frankfurt/Main;
Michell Gyo, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/Main;
Birgit Hiller, Verlagshaus Hilby, Stade;
Thomas Hiller, Verlagshaus Hilby, Stade;
Christiane Krause, Bremen;
Christiane Lang, Aviva-Verlag, Berlin;
Claudia Reinhardt, Berlin;
Karin Kramer, Karin Kramer Verlag, Berlin;
B. Jürgs, Aviva-Verlag, Berlin;
C. Ebeling, Nautilus-Verlag, Hamburg;
Joachim Jahn, Dingsda-Verlag, Querfurt;
Angelika Kleinfeld, Klatschmohn-Verlag, Bentwisch;
Bergmann, Trikont-Verlag;
Britta Wollenweber, Wostock-Verlag Berlin;
Dr. Michael Fisch, Parthas-Verlag, Berlin;
Jürgen Nowak, Zeitschrift Eulenspiegel, Berlin

Mehr Informationen:
www.jungewelt.de/2004/03-29/001.php

Posted by Christian Butterbach @ 03:25 PM GMT+1 [Link]

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