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03/05/2008 Entry: "Ein paar Gedanken zur Toleranz"

Ein paar Gedanken zur Toleranz

Wenn ich Verbündete oder Freunde in der eigenen Gesellschaft oder der Welt suche, dann darf ich die Menschen, die ich gewinnen will nicht kränken oder verletzen. Diese Rücksicht darf aber nicht so weit gehen, daß die eigene Sprache verlogen, unwahrhaftig wird.

Weil der Mensch sich mit seinem Verstand die Welt nur in einem – individuell unterschiedlichem Grad – erklären kann, ist er auf den Glauben angewiesen. Die Glaubensbilder, die die Wissenslücken füllen produziert er aber selber oder übernimmt sie in seiner Sozialisation oder eignet sich in der Revolte gegenüber der Tradition neue an. Diese Glaubensbilder sind natürlich nicht einheitlich, sondern differenzieren sich nach Religionen, Konfessionen und auch nach Philosophien ohne Gott. Die Differenzen können so stark sein, daß schon die Existenz von Glaubensbildern anderer Gemeinschaften als Bedrohung oder Kränkung der eigenen Glaubensvorstellungen gedeutet werden. Das Kruzifix an der Wand kann von einem Atheisten schon als Angriff auf seinen Nicht-Gott-Glauben empfunden werden. Die Bedrohung des eigenen Glaubens wird um so stärker empfunden, je ausschließlicher ein Allgemeingültigkeitsanspruch für den eigenen Glauben vertreten wird.

Wenn unterschiedliche religiöse und nichtreligiöse Glaubensvorstellungen nicht zu kalten und heißen Konflikten führen sollen, dann muß mit der Einübung von Religion und Weltanschauung gleichzeitig die Toleranz geübt werden. Toleranz setzt aber ein Mindestmaß an Zweifel an der eigenen Überzeugung voraus. Nun ist es aber ein schwieriges "Geschäft" einen Glauben und den Zweifel an diesen Glauben gleichzeitig zu vermitteln.

Ich habe vorhin Marc Rothemunds Film "Sophie Scholl – Die letzten Tage"/Der Widerstand der "Weißen Rose" im ARD-Fernsehen gesehen. Wenn die Geschichte wahrheitsgemäß gezeigt wurde, dann wurde hier mal wieder deutlich gemacht, wie ein Mensch in einer schwierigen Lage mit dem Tod vor Augen vom Glauben getragen wird. Der Glaube in diesem Fall ist der christliche, protestantischer Prägung.

Die Tragkraft des Glaubens, wie sie sich bei Sophie Scholl gezeigt hat, ist kein Einzelfall, es ist aber auch kein Massenphänomen, zumindest nicht bei uns in unserer Zeit, wo eine Glaubenssehnsucht mit einer Glaubensverunsicherung herrscht. Außerdem ist zu beobachten, daß in allen Kirchen es Christen gibt, die sich an der Institution ihrer Kirche reiben, weil sie fühlen daß diese Haltung oder jene Tat nicht mit der eigenen Auffassung vom Christentum zur Deckung zu bringen ist.

Es ist auch zu beobachten, daß es immer wieder Menschen gibt, die für ihre Kirche Opfer bringen. Von meinem Großvater mütterlicherseits wurde mir berichtet, daß er seinen Hof als Sicherheit anbot, als für den Kirchenbau in seiner Gemeinde ein Kredit benötigt wurde. Seine Begründung war sinngemäß: "Auf ein Gotteshaus trägt man keine Hypothek ein." Aber trotzdem können Fehlentwicklungen von Kirchen nicht ausgeschlossen werden, denn sobald eine Organisation gebildet wird, um eine Idee zu pflegen oder ihr Geltung zu verschaffen, bildet die Organisation – egal ob Fußballverein oder Kirche – ein Eigeninteresse, das sich schon nach kurzer Zeit nicht mehr mit den Inhalten zu decken braucht, die zur Gründung der Organisation geführt haben.

Wenn über eine Organisation ihren Mitgliedern bestimmte Werte und Verhaltensmuster vermittelt werden sollen, so ist dagegen nichts zu sagen, solange die Mitgliedschaft freiwillig ist und ein Austritt ohne vernichtende Sanktionen möglich ist und vor allem, solange diese Normen keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. In Bezug auf die Sexualität war die Kirche eine Katastrophe und die Weltgemeinschaft zeigt, daß die Monogamie für die Ehe nicht die einzigste Form ist. Der Zölibat ist im Einzelfall wohl eine ernsthafte und ehrliche Sache, aber die Berichte die ich darüber gehört und gelesen habe, lassen eher vermuten, daß wir es hier mit einer gelebten Lüge zu tun haben.

Wir sind hier bei dem Herrschaftsanspruch, den Großorganisationen wie die Kirche häufig genug in der Geschichte geltend gemacht haben. An dem bösen Wort von der Religion als Opium für das Volk war häufig genug mehr als ein Funken Wahrheit dran. Aber Opiumhändler lassen sich immer bezahlen. Die Kirchen haben sich ihre Dienste vom Staat durch Privilegien abgelten lassen: Konkordate, Kirchensteuer, Zuschüsse zum Personal, Institutionen, Kirchenbauten. Das "Gott mit uns" auf dem Koppelschloß der Soldaten haben die Kirchen nicht verhindert, obwohl ihre Diener wußten, daß die deutschen Soldaten Gegner hatten, die zu dem gleichen Gott beteten. Bei genauer Prüfung könnte herauskommen, daß es sich hier um eine "Duftmarke" der Kirchenführer handelt oder um ein Mittel psychologischer Kriegsführung des Staates.

Jedenfalls da wo die Kirchen eindeutig und glaubenswürdig ethische Werte vertreten könnten zum Nutzen auch der Nicht- oder Andersgläubigen, nämlich beim Boden und beim Geld, hat sie diese Werte verraten. Die Motive können Machterhalt sein, Fehlinformation durch die Wirtschaftswissenschaft, Geschichtslosigkeit oder Schludrigkeit in der Theologenausbildung. Dieses muß bei allem Respekt vor den Trägern des christlichen Glaubens gesagt werden können. Natürlich dürfen auch Berichtigungen erfolgen, wenn dabei falsche Aussagen gemacht werden.

Es ist schon nach Mitternacht.

Alles Gute allen, die diese Zeilen lesen.

Tristan Abromeit

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